Ein Schächer am Kreuz, nach links
Ident. Nr.: KdZ 4451
ObjID: obj:1051297
Details (expert)
- Creator/Entity
- Date(s)
- Herstellung: um 1500-02Herstellung des Papiers: 1490 - 1500
- Systematics/Type
- Provenance
- Fritz Bamberger (?),
1878Adalbert von Lanna (1836-1922),
188837Kommerzienrat E. Arnhold,
1910 - Material / Technique
- Kohle, mit weißer Kreide gehöht, auf beidseitig trocken rot getöntem, handgeschöpftem Papier (vergé), im unteren Drittel durch Feuchtigkeitseinwirkung fixiert
- Dimensions
- Blattmaß: 21,3 x 12,8 cmAndere: Kettlinienintervalle: [.]-35-38-36-[.] mmAndere: Rippliniendichte: 11/10 mmWasserzeichenmaß: 131 x 55 mm
- Acquisition
- 1910 als Geschenk des Herrn Geh. Kommerzienrat E. Arnhold, Berlin zusammen mit KdZ 4450 erworben
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/1051297
Object Description
Die Kohlezeichnung eines Schächers nach links befand sich
ehemals gemeinsam mit ihrem Pendant eines Schächers nach rechts (Ident. Nr. KdZ
4450) im Besitz des Landschaftsmalers Fritz Bamberger. Beide wurde zusammen mit
Bambergers Nachlass 1878 in München als Werke Hans Baldungs versteigert (vgl.
Aukt.-Kat. Montmorillon’sche Kunsthandlung 1878, Nr. 337). Danach in der
Sammlung Adalbert von Lannas, wurden sie zwischenzeitlich von Meder als
oberdeutsche Schule in den zwölfbändigen Katalog der Handzeichnungen aufgenommen
(Meder 1896-1908, Bd. 10, Nr. 1097). 1910 gelangten sie als „in der Art des
Mathias Grünewaldt“ erneut in den Kunsthandel (vgl. Aukt.-Kat. H. G. Gutekunst
1910, Nr. 36), wo sie von Eduard Arnold für die Sammlung des Berliner
Kupferstichkabinetts erworben wurden. Die erste Zuschreibung an Cranach wurde
bereits zuvor von Max J. Friedländer, Direktor des Kupferstichkabinetts, als
eher beiläufige Randbemerkung einer Rezension zu Hermann Voss‘ „Der Ursprung
des Donaustiles“ vorgeschlagen (vgl. Friedländer 1908, S. 394). Ein Jahr nach Eingang in die
Sammlung des Berliner Kupferstichkabinetts fanden die Schächer schließlich
Erwähnung in Ignaz Beths Aufsatz über das Frühwerk Lucas Cranach d. Ä. (Beth
1911, S. 25). Seither akzeptiert, zweifelte zuletzt lediglich Michael
Hofbauer die Urheberschaft Cranachs an, der die Blätter wieder Baldung zuweist
(vgl. Hofbauer 2010, S. 516-519).
Besonders nahe steht der Körper des Verurteilten und
Gefolterten jenen Werken Cranachs, die in den Jahren nach 1500 während seines
Aufenthalts in Wien entstanden sind, aber auch anderer Künstler, die in der
Zeit bis 1505 in Süddeutschland gearbeitet haben. Offenkundig ist, dass dem Zeichner mehr an einem expressiven
Ausdruck gelegen war und weniger an einer korrekten anatomischen Darstellung. Liniendopplungen
und Korrekturen, etwa am linken Ellbogen, zeigen gleichwohl ein Ringen um die
endgültige Form. Die Fesselung von Schächern ans Kreuz mit schmerzvoll
verdrehten Armen – in Abgrenzung zum ans Kreuz genagelten, duldsam den Tod
erwartenden Christus – findet sich, wie Dieter Koepplin schreibt, ikonographisch
gleichermaßen in der fränkischen (Pleydenwurff, Wolgemut), wie in der
bayerischen und österreichischen Malerei des Spätmittelalters, wobei er auf die
Kreuzigungstafel von Rueland Frueauf d. J. von 1496 in Klosterneuburg bei Wien
verweist und die Nähe zum Aggsbacher Altar von Jörg Breu d. Ä. von 1501 im
Germanischen Nationalmuseum hervorhebt (Ausst.-Kat. Basel Berlin 1997, S. 247,
250). In jenem ist vor allem der «unreuige» Schächer mit dem herabfallenden
Haar und dem zwischen die Beine geklemmten Kreuzesstamm sehr eng mit der
Zeichnung des nach rechts gewandten Schächers (Ident. Nr. KdZ4450) verwandt. Auch
Vergleiche mit Werken Hans Baldungs zeigen Übereinstimmungen in den
Körperauffassungen und insbesondere mancher Details wie der Umklammerung der
Stämme im Bereich der Arme und Beine (z.B. Hochaltar im Freiburger Münster). Es
sei zudem an Vorbilder in der frühniederländischen Malerei erinnert (z.B. Frankfurt,
Städel Museum, Inv. Nr. 886).
Cranach
fällt in der Wiener Zeit ab 1500 mit einer expressiven Malweise und ebensolchen
Motiven auf, wie auch die beiden frühen Holzschnitte mit Kalvarienbergen
zeigen. Gleichwohl zieht die Forschung stets den Vergleich zur sogenannten Schottenkreuzigung
von um 1500/01 im Kunsthistorischen Museum in Wien heran (Inv. Nr. Gemäldegalerie
6905). Jedoch unterscheiden sich die Figurenauffassungen hinsichtlich der
Varianten von genagelten Körpern dort und den gebundenen hier.
Bemerkenswert
ist die Verwendung von Zeichenkohle als autonomem Zeichenmittel, die kaum
Wiederholung im zeichnerischen Werk Cranach d. Ä. findet (mit Ausnahme des Bildnisses
von Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach von 1511/12 in der Albertina, Inv. Nr. 3005) und generell
vor 1503, als Dürer sich intensiv diesem Zeichenmedium für Porträtzeichnungen
zuwandte, nur selten zu finden ist. Auf beidseitig mit Eisenoxid trocken rot
getöntem Papier, das somit einen fleischfarbenen Mittelton erzielt, skizzierte
der Künstler hier mit Kohle und setzte abschließend mit weißer Kreide Lichtreflexe,
also anders als Grünewald, der präziser linear zeichnet und stets mit dem
Pinsel und Bleiweiß höht, wodurch die Körper Volumen erhalten (vgl. Dietz, Brückle,
Banik in Ausst.-Kat. Berlin 2008, S. 65).
Dass Cranach rötliche Grundierungen in der Malerei
einsetzte, konnte Gunnar Heydenreich für den „Büßenden Hl. Hieronymus“ (1502,
Wien, KHM, Inv. Nr. Gemäldegalerie 6739) und die „Ruhe auf der Flucht nach
Ägypten“ (1504, Berlin, Gemäldegalerie, Ident. Nr. 564A) darlegen. Bei der
„Klage unter dem Kreuz“ (sog. Schleißheimer Kreuzigung, München, Alte
Pinakothek, Inv. Nr. 1416) verwendete er eine rote Imprimitur über weißem Grund
(vgl. Heydenreich 2007, S. 97, 101f). Dieses Vorgehen könnte er zuvor in
Nürnberg kennengelernt haben. Die trockene Rötelung von Papier zur Vorbereitung hat in Nürnberger
Werkstätten als Übernahme von niederländischen Vorbildern eine lange Tradition.
Die Zeichnungssammlung der Erlanger Universitätsbibliothek verwahrt sowohl ein
größeres Konvolut aus dem Umkreis des Meisters des Tucheraltars, des Meisters
von 1483 sowie aus der Werkstatt Michael Wolgemuts (vgl.
Buck/Messling 2009, S. XVIII-XIX).
Jene Zeichnungen sind jedoch mit der Feder ausgeführt. In technischer Hinsicht
besser vergleichen lässt sich daher Albrecht Dürers frühe Kohlezeichnung einer
«Dame mit Falken» im British Museum (Inv. Nr. SL,5218.90), die nach Auskunft
einer Sammlerbeschriftung vor seinem Eintritt in die Wolgemut-Werkstatt, also vor
dem 30. November 1486, entstand. Dieses Blatt weist jedoch keine Weißhöhungen
auf und wurde im Darstellungsbereich absichtsvoll fixiert (Dietz in Strieder
2012: S. 346). Unfixiert, wie hier, sind die Blätter sehr abriebgefährdet, wie
die durch einen sicher ungewollten Kontakt mit Flüssigkeit im unteren Drittel
besser erhaltene Zeichnung zeigt.
Das Papier ist von eher geringerer Qualität, d.h. kaum
geleimt, etwas grob und offenporig, und dürfte damit aber vorteilhaft für die
Verwendung von Kohle gewesen sein (vgl. Guido Messling in AK Winterthur/Wien
2022, S. 79). Als Wasserzeichen findet sich in diesem Blatt, wie im Papier des
Pendants (Ident. Nr. KdZ 4450), je eine hohe Krone. Die Zeichen sind untereinander nicht
vollkommen identisch, dürften aber, wie Wasserzeichenrecherchen nahelegen, als
zusammengehöriges Siebpaar angesprochen werden, da sie nicht nur bei den beiden
Berliner Zeichnungen, sondern auch in gebundenen Schriften und Aktenkonvoluten
gemeinsam auftreten. Beim Papierschöpfen tauschen Papiermacher und Geselle
fortwährend zwei Schöpfformen, die üblicherweise gleiche, aber eben nicht
vollkommen identische Zeichen aufweisen. Auf diese Weise entstehen
hintereinander weg Papiere mit zwei (leicht) verschiedenen Wasserzeichen (vgl.
Wasserzeichen-Online (WZIS): DE5040-PO-52268 (A-Sieb) und DE5040-PO-52269
(B-Sieb), Wildberg 1515; DE5400-PO-52266 (A-Sieb)
und DE5400-PO-52267 (B-Sieb), Esslingen 1503; DE8085-PO-52261 (A-Sieb) und DE8085-PO-52262
(B-Sieb), Bebenhausen 1498 (beide auch Lustnau 1501); DE0960-Mlf293_1 und DE0960-Mlf293_3,
Leipzig (?) 1490/1500). Nicht immer sind beide Wasserzeichen gemeinsam
überliefert, so gibt es zudem Einzelfunde. Hinzu kommt, dass sich die Zeichen
durch Nutzung und Reinigung der Siebe fortwährend leicht verändern und
verformen können. Die Anzahl an sehr ähnlichen Wasserzeichenfunden ist im Fall
der Papiere der Berliner Schächer-Zeichnungen außergewöhnlich hoch, so dass
sich eine breite Datenbasis ergibt. Wie es scheint, sind unter den
Vergleichsfunden Papiere, die noch vor einer weiteren Verformung der Zeichen
geschöpft wurden, wie auch solche, bei denen die Wasserzeichen weitere
Beschädigungen aufzeigen:
Für das Blatt mit dem Schächer nach links passt am besten ein 1499 in einer in Villingen
geschriebenen Akte befindlicher Wasserzeichen-Beleg (DE8085-PO-52264). An der
rechten Seite etwas stärker verbogen befindet sich das Zeichen in einer wohl
zwischen 1490 und 1500 möglicherweise in Leipzig entstandenen Handschrift (DE0960-Mlf293_1).
Funde mit geringerer Beschädigung finden sich in 1493 bis 1497 verwendeten
Papieren (AT3800-PO-52251, o.O. 1493; DE6300-PO-52255, o.O. 1495; AT3800-PO-52256,
Horb 1497). Stärker verformte Zeichen und damit später geschöpfte Papiere sind
wie folgt belegt: DE8085-PO-52262, Bebenhausen 1498; DE6300-PO-52265, Augsburg
1501; DE5400-PO-52267, Esslingen 1503 vgl. DE8085-PO-52262 Bebenhausen 1501; DE5040-PO-52269,
Wildberg 1515.
Die Zeichnung und ihr Gegenstück (KdZ 4450), deren Papierdatierung
zwischen 1498 und 1501 fällt, werden also um 1500 entstanden sein und wurden jeweils in der Mitte
einer ehemaligen Papierbogenhälfte gezeichnet. Vielleicht waren die beiden
Blätter Teil eines größerformatigen Skizzenbuchs.
Die
Zuschreibung an Cranach folgt der Idee von der «Sturm und Drang»-Zeit Cranachs
in Wien und hilft sich damit über die äußerst schemenhafte Vorstellung von
Cranachs Anfängen hinweg. Jedoch negiert eine eindeutige Zuschreibung die Nähe
zu fränkischen, oberdeutschen und österreichischen Beispielen. Allein sicher
scheint, dass das Blatt von einem informierten Zeichner stammt, der einen
Reiseweg über Franken und die Donaugegend zurückgelegt haben muss, wenn er
nicht sogar selbst dort sesshaft geworden ist.
[Georg Josef Dietz, Mailena Mallach und Susanna Szikal im
Rahmen des Cranach-Forschungsprojekts, April 2026]
Last updated: 09.10.2026
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