Logo

Sans titre (Évocation d'une île)

Ident. Nr.: SSG 116

ObjID: obj:1066092

n/a

Details (expert)

Creator/Entity
Victor Hugo (26.2.1802–22.05.1885),
Künstler*in
Date(s)
1870
Systematics/Type
Additional titles
Sans titre (Évocation d'une île)
Ohne Titel (Evokation einer Insel)
Translation: Untitled (Evocation of an Island)
Geographical references
faktischer Entstehungsort: Paris
Material / Technique
Tusche auf Papier, laviert
Dimensions
Höhe x Breite: 33,8 x 41,8 cm
Acquisition
2004 Dauerleihgabe der Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg

Object Description

Aus den streifenden und tupfenden Pinselstrichen erwächst wie aus einem mysteriösen Fluss der Zeit sehr unbestimmt eine ferne, bewaldete Insel, halb bedeckt durch von links nahende Wolken und flankiert von einer Regenwand. Das Terrain steigt in der Leserichtung langsam an, um rechts jäh unterhöhlt steil abzufallen. Der Titel des Blattes – wenngleich nicht auf Victor Hugo zurückgehend – legt eine solche Wahrnehmungsweise im Sinne der traditionellen Landschaftsmalerei und -zeichnung nahe, ja legt sie fest. Das Blatt verrät sich jedoch erst bei sorgsamer Analyse und weist bald einen ganz erstaunlichen Weg zurück zur Genese. Rechts oben ist ein helles Rechteck ausgespart und von hellocker getönten Lavierungen umfasst. Rechts in der Bildmitte findet sich ein umbrafarbener Keil, dessen linke Kante in der Blattmitte jenseits einer hellen Aussparung eine markante Parallele findet, und in einem noch dunkleren Braun zieht sich eine Tuschkante von der Mitte des unteren Blattrandes aufwärts nach rechts. Die zentral hinter dem lichten Streifen sich tiefbraun erhebende Insel hat am vorderen Rand eine geradezu linealgerade gezogene ‘Ufer’- Kante. All diese Spuren weisen darauf hin, dass Victor Hugo hier mit dem farbsatten Pinsel über die Ränder kleinerer aufliegender Papiere hinweggefahren ist. Das vorliegende Blatt diente also zunächst lediglich als Unterlage, und erst in einem späteren Schritt ergriff Victor Hugo die Chance, dem Chaos des Zufälligen mittels einiger wolkenartiger Formen und der zentralen Farbwertverdichtung eine gewisse Ordnung und damit eine Möglichkeit zur Deutung zu geben. Doch es bleibt eine ‘Evokation’, eine Beschwörung, eine Materialisierung aus dem Nichts heraus: Der Künstler wird damit gleichsam zu einem erderschaffenden Gott. Bei Adolph Menzel gibt es Beispiele, wie er den Pinsel mit diversen farbigen Tuschen auf Blatträndern oder in den Vorsatzseiten seiner Skizzenbücher abstrich und daraus eine farbige Fantasie erwachsen ließ. Jenes Verfahren erscheint sehr verwandt. Doch Hugos Vorgehen zeugt von einer noch größeren Ungebundenheit und ein solches Blatt gleicht einem geistigen Vorgriff auf WOLS und dessen Écriture automatique (SSG 295–303). | Bernhard Maaz

Last updated: 24.08.2026

Contact

Institution:

Sammlung Scharf-Gerstenberg

Additional items from the collections

Figure ambiguë

Figure ambiguë

„Dada war ein Ausdruck einer Revolte von Lebensfreude und Wut, war das Resultat der Absurdität der großen Schweinerei dieses blödsinnigen Krieges. Wir jungen Leute kamen wie betäubt aus dem Krieg zurück und unsere Empörung musste sich irgendwie Luft machen.“ (Max Ernst) Aus dieser erschütternden Erfahrung heraus begaben sich die Dadaisten auf die Suche nach einem adäquaten künstlerischen Ausdrucksmittel, welches der von Grund auf veränderten gesamtgesellschaftlichen Situation Rechnung trug. Max Ernst erreichte dies mittels Collagen aus Druckereiabfällen und wissenschaftlichen Büchern, die er wiederholt nach künstlerischen Aufhängern und Impulsgebern durchforstete. In seinem Vorgehen, das bezeichnend für sein weiteres Œuvre ist, löste er seine Fundstücke aus ihrem althergebrachten Zusammenhang und sezierte sie in kleinere Bedeutungs- und Funktionseinheiten. Durch die sich daran anschließende neue und zumeist befremdliche Zusammenstellung der disparaten Objekte wurden völlig neue Konnotationen geschaffen. Insofern kehrte sich Max Ernst mit seinen Collagen von den Papiers collés, wie sie die Kubisten zuvor entwickelt hatten, ab. Vor allem in den Jahren 1919 und 1920 entstanden zahllose Blätter, die zunächst wie biologische Baupläne, Querschnitte durch Zellen oder physikalische Schaltpläne anmuten. Bei näherem Hinsehen entpuppen sich aber diese als in die Leere laufende Konstruktionen. In dieser Fehlkonstruktion spiegelt sich das Gesellschaftsbild der Dadaisten insofern wieder, als es für sie nach dem Krieg keine funktionierende Gesellschaft, zusammengehalten durch mehr oder weniger allgemeingültige Werte und Normen, mehr gab. Es sind Absagen an ein zunehmend technokratisches Zeitalter. „Rechtzeitig erkannte Angriffspläne“ (SSG 79) spielt mit militärischem Vokabular, gleichzeitig enthüllt die Schalttafel in ihrer Dysfunktion eine nicht existente Bedrohung. Typisch auch für DADA die Neologismen wie „Assimilanzfäden „, die den wissenschaftlichen Anspruch des Dargestellten zunächst verstärken, ja sogar zu legitimieren scheinen, sich aber ebenso wie die Konstruktion als nutzlose (Wort-)Hülse herausstellen. | Katharina Wippermann

Arp links Pfeife rauchend...

Arp links Pfeife rauchend...

Mit dieser Fotocollage hat Max Ernst seinen Freunden Sophie Taeuber und Hans Arp ein kleines Denkmal gesetzt. Die Unterlage, den Fond der Arbeit entnahm er der Broschüre Deutsches Kriegsflugwesen von Georg Paul Neumann, die er auch für seine anderen Fotocollagen der DADA-Zeit intensiv ausbeutete. All diese Collagen zeigen kriegsversehrte Menschen, unheimliche Maschinen, Transformationen in neue, fantastische Landschaften. Für sein Doppelporträt drehte Ernst eine Luftaufnahme des Suezkanals um 90 Grad und kombinierte sie mit Abbildungsfragmenten wie dem Panzer eines Krebses und dem Reliefprofil der Voralpen aus dem Kölner Lehrmittelkatalog, einem umfangreichen Musterbuch für Unterrichtsmaterial an Schulen noch aus der Kaiserzeit und Ernsts Vorlagenkompendium für seine Arbeiten in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Max Ernst hat ein Doppelporträt in geradezu klassischer Konstellation zusammengestellt, durch die Collage wird diese Form jedoch gleichzeitig konterkariert und verzerrt. Zwar sind noch zwei einander zugewandte Personen im Profil auszumachen, aber ihre Köpfe sind nur noch Schädelknochen, die sich gegenseitig anschauen und ebenso wie ihre Attribute nur noch anhand der Bildlegende zu identifizieren sind. Links im Bild kann man die aus einem Gebiss umgedeutete Pfeife Hans Arps und rechts die Kapuze des Capes von Sophie Taeuber erkennen. In den DADA-Jahren schuf Max Ernst ein kleines Pantheon seiner Familie und Freunde. Für einige der Fotocollagen schrieb er zusammen mit Hans Arp kleine Texte, FATAGAGA genannt, die den Bildern eine poetische Dimension beifügten. Die künstlerische Kooperation war ein echtes Markenzeichen der Kölner Dadaisten, und so hob Max Ernst in seinem vorliegenden Doppelporträt die enge Bindung zwischen Arp und Taeuber hervor, die ebenfalls gemeinsam Kunstwerke geschaffen hatten. Er hat es seinen Freunden zum Geschenk gemacht, die Bildunterschrift stammt aus seiner Feder. Für Hans Arp war die Collage auch noch 1948 wichtig. Er publizierte sie in seinem Buch „On My Way“, das als Sammelband einen Überblick über sein künstlerisches und dichterisches Werk gibt. Die Collage war für ihn, fünf Jahre nach dem Tod seiner über alles geliebten Frau, das beste Doppelporträt von ihnen beiden, ein anderes findet sich im Buch nicht. | Lutz Derenthal

Disparate de bestia, auch: Proverbio adicional: Otras leyes por el pueblo

Disparate de bestia, auch: Proverbio adicional: Otras leyes por el pueblo

Entstehungszeit, Reihenfolge und Inhalte der einzelnen Blätter der „Disparates“ sind ungewiss. Sie scheinen verschlüsselt, wirken gespenstisch, absurd und pessimistischer als andere Folgen Francisco de Goyas. Sie sind überwiegend dunkel gehalten und wirken dadurch wie Bilder aus Träumen. In ihnen werden Anspielungen auf politische Ereignisse, traditionelle Sprichworte und den spanischen Karneval vermutet. Zu Lebzeiten des Künstlers sind elf Probedrucke dieser Blätter abgezogen worden, von denen neun im Titel das Wort „disparate“, also „Dummheit“, „Torheit“ bzw. „Unsinn“ enthalten. 1864 wurden 18 Blätter unter dem Titel „Proverbios“ (Sprichwörter) erstmals als Folge gedruckt. 1877 wurden vier weitere Blätter der Serie hinzugerechnet, darunter auch dieses. Hundert Jahre nach Erstveröffentlichung der Folge versuchte der britische Sammler Tomas Harris, zu jedem Blatt ein erklärendes Sprichwort zu finden. Harris’ Sprichwort zu dem Blatt „Disparate de bestia“ lautet: „Wer hängt der Katze die Schelle um?“ Dies ist einer deutschen Fabel entlehnt, in der sich Mäuse beraten, wie sie sich vor der bedrohlichen Katze mit ihren samtenen Pfoten schützen können. Eine Maus wird auserwählt, der Katze eine Schelle anzulegen, damit sie rechtzeitig gehört werde. Mit dieser Assoziation spielt Harris auf die dargestellte Szenerie an. Vier Orientalen im Dunkel unten links stellen sich dem offensichtlich gutmütigen Elefanten, zeigen ihm ein Buch, wohl die im Titel genannten „Gesetze für das Volk“, sowie ein für das Tier offensichtlich zu kleines Schellenband. Die Thematik ist vielschichtig und bleibt unklar. Die Orientalen locken einerseits den Elefanten, weichen aber andererseits zurück bei dem Versuch, ihn aus dem den Hintergrund ausfüllenden Lichtkegel herauszulocken. Wird das Tier ihrem Locken auf den Leim gehen? Verkörpert der Elefant das bei Goya immer wieder dargestellte Thema des wiederholt betrogenen Volkes, des Menschen als Spielball seiner Ängste und Widersprüchlichkeiten? | Melanie Wilken

Der Sauger

Der Sauger

Die Federzeichnung ist Teil einer Mappe, die mit dem Titel „Das Weib“ bei Kubins erstem Verleger Hans von Weber in München publiziert werden sollte, aber unveröffentlicht blieb. Kubin schreibt 1902 in einem Brief an Clara Immerwahr: „Gegenwärtig arbeite ich unter maximal[em] Druck. – Es werden Blätter, in denen ich meine Gedanken über ‘das Weib’ niederlege. – Gut kommt dabei das zarte Geschlecht nicht weg.“ In der Tat zeigt der Zyklus Arbeiten, die – ungeachtet der sorgfältigen künstlerischen Durcharbeitung – in ihrer Gewaltsamkeit und ihrem Zynismus für den Betrachter fast unerträglich sind. In elementarer Direktheit wird die Frau in den Kreis des Dämonischen gebannt. Sie wird zum gepeinigten Opfer eines ins Brutale gesteigerten männlichen Sexualtriebes. „Der Sauger“ erscheint in dieser Reihe eher harmlos, doch trotz seiner Ruhe wirkt das Gezeigte beklemmend. In einer intimen, beinahe erotischen Enge wird einer schönen Rothaarigen der Lebenssaft von einem Elefantenwesen ausgesaugt, das als eine Art Mittler oder Komplize zwischen ihr und dem Tod fungiert. Hat die Schöne in die unmerklich stille Gewalt der Verführung, in den Akt ihrer Opferung eingewilligt? Oder mehr noch, empfindet sie an dieser Form der Verzehrung Gefallen? Die langhaarige Todesgestalt hat Blutstropfen auf dem Hemd als Reminiszenz an eine längst vergangene Lebendigkeit. Vermutlich fiel auch sie dem Blutsauger zum Opfer. So gesehen ist der Elefant mit seinem phallischen Rüssel als Zeichen lüsterner Männlichkeit wohl der eigentliche Tod. Losgelöst von der Betrachtung der Rolle des Weiblichen ist die Zeichnung ein allegorischer Verweis auf den von Kubin als lustvoll empfundenen Prozess der Selbstauflösung. | Luisa Fink