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Facilité

Ident. Nr.: SSG 85

ObjID: obj:1066117

n/a

Details (expert)

Involved
Max Ernst (1891 - 1976),
Künstler*in
Dating
1927
Additional titles
Collection title: Facilité
Leichtigkeit
Translation: Ease
Geographical references
Material / Technique
Öl auf Leinwand
Dimensions
Höhe x Breite: 54 x 65 cm

Object Description

Darstellung und Titel von „Facilité“ scheinen im Unterschied zum übrigen Œuvre Max Ernsts zunächst in seltener Harmonie zu stehen, vermittelt die sich auflösende, nicht klar umrissene Figur doch einen leichten, schwebenden Eindruck. Ganz und gar nicht leicht im Sinne von einfach ist es, die Figur in ihrer Komplexität zu fassen. Dies gilt umso mehr, als andere wesentliche gestalterische Elemente, Farbe und Räumlichkeit, kaum oder gar nicht zur Strukturierung beitragen. So wirkt der Raum trotz seiner fast mittigen Querteilung nicht dreidimensional, sondern weiterhin als eine Ebene, wozu auch die eigentümlich nebeneinandergesetzten Flicken beitragen. Die auf Rot und Gelb reduzierte Farbpalette ist eher hingehaucht als aufgetragen und nicht auf die konturierten Flächen begrenzt, sondern geht über diese hinaus, den flüchtigen Charakter der Figur unterstreichend. Auf den ersten Blick wirkt dieses Werk, als hätte sich Max Ernst an einer Auflösung der „Anghiari- Schlacht“ von Leonardo da Vinci versucht. Die diesem zugeschriebene „Tavola Doria“ weist zudem einen ähnlich fragmentarischen Charakter wie das vorliegende Figurenknäuel auf. Zwar setzt sich Max Ernst erst im Spätwerk dezidiert mit Leonardo auseinander, Anspielungen auf ihn oder die anderen Überväter der Renaissance, Raffael und Michelangelo, finden sich allerdings bereits zu Beginn der 1920er Jahre. Die theoretische Ausbildung Ernsts, das Studium der Kunstgeschichte in Bonn, legt gleichermaßen nahe, dass er sich eingehend mit diesen Künstlern beschäftigte, um sich anschließend über den kunsthistorischen Kanon hinwegzusetzen. Der zweite Blick eröffnet dann den Auftakt zu einem faszinierenden, weil nahezu endlosen Vexierspiel, in dem sich die Linien zu immer wieder neuen figurativen Konstellationen formieren, flüchtige Zusammenhänge entstehen lassen und wieder auflösen. Kämpfende Pferde wandeln sich zu Kopulierenden. Der Kopf des unterlegenen Tieres ergänzt sich mit einer weiteren Rundung zu einem Paar Brüste, während die wallende Mähne sich zum weiblichen Geschlechtsorgan formt. Der lang gestreckte Vorderlauf des oberen Pferdes zum rechten Bildrand hin mutiert in entgegengesetzter Blickrichtung zum komplementären Phallus, um nur einige der offensichtlichsten Vexierungen zu nennen. Andere Werke Ernsts mögen in ihrer Bildsprache expliziter aufgeladen sein, „Facilité“ besticht durch die wortwörtlich reizende Balance zwischen animalischer Triebhaftigkeit und der Flüchtigkeit des Augenblicks, der es obliegt, die Zügellosigkeit aufzuheben und dadurch gewissermaßen zu bändigen. | Katharina Wippermann

Last updated: 17.07.2026

Contact

Institution:

Sammlung Scharf-Gerstenberg

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Le stryge

Le stryge

Seit seiner Einberufung zur Mitarbeit an der bis in die 1850er Jahre andauernden Restaurierung von Nôtre Dame durch den Architekten Viollet- le-Duc im Jahre 1844 widmete sich Méryon verstärkt der Darstellung des mittelalterlichen Paris. Die Quartiere der Île de la Cité und an den Ufern der Seine boten auch den Schauplatz für Victor Hugos 1831 publizierten Roman „Nôtre Dame de Paris“ (Der Glöckner von Notre-Dame), der Méryons Darstellung von „Le stryge“ (Der Vampir) inspirierte. Für die konkrete bildliche Umsetzung seines steinernen Fabelwesens, einer der nach Entwürfen Viollet-le-Ducs gehauenen grotesken Figuren, die bei den Restaurierungsarbeiten als Ersatz für die stark verwitterten mittelalterlichen Originale an der Balustrade des Nordturms von Nôtre Dame aufgestellt wurden, zog Méryon zudem eine Fotografie von Charles Nègre hinzu, die dieser 1853 aus dem gleichen Blickwinkel aufgenommen hatte. Méryon radierte jedoch keine Kopie dieser Aufnahme, sondern in frei gehandhabter, künstlich gesteigerter Perspektive ein scheinbares Abbild der Wirklichkeit. Die künstlich wirkende Beleuchtung taucht die Szenerie in ein kaltes, unwirkliches Licht, das tiefe Schatten in die Stadtlandschaft zeichnet. Fliegende Raben, mit dem Mythos der dem Tod nahestehenden Galgenvögel behaftet, verstärken die beklemmende Aura der Szenerie. Die Rolle der Chimäre mit ihrer diabolisch-unheimlichen Ausstrahlung – die Stadt bedrohender Dämon oder unheilabwehrendes Schutzwesen – bleibt zunächst diffus. Erst durch die Beifügung eines Textes auf späteren Abzügen definierte Méryon den Charakter von „Le stryge“: „Ein unersättlicher Vampir, die ewige Luxuria, über die große Stadt gebeugt, lechzt sie nach Nahrung.“ | Hanna Strzoda

Le petit pont

Le petit pont

Charles Méryons dokumentierte alte Pariser Straßen und Winkel, die von der abrisswütigen ‘Haussmannisation’ im 19. Jahrhundert betroffen waren. Alte Quartiere mit ihren kleinen Häusern und Gässchen mussten zwischen 1853 und 1869 den neuen Bebauungsplänen für die französische Hauptstadt, die von Georges-Eugène Baron Haussmann für Napoleon III. entworfen worden waren, weichen. Die Bauvorhaben mehrstöckiger Bauten europäischen Stils und großer Boulevards zerstörten viele der kleinen mittelalterlichen Straßen und Viertel von Paris. Die zwischen 1850 und 1854 entstandene Serie „Eaux-fortes sur Paris“ (Paris-Radierungen) umfasst 22 Blätter und zeigt vorwiegend das mittelalterliche Paris. „Le petit pont“ (Die kleine Brücke) ist als erstes Blatt dieser Reihe entstanden. Radierungen wie diese sind jedoch keine objektiven, rein dokumentarischen Ansichten des Künstlers der Stadt, sondern es sind persönliche Eindrücke, die als Metapher einer versinkenden Welt verstanden werden können. Die dargestellte alte Brücke und das „Hôtel Dieu“ (Armenkrankenhaus) wurden kurz nach Fertigstellung der Grafik abgerissen. Fotografische Aufnahmen der Commission pour la Conservation des Monuments Historiques zeigen allerdings, dass Méryon in der Darstellung „Le petit pont“ einen Straßeneinschnitt zwischen den Gebäuden unterschlagen hat und dennoch die Fassaden der Häuser nicht angeglichen sind, sodass die Häuserfront wie eine Montage wirkt. Durch Veränderungen der tatsächlichen topografischen Situation steigerte Méryon die Raumwirkung der städtischen Landschaft. | Melanie Wilken

Weib u. Tier

Weib u. Tier

Eine weibliche Aktfigur, die wie eine Skulptur aus einem Steinblock herauswächst, lockt ein gazellenartiges Tier mit einer Blume. Das Tier erhebt sich auf den Hinterläufen und macht so ‘Männchen’. Laut Klee symbolisiert es „das Tier im Menschen (im Manne)“. Während in der ersten, im Juli 1903 entstandenen Fassung der Radierung ein geifernder Köter das Geschlecht einer hilflos gestikulierenden Frau beschnüffelt, ist das Verhältnis in der zweiten Fassung, die vom November 1904 datiert, ausgeglichener. Das Tier ist schlanker und mit einem Bockshorn ausgestattet, die Frau steht zwar abgewandt, doch wendet sie Kopf und Arm dem Tier zu. „In Beziehung auf die Psychologie der Handlung steht die Arbeit jetzt insofern höher“, erläuterte Klee seiner Verlobten Lily, „als das Weib sich nicht mehr passiv verhält, das heißt erschrickt, sondern seinen Trieb, zu coquettieren, auch im Moment der brutalen Entscheidung nicht lassen kann.“ Für den satirischen Kommentar auf das Verhältnis der Geschlechter zueinander verwendete Klee verschiedene Motive aus der Kunstgeschichte. Die Frauenfigur geht auf eine antike Statue des Praxiteles zurück, wobei Klee das Venus-pudica- Motiv des Verhüllens der Scham zu einem „Venus- Koketterie-Motiv“ (Gregor Wedekind) des Enthüllens macht. Die sexuell aufgeladene Beziehung zwischen Frau und Tier ist der Grafik des 19. Jahrhunderts entlehnt und begegnet dort unter anderem bei Max Klinger und Félicien Rops. Der zeichnerische Stil, den Klee 1919 rückblickend als „gotisch-klassisch“ bezeichnete, verweist auf die Grafik des 15. Jahrhunderts, vermittelt durch den Einfluss Ferdinand Hodlers, was insbesondere die monumentale Isolierung der Figuren vor dem schwarzen Aquatinta-Hintergrund betrifft. Klee nutzt die groteske bis hässliche Abweichung von der klassischen Form, um die Fragwürdigkeit gesellschaftlicher Ideal- und Rollenbilder wie etwa der reinen und keuschen Frau oder des Edelmannes zu demonstrieren. Die zweite Fassung der Darstellung nahm Klee als Nummer 1 in seinen elf Radierungen umfassenden Zyklus „Inventionen“ auf, mit dem er sich als Grafiker etablieren wollte. | Dieter Scholz

Modemadonna

Modemadonna

Abgegriffen und zerknittert, erscheint die „Mode-Madonna“ auf den ersten Blick wie ein oft betrachtetes und berührtes Ikonenbildchen. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sie sich jedoch als eine der „Merz“zeichnungen Kurt Schwitters. Eine schwarz-weiße gedruckte Mariendarstellung hat der Künstler auf ein farbiges Etikett geklebt. Nachträglich hinzufügte Rillen bilden – einem Heiligenschein gleich – einen Halbkreis um den Kopf der Muttergottes. Unter ihr lassen sich die Worte „Manoli“ und „Diva“ entziffern, die sich unten im Rahmen wiederholen. Kurt Schwitters war selbst in der Werbung tätig und schätzte die wechselseitige Einflussnahme von Kunst und Reklame. Daher verwendete er kaum zufällig ein Zigarettenetikett der Marke „Diva“ der Berliner Firma Manoli, welche in ihrer Reklame das Bild der mondänen Frau prägte. Schwitters spielt hier auf das Rollenverständnis der Frau der 1920er Jahre zwischen Modernität und Mütterlichkeit an. Die Frauen konnten nun der Passivität entfliehen, seit 1919 durften sie wählen und sich an der Universität habilitieren. Erstmals rauchten Frauen. Besonders in Berlin zeigte sich die neue Freiheit auch in der Mode: Bubikopf, Hosen und vor allem die Zigarettenspitze waren Kennzeichen der weiblichen Emanzipation, die gerade erst begonnen hatte. Die Geburtenrate hingegen war stark rückläufig, daher wählte Schwitters für seine Ikone eine Maria ohne Jesuskind. Das Blatt stammt aus dem Besitz von Hannah Höch, der einzigen Frau unter den Berliner Dadaisten, mit der Kurt Schwitters eng befreundet war und deren poetisch-skurrile Collagen seiner eigenen Arbeit sehr nahestehen. | Silke Krohn