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Sans titre

Ident. Nr.: SSG 115

ObjID: obj:1066141

n/a

Details (expert)

Creator/Entity
Victor Hugo (26.2.1802–22.05.1885),
Künstler*in
Date(s)
um 1853-1855
Additional titles
Collection title: Sans titre
Ohne Titel
Translation: Untitled
Material / Technique
Tusche auf Papier, laviert
Dimensions
Höhe x Breite: 24,2 x 19,3 cm
Acquisition
2004 Dauerleihgabe der Stiftung Sammlung Dieter Scharf zur Erinnerung an Otto Gerstenberg

Object Description

Die deutschen Dichter Justinus Kerner und Christian Morgenstern gehören zu den bekanntesten Vertretern einer grafischen Mode, die seit dem 19. Jahrhundert vielfach praktiziert wurde, der Klecksografie, deren Methodik und Ziel darin besteht, dass man aus mehr oder weniger zufällig entstehenden, geklecksten Formen gestalterisch etwas Gegenständliches entwickelt. Es handelt sich dabei um ein vorsätzliches Spiel mit dem Unbewussten, um die Aktivierung eben jener Assoziationskräfte, die für gewöhnlich in der akademischen Künstlerausbildung systematisch ausgeschaltet wurden. Es ist daher gewiss kein Zufall, dass derartige antiakademische Techniken gerade im Kreise von zeichnenden Schriftstellern florierten, wie denn überhaupt die künstlerisch-kreative Freiheit bei Arbeiten auf Papier, die von Schriftstellern stammen, häufig außergewöhnlich groß war. Den somnambulen Fingerübungen Victor Hugos, wie sie mit dem unbezeichneten und unbetitelten Blatt und vielen ähnlichen Werken von ihm zahlreich vorliegen, haftet eine außerordentliche und vielseitige Modernität an. Das Zerfließen der offenen Formen suggeriert gleichsam die Genese von Kunst aus dem Unfall: als seien sich zwar nicht wie bei Comte de Lautréamont ein Regenschirm und eine Nähmaschine auf dem Seziertisch, aber doch Weißwein und Tinte auf dem Schreibtisch begegnet. | Bernhard Maaz

Last updated: 24.08.2026

Contact

Institution:

Sammlung Scharf-Gerstenberg

Additional items from the collections

Ohne Titel

Ohne Titel

Seit 1925 wurden Picassos Werke regelmäßig in Zeitschriften der Surrealisten veröffentlicht und mehrmals war er an ihren Ausstellungen beteiligt. Mitglied der Vereinigung war er jedoch nie, mit ihrem Programm konnte sich der Einzelgänger nicht identifizieren, wohl aber ließ er sich von ihnen inspirieren. Besonders Ende der 1920er und zu Beginn der 1930er Jahre offenbarte sich Picassos Nähe zu den Surrealisten, er bediente sich ihrer künstlerischen Methoden: Metamorphose und Kombinatorik. Durch eine Loggienarchitektur mit zwei Bogenöffnungen fällt der Blick auf das offene Meer. Dazwischen erscheint auf einem Wandpfeiler der Kopf von Marie-Thérèse Walter, Picassos damaliger Lebensgefährtin, das Zitat einer zwei Jahre zuvor entstandenen Skulptur. In der linken Öffnung steht auf einem niedrigen Podest eine kannelierte, von einem Schleier umwehte Säule, auf deren Kapitellplatte eine Schale mit Früchten ruht. Eine surreale Konstruktion in der rechten Öffnung erinnert an eine Figur, eine Scheibe stellt den Rumpf, eine Stange den Hals dar, eine abgerundete Dreiecks- oder Herzform den Kopf, lange Haare umwehen ihn und die Spiralen könnten weinende Augen symbolisieren. Eine am selben Tag entstandene aquarellierte Zeichnung, in der die Fruchtschale durch Voluten ersetzt ist, die an einen Frauenkopf erinnern, erhärtet die Vermutung, dass Picasso zwei gegensätzliche weibliche Gestalten versinnbildlichen wollte, nämlich seine zart und weiblich anmutende Geliebte Marie-Thérèse Walter und seine Ehefrau Olga Khokhlova, von der er sich erst 1935 endgültig trennte. | Silke Krohn

Camp des Milles

Camp des Milles

WOLS selbst lehnte es ab, seinen Werken Titel zu geben; oft war es seine Frau Gréty, die der Interpretation des Dargestellten durch eine Titelvergabe Vorschub leistete. Das vorliegende Blatt „Camp des Milles“ reiht sich in eine Vielzahl von Werken ein, die auf das Transit- und spätere Internierungslager in einer stillgelegten Ziegelfabrik im südfranzösischen Dorf Les Milles Bezug nehmen. WOLS war vom Ausbruch des Zweiten Weltkrieges an bis Ende 1940 als Deutscher im Exil in diversen Lagern untergebracht; eine traumatische Erfahrung, die er obsessiv in seinen Bildern verarbeitete. So wählte er architektonische Elemente, die das Eingesperrt-Sein zum Ausdruck bringen, ebenso wie das Ziegelrot, das an den roten Staub erinnert, der das Leben in diesem überfüllten Lager einhüllte. Betrachtet man das Blatt aus relativer Distanz, ziehen sich die einzelnen Bildelemente zu einer Landschaft zusammen: Im Bildvordergrund liegt eine kleine Landzunge, die vom gegenüberliegenden Festland durch das blaue Meer getrennt ist und auf der vereinzelt ein Turm steht. Pulsierende Farben beleben diese Ansicht, die keine geografische Beschreibung eines präzisen Ortes ist, sondern eher ein innerer Atlas des internierten Künstlers..Eine Folge schwarzer gekreuzter Striche, die man als Zaun entlang der ‘Küste’ zu lesen versucht ist, verdeutlicht diese Ausweglosigkeit. Die gleich dahinter liegende Zone sorgt für Verwirrung: Architektur und organische Formen sowie gestische Elemente bilden eine durcheinandergeratene Formenvielfalt. Aus dem Zeichenwirrwarr kommen Köpfe hervor, die größer sind als die dazwischen situierten Häuserreihen, Schiffsmasten oder Barrikaden. Ein großer runder Kopf schwebt in der rechten oberen Bildhälfte, er scheint eine Verletzung zu tragen. Ist es der Künstler, der Erlebtes vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen lässt? | Kristina Lowisr Atlas des internierten Künstlers..Eine Folge schwarzer gekreuzter Striche, die man als Zaun entlang der ‘Küste’ zu lesen versucht ist, verdeutlicht diese Ausweglosigkeit. Die gleich dahinter liegende Zone sorgt für Verwirrung: Architektur und organische Formen sowie gestische Elemente bilden eine durcheinandergeratene Formenvielfalt. Aus dem Zeichenwirrwarr kommen Köpfe hervor, die größer sind als die dazwischen situierten Häuserreihen, Schiffsmasten oder Barrikaden. Ein großer runder Kopf schwebt in der rechten oberen Bildhälfte, er scheint eine Verletzung zu tragen. Ist es der Künstler, der Erlebtes vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen lässt? | Kristina Lowis

La mère et le temps

La mère et le temps

Die Mutter, dargestellt mit ihrem kleinen Kind auf dem Arm, wird von der Zeit aufgesucht, die Rodolphe Bresdin als Personifikation des Todes darstellt. Die Szene eines scheinbar friedlichen Dialogs spielt sich in der freien Natur unter Bäumen und in dichtem Gebüsch ab, unter der Beobachtung von Eule und Schlange. Dennoch erhält die Situation durch die Figur mit Totenschädel einen bedrohlichen Charakter, der verstärkt wird durch das undurchdringliche Dickicht des Gebüschs, das der Mutter keinen Ausweg und keinen Schutz vor dieser Konfrontation bietet. Bresdin arbeitete Naturdarstellungen detailreich aus, sodass darin eingebettete menschliche Figuren und Tiere von wuchernden Ästen und Wurzeln wie festgehalten scheinen. Die Natur spielt eine zentrale Rolle in seinem hauptsächlich biblisch-religiösen Bildprogramm. Die ersten Arbeiten des Künstlers sind etwa 1835 entstanden. Bresdin besuchte nicht die Akademie und hatte auch keinen künstlerischen Mentor, wie er es für Odilon Redon werden sollte, sondern fertigte zunächst als Autodidakt Kopien nach älteren Stichen an. Mit seinen fantastisch-visionären Situationen zählt Bresdin neben seinem Schüler Odilon Redon zu den Vorreitern der surrealistischen Kunst. Von Schriftstellern der Zeit wie Victor Hugo oder Charles Baudelaire wurden die bizarren Grafiken Bresdins hochgeschätzt, sodass es ihm möglich wurde, für das 1860 gegründete Magazin „Revue fantaisiste“ Gedichte und Prosatexte zu illustrieren. Jules Champfleury widmete ihm 1846 einen Roman mit dem Titel „Chien-Caillou“ und auch in Joris-Karl Huysmans „À rebours“ aus dem Jahre 1884 wird er neben Gustave Moreau und Odilon Redon als einer der Götter des Symbolismus gefeiert. Von seinen Malerkollegen wurde er wegen seines unbürgerlichen Lebenswandels und seiner ungewöhnlichen Zeichentechnik jedoch verspottet und fand erst nach Lebzeiten Anerkennung. | Melanie Wilken

Hommage à Antonin Artaud

Hommage à Antonin Artaud

Zwischen mehreren geöffneten Fensterläden tänzelt eine Gestalt aus Armen und Händen, die an den Enden der Figur verspielt ineinandergreifen. Mindestens in dreifacher Vervielfältigung überschneiden und durchdringen sich die Extremitäten. Die einzeln fixierten Bewegungsabläufe der Armpaare umspielen sich gestisch scheinbar selbst. Die Figur findet ihre Position zwischen Innen- und Außenraum; Inneres (Skelett) und Äußeres werden zugleich sichtbar gemacht. Das Organisch-Tänzelnde des Körpers steht insgesamt im starken Kontrast zu den geometrischen Formen, welche sich im Schachbrettmuster der Wände, vor allem aber in den leeren Fensterrahmen finden. Auch das Selbstumgreifen der Hände wird im linken Fensterrahmen in der Form einer Escher’schen „Unmöglichen Figur“, eines figürlichen Paradoxes, das virtuell, jedoch nicht in der Wirklichkeit existieren kann, wieder aufgegriffen. Bellmer widmete das Blatt Antonin Artaud, dem französischen Schauspieler und Künstler, der zeitweise Mitglied der Surrealisten war. Für Artaud sollte eine Aufführung keine Mimesis, also Nachahmung der Wirklichkeit, sein, sondern eine Wirklichkeit für sich. Das Theater ist demzufolge kein Double der Realität, sondern die Realität selbst, die für Artaud immer grausam war. Insbesondere Artauds Auffassung des Körpers dürfte Bellmer fasziniert haben. In seinem „Theater der Grausamkeit“ beschäftigte sich Artaud besonders mit der Zeichenhaftigkeit des Körpers. Die Eigenmächtigkeit von Zeichen wie die einer bestimmten Gestik oder Mimik, eines Kostüms oder nur des Auftretens eines Körpers an sich war für seine Theatertheorie wichtig. Aggressionen und Wünsche sollten durch solche körperlichen Zeichen dargestellt werden, sodass der entstellte und deformierte Körper in seiner Theorie zu den zentralen Aspekten zählt. Artaud wollte den Körper – und insbesondere in diesem Punkt trifft er mit Bellmers Auffassung zusammen – nicht mehr dem Text und der Realität unterordnen, sondern ihn selbst zum Ausdrucksmittel steigern, teilweise bis ins Anarchisch-Unlogische. | Melanie Franke/Nadine Ott

flucht vor sich (zweites Stadium, 1931, 26 (K 6))

flucht vor sich (zweites Stadium, 1931, 26 (K 6))

Virtuose Zeichner wie Pablo Picasso spielten mit der Möglichkeit, ein Motiv aus einer einzigen durchgehenden Linie entstehen zu lassen. Auch Klee setzte die blaue Tuschfeder nicht ab, als er 1931 eine rennende Figur entwarf. Er wiederholte dann dieselbe Zeichenbewegung in vergrößertem Maßstab in Rot-Braun, sodass eine Doppelgängersituation entstand, bei der die größere die kleinere Figur zu verfolgen schien. Mit dem Titel „flucht vor sich“ gab Klee der Darstellung eine psychologische Deutung, was nahelegt, sie beispielsweise im Zusammenhang seiner Umzugsüberlegungen zu interpretieren. Doch gibt es noch zwei andere Bezugsmöglichkeiten. Zunächst wäre da der musikalische Charakter, denn Klee versuchte zur selben Zeit, bildhafte Analogien zur Polyfonie zu entwickeln, und benutzte dafür unter anderem sich durchdringende Linien als individuelle Bewegungsrhythmen. Als Charakteristikum des Individuums galt ihm, dass es keine Repetitionen gibt. Insofern wäre die Einzelfigur ein Individuum, dessen Singularität jedoch durch die Verdoppelung aufgehoben ist. Die persönliche Gespaltenheit ist der emotionale Gegenpol zu den rein rationalen Recherchen, die Klee ebenfalls zur selben Zeit in seinen Modellzeichnungen anstellte. Hier ging es ihm um die optischen Gesetzmäßigkeiten der Projektion, Verschiebung, Vergrößerung und Verzerrung einer Form. Das „Modell 83e“, eine an drei Punkten aufgehängte elliptische Gestalt, bildete den Ausgangspunkt für die Augenform der flüchtenden Figuren. Klees Fluchtimpuls galt nicht zuletzt dem unter Hannes Meyer technologisch durchrationalisierten Bauhaus-System, an das er sich mit seinen geometrisch-konstruktiven Untersuchungen anzupassen versucht hatte. | Dieter Scholz

Caféhaus 2

Caféhaus 2

In tumultartiger Gleichzeitigkeit unterschiedlicher, miteinander verzahnter Motive zeigt George Grosz in seiner Zeichnung Versatzstücke großstädtischen Lebens mit strichmännchenhaft dargestellten Männern, nackten Frauenleibern und Tieren, die sich um die Caféhausszene mit einem dumpf an einem Tisch brütenden Herrn ranken. Die Grenzen zwischen innen und außen sind aufgehoben, die Gestalten aus dem Interieur mit dem Straßenraum, der als Gebäudewirrwarr die Szenerie bogenartig umfasst, verzahnt. Ein verdichtetes Liniennetz aus unterbrochenen und verwinkelten Strichen mit Zacken und Kanten überschneidet und durchkreuzt die Figuren, deren Anordnung nicht mehr einem logischen Raumkonzept folgt. In dieser futuristisch anmutenden, schwankenden Verschachtelung spiegelt sich Ludwig Meidners 1914 in seiner „Anleitung zum Malen von Großstadtbildern“ formulierte Forderung nach der geraden Linie als dem einzig adäquaten Stilmittel des Großstädtischen wider: „Sind nicht unsere Großstadtlandschaften alle Schlachten von Mathematik! Was für Dreiecke, Vierecke, Vielecke und Kreise stürmen auf den Straßen auf uns ein. Lineale sausen nach allen Seiten. Viel Spitzes sticht uns. Selbst die herumtrabenden Menschen und Viecher scheinen geometrische Konstruktionen zu sein.“ Mit den Mitteln dieser facettierten Zersplitterung stellt Grosz das Nachkriegsberlin als ausgelaugte, an der Kapitulation zerbrochene und von sozialen Unruhen aufgerüttelte Stadt dar. In seinem „Caféhaus“ zeigt er eine wahnwitzig wirkende Gesellschaft, um auf den Irrsinn der Zeit aufmerksam zu machen. Aus dem Kriegsdienst bei der Infanterie heimgekehrt, trat er in die Kommunistische Partei ein, stellte seine Kunst in den Dienst des Proletariats und nutzte seine Zeichnungen und Karikaturen als politische Waffe. | Hanna Strzoda

Interno di studio

Interno di studio

Carlo Carrà, von 1910 bis 1916 einer der Hauptvertreter des italienischen Futurismus, wandte sich während des Ersten Weltkrieges aufgrund von „Divergenzen und Unvereinbarkeit in den Ideen“ („La mia vita“, 1942) von dieser Kunstrichtung ab und, angeregt durch die Begegnung mit Giorgio de Chirico 1917 in Ferrara, der Pittura metafisica zu. De Chiricos metaphysische Bilder beeinflussten Carrà nachhaltig. Die von dem Freund erfahrenen Anregungen vereinte Carrà mit Stilelementen seiner Vorbilder aus dem Trecento („magische Stille der Formen“) und den konstruktiven Bildgerüsten Paolo Uccellos zu einer eigenen Bildsprache. In seinen metaphysischen Interieurs durchleuchtet Carrà die hinter den sichtbaren Dingen liegende, transzendente und geheimnisvolle Wirklichkeit. Wie ein luftleeres Vakuum wirkt die perspektivisch verwirrende, stilllebenhafte Szenerie des „Interno di studio“ mit ihrer linear stilisierten Geometrisierung der Gegenstände und der irrealen Wiedergabe von Licht und Schatten. Diagonal in dem kargen Innenraum steht eine Leinwand mit der Rückansicht einer erstarrten, zeitenthobenen und entindividualisierten Figur, deren Statuarik in einen Dialog mit dem architektonisch definierten Raum tritt. In doppelter künstlerischer Sinnschichtung zeigt dieses ‘Bild im Bild’ nicht einen realen Menschen, sondern dessen stilisiertes Abbild in Form eines Manichino, einer hölzernen Gliederpuppe, die wiederholt in den metaphysischen Bildern Carràs und de Chiricos auftritt. Diese Puppe, die im akademischen Kunstbetrieb als Hilfsmittel für Bewegungsstudien eine erhebliche Rolle spielte, wird bei Carrà durch ihre magische Isoliertheit zu einem Symbol für den entfremdeten, orientierungslosen Menschen in den Kriegsjahren. | Hanna Strzoda