Logo

Kleine Welten VI (aus dem Mappenwerk "Kleine Welten", Einzelblatt)

Ident. Nr.: 84-1962

ObjID: obj:1250785

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Wassily Kandinsky (1866 - 1944),
Holzschneider*in
Ausführung: Propyläen Verlag (Berlin) (1919),
Auftraggeber*in
Ausführung: Staatliches Bauhaus Weimar (1919 - 1925),
Drucker*in
Date(s)
Herstellung: 1922
Geographical references
Material / Technique
Holzschnitt
Dimensions
Plattenrand: 27,2 x 23,3 cm
Acquisition
1962 Ankauf von der Galerie Gerd Rosen, Berlin

Object Description

Nach einem längheren Aufenthalt im revolutionären Rußland (1918 bis 1921, auf Einladung Tatlins), wird Kandinsky im März 1922 Meister im Staatlichen Bauhaus in Weimar. Eine seiner ersten künstlerischen Arbeiten ist die Herstellung der Graphik-Mappe »Kleine Welten«, deren Titel sich, neben der in den Kompositionen aufscheinenden kosmogonischen Weltbeschreibung, auf die Vielfalt der graphischen Techniken bezieht. In seinem Vorspruch schreibt Kandinsky: »>Die kleinen Welten< klingen aus 12 Blättern heraus. 4 dieser Blätter sind mit Hilfe des Steins entstanden, 4 - des Holzes, 4 - des Kupfers. Drei Gruppenarten. Jede Art wurde nach der ihr geeigneten Eigenschaft gewählt. Die Eigenschaft jeder Art verhalf dem äußeren Wesen der Gestaltung 4 verschiedener >Kleiner Welten<. In 6 Fällen begnügten sich die >Kleinen Welten< mit schwarzem Strich oder schwarzem Fleck. Die 6 anderen brauchten den Klang auch anderer Farben. In allen 12 Fällen bekamen die >Kleinen Welten< im Strich und Fleck die ihnen notwendige Sprache.«
Die Holzschnitte wurden im Oktober im Bauhaus unter der Anleitung Kandins-kys gedruckt. Sein streng konzeptionelles Vorwort und besonders der Terminus »Klang« verweist auf den strukturellen Aufbau der Drucke. Im Almanach »Der Blaue Reiter« schreibt Kandinsky programmatisch: »Es muß möglich werden, die ganze Welt, so wie sie ist, ohne gegenständliche Interpretation hören zu können.« Den inneren Klang der Bilder »hörbar« zu gestalten, ist eines der Hauptziele Kandinskys, dem er sich in der Graphikfolge in gewandelter Form erneut zuwendet. Während seines Aufenthaltes in Rußland hat er die expressive Malweise offenbar unter dem Einfluß konstruktiv arbeitender jüngerer russischer Künstler aufgegeben und geometrische Elemente in seine Gestaltungsweise einbezogen. Die >Kleinen Welten< gehören zu den ersten druckgraphischen Werken, die diese neue Formensprache in verschiedenen Techniken ausbreiten. Besonders der hier gezeigte Holzschnitt ist geradezu eine Synthese des neuen Formwillens. Die diagonal in das Format gelegte helle Bahn, die wiederholt in Aquarellen und Drucken auftaucht, bündelt die vielfältigen Formen, die sich auf einem schwarzem Grund zu bewegen scheinen. Die Schwarz-weiß-Kontraste, die unterschiedliche Gestalt der sich gegenseitig durchdringenden Kreis-, Stab- und Wellenformen sind genauestens ausbalanciert. Die im Zentrum stehende, im Strom des hellen Lichtkanals nach oben getriebene Kreisform, wird von einer, die Dominanz der breiten Bahn brechenden, Stabform aufgehalten. Während die anderen Körper ohne Widerstand den Raum schwebend durchqueren, setzt Kandinsky in das Zentrum eine Barriere. Dieses Aufhalten der treibenden Form bestimmt die Fließrichtung nach rechts oben. Die konstruktiven und fließenden amorphen Figurationen sind weit entfernt von der nur dekorativen Gestaltung eines abstrakten Musters. Sie bilden vielmehr eine in sich geschlossene homogene Welt mit einer eigenen Geschichte.

Text: Eugen Blume in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 456, Kat. VIII.20 (mit weiterer Literatur)

Last updated: 25.08.2026

Contact

Institution:

Kupferstichkabinett

Additional items from the collections

Das Kolosseum in Rom, von der Seite des Palatin gesehen

Das Kolosseum in Rom, von der Seite des Palatin gesehen

Jan Gossaert, seinerzeit berühmt und hoch geschätzt, war bei verschiedenen Fürsten als Hofmaler tätig und gilt als der Begründer des neuen romanistischen Stils in den Niederlanden. 1508-09 reiste er in Begleitung Philipps von Burgund, eines humanistisch gelehrten Fürsten, nach Rom, wo er im Auftrag seines Mäzens nach antiken Monumenten zeichnete. Zu einem nicht erhaltenen römischen Skizzenbuch dürfte die Berliner Ansicht des Kolosseums gehört haben. Das sogenannte Kolosseum, ein um 80 n. Chr. errichtetes Amphitheater – bis zum heutigen Tag ein Wahrzeichen Roms −, ist von Westen her gesehen. Der Zeichner stand dicht am Bauwerk, sodass er nur wenige Achsen wiedergab. Der Baubefund, wie er sich in jenen Jahren darstellte, ist mit der feinen, spitzen Feder minuziös erfasst: die einzelnen Mauerringe und ihre Abbrüche, die Säulenordnungen und die aus dem Mauerwerk hervorwachsenden Bäume. Gossaert war wie alle nordischen Künstler vor und nach ihm von dem ruinösen Zustand des antiken Monumentes, das die Zeit überdauert hatte, fasziniert. Doch er sah das Bauwerk mit den am spätgotischen Stil geschulten Augen des Nordländers: Es gelang ihm nicht so recht, seine wahre Monumentalität zu erfassen. Text: Holm Bevers, in: Wir suchen das Weite. Reisebilder von Albrecht Dürer bis Olafur Eliasson im Kupferstichkabinett, hg. von Hein-Th. Schulze Altcappenberg und Ina Dinter, Berlin 2016, S. 72Jan Gossaert, famous and highly valued already during his lifetime, worked as a court painter for several princes and was considered the founder of the new Roman-influenced style of painting in the Netherlands. In 1508 and 1509, he traveled to Rome in the entourage with the humanistically trained Philip of Burgundy to Rome. There he was commissioned by his patron to draw the ancient monuments. The Berlin view of the Colloseum is most likely from this no longer extant Roman sketchbook. The so-called Colosseum, an amphitheater built in 80 AD that remains a trademark of the city today, is depicted from the West. The draftsman is close to the structure, so that he only presents a few of the axes. The state of the structure in the years of its depiction is captured with the fine, sharp pen meticulously: the individual rings of the wall and the ruined arches, the lines of columns and the trees emerging from the brickwork. Gossaert, like all Northern artists, was interested especially in the ruinous state of the Ancient objects that had lasted through the ages. But he also saw the structure with the eyes of a northerner, schooled in the late Gothic style. He was not quite able to do justice to its true monumentality. Text: Holm Bevers, in: We’re off then. Travel Pictures from Albrecht Dürer to Olafur Eliasson in the Kupferstichkabinett, published by Hein-Th. Schulze Altcappenberg and Ina Dinter, Berlin 2016, p. 72