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Streichholzhändler (Druck vor der Auflage von "5 Originalradierungen")

Ident. Nr.: 76-1961

ObjID: obj:1368332

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Otto Dix (1891 - 1969),
Radierer*in
Date(s)
Herstellung: 1920
Systematics/Type
Dimensions
Plattenrand: 25,9 x 29,7 cm
Blattmaß: 33,0 x 49,5 cm
Acquisition
1961 erworben von der Galerie Meta Nierendorf, Berlin (West)

Object Description

Dix studiert 1909-14 an der Kunstgewerbeschule und der Kunstakademie in Dresden. Das in Kunstdingen weltoffene Klima der Stadt prägt sein frühes Werk, in dem sich deutliche Spuren van Goghs und der italienischen Futuristen finden.
Im Ersten Weltkrieg ist er MG-Schütze und Stoßtruppführer, und anders als Kirchner, Grosz und Beckmann steht er diese Jahre des Schreckens ohne Zusammenbruch durch. Er hält in mehreren hundert Zeichnungen in der Art eines schonungslosen Berichterstatters weniger das Kampfgeschehen als das Dahinvegetieren der Soldaten, die Verwundeten und die Toten, auch die heftig ausgelebten Vergnügungen der Etappe fest. Den Krieg versteht er als furchtbares, aber unausweichlich mit dem Dasein der Menschen verknüpftes Phänomen.
1919 ist er Gründungsmitglied der »Dresdner Sezession«, wendet kurze Zeit, bis in das Jahr 1920, dadaistische Bildpraktiken an und übersetzt danach seine gezeichneten Momentaufnahmen vom Krieg in großformatige Gemälde und in die fünfzig Radierungen umfassende Folge »Der Krieg«, die 1924 erscheint (ebenfalls im Kabinett).
Wie Goya in den »Desastres de la guerra« (Blatt 24: »Yo lo vi« = Ich habe es gesehen), so hebt auch Dix in der Kriegsfolge seine Augenzeugenschaft hervor (Blatt 28: »Gesehen am Steilhang von Cléry-sur-Somme«). Und auf eine nicht ins Auge springende, aber prononcierte Weise tut er das auch in dem Blatt mit dem Streichholzhändler. An der Wand links neben dessen Kopf hat Dix sein Namensschild postiert, als spiele sich die Szene vor seiner Haustür ab (im nahe verwandten Gemälde »Der Streichholzhändler l«, Staatsgalerie Stuttgart, fehlt u. a. dieses Motiv).
Entlang den rasant in die Tiefe und nach vorn fluchtenden Diagonalen stürzen die Passanten vor dem an Armen und Beinen Amputierten davon. Zu dem Kriegsinvaliden mit der schwarzen Brille der Blinden und dem prägnant markierten Ohr nimmt hilflos zu erduldenden »Kontakt« allein der ihn anpinkelnde Köter auf.
Dix beschreibt unverblümt, spitzt die Gegensätze zu und kehrt Assoziationen drastisch heraus. Er zeigt in unmittelbarer Nachbarschaft den Invaliden, der sich nicht regen kann, und die behenden Schritte der Davoneilenden, den verstümmelten Körper des Veteranen und das pralle Gesäß einer Frau, und er läßt das Fensterkreuz in der Tür hinter dem am Boden Hockenden als Todeszeichen gewahr werden. Dix führt nicht Klage und gibt sich auch keine Mission. Noch 1958 lautet sein Credo: »Nein, Künstler sollen nicht bessern und bekehren. Sie sind viel zu gering. Nur bezeugen müssen sie.« (Dix 1985, S. 279)

Text: Alexander Dückers in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 462 f., Kat. VIII.28 (mit weiterer Literatur)

Last updated: 14.10.2026

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Institution:

Kupferstichkabinett

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