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Frau in Nachmittagskleid

Ident. Nr.: Lipp Hdz 665

ObjID: obj:1418826

Details (expert)

Creator/Entity
Herstellung: Irmgard Feuß (um 1920 - 1980),
Zeichner*in
Date(s)
Herstellung: 1928
Material / Technique
Dimensions
Blattmaß: 45,7 x 24,3 cm ca.
Passepartout: 53 x 39 cm
Bildmaß: 42,9 x 21,9 cm

Object Description

Nachmittagskleid in verschiedenen Blautönen mit rechteckigem Halsausschnitt und tiefer Taille

Last updated: 15.07.2026

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Institution:

Kunstbibliothek

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Wozu hat Deutschland eigentlich Kolonien?

Wozu hat Deutschland eigentlich Kolonien?

Aus der oberen linken Ecke des Buchtitels ragt eine geballte Faust ins Bild. Sie trägt einen Ring, von dem ein Lichtstrahl ausgeht, mit dem eine offenkundig bösartige Schlange gebannt wird. Sie windet sich weiter unten um eine Palme, das Maul bedrohlich weit aufgerissen. Den Hintergrund der Szene bildet die schwarz-weiß-rote deutsche Fahne. Das Buch „Wozu hat Deutschland eigentlich Kolonien? Wie es einem Deutschen in einer deutschen Kolonie erging“, erschienen 1911 im Deutschen Kolonial-Verlag G. Meinecke, wurde von Carl Eduard Michaelis (Lebensdaten unbekannt) verfasst. Das „Deutsche“ ist somit fünffach im Titel zementiert: viermal in Worten und einmal in Farben. Das zugehörige Werbeplakat setzt das Buch effektvoll auf grünen Grund, umrahmt von großen Lettern, die kommentieren: „Unglaublich – aber wahr! Haben Sie es gelesen?“ Der Gestalter Fidus (Hugo Höppener) war ein Anhänger der Lichtlehre und der Reformbewegung um 1900, die sich von bürgerlichen Zwängen befreien wollte und, wie August Engelhard (1875–1919), von einem weitgehend unbekleideten Leben in der Südsee träumte. Fidus’ Illustration nimmt Gedanken aus der beworbenen Publikation auf, ohne jedoch dort erwähnten Personen im Bild darzustellen. Das Buch ist in eigentümlicher Sprache verfasst, die zwischen Alltagsjargon und dichterischem Duktus changiert. Der Titel klingt wie eine Anspielung auf die programmatische Schrift der deutschen Kolonialbewegung „Bedarf Deutschland der Colonien? Eine politisch-ökonomische Betrachtung“ von Friedrich Fabri (1824–1891) aus dem Jahr 1879. Darin erläutert Fabri, noch bevor das Deutsche Reich sich Mitte der 1880er-Jahre Territorien in Afrika und Asien als „Schutzgebiete“ oder Kolonien aneignete, dass das deutsche Volk als Träger einer Kulturmission und aufgrund von wirtschaftlichen wie politischen Erwägungen dringend eine Kolonialmacht werden sollte. Während jedoch Fabri salbungsvoll über die hohe Kultur der Deutschen und zugleich über die Gefahren der Sozialdemokratie dozierte, prangerte Michaelis voller Hass und Empörung das Leben in Samoa an. Dorthin war er Anfang 1910 gereist, um sich „biosophisch-rassenhygienischen Studien zu widmen und gleichzeitig die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse dieser Kolonie hinsichtlich ihrer Eignung für eine genossenschaftliche Ansiedelung deutscher Lebensreformer zu erkunden“ (S. 8). Doch er witterte „Rasseverderbnis“ unter seinen Landsleuten und forderte, auf der Stelle gute deutsche Frauen als Mütter und für die Arbeit im Haus herbeizuschaffen und so die weiße „Rasse“ zu erhalten: Weil „ihr wirtschaftlicher Wert als Mutter weißer Kinder für den jungen Pflanzer sowohl wie für die Kolonie gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann“ (S. 15). Die Vermischung des deutschen Volkes mit Juden und Jüdinnen aber setzte er einer „alteingessenen Krankheit“ gleich (S. 74). Nach einigen Spekulationen über die Tropentauglichkeit weißer Menschen überlegte er im zweiten Teil – von dem sich der Herausgeber im Übrigen explizit distanzierte – ob er in den USA leben solle und „nicht doch lieber einem Lande und Volke angehören möchte, das zwar englisch spricht, aber bei dem unsere Rasse-Ideale höher im Ansehen und besser in Schutz stehen. – In erster Linie bin ich doch ein Weißer, erst in zweiter ein Deutscher“ (S. 40). Er empfahl jungen Deutschen, sich einige Jahre in den Kolonien umzutun, die Menschen dort freilich „mögen uns nützliche subalterne Hilfskräfte oder auch interessante Landschaftsstaffage sein, aber sie sind nur zu dulden, sowie sie unserem eigenen Volke nicht im Wege sind.“ (S. 44).Die Gesellschaft im Deutschen Reich um 1900 war voller Widersprüche, die Bürgerschaft, Kunstschaffende, das konservative Lager, Sozialdemokrat*innen, Kirchenleute und Reformbegeisterte aller Couleur suchten nach einem Platz in der sich rasch verändernden Welt. Als gemeinsamen Nenner fanden viele die immer wieder behauptete Superiorität ihres Volkes. Menschenverachtung, Hass und wütende Versuche, die eigene Identität zu sichern, griffen - wie in Michaelis' Zeilen - in Deutschland um sich. Politisch spätestens seit 1884 als Kolonialismus und Imperialismus kanalisiert, führten sie zu unfassbarer Gewalt. Diese richtete sich gegen Kolonisierte und ihre Nachkommen, gegen Frauen, Jüdinnen und Juden und alle Menschen, die sich dem deutschen Überlegenheitswahn in den Weg stellten. Auf dem Plakat stellt Fidus das von Michaelis als „Rasseverderbnis“ bezeichnete Übel als eine Schlange im Tropenparadies dar, die sich nur mit gleißendem Licht bezwingen lässt. Analog ist zu folgern: Den Kolonisierten musste man mit einer höheren, das Gute repräsentierenden Gewalt begegnen. Reformbewegte Künstler wie Fidus unterstützten offenkundig den Irrsinn solcher Ideen und werteten diese durch ihre künstlerische Arbeit bereitwillig auf.Recherche und Text: Kristina LowisZitierte Literatur:_Carl Eduard Michaelis: Wozu hat Deutschland eigentlich Kolonien? Wie es einem Deutschen in einer deutschen Kolonie erging, Berlin 1911//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch._Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Hagenbeck's Indien. Tempelhofer Feld

Hagenbeck's Indien. Tempelhofer Feld

„Indien in Berlin! Wer hätte es für möglich gehalten, daß man die vielen exotischen Reize des fernen Wunderlands nach der Reichshauptstadt zaubern könnte! Wer heute vom Kreuzberg kommend das weite Tempelhofer Feld überblickt, der gewahrt […] eine große Oase mit Palmen und pittoresken Gebäuden – Hagenbecks Indien in Berlin. [Schöpfer ist] Gustav Hagenbeck, ein Mitglied der berühmten Hamburger Familie, der schon seit 14 Jahren mit einer großen indischen Schau reist. […] Eine Wanderung durch Hagenbecks Indien ist ebenso unterhaltend wie belehrend.“ – Mit diesen überbordenden Worten wurde die Berliner Indien-Schau von 1912 in der von Hagenbeck selbst verlegten „Ethnographischen Zeitschrift für Belehrung und Unterhaltung“ (Happrich, S. 1) angepriesen. Auf acht bebilderten Seiten beschreibt der Artikel das „Riesen-Programm“ des Spektakels, das sich auf 35.000 mit Kulissenarchitektur bestückten Quadratmetern auf dem Tempelhofer Feld ausdehnte. Neben Elefanten, Bären, Antilopen und anderen „exotischen Tieren“ traten hier „150 Indier“ mit „staunenerregenden Produktionen“ auf. Es gab Fakire, Schlangenbeschwörer, Schwertschlucker, Akrobatik, Dressur, Musik, Tänze, Rikschafahrten und mehr, zum schmalen Eintritt von einer halben Mark (Happrich, S. 8). Geöffnet war – wie das Werbeplakat verrät – von 11 bis 23 Uhr.Gustav Hagenbeck (1868–1949) hatte sein Handwerk als „Völkerschau“-Entrepreneur von seinem älteren Halbbruder Carl Hagenbeck (1844–1913) gelernt; nach Carls Tod übernahm er einen Teil seiner Geschäfte. Gustav, als designierter „Indien-Spezialist“ der Hagenbeck-Familie, reiste 1886 erstmals in britisch kolonialisierte Gebiete Indiens und nach Sri Lanka, um dort Tiere zu kaufen und Menschen für eine Schau in Deutschland anzuwerben. Selbige lief kurz darauf in Hamburg an und tourte aufgrund großer Beliebtheit viele Jahre durch deutsche und österreichische Städte. In Berlin gastierte sie 1898 am Kurfürstendamm. Gustav Hagenbeck baute seine Indien-Schau immer weiter aus, bis sie 1912 die „größte der Welt“ war – ein trauriger Rekord. Dass die meisten „Völkerschauen“ in Zoos präsentiert wurden, illustriert die Überlegenheitsgefühle der weißen Impresarios gegenüber den Menschen, die sie vorführten: Die Schausteller*innen, darunter auch Kinder, wurden mit Tieren gleichgestellt. Oft wurde ihre Kultur zugunsten verkaufsträchtiger Bezeichnungen ignoriert (z. B. Tamilen aus Sri Lanka als „Singhalesen“ vermarktet) und ihr Wert in menschenverachtender Manier auf die „Volks-Belustigung“ des deutschen Publikums reduziert – wie der Werbetext für „Hagenbecks Indien“ auf dem Tempelhofer Feld deutlich macht: Die Schau wirke „in ihrer Lebensfülle, Beweglichkeit und Farbenpracht eindringlicher und intensiver als wissenschaftliche Vorträge“, heißt es dort. Besonders großartig sei sie „durch die Fürsorge für Unterhaltung und leibliches Wohl und durch die Verwendung eines erstklassigen Menschenmaterials.“ (Happich S. 8)Text und Recherche: Christina Thomson Zitierte Literatur:_Victor Happrich: „Fremdenführer durch Indien-Berlin“, in: Ethnographische Zeitschrift für Belehrung und Unterhaltung, Berlin 1912, S. 1–8, Verlag und Expedition: Gustav Hagenbeck. Online unter https://humanzoos.net/?page_id=2307 (letzter Zugriff 29.10.2025)_____Das Plakat „Hagenbeck’s Indien“ repräsentiert die koloniale Sehnsucht und die exotisierende Faszination Europas für ferne Länder und deren Bevölkerung. Es spiegelt die koloniale Denkweise und ausbeuterische Haltung des bekannten Hamburger Zoodirektors Carl Hagenbeck wider, der im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert tätig war, erst als Dompteur und Tierhändler, dann als Entrepreneur. Hagenbeck sah sich selbst als Pionier, der nicht nur exotische Tiere, sondern auch Menschen aus kolonialisierten Ländern nach Europa brachte, um sie zur Schau zu stellen. Er beschäftigte sich mit Themen wie Zoologie, Anthropologie, Ethnologie und Soziologie und war in Deutschland wie auch international gut vernetzt. 1907 eröffnete er im Hamburger Stadtteil Stellingen den Tierpark Hagenbeck, den ersten gitterlosen Zoo. Bereits in den 1860er-Jahren hatte sein Schwager Johann Friedrich Gustav Umlauff ihn mit der Praxis der sogenannten „Völkerschauen“ vertraut gemacht. Carl Hagenbeck wurde zu einem bedeutenden Akteur der Zuschaustellung von Menschen: In zahlreichen Städten, darunter Hamburg, Berlin und Leipzig, organisierte er Ausstellungen mit und über Lappländer*innen, Äthiopier*innen, Somalier*innen und andere Menschengruppen. Das Tempelhofer Feld in Berlin nutzte er 1910 erstmals als Veranstaltungsort für eine große „Wild-West-Show“, bei 42 „Sioux-Indianer“ und zehn Cowboys gegeneinander antraten. Zwei Jahre später inszenierte sein Bruder Gustav dort das gigantische Spektakel „Hagenbecks Indien“. Die sogenannten „Völkerschauen“ sollten nicht nur die koloniale Rechtmäßigkeit bestätigen, sondern auch das Gefühl von „rassischer“ und kultureller Überlegenheit vermitteln. Im spezifischen Rahmen von Kolonialausstellungen wurden in eigens konstruierten „Dörfern“ vermeintlich typische Bauten lokaler Bevölkerungen aus den deutschen Kolonien errichtet – teilweise aus importierten Materialien. Das Spektrum reichte von afrikanischen Temben und Pfahlbauten aus Papua-Neuguinea bis hin zu inszenierten Kriegsspielen und Tänzen. Diese Präsentationen waren gleichermaßen eine Werbekampagne im Interesse der Reichsregierung und der Wirtschaft: Während die Politik koloniale Herrschaft legitimierte, sollten Unternehmen Konsument*innen für Kolonialwaren wie Kaffee, Schokolade oder Bananen gewinnen und Investoren anwerben.Mit Thesen, die aus pseudowissenschaftlichen Grundlagen der „Rassentheorie“ schöpften, und einer entwürdigenden Ausstellungspraxis trugen Carl Hagenbeck und andere Mitglieder seiner Familie maßgeblich zur Verfestigung des hierarchischen Narrativs von Gesellschaften und Kulturen bei. Die Präsentation von Menschen – gemeinsam mit Tieren und als gleichrangige Vertreter des „Fremden“ beziehungsweise „Nicht-Menschlichen“ inszeniert – war in seinen Schauen selbstverständlich. Ein prägnantes Beispiel ist das Werbemotiv von Paul Scheurich für Hagenbecks 1907 erschienenes Buch „Von Tieren und Menschen“: Ein Menschenkind und ein Affenkind sitzen nebeneinander, ihre Haut- beziehungsweise Fellfarbe ist identisch, ihre Köpfe sind auf gleicher Höhe (ID 925442). Diese Bildsprache dehumanisiert Schwarze Menschen und spiegelt das tief verankerte rassistische Weltbild wider.Hagenbecks Perspektive war von einem imperialen Selbstverständnis geprägt: Die Ausbeutung kolonialer Ressourcen – ob Menschen oder Tiere – galt ihm als legitim und notwendig für europäischen Fortschritt und Unterhaltung. Das Plakat „Hagenbeck’s Indien“ vermittelt daher nicht nur eine ästhetische Botschaft, sondern ist Teil eines Machtinstruments, das koloniale Herrschaft ästhetisch verschleiert und ideologisch rechtfertigt. Es zeigt, wie kulturelle Aneignung, pseudowissenschaftliche Theorien und wirtschaftliche Interessen zusammenwirkten, um die Vorstellung westlicher Überlegenheit zu festigen, die es rechtfertigte, Menschen und Kulturen als Ressource zur Unterhaltung und Profitmaximierung auszubeuten.Recherche und Text: Ibou Coulibaly DiopVerwandte Werktexte: _Von Tieren und Menschen (ID 925442)Ausgewählte Quellen:_Carl Hagenbeck: Von Tieren und Menschen. Erlebnisse und Erfahrungen, Berlin 1908_Lothar Dittrich, Annelore Rieke-Müller: Carl Hagenbeck (1844-1913). Tierhandel und Schaustellung im Deutschen Kaiserreich. Frankfurt am Main 1998_Eric Ames: Carl Hagenbeck’s Empire of Entertainments, Seattle 2009 _Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940, Frankfurt am Main 2005_Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei, Zürich 2023 _Britta Lange: „Unterhaltung und Vermarktung, 1892: Die Firma J.F.G. Umlauff präsentiert anthropoloisch-zoologische Prachtgruppen‘“, in: Walter Honold, Klaus R. Scherpe (Hg.): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit, Stuttgart 2004, S. 152–162//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1843-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch._Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Central-Afrika-Expedition

Central-Afrika-Expedition

Das Ausstellungsplakat zur „Central-Afrika-Expedition“ der Jahre 1907 bis 1908 zeigt einen düsteren Kopf vor grünlichem Queroval. Die Haut ist grau, die Augenringe schwarz, das Gesicht teils verdeckt vom weiß-blau geflochtenen Kopfschmuck. Hans Rudi Erdts Grafik enthebt die Darstellung jedem Kontext und steigert so die geheimnisvolle, vielleicht sogar furchteinflößende Wirkung des Gesichts. Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn, der proklamierte Sinn und Zweck der mit diesem Plakat angekündigten Schau, ist nach heutiger Lesart nicht die erste Assoziation, die sich beim Betrachten einstellt.Der Initiator der Ausstellung, Adolf-Friedrich zu Mecklenburg (1873–1969), war als Expeditionsreisender und späterer Gouverneur von Togo (1912–1914) ein Protagonist der deutschen Kolonialgeschichte. Seine „Central-Afrika-Expedition“, eine ambitionierte Reise „Ins innerste Afrika“ (so der Titel der nachfolgenden Publikation von 1910), führte von Berlin in eine deutsche Kolonie: Deutsch-Ostafrika, das Territorium der heutigen Länder Tansania, Ruanda und Burundi, doppelt so groß wie das Deutsche Reich, war seit 1885 ein sogenanntes deutsches Schutzgebiet. Das Land hatte Carl Peters (1856–1918), militantes Mitglied und Mitbegründer der „Gesellschaft für Deutsche Kolonisation“ und für seine Brutalität bekannter „Reichskommissar für das Kilimandscharogebiet“ (ab 1891), kurz zuvor von lokalen Potentaten erhalten. Seither herrschten die deutschen Machthaber hier mittels Unterdrückung, Versklavung und Zwangsarbeit. Aufstände der Menschen vor Ort schlugen sie grausam nieder. Allein am Ende des Maji-Maji-Kriegs (1905–1908) zählte man Hunderttausende Tote auf afrikanischer gegen 150 auf deutscher Seite.Das Reichskolonialamt förderte Mecklenburgs Expedition, „[…] welche die naturwissenschaftliche, geographische, ethnographische und medizinische Erforschung der dem Kiwu-Edward und Albert-Nyansa See benachbarten Gebiete zum Ziele“ hatte. Weitere Auftraggeber waren der Botanische Garten, das Zoologische Museum, das sogenannte Museum für Völkerkunde und das Institut für Infektionskrankheiten in Berlin. Die deutschen Expeditionsteilnehmer sollten 500 Mark, lokale Träger 10 Mark pro Monat erhalten (Projektantrag vom 9. Februar 1907, Bundesarchiv 1001/268). Stolz berichtete Mecklenburg von der Überraschung in den „kolonial und wissenschaftlich interessierten Kreisen der Reichshauptstadt“ über die Fülle des Materials, das beweise, „[…] dass jeder einzelne der Expeditionsteilnehmer seinen Platz im Rahmen des Ganzen nach bestem Können ausgefüllt hatte, kurzum: dass da draußen gearbeitet worden war!“ (Mecklenburg 1910, S. 470). Diese Arbeit war Teil des deutschen Kolonialprojekts: Kolonien stellten nicht nur eine Erweiterung der Macht und des physischen Herrschaftsraums dar, sondern waren auch Gegenstand einer hegemonialen Wissensproduktion. Gestützt auf die militärische und wirtschaftliche Infrastruktur waren „Völkerkunde“-Forscher insbesondere an der Differenz zwischen den vorgeblichen menschlichen „Rassen“ interessiert, um die Vormachtstellung weißer Menschen zu legitimieren. Hierzu wurden Menschen aus verschiedenen Regionen der Welt beobachtet und auch vermessen – tot oder lebendig: Lebendig vor Ort oder bei einer der zahlreichen Völkerschauen in europäischen Städten, was oft nicht freiwillig und in entwürdigenden Situationen stattfand; oder aber anhand menschlicher Überreste, die nach Europa gebracht wurden. Im Berliner „Völkerkundemuseum“ begründete der Arzt und Anthropologe Felix von Luschan (1854–1924) eine Schädelsammlung, für die Objekte aus aller Welt unter bisweilen unethischen Umständen zusammengetragen wurden. Im Buch zur Ausstellung, „Ins innerste Afrika“, schildert Mecklenburg, der ein Foto seiner selbst in triumphaler Pose mit den ihn überragenden Stoßzähnen eines erlegten Elefanten mitpublizierte, die „anthropologisch-ethnographischen Ergebnisse [...] wie folgt: es wurden im ganzen 1107 Schädel und zirka 4000 Ethnographica gesammelt, 4500 Leute gemessen, 700 photographische Aufnahmen gemacht, von 36 Leuten Gipsmasken genommen (darunter von 8 Batwa und 5 Wambutti), sowie endlich 87 Phonogramme und 37 Sprachen aufgenommen.“ (Mecklenburg 1910, S. 475). Die Aufzeichnungen des Anthropologen Jan Czekanowski von dieser Expedition legen nahe, dass die Schädel teilweise bei Grabschändungen gesammelt wurden. Die von der gesellschaftlichen Oberschicht des Deutschen Reichs betriebene Wissenschaft war kolonialistisch und von einem Gefühl vermeintlicher Überlegenheit geprägt. Man erachtete es als selbstverständlich, sich ohne Rücksicht auf Verluste in Afrika an Ressourcen aller Art bedienen zu können. Dieses Unrecht ist das Erbe eines auf Entmenschlichung basierenden Systems und bleibt eine Herausforderung insbesondere für Kulturinstitutionen, die sich heute nach ihrem Umgang mit der Vergangenheit beurteilen lassen müssen. Zivilgesellschaftliche Organisationen setzen sich vehement, mit allmählichem Erfolg, für die Aufarbeitung und Rückführung dieses Erbes ein. Der Kopf auf dem Plakat konnte identifiziert werden: Es handelt sich um Jubi Msinga, Sultan von Ruanda, auf einem Feld posierend, mit einem freundlich-interessiert schauenden Hund im Hintergrund (S. 84). Das Foto wird begleitet von einer Textpassage, in der er ohne Umschweife als manipulierbares Objekt der deutschen Kolonialmacht beschrieben wird: „So soll allmählich, ihm selbst und der Bevölkerung fast unmerklich, der Sultan nur ausführendes Organ des Residenten werden.“ (Mecklenburg 1910, S. 86).Recherche und Text: Kristina LowisVerwandte Werktexte:_Ins innerste Afrika (ID 2638396)Zitierte Literatur: _Adolf-Friedrich zu Mecklenburg: Ins innerste Afrika, Leipzig 1910Ausgewählte Quellen:_Bernhard S. Heeb, Charles Kabwete-Mulinda, Staatliche Museen zu Berlin (Hg.): Human Remains from the Former German Colony of East Africa. Recontextualization and Approaches for Restitution, Köln 2022 //Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch._Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Palmefka. Bester Butterersatz

Palmefka. Bester Butterersatz

Das Werbeplakat für einen Butterersatz namens Palmefka inszeniert ein Produkt, das auf pflanzlichen Fetten wie Palmöl oder Kokosfett basiert, und verdichtet kolonialrassistische Vorstellungen in Bildsprache und Farbwahl. Seit dem 19. Jahrhundert wurden diese Rohstoffe in großem Maßstab aus kolonisierten Regionen Afrikas, Asiens und den Amerikas nach Europa gebracht – begleitet von Landraub, Zwangsarbeit und ökologischer Zerstörung. Wie Honold und Scherpe (2004) zeigen, wurden solche Rohstoffe nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell verarbeitet: Werbung, Ausstellungen und Produktinszenierungen machten sie zu Symbolen von Exotik und Genuss, verschleierten dabei jedoch die Gewaltverhältnisse ihrer Beschaffung und Herstellung.Im Plakat wird dieses „Fremde“ ästhetisiert und konsumierbar gemacht. Die Schwarze Figur erscheint in klar dienender Haltung – körperlich unterwürfig, mit Blick und Gestus auf das Produkt ausgerichtet. Auffällig ist die stark überzeichnete Gestaltung des Gesichts: Die Lippen sind überproportional groß und in leuchtendem Rot hervorgehoben, ein visuelles Motiv, das auf karikaturhafte, entmenschlichende Stereotype zurückgreift. Diese Überbetonung körperlicher Merkmale knüpft an Bildtraditionen an, die Schwarze Körper im westlichen Diskurs zwischen 19. und frühem 20. Jahrhundert dehumanisierten und sexualisierten.Die Farbkomposition verstärkt die koloniale Hierarchie: Der dunkle Hautton der Figur kontrastiert hart mit dem warmen Hellgoldton des Hintergrunds, der vermutlich auf die gelbliche Farbe des beworbenen Produkts anspielt. Damit wird eine visuelle Binarität geschaffen, wie sie der Literaturtheoretiker Edward Said in Orientalismus (1978) beschrieben hat: zwischen einem vermeintlich zivilisierten, überlegenen weißen Westen und einem exotisierten, untergeordneten Anderen. Werbefiguren dieser Art dienen als „visuelle Platzhalter“ für tropische Exotik, deren Wert ausschließlich in ihrer dienenden Funktion für den Konsum liegt.Wie der Psychiater, Schriftsteller und Vordenker der Dekolonialisierung Frantz Fanon betonte, ist Kolonisierung nicht möglich, ohne die Kolonisierten als „minderwertig“ zu definieren. Rassistische Darstellungen wie im Palmefka-Plakat sind Ausdruck dieser Abwertung – nicht nur in der ökonomischen Praxis, sondern auch in der visuellen und kulturellen Codierung. Solche Bilder machten koloniale Herrschaft unsichtbar und zugleich kulturell akzeptabel. Sie verankerten rassistische Hierarchien in Alltagsästhetik und verknüpften den Konsum kolonialer Waren mit imperialem Zugehörigkeitsgefühl.Das Plakat ist damit mehr als Werbung: Es ist ein Fragment einer rassistischen weißen globalen Erzählung, die über Jahrhunderte hinweg Schwarzsein durch die Brille kolonialer Macht definierte – und deren visuelle Muster bis heute nachwirken.Recherche und Text: Ibou Coulibaly DiopZitierte Literatur:_Walter Honold, Klaus R. Scherpe (Hg): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit, Stuttgart 2004_Edward W. Said: Orientalism, New York 1978_ Frantz Fanon: „Rassismus und Kultur“, in: Frantz Fanon. Schriften, Hamburg 2011, S. 715–726--Im Zuge der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts war in Europa der Bedarf an preisgünstigen Fetten stark angewachsen – etwa für die Herstellung von Seifen, Kerzen, Schmiermitteln und zunehmend auch von Nahrungsmitteln wie Margarine. Weil tierische Fette wie Butter oder Rindertalg teuer und knapp waren, suchte die Industrie vermehrt nach pflanzlichen Alternativen. Hier konnte der massenhafte neue Bedarf nicht über heimischen Anbau abgedeckt werden, daher wurden Palmöl aus Westafrika und Kokosöl aus Südostasien und dem Pazifik zu zentralen Import-Rohstoffen. Europäische Kolonialmächte eigneten sich Anbaugebiete an, förderten Monokulturen und setzten Zwangsarbeit ein, um die steigende Nachfrage zu bedienen. Die dadurch letztendlich billigeren pflanzliche Fette verdrängten vielerorts traditionelle Milchfette und wurden zu einem Symbol für industrielle Modernisierung. Neue Marken für Margarinen, Koch- und Backfette aus Palmöl schossen wie Pilze aus dem Boden, mit Namen wie Palmin, Palmona oder Palmefka. Die Werbung für solche Produkte zeigte entweder glücklich wohlgenährte und kulinarisch versierte Weiße (Kinder, Köche, Hausfrauen) oder rassistische Darstellungen von Kolonisierten – wie im Fall dieses herbeieilenden Dieners im Plakat für Palmefka Butterersatz. Die extraktive Logik der Fettproduktion in kolonisierten Regionen trug wesentlich zur ökonomischen Ausbeutung, ökologischen Zerstörung und sozialen Umstrukturierung in den betroffenen Gebieten bei. Die globalen Fettmärkte des 19. Jahrhunderts, die im Kontext von Kolonialisierung und Industrialisierung der Lebensmittelindustrie entstanden, wirken bis heute weiter: Es ist frappierend, wie viele Lebensmittel in europäischen Supermärkten aktuell noch immer mit Palmöl hergestellt sind, und der Kampf gegen Tropenrodung und Raubbau ist bei weitem noch nicht gewonnen.Text und Recherche: Christina ThomsonVerwandte Werktexte:_Palmefka. Feinste Pflanzenbutter-Margarine (ID 2715390)_Indische Blumenseife (ID 2645455)Weiterführende Quellen:_Heike Biermann: „Pflanzenöl und Kolonialismus. Die Palmölproduktion in Westafrika im 19. Jahrhundert“, in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 55, Nr. 2 (2007), S. 72–89//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Pla-katen wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch._Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/