Logo

Weinkännchen

Ident. Nr.: 1901,33

ObjID: obj:1871665

Details (expert)

Dating
1. Viertel 16. Jahrhundert
Geographical references
Dimensions
Objektmaß: 9,8 x 6,7 x 4,1 cm

Object Description

Die beiden zusammengehörigen Messkännchen Inv. Nr. 1901,32 und 1901,33 zählen zu dem vor allem nördlich der Alpen verbreiteten Typ ohne Fuß und Ausgussröhrchen. An den von Zinnenrändern eingefassten und mit Blütenornamenten verzierten Deckeln erscheinen oberhalb der Scharniere Engelfiguren mit den Buchstaben V (für lat. Vinum = Wein) bei diesem und A (für lat. Aqua = Wasser) bei dem anderen Kännchen als Deckelheber. Der Engel mit dem V scheint eine spätere Ergänzung zu sein, jedenfalls unterscheidet er sich in vielen Details von seinem Pendant.
Die siebenseitig gebildeten Gefäßkörper werden durch aufgelötete zierliche Kreuzblumenfriese jeweils in zwei Zonen geteilt. Die sich aus dieser Gliederung ergebenden 14 Wandungsfelder eines jeden Kännchens sind alternierend mit Schriftbändern und verschiedenen Maßwerkformen verziert. Sehr ähnliche gravierte Ornamente finden sich am Fuß eines 1516 datierten Kelches aus der Kirche von Mehlsack in Ermland im Museum für Angewandte Kunst Köln.
Die Leserichtung der Schriftbänder variiert, am Weinkännchen verläuft sie in beiden Registern am Henkel beginnend im Uhrzeigersinn, während sie am Wasserkännchen nur unten auf diese Weise, oben dagegen entgegengesetzt erscheint. Am Weinkännchen lautet die Inschrift oben A/V/E // M/AR[i]//A / HIL/F und unten S/A/R/H // BAR//BA/R/A, am Wasserkännchen beginnt der Text unten mit SA/N//C/T/A // BA und geht oben weiter mit A/R/B/R//A / H/[il]F. Im Schlusswort sind die drei letzten Buchstaben ligiert. Die Bedeutung der eindeutig lesbaren Zeichenfolge SARH (für SANCTA?) im unteren Register des Weinkännchens bleibt unklar. Die Nennung der hl. Barbara auf beiden Messkännchen verweist darauf, dass die Gefäße vermutlich zur Nutzung für die Messfeier an einem Altar mit dem Patrozinium dieser populären Heiligen bestimmt waren.
Nach katholischem Ritus muss dem Messwein Wasser beigemischt werden. Dafür ist im Laufe des Mittelalters mit den stets paarweise auftretenden Messkännchen eine spezielle Form liturgischen Geräts entstanden, dessen Benutzung jedoch erst durch das Missale Pius V. (Pont. 1566–1572) verbindlich geregelt wurde. In Ableitung vom lateinischen Begriff Ampulla werden die Messkännchen im deutschen Sprachraum häufig auch als Pollen bezeichnet. LL

Last updated: 15.12.2025

Contact

Institution:

Kunstgewerbemuseum

Additional items from the collections

Pokal mit Genien und Schraubfuß

Pokal mit Genien und Schraubfuß

Pokal aus farblosem Glas, der Fuß ist separat gefertigt und kann mittels eines tiefgeschnittenen Gewindes in den massiven Schaft eingeschraubt werden. Er ist am Fußrand mit umlaufenden Bögen in Schälschliff sowie einem versenkten und mattierten Spitzblattdekor verziert. Der Baluster des Massivschafts trägt einen Rundbogenfries, der Ansatz der becherförmigen, hohen Kuppa wiederholt den Spitzblattdekor, am Mündungsrand finden sich erneut Bögen in Schälschliff. Auf der Kuppawandung ist umlaufend in Tiefschnitt ein Reigen aus musizierenden Kinderbacchanten dargestellt. Aufgrund der fortgeschrittenen Glaskrankheit des oberen Pokalteils sind sie trotz des tief reliefierten Schnitts nur bei genauer Betrachtung erkennbar, feine Details wie die Gesichtszüge und dekorative Blumen oder Früchte verschwinden nahezu in dem Weiß. Ein Teil des Gewindes am Schaftende ist bereits weggebrochen. Der Fuß weist lediglich beginnende Zeichen der Glaskrankheit auf. Die Kombination aus Sujet und Dekorelementen auf dem Pokal spricht für eine Zuschreibung an die Werkstatt Gottfried Spillers (um 1663–vor 1728) und dürfte in die frühen Jahre des 18. Jahrhunderts datieren. Pokale aus zwei verschraubten Teilen gehören zu den seltensten Erzeugnissen der barocken Glaskunst. Man nimmt einerseits an, dass sie wegen ihrer raumsparenden Transportmöglichkeit geschätzt waren. Zum anderen rief sicherlich die technische Virtuosität ihrer Herstellung Bewunderung und Anerkennung hervor und brachte dem Eigentümer Prestige. Dieser Pokal ist der einzig überlieferte, der zweifelsfrei der Potsdamer Glashütte zugeschrieben werden kann. Ungewöhnlich ist hier, dass die Verschraubung nicht direkt unterhalb der Kuppa, sondern am Fuß positioniert ist (Dank an Wieland Kramer für diesen freundlichen Hinweis): Es ist gut denkbar, dass der Fuß nachträglich ergänzt wurde, indem einem Pokal mit Steckverbindung – ähnlich einem anderen Pokal im Bestand des KGM (Inv.-Nr. O-1964,46) – ein Gewinde eingeschliffen wurde. [Verena Wasmuth]MAKR