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Lederkästchen aus dem Schatz des Stiftes St. Dionysius zu Enger/Herford

Ident. Nr.: 1888,646

ObjID: obj:1872326

Details (expert)

Date(s)
Anfang 15. Jahrhundert
Geographical references
Entstehungsort stilistisch: Deutschland
Dimensions
Objektmaß: 7,9 x 21 x 16,5 cm

Object Description

Der kleine Holzkasten ist innen mit einem stückgefärbten blauen Leinwandgewebe und an allen Außenseiten, auch am Boden, mit gepresstem Leder bezogen. Seine Kanten sind mit gewinkelten Messingblechstreifen beschlagen, um deren regelmäßig angeordneten Befestigungsnägel kreisförmigPunktpunzierungen angelegt sind. Drei Scharnierbänder, die in schmale Stäbe mit quadratischen Rosetten übergehen, verbinden den flachen Deckel mit dem Unterteil des Kastens. Die beiden äußerenDeckelbeschläge besitzen dagegen keine Scharnierfunktion. Die vordere und die seitlichen Wandungen des Kastens sind durch je zwei schmale Rosettenstäbe gegliedert; gleichartige Elemente sind gebogen auch als Eckbeschläge verwendet worden. An der Vorderseite befindet sich vor dem versenkt montierten Schloss ein rechteckiger Schildbeschlag mit gezahntem Rand und einer schlichten gravierten Rahmung. Als Handhabe ist am Kastendeckel ein länglich gebogener Griff befestigt.
Die Lage der Metallbeschläge nimmt Rücksicht auf die Gestaltung des Lederbezuges. Auf dem Deckel erscheinen in den vier Feldern auf zwei Register verteilt oben von links nach rechts ein Schriftband mit „maria“, ein geflügeltes Fabeltier, zweigartig stilisiertes Blattornament sowie ein Schriftband mit „yhesus“. Darunter sind von links nach rechts ein Fabeltier mit anthropomorphem Oberkörper, ein Bogenschütze, eine Dame mit einem Gefäß in der Rechten sowie ein Drache dargestellt. An den seitlichen Wandungen finden sich, an der Vorderseite links beginnend, folgende Darstellungen: ein Vogel, ein gewandeter Drache, Blattwerk und ein Hund der vom Drachen verschlungen wird. An der rechten Schmalseite folgen Felder mit Blattwerk, einer Krone und erneut mit Blattwerk, während an der Rückseite von links beginnend ein Vogel Strauß, zwei Felder mit Kronen sowie ein Hund und an der linken Schmalseite wieder ein Vogel Strauß, eine Krone und Blattwerk erscheinen. Unter diesen Darstellungen umläuft den Kasten folgende, an der Vorderseite links beginnende Inschrift: „moch/teyk // myn/en will/len h//an yk / wold/e dem/e keis//er sin ri/kelan“ (Könnte ich meinen Willen haben, ich wollte dem Kaiser sein Reich lassen). Dabei handelt es sich um ein Zitat aus der zwischen 1215 und 1230 entstandenen und bis in die frühe Neuzeit hinein sehr populären Spruchdichtung Freidanks Bescheidenheit (Grimm/Bezzenberger 73,20).
Der Text sowie das zentrale Figurenpaar des Bogenschützen und der Dame auf dem Deckel verweisen auf eine ursprünglich profane Zweckbestimmung dieses zu unbekannter Zeit in den Herforder Kirchenschatz gelangten Kästchens. LL

Last updated: 30.07.2026

Contact

Institution:

Kunstgewerbemuseum

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Drehleierspieler

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Stehende männliche Figur auf einer Plinthe mit abgeschrägten Ecken. Der bärtige Mann trägt einen Hut, einen blauen Umhang, einen grauen Wams, dunkelrote Kniebundhosen und Schnallenschuhe. Er spielt eine Drehleier, die er mit dem linken, leicht angewinkelten Bein stützt. // Der Künstler, Georges Pull, war Naturforscher und Keramiker. Er war fasziniert von den Arbeiten des französischen Keramikers Bernard Palissy (1510-1589/90), dessen Werke sich im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreuten und auch gefälscht wurden. Pull hingegen hat die Werke Palissys nachempfunden und technisch noch übertroffen, er hat sie nicht einfach kopiert und hatte auch keine fälscherischen Absichten. Er signierte seine Keramiken mit dem Stempel "PULL", was auch bei dem Drehleierspieler der Fall ist. Die Figur ist eine vergrößerte Kopie der Statuette "joueur de vielle", die im 19. Jahrhundert als Arbeit von Palissy galt und von der sich mehrere Ausformungen im Pariser Louvre befinden. Heute gilt die Statuette als anonyme Arbeit des frühen 17. Jahrhunderts aus der Region um Fontainebleau, Paris, Avon, siehe https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010114355Barbara Mundt schreibt in ihrem 1973 erschienenen Katalog des Berliner Kunstgewerbemuseums zum Historismus: "Pulls erklärtes Leitbild war das keramische Werk Palissys, wobei sein Interesse sich auf die Farbglasuren konzentrierte. Intensive Studien in den Sammlungen des Louvre gingen Hand in Hand mit wissenschaftlichen Experimenten. Es gelang Pull schließlich, dünnere, höher brennbare und damit härtere sowie glanzvollere Glasuren mit einer größeren Zahl von Farben hervorzubringen als sein großes Vorbild." (zu Kat. Nr. 199).ClKa