Palmin zum Kochen, Braten, Backen. Palmona als Brotaufstrich
Ident. Nr.: 2785461
ObjID: obj:2785461
Details (expert)
- Involved
- Dating
- 1911
- Geographical references
- Material / Technique
- —
- Dimensions
- Höhe x Breite: 79,8 x 54,7 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/2785461
Object Description
Im Zuge der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts war in Europa der Bedarf an preisgünstigen Fetten stark angewachsen – etwa für die Herstellung von Seifen, Kerzen, Schmiermitteln und zunehmend auch von Nahrungsmitteln wie Margarine. Weil tierische Fette wie Butter oder Rindertalg teuer und knapp waren, suchte die Industrie vermehrt nach pflanzlichen Alternativen. Hier konnte der massenhafte neue Bedarf nicht über heimischen Anbau abgedeckt werden, daher wurden Palmöl aus Westafrika und Kokosöl aus Südostasien und dem Pazifik zu zentralen Import-Rohstoffen. Europäische Kolonialmächte eigneten sich Anbaugebiete an, förderten Monokulturen und setzten Zwangsarbeit ein, um die steigende Nachfrage zu bedienen. Die dadurch letztendlich billigeren pflanzliche Fette verdrängten vielerorts traditionelle Milchfette und wurden zu einem Symbol für industrielle Modernisierung. Neue Marken für Margarinen, Koch- und Backfette aus Palmöl schossen wie Pilze aus dem Boden, mit Namen wie Palmin, Palmona oder Palmefka. Die Werbung für solche Produkte zeigte entweder glücklich wohlgenährte und kulinarisch versierte Weiße (Kinder, Köche, Hausfrauen) oder rassistische Darstellungen von Kolonisierten – wie im Fall des herbeieilenden Dieners im Plakat für Palmefka Butterersatz (ID 1420084). Die extraktive Logik der Fettproduktion in kolonisierten Regionen trug wesentlich zur ökonomischen Ausbeutung, ökologischen Zerstörung und sozialen Umstrukturierung in den betroffenen Gebieten bei. Die globalen Fettmärkte des 19. Jahrhunderts, die im Kontext von Kolonialisierung und Industrialisierung der Lebensmittelindustrie entstanden, wirken bis heute weiter: Es ist frappierend, wie viele Lebensmittel in europäischen Supermärkten aktuell noch immer mit Palmöl hergestellt sind, und der Kampf gegen Tropenrodung und Raubbau ist bei weitem noch nicht gewonnen.
Text und Recherche: Christina Thomson
Weiterführende Quellen:
_Heike Biermann: „Pflanzenöl und Kolonialismus. Die Palmölproduktion in Westafrika im 19. Jahrhundert“, in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 55, Nr. 2 (2007), S. 72–89
_____
Fette – ob Palmöl, Kokosfett oder andere importierte pflanzliche Öle – sind nicht nur Nahrungsmittel, sondern Teil einer globalen Geschichte der Ausbeutung. Seit dem 19. Jahrhundert wurden sie in großem Maßstab aus kolonisierten Gebieten in Afrika, Asien und Lateinamerika in den europäischen Markt eingespeist. Der Anbau und die Gewinnung dieser Rohstoffe standen und stehen in einem System aus Landraub, Zwangsarbeit und ökologischer Zerstörung. Die kolonialen Handelsnetze, die diese Fette transportierten, waren nicht nur ökonomische Infrastrukturen, sondern auch kulturelle Systeme, die das „Fremde“ in konsumierbare Form brachten.
Wie Honold und Scherpe in ihrem Buch „Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit“ (2004) zeigen, wurden Rohstoffe aus kolonialen Gebieten kulturell überformt: Sie erschienen in Werbung, Ausstellungen und Produktinszenierungen als Symbole von Exotik und Genuss. Diese Bildwelten verschleierten die Gewaltverhältnisse der Produktion und normalisierten die Idee, dass die Ressourcen des Globalen Südens selbstverständlich dem Konsum des Globalen Nordens dienten.
Die kolonial durchdrungene Konstruktion eines „Orients“ spielte dabei eine zentrale Rolle als Fantasietopos: geografisch nicht real, aber im westlichen Diskurs als exotistisches, zumeist arabisch-muslimisch geprägtes Gegenbild zum (geografisch ebenfalls nicht realen) „Okzident“ konstruiert. Werbung griff diese Projektionen auf, verdichtete sie zu grafischen Kurzformeln und speiste sie ins öffentliche Bewusstsein ein. Wie der Literaturtheoretiker Edward Said in seinem Grundlagenwerk Orientalismus (1978) zeigt, beruhte dieses Bild auf binären Gegensätzen – „Zentrum/Peripherie“, „Zivilisation/Barbarei“ – und auf einer vermeintlichen christlich, weiß und männlich konnotierten kulturellen Überlegenheit (Arndt 2011). Solche normalisierenden Darstellungen machten koloniale Herrschaft unsichtbar und zugleich kulturell akzeptabel. Sie trugen dazu bei, ein Zugehörigkeitsgefühl zum imperialen Projekt zu stiften und rassistische Hierarchien zu verfestigen. Auf dieser Skala wurde der „Orient“ zwischen dem vermeintlich überlegenen „Westen“ am oberen und „Afrika“ am unteren Ende verortet (Wernsing/Geulen/Vogel 2019).
Die Geschichte der Fette ist damit ein Beispiel für Kolonialität: das Fortwirken kolonialer Denkmuster, Machtverhältnisse und Ausbeutungsstrukturen lange nach dem offiziellen Ende der europäischen Kolonialherrschaft. Konsumgüter, Werbebilder und Alltagsrhetorik schreiben diese Ordnungen fort – und machen es notwendig, sie kritisch zu hinterfragen.
Recherche und Text: Ibou Coulibaly Diop
Verwandte Werktexte:
_ Palmefka Butterersatz (ID 1420084)
_Indische Blumenseife (ID 2645455)
Zitierte Literatur:
_Walter Honold, Klaus R. Scherpe (Hg): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit, Stuttgart 2004
_Susan Arndt: Rassismus. Die 101 wichtigsten Fragen, München 2011
_Edward W. Said: Orientalism, New York 1978
_Ulrich Wernsing, Christian Geulen, Christine Vogel (Hg.): Postkoloniale historische Komparatistik, Frankfurt am Main 2019
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Pla-katen wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Last updated: 03.07.2026
Contact
Institution:
Kunstbibliothek
Email:
kb@smb.spk-berlin.de