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Die Madonna mit der heiligen Barbara und dem Kartäuser Jan Vos / Exeter-Madonna

Ident. Nr.: 523B

ObjID: obj:862730

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Petrus Christus (um 1410/20 - um 1475),
Maler*in
Bestellung: Jan de Vos (15. Jahrhundert),
Dargestellt
Date(s)
Ausführung: 1445–1460
Systematics/Type
Additional titles
Die Madonna mit der heiligen Barbara und dem Kartäuser Jan Vos / Exeter-Madonna
Die Madonna mit der heiligen Barbara und dem Kartäuser Jan Vos
Exeter-Madonna
Translation: The Madonna with Saint Barbara and the Carthusian Jan Vos (so-called Exeter Madonna)
Geographical references
Herstellungsort: Brügge,
Stadt
Material / Technique
Eichenholz
Dimensions
Bildmaß: 21,3 x 15,3 x 0,7 cm
Acquisition
1888/89 Ankauf auf der Versteigerung der Sammlung Marquis of Exeter

Object Description

In einer luftigen Halle, die auf einer Anhöhe hoch über der Stadt gelegen ist, zeigt sich die Jungfrau Maria mit ihrem Sohn. Vor ihr kniet ein Kartäusermönch im weißen Ordenskleid und betet zur Mutter und ihrem göttlichen Kind, das sein rechtes Händchen segnend zu dem Geistlichen ausstreckt, während er in der linken eine kristallene Weltkugel hält – das kleine, zerbrechlich wirkende Kind ist der Herr der Welt, die sich, in winzigem Maßstab, weit in die Tiefe des Hintergrunds ausdehnt.
Links der Halle steht die heilige Barbara und empfiehlt den Kartäuser der Aufmerksamkeit der Muttergottes und ihres Sohns; Barbara hält eine Märtyrerpalme in ihrer rechten Hand und fasst mit der linken ihr Attribut, einen Turm mit drei Fenstern als Zeichen der Dreifaltigkeit.

Bei dem betenden Mönch handelt es sich um Jan Vos, der in den 1430er-Jahren in Utrecht in den Kartäuserorden eintrat, dann von 1441 bis 1450 als Prior der Kartause Genadedal bei Brügge vorstand, anschließend jedoch wieder in die Kartause Nieuwlicht bei Utrecht zurückkehrte, wo er 1462 starb. Kurz nach seiner Ankunft in Genadedal hatte Vos bei Jan van Eyck in Brügge eine mittelgroße Altartafel der Madonna mit den Heiligen Barbara und Elisabeth in Auftrag gegeben. Jan van Eyck kann sie kurz vor seinem Tod im Juni 1441 vielleicht noch begonnen haben, doch wurde sie zum größten Teil von Werkstattmitarbeitern ausgeführt; das Werk ist erhalten geblieben und befindet sich heute in der Frick Collection in New York. Dieses Gemälde wurde im Jahr 1443 in Genadedal von Bischof Martin von Mayo geweiht und mit einem Ablass von 40 Tagen versehen, den man durch das Gebet zu den dargestellten Heiligen erlangen konnte. Jan Vos nahm diese heilswirksame Tafel im Jahr 1450 mit nach Utrecht, wo sie in der Kirche des Kartäuserklosters aufgestellt wurde. Etwa um dieselbe Zeit muss sich Jan Vos auch mit einem Auftrag an Petrus Christus gewandt haben. Er bestellte bei ihm das heute in Berlin befindliche kleine Gemälde, das die linke Hälfte der größeren, mit Ablass versehenen Madonnentafel frei kopiert; die Gestalt des knienden Vos stimmt in beiden sogar bis ins Detail überein. Die beiden so unterschiedlich großen Tafeln, die größere misst mit 48 × 62 cm gut das Zehnfache der Fläche des Berliner Stücks, sollten ohne Zweifel unterschiedlichen Zwecken dienen: Während die größere Tafel einen Altar schmückte und für Ablass sorgen konnte, dürfte das kleine Gemälde für den privaten Gebrauch des Jan Vos gedacht gewesen sein, denn die Kartäuser lebten zurückgezogen in ihren Zellen, in denen sie häufig kleine, für die Andacht bestimmte Bilder aufbewahrten.

Petrus Christus war nach dem Tod Jan van Eycks zum führenden Maler in Brügge aufgestiegen. In gewisser Weise pflegte er das van Eyck’sche Erbe, wenngleich er vermutlich nicht der Schüler Jans gewesen war. In Vos’ kleinem Berliner Gemälde folgte er nicht allein einem Vorbild aus dem Eyck-Atelier, sondern er nahm auch für die minutiöse Ausführung und die wunderbare Hintergrundlandschaft Maß an seinem berühmten Brügger Vorgänger. Insbesondere die Landschaft unter kühlem, hohem Himmel, die auf wenigen Quadratzentimetern den Eindruck einer gewaltigen Erstreckung vermittelt, ist eine Meisterleistung von Petrus Christus: Betrachtet man sie aus nächster Nähe, kann man die lebendigsten, kaum millimetergroßen Einzelheiten ausmachen: Eine Windmühle mit einem Esel davor, Waschfrauen, die Laken auf einer Wiese ausbreiten, Läden, Reiter, Menschen in Booten und vieles mehr. Ganz seinen eigenen Weg ging Petrus Christus zudem in der Farbgebung, die hier, wie oftmals in seinen Werken, durch den tiefen Akkord von dunklen Rotvariationen, Blau- und Grüntönen geprägt ist. Stephan Kemperdick | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019
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Appearing in an airy hall that is set on an elevation high above the town is the Virgin Mary with her son. Kneeling before her in the white dress of the order is a Carthusian monk who prays to the mother of God and the divine child, whose right hand is raised to bless the ecclesiastic, his left holding a crystal globe – this small, seemingly delicate child is the Lord of the World that stretches out – on a tiny scale – into the depths of the background behind him. Standing on the left is Saint Barbara, who recommends the Carthusian to the attention of the Mother of God and her son; Barbara holds a palm of martyrdom in her right hand, using the left to grasp her attribute, a tower with three windows that symbolise the Holy Trinity.

The praying monk is Jan Vos, who entered the Carthusian Order in Utrecht during the 1430s, and then presided as prior over the Charterhouse of Genadedal near Bruges from 1441 until 1450 before returning to the Charterhouse of Nieuwlicht near Utrecht, where he died in 1462. Following his arrival in Genadedal, Vos commissioned a medium-sized altar panel with the Madonna and Saints Barbara
and Elisabeth from Jan van Eyck in Bruges. Jan van Eyck may have begun work on the altar prior to his death in June of 1441, but it was executed for the most part by workshop assistants; the work has survived, and is found today in the Frick Collection in New York (fig. left). This panel was consecrated in Genadedal in the year 1443 by Bishop Martin of Mayo and granted an indulgence of 40 days, which could be acquired by praying to the depicted saints. Astonishingly, however, Jan Vos
took the salvific panel along when he returned to Utrecht in 1450, where it was set up in the church of the Carthusian monastery, just as it had been earlier in Bruges. Jan Vos must have turned to Petrus Christus with a commission around the same time. From Christus, he ordered the small painting now found in Berlin, which freely copies the left half of the larger panel of the Madonna, which granted indulgences; the kneeling figures of Vos correspond very closely, even down to details. These two
panels, so different in size (the larger, which measures 48 × 62 cm, is approximately
10 times larger than the Berlin panel), doubtless served very different purposes: while the larger panel may have decorated an altar and provided indulgences, the small painting must have been intended for the private use of Jan Vos himself, for the Carthusians lived in seclusion in their cells, where they often kept small images intended for private devotion.

After the death of Jan van Eyck, Petrus Christus attained the status of the leading painter in Bruges. Although he is not regarded as a probable student of Jan’s, he did in a sense preserve van Eyck’s legacy. In Vos’s little painting now in Berlin, he did not simply rely upon the model created in Eyck’s studio, but also vied with his celebrated predecessor in Bruges with respect to the minutely detailed execution and marvellous background landscape. In particular, the landscape – set beneath
a cool, open sky, which conveys an impression of enormous expansiveness in just a few square centimetres – represents a tour de force by Petrus Christus: a view at close range reveals the almost lifelike vignettes, none more than millimetres in size: a windmill with a donkey standing in front of it; washerwomen spreading out linen on a meadow; shops; horsemen; people in boats; and much more besides. With regard to the colour too, Petrus Christus travelled his own path; here, as so often in his works, the palette is characterised by a deep chord of dark red variations and blue and green tones. Stephan Kemperdick | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Last updated: 30.06.2026

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Institution:

Gemäldegalerie

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Maria mit dem segnenden Kind und den Heiligen Hieronymus und Franziskus

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"Entstanden im Anschluß an die Madonna Solly (Kat.Nr. 141) in Perugia unter dem Einfluß Peruginos und Pintoricchios [...]. Den Typus dieses Dreifigurenbildes, eines Halbfigurigenbildes der Madonna mit flankierenden Heiligen, deren Köpfe über ihrer Schulterkontur sichtbar werden, hat Raffael von Perugino übernommen, (vgl. sein Bild im Louvre, Paris von 1493). Der Typus bildet in Raffaels malerischen Oeuvre eine Ausnahme. Das Bild fällt in jene Phase (1500-03), in der Raffael sich von der Kunst Pinturicchios berührt zeigte, vor allem von dessen Hauptwerk in Perugia, dem Altarbild von S. Maria dei Fossi (1495-98): die Neigung des Madonnenkopfes, seine Drehung ins Profil, eine gewisse zuspitzende Artikulierung der Gesichtszüge und die eher flächige Anlage der Komposition sind pintoricchesk. - Eine Federzeichnung aus der Werkstatt Peruginos (Wien, Albertina, Sc. R. 97), die früher auch Pintoricchio und Raffael selber zugeschrieben wurde, zeigt die gleiche Komposition etwas variiert. Eine Vorzeichnung Raffaels für den Kopf des Hieronymus befindet sich in Lille (Musée Wicar). - Eine Wiederholung (ehemals (?) New York, Slg. Warburg [seit 1959, Cambridge, Mass., Fogg Art Museum, 1959.36: Originalmalerei fast komplett verloren gegangen] ) wurde von Longhi als originale Zweitfassung angesehen." Weitere alte Kopien in Knole, Kent, Slg. Lord Sackville und Florenz, Palazzo Pitti, 18.10.1989, Nr. 536. (Schleier 1975 mit Ergänzungen von Contini 2019).

David mit dem Haupt Goliaths

David mit dem Haupt Goliaths

Gentileschi war sicher der bedeutendste und selbständigste unter den von Caravaggio beeinflußten Malern in Rom. Bis 1600 war sein Stil dem römischen Spät manierismus verhaftet gewesen. Erst in dem Jahrfünft 1600/05 wird Caravaggios Einfluß allmählich spürbar und erreicht in den Jahren 1606 bis 1615 den Höhepunkt. Aus dieser Zeit um 1610 stammt das hier besprochene Bild. Zu dem Einfluß Caravaggios und dem künstlerischen Erbe von Gentileschis toskanischer Herkunft kommt im ersten Jahrzehnt noch der Einfluß des in Rom wirkenden deutschen Malers Adam Elsheimer hinzu. Er schlug sich vor allem in den nicht sehr zahlreichen, auf Kupfer gemalten Bildern in Kabinettformat nieder und in der Betonung landschaftlicher Elemente. Zu diesen Kabinettbildern auf Kupfer gehört auch das hier besprochene Bild, das David, über das abgeschlagene Haupt Goliaths gebeugt, in tiefes Nachsinnen über seine Tat und den Tod versunken, darstellt. Im Gegensatz zu dem bis dahin geläufigen Bildtypus, in dem David das Haupt Goliaths in brutaler Aktion abtrennt, war die hier vorliegende spezifische Ausprägung des Themas eine ikonographische Neuerung. Sie geht auf Caravaggio zurück, auf sein Bild in der Galleria Borghese in Rom. Dort hält David das gerade mit dem Schwert abgetrennte Haupt, aus dem das Leben noch nicht ganz entwichen scheint, dem Betrachter entgegen, mit einem Blick, in dem Abscheu und Trauer gemischt sind. Sein gezielter Blick, der der Armbewegung folgt, ist bei Gentileschi dem Ausdruck der Nachdenklichkeit gewichen. Das Gesicht ist aus der fast reinen Frontalansicht Caravaggios ins reine Profil gewendet. Im Gegensatz zu Caravaggio liebte es Gentileschi, eigenhändige Repliken und Varianten seiner Kompositionen zu malen. So ist die kleine Kupfertafel in Berlin eine Variante des großformatigen Bildes mit lebensgroßer Figur in der Galleria Spada in Rom. Dort ist David nur bis etwas unterhalb der Kniehöhe dargestellt. Der Landschaftsgrund ist völlig anders gestaltet: Die dunkle Kulisse rechts, die als Folie für die Figur dient, besteht nicht aus einer Grotte von schroffem Felsgestein, sondern aus dunklem Waldesdickicht mit zwei aufschimmernden Baumstämmen und dichtem Blattwerk, das sich nach links zum Himmel lichtet. Man hat in Analogie zum Berliner Bild angenommen, daß das Gemälde in Rom unten beschnitten sei. Das ist aber offenbar nicht der Fall. Gentileschi hatte ursprünglich das Bildformat sogar noch enger gefaßt, wie der Aufbau der Leinwand zeigt, die aus einem zentralen Leinwandstück und ringsum angestückten Streifen in anderer Leinwandstruktur besteht. Ursprünglich ruhte der Kopf Goliaths auf dem unteren Bildrand. Der Blick Davids auf das Haupt Goliaths war bei dieser Urfassung auf dem zentralen Leinwandstück noch gegeben, wurde bei Anbringung der Anstückungen bereits ab geschwächt und ging in der Berliner Kupfertafel ganz verloren. Erst hier hat Gentileschi die Gestalt zur stehenden Ganzfigur vervollständigt. Er korrigierte die Haltung der Figur, indem er die Beine näher zusammenrückte und die Figur insgesamt fast unmerklich schlanker machte. Außerdem veränderte er die Perspektive: Der Horizont wurde tiefer herabgezogen. Er gab der Figur nun einen ganz neuen Hintergrund aus jenem schroff-splittrigen, schiefrigen, in kaltem Grau gehaltenen Gestein, wie er es darzustellen liebte. Er veränderte die Position des Goliathhauptes, das nun mit dem Gesicht nach unten flach auf der Felsplatte aufliegt, auf die er seinen Fuß stellt. Davor liegt seine Schleuder, die im römischen Bild fehlt. Erich Schleier | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________________Among the painters in Rome who were influenced by Caravaggio, Gentileschi was undoubtedly the most important and independent figure. Until 1600, he remained attached to the style of Roman late Mannerism. Only during the years 1600–05 does Caravaggio’s influence become gradually perceptible, reaching its highpoint in the period between 1606 and 1615. The present picture, produced around 1610, dates from this phase. During the first decade of the 17th century, the influence of Caravaggio and the artistic legacy of Gentileschi’s Tuscan heritage is joined by the impact of the German painter Adam Elsheimer, then working in Rome. This stimulus is reflected in the not especially numerous pictures in cabinet format painted on copper, and in the emphasis of landscape elements. Among these cabinet pictures on copper is the present work, the David, who is depicted bending down over the severed head of Goliath, deeply immersed in reflection on his deed, and of death. In contrast to the pictorial type familiar up to this time, which shows David in the act of brutally decapitating Goliath, this version of the theme was iconographically innovative. It can be traced back to Caravaggio’s painting in the Galleria Borghese in Rome. There, David holds the head he has just severed with his sword, from which the life seems not yet to have drained away entirely, toward the viewer, his gaze a mixture of revulsion and sadness. In Gentileschi’s picture, David’s directed gaze, which follows the movement of his arm, has yielded to a pensive expression. The face has been shifted from Caravaggio’s nearly frontal view to a pure profile. In contradistinction to Caravaggio, Gentileschi was fond of producing replicas and variants of his own compositions by his own hand. The little panel on copper in Berlin is a variant of the large-format picture, featuring life-sized figures, in the Galleria Spada in Rome. There, the David is cut off somewhat below knee height. Moreover, the landscape background is completely different: the dark backdrop on the right, serves as a foil for the figure, and consists not of a grotto with craggy solid rock, but instead of a dark wooded thicket with two luminous tree trunks and dense foliage that thins out on the left near the sky. With reference to the Berlin picture, it has been assumed that the painting in Rome was cut down below. This seems, however, not to be the case. Originally, Gentileschi framed the picture format even more narrowly, as shown by the structure of the canvas, which consists of a central piece that is surrounded by added strips having a different woven structure. Originally, the head of Goliath rested on the lower edge of the picture. In this original version on the central piece of canvas, David’s gaze still fell on the head of Goliath, but has become weakened through the additions, and was lost entirely in the copper panel in Berlin. Only here did Gentileschi complete the standing figure. He corrected the pose, shifting the legs more closely together, and making the figure of David more slender as a whole, albeit almost imperceptibly. He altered the perspective: the horizon has now been shifted downward. He gave the figure a completely different background, consisting of the type of rugged, splintered, slate stone, executed in cold grey tones, of the type he was fond of depicting. He also changed the position of Goliath’s head, which now lays facedown and level with the rock ledge on which David rests his foot. Lying in front of it is the sling, which is missing from the Roman picture. Erich Schleier | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Stillleben mit Fruchtkorb

Stillleben mit Fruchtkorb

Die Wiederentdeckung dieses über lange Zeit fast vergessenen Malers begann in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Seine Lebensdaten sind erst seit 1955 zuverlässig bekannt. Inzwischen hat die Forschung ein recht umfängliches Oeuvre an Blumen- und Früchtestilleben Balthasar van der Asts zusammengetragen.Es lässt vor allem seine maltechnische Schulung an den Werken des älteren Ambrosius Bosschaert (1573-1621) erkennen, mit dem er auch verschwägert war. In dem zeeländischen Middelburg um 1600, einer Nahtstelle zwischen flämischer und nordniederländischer Kunstauffassung, stellte die »Bosschaert-Dynastie« eine eigenständige Richtung dar, die die holländische Stillebenmalerei nachhaltig mitgeprägt hat. Balthasar van der Ast wurde in Middelburg geboren, weilte zusammen mit Bosschaert 1615 in Bergen op Zoom und trat 1619 zeitgleich mit dem älteren Roelant Saverij in Utrecht in die Lukasgilde ein. Im Dezember 1651 wurde er »aen de Oude Delft « begraben. In den Jahren ab 1632, als er in Delft arbeitete, hellte sich die Palette des Malers merklich auf. Die Gegenstände wurden gern in klaren lichten Farben, die Gründe in sanften hellen Grautönen gegeben. Aus dieser Schaffensphase stammt auch das kleine Täfelchen der Berliner Sammlung. Fast silhouettenhaft hebt sich das üppige, überbordende Arrangement von Früchten in einem flachen Flechtkorb von dem glatten, weißlichen Hintergrund ab. Das graphische Element wird noch durch die weit über die Fläche greifenden Blätter und Stiele betont, mit denen Weintrauben zwischen die schwereren Äpfel, Quitten und Pfirsiche gelegt sind. Dicht besetzt ist auch das untere Bildviertel, eine durch dunkeltonige Schattenpartien als Tischplatte gedachte Fläche. Zwischen Feigen, einer Pflaume und zwei exotischen Muscheln links und zwei von Nage- und Fäulnisspuren entstellten Äpfeln rechts liegt ein makelloser Zweig Kirschen. Bis in die Ecken hinein ist die gesamte Bildfläche angefüllt, jede Einzelheit in direkter Nahsicht wiedergegeben, wobei ein wohldurchdachtes Zusammenspiel von symmetrisch-statischem Aufbau des Ganzen und lebendiger Ausführung im Detail herrscht. Schmetterlinge, Mücken, Libellen, kleine Raupen, ein Salamander mit geringeltem Schwanz und eine große Fliege bewegen sich zwischen den Früchten, einem natürlichen Mikrokosmos zugehörig, in dem Frische und Verderblichkeit dicht beieinander liegen. Erst die Malergeneration, der Balthasar van der Ast angehört, widmete sich eingehend der Darstellung einzelner Objekte und fand den ästhetischen Reiz in einer mikroskopisch genauen Wiedergabe der farblichen und stofflichen Besonderheiten. Mit geradezu penibler Genauigkeit sind die Schadstellen auf den Äpfeln, ist ein Safttropfen auf der Haut der Quitte im Korb auf dem Berliner Bild festgehalten. Aufgrund dieser überzeugend lebendigen Inszenierung fungiert die auf der Quitte sitzende Fliege nun als überzeugendes „trompe-l'œil“ (Augentrug). Zugleich drückt sich in derartig getreuen Stillebendetails aber auch ein zu dieser Zeit aufkommendes, ausgeprägtes Interesse an den naturwissenschaftlichen Beobachtungen aus. Irene Geismeier und Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019___________________________________________________________The rediscovery of this artist, who had long been almost forgotten, began in the 1930s. His dates of birth and death have been reliably known only since 1955. Since then, research has brought to light a most extensive oeuvre of flower and fruit stilllifes by Balthasar van der Ast.In his training in the techniques of painting, the works of Ambrosius Bosschaert the Elder (1573–1621), his relative by marriage, are evident. In Middelburg in Zeeland around 1600, an interface between Flemish and northern Dutch tendencies in art, the “Bosschaert dynasty” constituted an independent current that had a lasting influence on Dutch still-life painting. Balthasar van der Ast was born in Middelburg, was with Bosschaert in Bergen op Zoom in 1615, and entered the Guild of Saint Luke at the same time as the older Roelant Savery in Utrecht in 1619. In December 1651, he was buried “at the Old Delft”. In the years from 1632, when he was working in Delft, his palette became noticeably brighter. He liked to reproduce objects in clear, radiant colours, and the ground in gentle, pale grey tones.The small panel in the Berlin collection dates from this period of his work. Almost like a silhouette, the lavish, luxuriant arrangement of fruits in a shallow woven basket is set off against the smooth, whitish background. This graphic character is underlined by the way that the leaves and stems, with which grapes have been laid between heavier apples, quinces and peaches, extend far across the surface. The bottom quarter of the picture, with a tabletop rendered through dark patches of shadow, is also plentifully filled. Between figs, a plum and two exotic shells on the left, and apples disfigured by traces of gnawing and mould on the right, lies an immaculate twig of cherries. The whole surface of the painting is filled right into the corners, and every detail is depicted in direct close-up, with a well thought-out interplay between symmetrical, static composition of the whole and a lively execution of detail. Butterflies, midges, dragonflies, small caterpillars, a salamander with a ring-striped tail and a large fly move between the fruits, part of a natural microcosm in which freshness and decay are in close juxtaposition.The generation of painters to which Balthasar van der Ast belonged was the first to devote itself thoroughly to the depiction of individual objects and to find the aesthetic attraction of microscopically exact representation of qualities of colour and material. With positively meticulous accuracy, the damaged spots on the apples and a drop of juice on the skin of the quince in the basket have been captured on the Berlin painting. Thanks to this convincingly life-like setting of the scene, the fly perched on the quince acts as an entirely plausible trompe-l’oeil (illusion). At the same time, such faithful details in still-life also express the marked interest in scientific observation of nature that emerged in this period. Irene Geismeier und Katja Kleinert | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019