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Dudelsackpfeifer

Ident. Nr.: M 47

ObjID: obj:862853

Credit: Eigentum des Kaiser Friedrich Museumsvereins

Details (expert)

Creator/Entity
frühere Zuschreibung: Ferdinando Tacca (1619),
Bildhauer*in
nach: Giambologna (1541-1608)
frühere Zuschreibung: Valerio di Simone Cioli (1529),
Bildhauer*in
Date(s)
Datierung: 1601/1700
Systematics/Type
Geographical references
Entstehungsort stilistisch: Italien,
Land
Material / Technique
Bronze
Dimensions
Höhe x Breite x Tiefe: 22 x 7 x 7 cm

Object Description

Giovanfrancesco Susini (c. 1585–1653) zugeschrieben
Florenz, frühes 17. Jahrhundert
Bronze, H. 22 cm
1905 aus dem Münchner Kunsthandel erworben, gemeinsam mit drei weiteren Kleinbronzen aus dem Umkreis Giambolognas

Mit beiden Händen umfasst der junge Mann die Spielpfeife seines Dudelsacks, dessen aufgeblähten Windsack er unter den linken Arm geklemmt hält. Die nahezu frontal aufgefasste Gestalt steht mit leicht auseinandergesetzten Füßen fest auf dem Boden. Über den Beinkleidern trägt sie eine weite, bis über die Hüften reichende Jacke; weiche Stiefel und eine eng anliegende Kopfbedeckung vervollständigen die bewusst einfache Tracht. Instrument, Arme und Oberkörper schließen sich zu einer kompakten Einheit zusammen. Zugleich verleihen das schmale, wenig idealisierte Gesicht, der leicht zur Seite gewendete Kopf und die sorgfältige Charakterisierung von Kleidung und Instrument dem anonymen Musikanten eine bemerkenswerte Individualität.

Die Bronze wurde 1905 gemeinsam mit drei weiteren Kleinplastiken aus dem Umkreis Giambolognas im Münchner Kunsthandel für die Berliner Sammlung erworben und zunächst dem großen Florentiner Hofbildhauer selbst zugeschrieben. Diese Bestimmung wurde von Elisabeth Dhanens verworfen. Charles Avery erkannte weiterhin eine deutliche Nähe zu Giambolognas Formensprache, schlug jedoch vor, die Komposition eher mit der Werkstatt Giovanfrancesco Susinis zu verbinden. Für den seltenen Typus des stehenden Dudelsackspielers führte die Forschung drei Güsse an: das Berliner Exemplar, eine Fassung im Williams College Museum of Art in Massachusetts sowie eine ehemals in der Sammlung Michael Hall befindliche Bronze. Avery und Hall behandelten den Typus 1999 erneut. Ein weiterer, 15,5 cm hoher Guss wurde jüngst im Kunsthandel ebenfalls dem Umkreis Giovanfrancesco Susinis zugeschrieben. 

In jüngerer Zeit wurde die Berliner Bronze Valerio di Simone Cioli (1529–1599) zugeschrieben; unter seinem Namen ist sie gegenwärtig auch in die Dauerausstellung integriert. Cioli gehörte zum engeren Kreis der für die Medici tätigen Florentiner Bildhauer und entwickelte ein ausgeprägtes Interesse an Figuren jenseits des klassischen und heroischen Repertoires. Bauern, Diener, Hofzwerge und andere Gestalten des alltäglichen Lebens spielen in seinem Werk eine wichtige Rolle. Seine berühmten Darstellungen von Morgante und Pietro Barbino zeigen eine vergleichbare Freude an rustikalen Themen. Auch ein lebensgroßer Dudelsackspieler im Boboli-Garten wurde traditionell mit Cioli verbunden, wenngleich diese Zuschreibung heute selbst nicht mehr als gesichert gelten kann.

Gerade die unheroische Erscheinung der Berliner Figur macht die Cioli-Zuschreibung zunächst attraktiv. An die Stelle der komplizierten Drehungen und eleganten Körperbewegungen vieler Kleinbronzen Giambolognas tritt eine nahezu blockhafte Geschlossenheit. Die feste Beinstellung, die schwere Kleidung und das individuell wirkende Gesicht lassen den Musiker weniger als manieristische Kunstfigur denn als unmittelbar beobachteten Vertreter einer ländlichen Lebenswelt erscheinen.

Überzeugender erscheint dennoch eine Einordnung in den Susini-Umkreis. Entscheidend ist zunächst die Überlieferung des konkreten Modells in mehreren Güssen. Die Vervielfältigung und Weiterführung erfolgreicher Modelle gehörte zum Kern der hoch spezialisierten Florentiner Kleinbronzeproduktion, wie sie insbesondere Antonio und später Giovanfrancesco Susini betrieben. Hinzu kommt Averys ausdrückliche Verortung gerade dieses stehenden Typus in der Werkstatt Giovanfrancesco Susinis. Für eine Entstehung bei Cioli fehlt demgegenüber bislang sowohl eine dokumentarische Grundlage als auch ein überzeugender Vergleich mit einer gesicherten Kleinbronze seiner Hand. Die Verbindung beruht wesentlich auf der allgemeinen Verwandtschaft des Sujets mit Ciolis Bauern- und Genrefiguren.

Nicht zuletzt war der Dudelsackspieler im unmittelbaren Giambologna-Susini-Umfeld ein nachweislich erfolgreiches Sujet. Allerdings muss hier zwischen zwei verschiedenen Kompositionen unterschieden werden. Neben dem Berliner stehenden Musikanten existiert der wesentlich bekanntere sitzende Dudelsackspieler, dessen Erfindung auf Giambologna zurückgeführt wird und von dem zahlreiche Güsse aus den Werkstätten Antonio und Giovanfrancesco Susinis erhalten sind (siehe auch Inv. 2242). Bereits 1601 wurde Antonio Susini eine silberne Fassung eines Dudelsackspielers überlassen, offenbar um weitere Exemplare danach anzufertigen. 1611 gehörte ein “Pastore che suona la piva” zu einer Gruppe von Kleinbronzen, die Großherzog Cosimo II. de' Medici an Henry, Prince of Wales, senden ließ. Hochwertige Güsse befinden sich unter anderem im Bargello, im Victoria and Albert Museum und im Palazzo Venezia; für eine Fassung in der Galleria Colonna ist Giovanfrancesco Susini 1630–32 sogar archivalisch belegt.

Die dokumentierte Geschichte des sitzenden Modells beweist zwar nicht, dass auch der stehende Berliner Dudelsackspieler von Giambologna erfunden oder von Susini gegossen wurde. Sie zeigt jedoch, dass sowohl das Sujet als auch die serielle Herstellung rustikaler Musikanten fest in jener Werkstatttradition verankert waren. Bemerkenswert ist dabei die in zeitgenössischen Quellen vorgenommene Unterscheidung zwischen einer Arbeit „von der Hand“ Antonio Susinis und einer solchen „von seiner Hand und eigener Erfindung“: Guss und invenzione mussten keineswegs vom selben Künstler stammen. Für das Berliner Stück bleibt daher denkbar, dass Giovanfrancesco Susini einen älteren, möglicherweise noch im Umkreis Giambolognas entstandenen Figurentypus weiterverwendete.

Dudelsackspieler waren in der europäischen Kunst der Renaissance ein verbreitetes Motiv. Das Instrument wurde mit Hirten, Bauern, ländlichem Tanz und Festkultur assoziiert und konnte mit wenigen Mitteln eine pastorale oder rustikale Lebenswelt bezeichnen. Auch in religiösen Hirtenszenen (z.B. Antonio Rossellinos Tondo in Raum 122) und gelegentlich in mythologischen Zusammenhängen begegnen Dudelsackspieler. Für die Popularisierung des selbständigen Figurentypus dürfte nicht zuletzt Albrecht Dürers berühmter Kupferstich des Dudelsackpfeifers von 1514 wichtig gewesen sein; für Giambolognas sitzenden Dudelsackspieler wurde Dürers Blatt wiederholt als mögliche Inspirationsquelle vorgeschlagen.

Für das höfische Publikum lag ein besonderer Reiz solcher Figuren gerade in ihrer sozialen Distanz zur eigenen Lebenswelt. Bauern, Hirten, Vogelsteller und Musikanten verkörperten eine vermeintlich einfache, naturverbundene Gegenwelt zum höfischen Zeremoniell. In der Kunst wurden diese „niedrigen“ Sujets jedoch in ein ausgesprochen kostbares Medium übersetzt. Der einfache Dudelsackspieler wurde als sorgfältig ziselierte Bronze zu einem Gegenstand fürstlicher Kennerschaft. Dass solche Figuren durchaus den Rang diplomatischer Geschenke erreichen konnten, belegt die 1611 nach England gesandte Gruppe mediceischer Bronzen. Der dort erwähnte Dudelsackspieler war vermutlich als Gegenstück zu einem ebenfalls genannten, auf seinen Stock gestützten Hirten gedacht.

Auch für die Berliner Bronze ist daher am ehesten ein höfischer oder anspruchsvoller privater Sammlungskontext anzunehmen. Mit 22 cm Höhe war sie für die Betrachtung aus unmittelbarer Nähe bestimmt. Solche bronzetti konnten auf Tischen, Konsolen, Kabinettschränken oder in einem Studiolo beziehungsweise einer Kunstkammer stehen, einzeln oder zusammen mit weiteren Kleinbronzen. Sie waren bewegliche Kunstwerke: Man konnte sie aufnehmen, drehen und aus wechselnden Ansichten betrachten. Für Giambolognas verwandten sitzenden Dudelsackspieler wurde sogar vermutet, dass frühe Fassungen in Edelmetall zur Montage auf einem Ebenholzkabinett bestimmt waren.

Im Berliner Dudelsackspieler treffen damit zwei scheinbar gegensätzliche Welten aufeinander. Tracht, Instrument und Haltung kennzeichnen den Dargestellten als einfachen ländlichen Musikanten; Material, technische Ausführung und ursprünglicher Gebrauch weisen die Statuette dagegen als kostbares Sammlungsobjekt aus. Gerade diese Verwandlung des Alltäglichen in ein Objekt höfischer Kunstbetrachtung dürfte einen wesentlichen Teil ihres ursprünglichen Reizes ausgemacht haben.

(Alexander Röstel, August 2026) 

Literatur (Auswahl): Charles Avery / Katherine Watson, „Medici and Stuart: a Grand Ducal Gift of ‘Giovanni Bologna’ Bronzes for Henry Prince of Wales (1612)“, in: The Burlington Magazine 115, 1973, S. 493–507; Charles Avery / Anthony Radcliffe (Hg.), Giambologna 1529–1608. Sculptor to the Medici, Ausst.-Kat. Edinburgh/London/Wien 1978–79, Kat. 139 [zum stehenden Dudelsackspieler], sowie Kat. 135–138 [zum verwandten pastoralen Figurenrepertoire]; Charles Avery, Giambologna. The Complete Sculpture, Oxford 1987; Charles Avery / Michael Hall, Giambologna. An Exhibition of Sculpture by the Master and his Followers from the Collection of Michael Hall, New York 1998/Paris 1999, Kat. 53 [stehender Dudelsackspieler]; Beatrice Paolozzi Strozzi / Dimitrios Zikos (Hg.), Giambologna. Gli dei, gli eroi. Genesi e fortuna di uno stile europeo nella scultura, Ausst.-Kat. Florenz, Museo Nazionale del Bargello, Florenz 2006, bes. Kat. 42–43; Pietro Cannata, Museo Nazionale del Palazzo di Venezia, III: Sculture in bronzo, Rom 2011, S. 77–78, Kat. 82; Alessia Sisi, „‘Di pietra un Villanel, che da lontano par vivo’: il Villano con la falce di Valerio Cioli nel giardino mediceo di Pratolino“, in: Marco Betti / Carlotta Brovadan (Hg.), Donum, Florenz 2020, S. 9–29.

 


Last updated: 21.09.2026

Contact

Institution:

Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

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