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Kreuzigungsretabel aus Soest

Ident. Nr.: 1216A

ObjID: obj:862977

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Unbekannt,
Maler*in
Date(s)
Ausführung: um 1240
Additional titles
Collection title: Kreuzigungsretabel aus Soest
Translation: Crucifixion retable from Soest
Geographical references
Westfalen,
Region
Material / Technique
Pergament auf Eichenholz
Dimensions
Bildmaß: 86 x 195,5 cm
Acquisition
1862 Erworben als Gegenleistung für die Restaurierung dreier Altäre, St. Maria zur Wiese, Soest

Object Description

In der Wiesenkirche in Soest in Westfalen wurden 1862 zwei Altaraufsätze des 13. Jahrhunderts entdeckt, die zu den Inkunabeln der deutschen Tafelmalerei zählen. Beide Tafeln sind älter als die Wiesenkirche. Sie müssen daher aus einem Vorgängerbau oder aus einer anderen Kirche dahin übertragen worden sein. Die ältere der beiden Tafeln, eines der frühesten Altarretabel Deutschlands überhaupt, ist etwa um 1240 gemalt worden. Die jüngere ist wohl zwanzig Jahre später entstanden.
Das frühere Werk ist eine breitrechteckige Tafel mit drei Bildfeldern. Das Bildprogramm behandelt die Bedeutung des Opfers Christi. Die Darstellung des Kreuzes mit dem übergroßen Leib Christi beherrscht die Mitte. Nur wenige Personen wohnen dem Ereignis bei. Links, auf der guten Seite, wohin Christus sein Haupt neigt, steht Maria mit den frommen Frauen und Johannes. Auf der rechten Seite, von der Christus sich abwendet, steht der römische Hauptmann mit seinen Soldaten und Zuschauer. Darüber, auf einer Art Brüstung, gleichsam auf einer höheren Ebene, erscheint links ein Engel mit der Ecclesia, der Verkörperung der christlichen Kirche. Mit einem Kelch fängt diese das Blut aus der Seitenwunde Christi auf und empfängt so Sakrament und Gnadenmittel der Kirche. Auf der gegenüberliegenden Seite rechts vertreibt ein Engel die Synagoge, die Personifikation des Alten Testaments, des Alten Bundes und des Judentums. Die Synagoge verliert ihre Krone zum Zeichen des Verlustes ihrer Herrschaft. Über dem Querbalken des Kreuzes öffnet sich eine weitere Sphäre, in der die Chöre der Engel schweben. Im linken Bildfeld wird Christus gefesselt vor die Hohepriester zum Verhör geführt. Kaiphas, der mit einem anderen Priester an einem Tisch sitzt, fragt ihn: »Wie lange willst Du uns noch hinhalten? Bist Du Christus, so sag es uns öffentlich. « Im Hintergrund, nur zeichenhaft angedeutet, erscheinen die Mauern und Zinnen der Stadt Jerusalem.
Das rechte Bildfeld zeigt Maria und ihre Begleiterinnen vor der Grabeshöhle, in der nur das Grablinnen zurückblieb. Ein Engel sitzt auf einem altarartigen Stein und weist mit großer Gebärde auf das leere Grab. Das bedeutet, Christus ist nicht mehr hier, er ist auferstanden. Rechts unten schlafen die römischen Grabwächter.
Das Programm wird mit dem Verhör Christi vor dem Hohepriester Kaiphas eröffnet. Christus steht von den Seinen verlassen vor seinen Anklägern. Diese Szene ist wohl als Beginn der Passion aufzufassen.
Der Kruzifixus in der mittleren Darstellung ist eingefasst von Ecclesia und Synagoge. Sieg und Aufstieg der einen und Niederlage und Abstieg der anderen bezeichnet die Bedeutung dieses heilsgeschichtlichen Ereignisses. In den Ecken der Bildfelder sind Halbfiguren von Propheten mit Schriftbändern angeordnet. Die Textstellen beziehen sich auf das Erscheinen des Messias, das mit Leben und Tod Christi erfüllt wurde. In den Propheten wie in Ecclesia und Synagoge wird so die Übereinstimmung des Alten und des Neuen Testaments sichtbar und die Fortdauer des Bundes mit Gott bestätigt. Die Schrift ist erfüllt worden.
Die Szene vor dem leeren Grab bezeugt die Auferstehung Christi von den Toten und macht die christliche Verheißung von der Überwindung des Todes anschaulich. Die einzelnen Darstellungen und ihre Elemente bilden zusammen ein sinnvolles Ganzes, das den Opfertod als zentrales Ereignis der Heilsgeschichte hervorhebt, das in der Messe am Altar immer wieder vergegenwärtigt wird.
Die äußere Form des Retabels erinnert in manchen Zügen noch an den Ursprung solcher Altarmalereien.
Im hohen Mittelalter war es üblich, die zu einem Altar gehörigen Reliquien von Heiligen in Schreinen auf der Altarmensa zur Schau zu stellen. Diese waren nicht selten von Gold und Silber, verziert mit edlen Steinen, Perlen und Emaillemalerei. Die frühen Retabel, die sie anscheinend ersetzten, übernahmen daher auch in Gestalt und Erscheinungsbild Elemente solcher Reliquienschreine. Der mehrfach geschweifte obere Umriss unseres Retabels ist vielleicht darauf zurückzuführen. Die Tafel und die Bildfelder sind von reliefierten Ornamentstreifen eingefasst, die von Werken der Goldschmiedekunst abzuleiten sind. Auch die Muldenform der runden Bildfelder, die den Glanz des Goldes besonders zur Geltung bringt, ist wohl von Goldschmiedearbeiten abhängig. Die Imitation fremder Techniken deutet darauf hin, dass wir es noch mit einem Beispiel aus der Frühzeit der Gattung Altarmalerei zu tun haben.
Stilistisch weist die Malerei Merkmale eines Übergangs auf. Manche Figuren tragen noch Gewanddraperien, wo Gegenstände oder Glieder mit parallelen Falten in Ovalen und Kreisen umschrieben werden. Diese an die ältere Entwicklung anschließenden Formen sind kurvig, weich und fließend. Andere, moderneren Prinzipien folgende Gewandbildungen zeigen kantige, kristalline, in splittrigen Brüchen aufgefächerte Formen, die aus der byzantinischen Tradition in die Malerei des 13. Jahrhunderts einflossen. Man nennt diese Formbildungen anschaulich Zackenstil. Unsere Tafel steht noch am Beginn dieser Stilphase. Die zweite, jüngere Tafel mit einer Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit – Gottvater, Sohn und Heiliger Geist – in Form eines Gnadenstuhls in der Mitte und Maria und Johannes, dem Evangelisten, als Fürbitter an den Seiten zeigt den Zackenstil in seiner reifsten Ausbildung. Alle Formen sind in eckige, spitze, kantige und scharfe Gebilde aufgelöst, die sich gegenseitig bedrängen und stoßen. Sie vermitteln den Eindruck von heftiger innererBewegung und großer Energie. Diese weitgehend abstrakte Übersteigerung der Stilelemente bezeichnet wohl eine Phase kurz vor dem Ende dieser Erscheinung um 1265/70. Wilhelm H. Köhler | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
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In 1862, two 13th-century altarpieces that count among the incunabula of German panel painting were discovered in the Wiesenkirche in Soest in Westphalia. Both panels are older than the Wiesenkirche itself and hence must have been transferred from a previous church building or from another church. The earlier of the two panels, one of the oldest altarpieces in Germany, was painted around 1240. The
other one was probably created 20 years later (fig left). The earlier work is a broad rectangular panel with three pictorial fields. Its iconography is devoted to the theme of Christ’s sacrifice. The cross with the over-dimensioned Corpus dominates the centre of the panel. Only a few people are attending
the crucifixion. Mary with the pious women and John stand on the left, the good side, towards which Christ is inclining his head. On the right, the side from which Christ is turning away, stands the Roman centurion with his soldiers and several onlookers. Above this scene, on a kind of parapet and as if at a higher level, an angel appears on the left with Ecclesia, the embodiment of the Christian Church. Ecclesia is catching the blood from the wound in Christ’s side in a chalice and is thus receiving the holy sacrament and means of grace. Opposite her on the right, an angel is driving away Synagogue, the personification of the Old Testament, the Old Covenant and Judaism. Synagogue is losing her crown, symbolising her loss of power. At the top, above the crossbar, choirs of angels can be seen floating in a still higher sphere.

The left pictorial field shows Christ, bound, being led to the high priests for interrogation. Caiaphas, who is sitting at a table with another priest, asks him: “How long are you going to keep us waiting? If you are Christ, then tell us so publicly.” In the background, the schematic outlines of the walls and towers of the City of Jerusalem can be seen. The right pictorial field shows Mary accompanied by women standing in front of the sepulchral cave where only Christ’s shroud remains. An angel is sitting on an altar-like stone gesturing towards the empty grave. Christ is no longer there, for he has risen. At bottom right, the Romans guarding the grave are asleep.

The iconography begins with the interrogation of Christ before the high priest Caiaphas. Christ stands before his accusers abandoned by those close to him. This scene should probably be interpreted as the beginning of the Passion. The crucifix in the centre is framed by Ecclesia and Synagogue. The meaning of the crucifixion in Salvation History is signified by the victory and rise of the one and the defeat and fall of the other. Half-length portraits of prophets with text scrolls are arranged in the corners of the pictorial fields. Their texts tell of the coming of the Messiah, a prophecy fulfilled by the life and death of Christ. The depictions of the prophets, like those of Ecclesia and Synagogue, illustrate the accordance between the Old and New Testaments and confirm the continuing covenant with God. The prophecy has been fulfilled. The scene before the empty grave attests to the resurrection of Christ from the dead and is a visual illustration of the Christian promise of overcoming
death. Taken together, each of the depictions and their composite elements form a meaningful whole that highlights Christ’s sacrifice as a central event in the story of redemption repeatedly recalled during mass at the altar.

The outer form of the altarpiece in some ways recalls the origins of this type of altar painting. In the High Middle Ages it was usual to display the relics of saints belonging to an altar in shrines on the altar mensa. Often these were made of gold and silver decorated with precious stones, pearls and enamel painting. In terms of shape and appearance, the early altarpieces that apparently replaced them adopted certain elements of such relic shrines. This may explain the undulating shape of
the top of the present altar.

The relief ornamental bands framing the panel and the pictorial fields were
inspired by goldsmith’s work. The same applies to the recessed shape of the round pictorial fields, which accentuates the gold sheen particularly well. The imitation of other media and techniques suggests that this is still an early example of painted altarpieces. In terms of style, the painting suggests a period of transition. Some of the figures are still wearing draped apparel, where objects and limbs are outlined in ovals and circles with parallel folds. These curvaceous, soft, flowing forms carry on an older tradition. By contrast, the depiction of other garments follows more modern principles, using angular, crystalline forms that splinter into fragments. Originating in the Byzantine tradition and influenced by the painting of the 13th century, these formations are described rather graphically as Zackenstil or jagged style.

The present panel was painted when this style was still in its infancy. The second, later panel, showing the Holy Trinity – God the Father, the Son and the Holy Spirit – in the form of the Throne of Mercy in the centre with Mary and John the Evangelist as intercessors at the sides, is a prime example of the Zackenstil. All the forms dissolve into angular, pointed, jagged and sharp entities, which crowd into
one another. They convey an impression of intense inner movement and a great deal of energy. This largely abstract heightening of the stylistic elements was probably characteristic of a phase shortly before this phenomenon came to an end around 1265/70. Wilhelm H. Köhler | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Last updated: 03.07.2026

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Institution:

Gemäldegalerie

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Bildnis der Catharina Hooft mit ihrer Amme

Bildnis der Catharina Hooft mit ihrer Amme

Das von Frans Hals um 1620 gemalte Porträt eines kleinen Mädchens stellt eine große Seltenheit innerhalb der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts dar, ist das Kind hier doch zusammen mit seiner Amme präsentiert. Zudem handelt es sich bei dem Bild um das einzige Kinderporträt von Frans Hals, das wir heute noch kennen. Dargestellt ist Catharina Hooft, die 1618 als einziges Kind ihrer Eltern in Amsterdam geboren wurde. Kurz darauf übersiedelten ihre Eltern nach Haarlem, wo ihr Vater, der Jurist Pieter Hooft ein Haus erworben hatte und wo auch das Berliner Porträt entstanden sein dürfte. Ihr Onkel war der berühmte niederländische Dichter, Historiker und Dramatiker Pieter Corneliszoon Hooft. Mit nur 17 Jahren heiratete Catharina 1635 den sehr vermögenden, 19 Jahre älteren Cornelis de Graeff, einen der einflussreichsten Regenten und mehrfachen Bürgermeister von Amsterdam, sowie Staatsmann und Diplomat von Holland und der Republik der Vereinigten Niederlande. Ihrer hervorgehobenen gesellschaftlichen Stellung entsprechend, begegnet uns Catharina 18 Jahre später standesbewusst als einer der ersten Damen des Landes zusammen mit ihrem Ehemann auf zwei lebensgroßen Pendantbildnissen des Amsterdamer Malers Nicolaes Eliasz Pickenoy.Der besondere gesellschaftliche Status des kleinen, hier präsentierten Mädchens wird schnell anhand ihrer aufwendigen Kleidung deutlich. Sie trägt ein kostbares Brokatkleid mit feinsten Spitzen, das detailgetreu wiedergegeben ist. Insbesondere die zarte Klöppelspitze wurde von Frans Hals betont, indem er die abstehenden Spitzen des Kragens und des Häubchens vor einem dunklen Hintergrund präsentiert. Deutlich zu erkennen ist auch der steife Charakter der gestärkten Spitze, die gerade vom Körper absteht und deren Enden nicht umknicken. Obgleich Mädchen und Jungen im 17. Jahrhundert erst ab dem siebten Lebensjahr geschlechtsspezifisch gekleidet wurden, lässt sich aufgrund von Kostümdetails, wie dem flachen, breiten Kragen und der leicht eckigen Form der Haube feststellen, dass es sich bei dem Kind um ein Mädchen handeln muss. Sowohl Jungen als auch Mädchen trugen die rückseitig von den Schultern herabhängenden Stoffbänder, die u.a. als Lauflernhilfe dienten und auch an dem Kleidchen der Catharina Hooft vom rückwärtigen Ärmelansatz herabfallend zu erkennen sind. Neben der sehr hochwertigen Kleidung trägt Catharina Hooft auch reichlich goldenen Schmuck mit einem Anhänger, der mittig einen großen roten Stein zeigt. In ihrer linken Hand hält sie zudem eine goldene Rassel mit kleinen Schellen. Am oberen Ende der Rassel ist ein Stück aus einem dunklen, nicht eindeutig zu definierendem Material zu erkennen. Derartige Aufsätze bestanden in der Regel aus Halbedelsteinen, Korallen oder Perlmutt und dienten als eine Art von Beißring während des Zahnens. Vermutlich wurde die hier dargestellte Rassel nach einem konkreten Vorbild gemalt und befand sich vermutlich wirklich im Besitz von Catharina Hooft. Tatsächlich ist im Nachlass ihres Sohnes, der 1709 kinderlos verstarb, „eine goldene Rassel“ mit exakter Gewichts- und Wertangabe aufgeführt, die möglicherweise von seiner Mutter stammte. Da sich eine erstaunlich große Vielfalt von Rasseln auf niederländischen Kinderporträts des 17. Jahrhunderts finden lässt, geht man heute davon aus, dass es sich in den meisten Fällen um den realen Besitz der präsentierten Kinder handelt.Im Gegensatz zu dem kleinen Mädchen, ist die dargestellte Amme ihrem Status als Bedienstete entsprechend schlicht gekleidet. Sie trägt ein altmodisches, schwarzes Kleid, eine Haube und einen einfachen Faltenkragen. Vor allem jedoch fehlen ihr, die für eine Dame obligatorischen, Manschetten an den Ärmeln. In ihrer Rechten befindet sich eine Birne, die sie empor hält und dem Kind anbietet. Ammen, deren Aufgabe ausschließlich in dem Stillen und Betreuen eines Kindes bestand, nahmen in der Regel im Hausgesinde eine hervorgehobene Stellung ein. Nur wenige Familien der Oberschicht oder des gehobenen Bürgertums konnten sich den Luxus einer Amme leisten, die damit zu einer Art von Statussymbol wurde. Im Gegensatz zu Frankreich oder England, wo viele Kinder zu einer Amme auf dem Land gegeben wurden, handelte es sich in der Republik der Vereinigten Niederlande bei den Ammen um hauseigene Bedienstete. Aufgrund der innigen Bindung zum Kind waren Bezahlung und Wertschätzung der Ammen deutlich höher, als bei anderen Bediensteten. Oftmals blieb auch nach dem Weggang der Frauen eine herzliche Beziehung zu ihnen bestehen. In Frans Hals Porträt kommen die große Vertrautheit und das innige Verhältnis von Amme und Kind, aber auch die deutlichen Standesunterschiede, die sich vor allem in der Kleidung wiederspiegeln, deutlich zum Ausdruck. Möglicherweise wurde das Doppelporträt denn auch als Erinnerungsstück beauftragt. Wie zeitgenössische Dokumente belegen, bewahrte Catharina Hooft ihr Kinderbildnis zeitlebens. Nach ihrem Tod 1691 gelangte es in den Besitz ihres Sohnes Pieter de Graeff, in dessen Nachlassinventar es als »een minne met een Kindje van Frans Hals« (eine Amme mit einem kleinen Kind von Frans Hals) auftaucht.So spontan und natürlich die Berliner Komposition erscheint: die Amme mag derart posiert haben, das einjährige Kind ganz sicher nicht. Es ist Frans Hals Kunstfertigkeit zu verdanken, dass das Bild einen so unkomplizierten, die Figuren einen so eng aufeinander bezogenen Eindruck machen, in dem die Momenthaftigkeit der Erscheinung und die lebensvolle Gegenwärtigkeit in der meisterhaft-illusionistischen Malweise festgehalten wurde.Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019______________________________________________________________________________This portrait of a little girl painted by Frans Hals in about 1620 is a great rarity in 17th-century Dutch painting, as she is presented here with her nurse, a highly unusual form of depiction. Furthermore, this painting is the only portrait of a child by Frans Hals that is known today.It represents Catharina Hooft, who was born in 1618 in Amsterdam, her parents’ only child. Shortly afterwards they moved to Haarlem, where her father, the lawyer Pieter Hooft, had bought a house, and where the Berlin portrait was presumably painted. Her uncle was the famous Dutch poet, historian and dramatist Pieter Corneliszoon Hooft. In 1635, at the age of only 17, she married a man 19 years older, the extremely wealthy Cornelis de Graeff, one of the most influential figures in then government of Amsterdam, mayor of the city several times, and also a statesman and diplomat in the service of the province of Holland and the Republic of the United Netherlands. In keeping with her elevated social status, Catharina was shown in 1636 with her husband on two life-sized matching portraits by the Amsterdam painter Nicolaes Eliasz Pickenoy, conscious of her rank as one of the leading ladiesin the country (fig. p. 241).The special social status of the small girl presented here is quickly made apparent by her elaborate clothing. She wears a precious brocade dress, reproduced in faithful detail, with the finest lace. Frans Hals particularly emphasised the bobbin lace by showing the projecting tips of the collar and the bonnet against a dark background. The stiffness of the starched lace, which stands out straight from the body without bent ends, is clearly visible. Although in the 17th century girls and boys were not given gender-specific clothes until their seventh year, it can be seen from details of the costume, for example the flat, broad collar and the slightly angular form of the bonnet, that this child must be a girl. Both girls and boys wore ribbons hanging down at the back from their shoulders, partly as an aid in learning to walk. These can be seen dangling from the top rear of the sleeve of Catharina Hooft’s little dress. In addition to her highly exclusive clothes, Catharina Hooft wears a good deal of golden jewellery, with a pendant that includes a large red stone at its centre. In her left hand, she also holds a golden rattle with small bells. At the top of the rattle is a piece of a dark material that cannot be conclusively identified. Such pieces were usually made of semi-precious stones, coral or mother of pearl, and were used as a kind of teething ring. The rattle shown here was presumably painted according to a specific original and really belonged to Catharina Hooft. Indeed, in the estate of her son, who died childless in 1709, is listed “a golden rattle” with exact details of its weight and value that may have been passed down by his mother. As an astonishing variety of rattles can be seen on Dutch children’s portraits of the 17th century, it is believed today that in most cases they actually belonged to the children portrayed.In contrast to the little girl, the nurse is clothed in accordance with her status as a servant. She wears an old-fashioned black dress, a bonnet and a plain pleated collar. Above all, she lacks the cuffs on her sleeves that were obligatory accessories for a woman. In her right hand is a pear, which she holds up and offers to the child. Nurses, whose tasks consisted exclusively in breast-feeding and looking after a child, usually had a leading position among the household servants. Only a small number of families from the upper class or the higher bourgeoisie could afford the luxury of a nurse, who thus became a kind of status symbol. In contrast to the situation in France and England, where many children were sent out to a nurse in the country, nurses were domestic staff in the Republic of the United Netherlands. In recognition of their close ties to the child, nurses enjoyed considerably higher wages and appreciation than other servants. A warm relationship to these women often remained even after they left. Frans Hals’ portrait clearly expresses the great intimacy and close relationship between nurse and child, but also the large difference in rank, which is reflected above all in their clothing. The double portrait was possibly commissioned as a souvenir piece. As shown by contemporary documents, Catharina Hooft kept the portrait from her childhood to the end of her life. After her death in 1691, it came into the possession of her son Pieter de Graeff and appears in the inventory of his estate as “een minne met een Kindje van Frans Hals” (a nurse with a small child by Frans Hals).Spontaneous and natural as the composition of the work in Berlin seems, the nurse may have posed in this way, but the one-year-old child undoubtedly did not. It is a mark of Frans Hals’ artistry that the painting makes such an uncomplicated impression, the persons portrayed an appearance of such closeness, thanks to his masterly illusionistic manner of painting that captures the momentary nature of the scene and its lifelike presence. Katja Kleinert | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Die Trauernden einer Kreuzabnahme

Die Trauernden einer Kreuzabnahme

Das in Tempera auf Leinwand gemalte Bild gehört zu den wenigen in dieser Technik ausgeführten Gemälden, den sogenannten Tüchlein, die aus dem 15. Jahrhundert erhalten sind. Der empfindliche Farbauftrag und Bildträger sowie das feuchte Klima diesseits der Alpen haben dazu beigetragen, daß die Zahl der Tüchlein gering und ihr Erhaltungszustand oft nicht sehr gut ist. Nicht nur deshalb, sondern auch wegen der halbfigurigen Kompositionsform verdient dieses von Hugo van der Goes geschaffene Werk besondere Beachtung. Dargestellt ist die Gruppe der nächsten Angehörigen Christi, die seinen Tod betrauern. Dicht gedrängt stehen sie beieinander, vereint in ihrem gemeinsamen Schmerz, dem der Künstler auf höchst subtile Weise Ausdruck verliehen hat. Im Vordergrund steht die jugendliche Gottesmutter, die ihre Hände in einer Gebärde tiefer Ergebenheit vor der Brust kreuzt und ihr gesenktes Haupt leicht zur Seite neigt. Bei ihr ist Johannes, der Lieblingsjünger Christi, der ihre Schultern berührt, sie stützt und zu trösten sucht. Lebhafter in den Äußerungen ihrer Trauer erscheint Maria Magdalena, die rechts daneben steht, ihre Hände ringt und den Kopf mit den verweinten Augen zur Seite wendet. Die Gruppe beschließen die beiden anderen Marien, Maria Salome und Maria Jacobi, von denen eine die Hände klagend emporhebt, während sich die andere die Tränen aus den Augen wischt. Den Hintergrund bilden der Hügel Golgathas und ein schmaler Streifen blauen Himmels. Die Farbigkeit des Bildes, in der einst der leuchtendrote Mantel des Johannes und das blaue Kleid Marias die Akzente setzten, wirkt heute matt und gedämpft. Die Komposition und die geschilderte Begebenheit sind unvollständig ohne den Bezugspunkt der Klage und Trauer: die Darstellung des toten Christus, die einst das Gegenstück zu unserem Tüchlein gebildet hat. Die Kopien der beiden Kompositionen, insbesondere die bemerkenswerte Neufassung des Werkes durch Hans Memling (Granada, Capilla Real), vermitteln eine gute Vorstellung von dem ursprünglichen Eindruck der beiden Tüchlein. Erst 1950 ist das vermißte Gegenstück mit der Kreuzabnahme aufgetaucht. Die Darstellung ist hier ganz auf die Präsentation des von drei Männern gehaltenen und dem Betrachter vorgewiesenen Körpers Christi abgestimmt. Den Mittelpunkt bildet der entseelte Leib mit der Seitenwunde und den kraftlos herabhängenden Armen. Der Hügel Golgathas und die Leiter, mit deren Hilfe Christus vom Kreuz abgenommen wurde, sind die einzigen Hinweise auf den Ort der Handlung und den Zeitpunkt des Geschehens. Für das Tüchlein-Diptychon hat sich in der Forschung die Bezeichnung Kleine Kreuzabnahme eingebürgert, im Gegensatz zur sogenannten Großen Kreuzabnahme, einer breitformatigen Komposition des Künstlers, deren originale Fassung nicht mehr erhalten, jedoch durch zahlreiche Kopien überliefert ist. Die anhaltende Bewunderung für die von Hugo van der Goes geschaffenen Kompositionen ist gewiß auch damit zu erklären, daß der Künstler die Bildform des Halbfigurenbildes konsequent auf ein handlungs- und figurenreiches Thema übertragen hat. Es war dies eine kompositionelle und thematische Bereicherung, die die Entwicklung des »erzählenden Halbfigurenbildes« in den Niederlanden bis weit ins 16. Jahrhundert hinein bestimmt hat. | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2010_____________________________________________________________________This picture in tempera on canvas is one of the few 15th-century paintings using this technique to have survived. It shows Christ’s followers mourning his death. In the foreground is the Mother of God, crossing her hand over her breast and inclining her lowered head slightly to the side. Next to her is John, supporting her and trying to comfort her. The group is completed by Mary Magdalene and the two other Marys. In the background the hill of Golgotha and a narrow strip of blue sky can be seen. The composition the event depicted are incomplete without the reference point for the lamentation and mourning. The former companion piece is a depiction of the dead Christ (New York, private collection).| Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2012

Simson und Delila

Simson und Delila

Verse aus dem alttestamentarischen Buch der Richter, die von List und Verrat bestimmt sind, wurden hier von dem preußischen Hofmaler Antoine Pesne bildkünstlerisch umgesetzt. Danach (AT) war der Israelit Simson von Gott dazu auserwählt, sein Volk von der Fremdherrschaft der Philister zu befreien. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Kraft kämpfte Simson erfolgreich gegen die Besatzer. Seine Stärke verdankte er seinen ungeschorenen Haaren, denn Gott hatte verfügt, dass kein Schermesser je sein Haupt berühren solle. Die bei den altorientalischen Völkern verankerte Vorstellung, dass üppiger Bart- und Haarwuchs Gewähr für männliche Kraft bietet, fand hier ihren Niederschlag.Simson verliebt sich in die schöne Delila und verrät ihr das Geheimnis seiner übermenschlichen Kraft. Delila verrät Simson an die Fürsten der Philister und gewährt ihnen Zugang zum schlafenden Geliebten. Die Philister schnitten Simson im Schlaf seine Locken ab und nahmen ihm so seine Stärke.Die Gruppe der Hauptfiguren bildet ein gedachtes Dreieck, das auf einem Postament angeordnet ist. Hierdurcch wird eine stabile Komposition geschaffen, welche der Unruhe der Assistenzfiguren entgegenwirkt. Unverkennbar sind die koloristischen Anregungen der flämischen und italienischen Malerei des 17. Jahrhunderts.  Der Franzose Pesne, welcher zu diesem Zeitpunkt bereits in Berlin lebte und für den Preußischen Hof arbeitete, bemühte sich 1719/20 um die Aufnahme in die Pariser Académie royale de peinture et de sculpture. Vorab schickte er seinem Freund, dem Maler und Akademiemitglied Nicolas Vleughels, zur Einschätzung eine Skizze dieser Komposition nach Paris. Möglicherweise studierte auch Jean Antoine Watteau Pesnes Federzeichnung. In der Folge entschloss sich Pesne, eine veränderte Gemäldefassung zu schaffen, mit der er sich dann im Juli 1720 erfolgreich um die Mitgliedschaft in der Pariser Akademie bewarb. Es darf angenommen werden, dass Pesne die Berliner Erstfassung nie nach Paris schickte. Sie dürfte sich später im Eigentum seines bedeutenden Schülers Christian Bernhardt Rode befunden haben.