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Szenen aus dem Leben des hl. Bertin - Verkündigung mit Propheten und Evangelisten

Ident. Nr.: 1645

ObjID: obj:863035

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Simon Marmion (1420 - 25.12.1489),
Maler*in
Date(s)
Ausführung: 1459
Additional titles
Collection title: Szenen aus dem Leben des hl. Bertin - Verkündigung mit Propheten und Evangelisten
Translation: Scenes from the life of Saint Bertin and the Annunciation to Mary with prophets and evangelists
Material / Technique
Eichenholz
Dimensions
Tafelmaß: 58,4 x 146,8 cm
Acquisition
1905 Ankauf aus der Sammlung der Fürstin zu Wied in Neuwied

Object Description

Simon Marmion, der in Amiens, in Valenciennes und vorübergehend auch in Tournai arbeitete, gehört zu den hervorragendsten französischen Meistern der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Schon die ältesten Nachrichten rühmen ihn als »Prince d’enluminure«, dessen Miniaturen aufgrund ihrer reichen Ausstattung mit landschaftlichen Details große Bewunderung hervorriefen. Das Hauptwerk Marmions und der Ausgangspunkt für die Rekonstruktion seines Schaffens, in dem sich Elemente der französischen und niederländischen Kunst miteinander verbinden, bildet der Altar für die Benediktinerabtei St. Bertin in der damals zur Grafschaft Flandern gehörenden Stadt Saint-Omer. Auftraggeber des Retabels, das 1459 auf dem Hochaltar der Abteikirche aufgestellt wurde, war Guillaume Fillastre, Bischof von Verdun (1437-1449), Bischof von Toul (1449-1460), Abt von St. Bertin (1450-1473), Bischof von Tournai (1460-1473), Kanzler des Ordens vom Goldenen Vlies und ein enger Vertrauter des mächtigen Herzogs von Burgund, Philipps des Guten. Das kostbare Altarwerk hat sich bis 1791 an seinem Platz in der Abtei befunden, ist dann jedoch wie so viele Kirchenschätze der Französischen Revolution zum Opfer gefallen. Der mit Skulpturen in kostbarer Goldschmiedearbeit reich geschmückte Mittelschrein wurde zerstört, das Gold eingeschmolzen. Erhalten blieben die von Marmion geschaffenen, beidseitig bemalten Flügel. Sie waren ursprünglich durch zinnenartige Aufsätze überhöht, die jedoch zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgetrennt wurden und heute in der National Gallery in London bewahrt werden. Die beiden Altarflügel vermögen heute nur noch einen unvollkommenen Eindruck von der monumentalen Wirkung des ungewöhnlich aufwendigen Retabels zu vermitteln, das in geöffnetem Zustand eine Breite von über sechs Metern aufwies. Die Flügel sind auf den Rückseiten, den einstigen Außenseiten, mit Malereien in Grisaille geschmückt. Im geschlossenen Zustand des Altares bildeten sie dessen »Werktagsseite«. Wir sehen links Markus und Micha, Johannes und Salomo sowie den Erzengel Gabriel, der auf die Maria der Verkündigung auf der rechten Seite bezogen ist, neben der David, Matthäus, Jesaias und Lukas dargestellt sind. Die Könige, die Propheten und die vier Evangelisten, die Spruchbänder tragen und durch Beischriften bezeichnet sind, rahmen paarweise in gemalten Nischen die Verkündigungsszene. Sie weisen zugleich auf das Programm des kostbaren Altarschreines voraus, in dessen Zentrum die Kreuzigung Christi zu sehen war, überragt von dem vergoldeten Stamm des Lebensbaumes als Sinnbild für das Erlösungswerk Christi, durch das der Menschheit der Wein des eucharistischen Blutes zuteilwurde. Besondere Beachtung verdienen die Innenseiten der beiden Altarflügel, die einst den goldenen Mittelschrein flankierten. Sie bestechen durch eine brillante Farbgebung von fast kristalliner Klarheit und einen außergewöhnlichen Detailreichtum. Zusammengenommen bilden sie einen breit angelegten Zyklus von jeweils fünf durch reichgegliederte Architektur getrennten Szenen, die von Ereignissen aus dem Leben des heiligen Bertin, des Gründers und Titelheiligen des Klosters, berichten. Der heilige Bertin, geboren um 615 bei Coutances (Manche), gestorben am 5. September 698, ist in Luxeuil (Haute Saône) ins Kloster eingetreten. Er war Bischof von Thérouanne (Pas-de-Calais) und gründete das Kloster Sithiu – seit 1100 St. Bertin genannt –, dessen Abt er von 670 bis zu seinem Tod gewesen ist. Seit dem Jahre 745 wird er als Heiliger verehrt. Die Szenenfolge beginnt in der linken Ecke des linken Altarflügels. Hier ist der Stifter Guillaume Fillastre dargestellt, der im bischöflichen Ornat vor einem aufgeschlagenen Missale kniet. Hinter ihm steht ein Kaplan. Ein über ihm schwebender Engel trägt sein Wappen. Auf dem einst darüber angebrachten Aufsatz, der sich heute in London befindet, sind singende und musizierende Engel zu sehen. Der Blick des Stifters gilt den sich anschließenden Begebenheiten aus dem Leben des Heiligen. Auch wir sehen nacheinander dessen Geburt und seine Einkleidung im Kloster von Luxeuil. Demutsvoll kniet er unter dem Kirchenportal und ein weiteres Mal betend vor dem Lettner der Kirche. Die folgende Szene berichtet von der Pilgerschaft Bertins, der in Begleitung der Mönche Ébertramne und Momelin in Thérouanne vom heiligen Omer empfangen wird. Im Anschluß daran ist die Gründung und der Bau des neuen Klosters dargestellt. Der heilige Bertin und der Grundherr der Gemarkung, Ritter Adrowald, besiegeln die Schenkung. In der Landschaft erhebt sich die nahe dem Fluß Aa gelegene Burg des Ritters. Auf dem Wasser treibt das Boot mit dem Heiligen und seinen Begleitern, geleitet von einem Engel, der ihnen die von Gott vorbestimmte Stelle für den Bau des Klosters angezeigt hat. Die Ereignisse setzen sich auf dem rechten Flügel mit der Legende des Weinwunders fort. Sie berichtet davon, wie Ritter Waldbert auf der Jagd vom Pferd stürzte, da er es versäumt hatte, den Segen des Klosters einzuholen. Er sandte daraufhin seinen Knappen aus, der ihm einen vom heiligen Bertin gesegneten Trunk bringen sollte. Durch ein Wunder hatte sich ein leeres Faß mit Wein gefüllt. Wir sehen den Mönch Duodon, der vor dem Faß kniet, den Knappen und den heiligen Bertin, unter dessen Augen sich das Wunder vollzieht. Die daran anschließende Szene zeigt den Ritter, der, geheilt und bekehrt, mit seinem Sohn der Welt entsagt und ins Kloster eintritt. Danach werden auch vier bretonische Edelleute vom Heiligen in den Orden aufgenommen. Hinter beiden Szenen öffnet sich der Blick in einen gotischen Kreuzgang, dessen Wände mit der umlaufenden Darstellung eines Totentanzes bemalt sind. Wir sehen junge Männer von Adel ergriffen die Malereien betrachten, die von der Vergänglichkeit alles Irdischen zeugen. Irdischen Anfechtungen war freilich auch der heilige Bertin ausgesetzt, wie die sich anschließende Szene verdeutlicht. Eine verführerische, modisch aufgeputzte Frau ist dem Heiligen erschienen, um ihn zu versuchen. Die unter ihrem Kleid hervorschauenden Krallenfüße zeigen, daß sie ein Dämon des Bösen ist, der jedoch durch den heiligen Martin von Tours gebannt und bezwungen wird. In der letzten Szene der Bilderfolge sehen wir den heiligen Bertin auf dem Totenbett, betrauert von einem vornehmen Gönner des Klosters und den Mönchen, die ihn mit den Sterbesakramenten versehen. Der einst über dieser Szene angebrachte Aufsatz, der in London bewahrt wird, zeigt die Aufnahme der Seele des Heiligen in den Himmel. Die Brillanz der Farben und der Detailreichtum der Szenen zeugen davon, daß Marmion vor allem auch ein Miniaturist von außergewöhnlichen Fähigkeiten war. Bewundernswert ist zumal die differenzierte Behandlung des Lichtes, das sich in vielfältigen Abstufungen an der Architektur bricht und den stillen Räumen eine unverwechselbare Atmosphäre verleiht. Ausgehend von der Zelle des Stifters und dem Sterbezimmer des Heiligen erfährt die Lichtführung eine zunehmende Steigerung bis hin zu den Ausblicken in die helle, lichtdurchflutete Landschaft, die zum Mittelschrein mit seinem goldenen Skulpturenschmuck überleiteten. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019
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Simon Marmion, who worked in Amiens, in Valenciennes, and briefly in Tournai, was among the outstanding French masters of the second half of the 15th century. The earliest surviving reports already praise him as the “prince d’enluminure”, and his miniatures elicited great admiration by virtue of their rich landscape details. Marmion’s masterpiece, and the point of departure for the reconstruction of his oeuvre, which combines elements of French and Netherlandish art, is the altarpiece for the Benedictine Abbey of Saint Bertin in the town of Saint-Omer, formerly a part of the County of Flanders.

The commissioner of the retabel, which was set up in 1459 on the high altar of the abbey church, was Guillaume Fillastre, Bishop of Verdun (1437–49), Bishop of Toul (1449–60), Abbot of Saint Bertin (1450–73), Bishop of Tournai (1460–73), Chancellor of the Order of the Golden Fleece, and a close confidant of Philip the Good, the powerful Duke of Burgundy. The precious altarpiece retained its place in the abbey until 1791, when it fell victim – like so many church treasures – to the French Revolution. The central shrine, containing sculptures and precious goldsmith work, was destroyed and the gold melted down. Surviving were the painted wings on each side, the work of Marmion. Originally, they were embellished with merlon-style vertical extensions, which were however separated from the panels in the early 19th century, and are preserved today in the National Gallery in London. Today, these wings convey only an inadequate impression of the monumental impact of the uncommonly elaborate retabel, which was more than six meters wide when opened. The wings are decorated on their backs, formerly the outer sides, with grisaille paintings. When the altarpiece was closed, these formed its “working day side”.

On the left, we see Mark and Micah, John and Solomon, as well as the Archangel Gabriel, who is linked to the Virgin of the Annunciation on the right-hand side, who is herself joined by depictions of David, Matthew, Isaiah, and Luke. The kings, prophets, and four evangelists, who carry texted banderoles and are identified by inscriptions, frame the Annunciation scene in pairs in painted niches. At the same time, they anticipated the program of the precious altar shrine, at whose centre the Crucifixion was displayed, over which towerd the gilded trunk of the Tree of Life as an emblem of Christ’s work of redemption, which bestows upon humanity the wine of the Eucharistic blood.

Meriting special attention are the inner sides of the two wings, which once flanked the golden central shrine. They captivate the viewer by virtue of their brilliant colouration, almost crystalline clarity, and extraordinary wealth of detail. Taken together, they form an ambitiously conceived cycle, each panel consisting of five scenes, separated by richly elaborated architecture, which narrates the events of the life of Saint Bertin, the abbey’s founder and tutelary saint. Saint Bertin, who was born around 615 near Coutances (Manche) and died on 5 September 698, entered the monastery in Luxeuil (Haute Saône). He was the Bishop of Thérouanne (Pas-de-Calais), and founded the monastery of Sithiu (known as
Saint Bertin beginning in 1100), whose Abbot he was from 670 until his death. He has been revered as a saint since 745.

The sequence of scenes begins in the lower left corner of the left wing. Depicted here is the donor Guillaume Fillastre, who kneels before an open missal wearing Episcopal regalia. A chaplain stands behind him. His coat of arms is carried by an angel who hovers above him. Visible on the first vertical extension, today found in London, are singing and music-making angels. The donor’s gaze is focused on the ensuing events from the life of the saint. We too are able to follow events from his birth to his investiture at the monastery of Luxeuil. Filled with humility, he kneels down beneath the church portal, and then once more in prayer before the rood screen of the church. The following scene tells of Bertin’s pilgrimage and his reception in Thérouanne by Saint Omer, accompanied by the monks Ébertramne and Momelin. Succeeding this scene is a depiction of the foundation and construction
of the new monastery. Saint Bertin and the knight Adrowald, the landlord of the district, seal the donation. Towering up in the landscape near the Aa River is the knight’s castle. Floating on the water is a boat containing the saint and his companions, guided by an angel who shows them the place God has designated for the building of the monastery.

On the right-hand side panel, these events continue with the legend of the miracle of the wine. It tells how the knight Waldbert topples from his horse because he has neglected to obtain the blessing of the monastery. Afterwards, Waldbert sends a squire, who is charged with returning with a drink that has been consecrated by Saint Bertin. Through a miracle, and empty cask has been filled with wine. We see the monk Duodon, who kneels before the cask, the squire, and Saint Bertin,
before whose eyes the miracle transpires. The adjacent scene shows the knight, now healed as well as converted, together with his son, renouncing the world and entering the monastery. Afterwards, four Breton noblemen are accepted by the saint into the order. Opening up behind these two scenes is a view of a Gothic cloister, whose walls are painted with a circumferential depiction of a Dance of
Death. We see young man of noble origin contemplating these images, which testify to the transitory nature of everything earthly. To be sure, Saint Bertin himself was exposed to mundane temptations, as the succeeding scene illustrates. A seductive, fashionably attired woman appears before the saint in order to entice him. The clawed feet, which peep out from under her dress, reveal that she is an evil demon, who is nonetheless spellbound and vanquished by Martin of Tours. In the final scene, we see Saint Bertin on his deathbed, mourned by a distinguished patron of the monastery together with the monks, who performed the last rites. The vertical panel that formerly topped this scene, shows the reception of Bertin’s soul in heaven.

The brilliant colours and rich detail of these scenes testify to Marmion’s extraordinary abilities, especially as a miniaturist. Remarkable in particular is the differentiated treatment of light, which falls onto the architectural setting in a multitude of gradations, and which endows these silent spaces with an inimitable atmosphere. Beginning with the cell of the donor and Bertin’s death chamber at the sides, the illumination experiences a gradual intensification whose highpoint is the sweeping vistas of the bright, light-flooded landscape, which once effected a transition to the central shrine, with its golden sculptural decoration. Rainald Grosshans | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Last updated: 03.07.2026

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Gemäldegalerie

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Zwei angekettete Affen

Zwei angekettete Affen

Das ungewöhnliche Bild entstand im Jahre 1562, kurz bevor Bruegel aus Antwerpen nach Brüssel übersiedelte. Dargestellt sind zwei Affen, die an einen eisernen Ring gekettet sind und in einer gewölbten Fensteröffnung sitzen. Die schweren Ketten, das massive Mauerwerk und die niedrige Fensterwölbung verstärken den Eindruck der Gefangenschaft, aus der ein Entkommen kaum möglich erscheint. Mit großem Einfühlungsvermögen hat Bruegel das Verhalten und die Mimik der Affen charakterisiert, die in der Gefangenschaft ihr lebhaftes Wesen verloren haben. Den äußersten Kontrast zur Enge der verliesartigen Nische bildet der Blick aus dem Fenster. Man erkennt die Stadt Antwerpen mit dem Hafen und dem hoch aufragenden Turm der »Onze Lieve Vrouwekerk «. Davor leitet der breite Strom der Schelde in die Ferne, wo Wasser und Himmel ineinander übergehen. Der Kontrast zwischen der bedrückenden Enge der schattigen Maueröffnung und der lichten Weite der Landschaft mit den am Himmel dahinfliegenden Vögeln und den Schiffen, die von Reisen in ferne Länder künden, läßt die Gefangenschaft der beiden Tiere eindringlich empfinden. Die formalen Anregungen für Bruegel mögen die Stiche der Vier Affen von Israhel van Meckenem oder Dürers Madonna mit der Meerkatze geliefert haben. Von noch größerer Bedeutung müssen jedoch Studien nach der Natur gewesen sein. Bei den von Bruegel dargestellten Affen handelt es sich um die Halsband- oder Rotkopfmangabe (Cercocebus torquatus), deren Verbreitungsgebiet vom Kap Verde im Westen Afrikas bis an den Unterlauf des Kongo reicht. Bruegels meisterhafte Darstellung der beiden Affen beruht also auf exakter Naturbeobachtung. Daß es ihm dabei lediglich um eine Tierstudie ging, darf mit Recht bezweifelt werden. Fraglich ist auch, inwieweit das kleine Bild mit den Lebensumständen des Künstlers, dem bevorstehenden Umzug nach Brüssel, der Heirat und dem Verlust seiner Unabhängigkeit in Verbindung gebracht werden darf. Es ist hingegen denkbar, daß daß Bild für einen Freund gedacht war, den der Künstler in Antwerpen zurückließ. Von seiner symbolischen oder allegorischen Bedeutung her war der Affe Sinnbild für den an seine Triebe geketteten Menschen, der der Gefangene seiner animalischen Begierden ist. Offensichtlich hat Bruegel mit den angeketteten Affen gleichnishaft auf den verblendeten Menschen anspielen wollen, der, wie die zerbrochene Nuß neben den Tieren zeigt, angesichts eines Gewinnes von zweifelhaftem Wert bereit ist, seine Freiheit zu opfern. Die Gefangenschaft der Tiere ist von Bruegel als Paraphrase auf die in tierischer Versklavung lebenden Menschen gedeutet worden, die sich nicht von den christlichen Tugenden leiten lassen und deshalb einem traurigen Ende entgegensehen. Bruegel wäre nicht der Moralist, als der er sich in vielen seiner Bilder zu erkennen gibt, wenn er sich mit der Darstellung des als unabänderlich empfundenen Zustandes zufriedengegeben hätte. In diesem Bild sind die Ketten Sinnbild einer verzweifelten Situation. Erst die genaue Betrachtung zeigt, daß es einen Ausweg gibt. Sie enden nämlich in einem Knebel, der durch einen Ring gesteckt ist. Zöge man den Knebel etwas zurück und brächte ihn in eine senkrechte Position, ließe er sich durch den Ring zurückschieben und die Verbindung wäre gelöst. Da sich die beiden Affen in ihr dumpfes Schicksal ergeben haben, gelangen sie nicht zu der Erkenntnis, daß sie sich selbst befreien könnten. Sie sind außerstande, die ihnen von der Natur verliehenen Gaben sinnvoll einzusetzen und sich selbst zu retten. Ähnlich ergeht es dem Menschen, der aufgrund mangelnder Einsicht sein eigener Gefangener bleibt. Bruegels Botschaft lautet deshalb, daß erst die Besinnung des Menschen auf sich selbst ihn auf den rechten Weg zu führen vermag. Ein in Klugheit und Bescheidenheit geführtes Leben wird ihn dann in die Lage versetzen, die selbstverschuldete Gefangenschaft abzuschütteln und sich aus der seelischen Knechtschaft zu befreien. Diese ethisch-rationalistische Grundhaltung begegnet uns beispielhaft in den humanistischen Schriften des Erasmus von Rotterdam und des Dirck Volckertsz Coornhert. Sie ist Ausdruck einer Moralphilosophie, die viele der tiefgründigen Allegorien Pieter Bruegels erfüllt, den spätere Generationen allzu oberflächlich als »Bauern-Bruegel« bezeichnet haben. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links unten: • BRVEGEL • MDLXII •___________________________________________________________This unusual picture dates from the year 1562, shortly before Bruegel relocated from Antwerp to Brussels. Depicted is a pair of monkeys, both chained to an iron ring and sitting in the opening of an arched window. The heavy chains, the massive masonry, and the low arch of the window strengthen an impression of confinement,from which there is apparently no possibility of escape. With great sensitivity and empathy, Bruegel has characterised the attitudes and expressions of the monkeys, which seem to have been deprived of their liveliness by their imprisonment. There is a powerful contrast between the constriction of the dungeon-like niche and the view through the window. Recognisable is the town of Antwerp with its harbour, and the tall, looming tower of the “Onze Lieve Vrouwekerk” (Church of our Lady). Before the town, the broad stream of the Scheldt River leads into the distance, where water and sky merge. The contrast between the oppressive closeness of theshadowy wall opening and the bright expense of the landscape, with its birds flying in the sky and its ships, which herald journeys to distant lands, allows the holder to empathise all the more strongly with the captive condition of these creatures.Among the stimuli Bruegel drew upon for this painting may have been an engraving entitled Four Monkeys by Israhel van Meckenem and Dürer’s Madonna with the Monkey. Of even greater significance however must have been studies after nature. The monkeys depicted by Bruegel were Collared or Red-capped Mangabeys(Cercocebus torquatus), whose area of distribution ranges from Cape Verde in West Africa to the Lower Congo. Bruegel’s masterful depiction of these animals was based on the precise observation from life. It can hardly be supposed however that he attempted here to produce a mere animal study. Questionable as well is the degree to which this little picture can be related to the artist’s life circumstances, his imminent relocation to Brussels, or his marriage and concomitant loss of independence. On the other hand, it is conceivable that this picture was intended for a friend the artist left behind in Antwerp.Concerning this image’s symbolic or allegorical significance, the monkey was an emblem of the individual who is chained to his desires, a prisoner to animalistic cravings. With the image of the chained monkeys, evidently, Bruegel sought to allude allegorically to deluded people who were prepared – as implied by the broken nutslying next to the animals – to sacrifice their freedom for a gain of dubious value. The captivity of these animals in Bruegel’s picture can be interpreted as a paraphrase of people who exist in bestial enslavement, who are not guided by Christian virtue, and can therefore look forward to a pitiful end. Bruegel would not however have been the moralist we recognise in so many of his pictures if he had been content to merely depict a situation that is conceived as irrevocable. In this painting, the chains are emblems of a desperate situation. And a precise examination of that situation reveals that there is in fact a way out. As it happens, the chains terminate in a toggle, which has been inserted into a ring. If the toggle is retracted and brought into a vertical position, it can be forced back through the ring, disengaging the connection. Having surrendered to their gloomy fate, the two monkeys never arrive at the awareness that they can liberate themselves. They are incapable of meaningfully employing the gifts with which nature has endowed them in order to rescue themselves. Much the same is true of people who, lacking sufficient insight, remain their own prisoners. Bruegel’s message, then, is that only the individual’s self-reflection is capable of leading him onto the right path. A life that is conducted with wisdom and modesty will enable him to shake off his self-imposed imprisonment, to free himself from spiritual bondage. This is the same fundamentally ethical and rationalistic ethic we encounter in exemplary form in the humanistic writings of Erasmus of Rotterdam and Dirck Volckertsz Coornhert. It is an expression of the moral philosophy that is materialised in many of profound allegories of Pieter Bruegel – who was referred to with striking superficiality by later generations as “Peasant Bruegel”. Rainald Grosshans | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Früchte- und Blumenkartusche mit Weinglas

Früchte- und Blumenkartusche mit Weinglas

In einer kartuschenartigen Nische aus Stein steht auf einem Sockel ein halb gefüllter und mit Beerennuppen verzierter Römer. Flankiert wird das Trinkgefäß von zwei in Stein gehauenen und mit Flügeln versehenden Kinderfiguren, so genannten Seraphim. Drei üppige Girlanden mit verschiedensten Blumen-, Getreide- und Fruchtsorten zu denen Trauben, Granatäpfel, Pfirsiche, Pflaumen, Nüsse, Feigen, Kastanien und Erdbeeren zählen, sind am oberen und unteren Rand der Kartusche gruppiert. Belebt wird das Ganze durch zahlreiche kleine Tierchen, wie einem Spatzen, einer Eidechse, einer Heuschrecke oder einem Schmetterling. De Heem stellt hier in der mikroskopischen Feinheit der Ausführung und der vollendeten Nachbildung der Natur seine malerische Meisterschaft unter Beweis. In der präzisen Darstellung von Stachelbeeren, deren Kerne sich zart durch die Schale hindurch abzeichnen, von prallgefüllten Trauben mit durchscheinend leuchtender Haut oder der überzeugend gestalteten stumpfen Oberfläche der Walnüsse, zeigt sich seine sorgfältige Beobachtung der verschiedensten Erscheinungsformen von Pflanzen und Früchten. Bei dem Berliner Bild handelt es sich um eine Sonderform der Stilllebenmalerei, die in den südlichen Niederlanden aufkam und hier ihre Blütezeit erlebte. Diese Stillleben mit christlich-religiösem Gehalt zeigen ein zentrales oft auch materiell abgesetztes Motiv, um das ein dicht gemalter Blumenkranz oder üppiges Fruchtgehänge angeordnet ist. Die dargestellten Blumen und Früchte tragen dabei nicht nur zur Steigerung der ästhetischen Bedeutung bei, vielmehr leiten sie zu genauem Schauen an und führten über zu einer meditativ-adorierenden Betrachtung des Mittelmotivs. Gleichzeitig fungieren sie oft auch als inhaltliche Verweise. Auf dem Berliner Bild darf das zentrale Motiv des gefüllten Römers, über dem das Auge der Providentia (Vorhersehung) als Lichterscheinung schwebt, sicherlich als Verweis auf die Eucharistie gewertet werden. Neben einer eher allgemein gehaltenen christlichen Pflanzen- und Tiersymbolik fällt zudem das Motiv der Sonnenblume auf, das in diesem Zusammenhang wahrscheinlich christologisch, im Sinne einer Ausrichtung der menschlichen Seele auf Christus, zu deuten ist.In der Regel entstanden derartige Stillleben in der Zusammenarbeit von zwei spezialisierten Malern. Häufig wurden derartige Kartuschen auch auf Vorrat gemalt und erst später ergänzt. In diesem Sinne handelt es bei dem Berliner Bild um eine Ausnahme, da de Heem hier alle Teile des Bildes eigenhändig ausführte.Jan Davidsz de Heem war gebürtiger Holländer, der zunächst in Utrecht und Leiden arbeitete, bevor er weiter nach Antwerpen zog. Seine frühen Werke, kleinformatige Vanitas-, Früchte- und Blumenstücke, malte er noch im Stile holländischer Stillebenspezialisten, deren kompositorischer Aufbau streng und überschaubar war. Angeregt durch die Haarlemer Stillebenmalerei legte er seine Bilder dieser Zeit oft monochrom an. Mit der Übersiedlung nach Antwerpen im Jahre 1636 wandelte sich de Heems künstlerische Auffassung grundlegend. Unter dem Einfluss der monumentalen und farbenfrohen Stillleben des Frans Snysders oder der Blumenkränze bzw – kartouchen von Daniel Seghers, entwickelte er eigene Formen des Stilllebens und führte hier diverse Neuerungen ein. Als einer der begabtesten und einflussreichsten Stillebenmaler seiner Zeit wurden seine Werke bereits zu Lebzeiten außerordentlich geschätzt und blieben auch nach seinem Tod begehrte Sammelobjekte. Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links unten: J•D•DE.HEEM f__________________________________________________________The painting shows a half-filled Roman-style goblet decorated with stylised grapes standing in a stone niche on a pedestal. The drinking vessel is flanked by two stone cherubs: children’s figures with wings called seraphs. Three sumptuous garlands with a rich variety of flowers, grains and fruits, including grapes, pomegranates, peaches, plums, nuts, figs, chestnuts and strawberries, are grouped at the top and bottom edges of the niche. There are also numerous small animals in amongst the flowers, including a sparrow, a lizard, a grasshopper and a butterfly. De Heem’s exceptional artistic skill is demonstrated in the microscopic detail and the perfect reproduction of nature. The precise depiction of gooseberries, with the seeds visible through the translucent skins, the lusciously plump grapes, the very realistic dusky surface of the walnuts show the artist’s great attention to detail and careful observation of the many different shapes and forms of plants and fruits.The Berlin painting is a special form of still-life pictures that emerged in the southern Netherlands and reached their pinnacle here. These still-lifes with Christian- religious symbolism very often used a central, materially contrasting motif surrounded by a dense wreath of flowers or sumptuous arrangement of fruits. The flowers and fruits not only serve the purpose of enhancing the appearance and aesthetic significance, they also encourage viewers to take a closer look and engage in a meditative adoration of the central motif. At the same time, they also often act as key references for the underlying meaning of the picture. On this picture, the central motif of the filled goblet, above which floats the eye of Providentia (providence) in the form of bright light, is almost certainly a reference to the Eucharist. Amongst the more common Christian flower and animal symbolism the sunflower stands out, which in this context can be read as being Christological in the sense that it expresses the orientation of the human soul towards Christ.As a rule, still-lifes such as this were a collaboration between two specialized painters. Often, the cartouche would be produced in advance and details added at a later point. The Berlin painting is an exception to this rule, as de Heem executed all parts of this picture himself.Jan Davidsz de Heem was born in the Netherlands and first worked in Utrecht and Leiden before moving to Antwerp. His early work, small vanitas paintings, fruit and flower pieces, were done in the style of the Dutch still-life specialists, who tended to use a rigid and uncluttered compositional style. Inspired by stilllife painting in Haarlem, in this period his paintings were often monochrome. De Heem’s artistic style changed fundamentally after he moved to Antwerp in 1636. Influenced by the monumental and vividly coloured still-lifes of Frans Snyders and the floral wreaths and cartouches of Daniel Seghers, de Heem developed his own style and introduced several innovations. As one of the most gifted and influential still-life painters of his era, his paintings were highly regarded during his lifetime and after his death were in great demand as collectors’ items. Katja Kleinert | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Anna Sophie Agnes von Lehwald, geb. von Buddenbrock

Anna Sophie Agnes von Lehwald, geb. von Buddenbrock

Anna Sophie Agnes von Lehwald, geb. von Buddenbrock (1699-1773) war eine Tochter des Generalfeldmarschalls Wilhelm Dietrich Freiherr von Buddenbrock (1672-1757). In zweiter Ehe ehelichte sie 1749 im Königsberger Schloss den Generalleutnant Johann von Lehwald (1685–1768), Gouverneur von Memel (Ostpreußen). Die links oben erkennbaren Wappen der Familien von Lehwald und von Buddenbrock nehmen auf diese Eheschließung Bezug. Sie sind wohl auch erst zu diesem Termin von fremder Hand aufgetragen worden. Anna Agnes Sophie von Lehwald wird in einem spitzengesäumten Atlaskleid, kontrastiert von einem roten Mantel, präsentiert. Sie steht neben einem Springbrunnen, dessen bildhauerischer Schmuck allerlei Schalentierwerk zeigt. Gemäß damaliger Vorliebe für mythologische Andeutungen, dürfte die Porträtierte hierdurch als Quellnymphe zu interpretieren sein. Im dunklen Hintergrund ist links eine Balustrade mit Skulptur in Parklandschaft erkennbar. Da Barbara Rosina Lisiewska-Matthieu-de Gasc, so sie signierte, stets ihren aktuellen Namen verwendete, wird das Berliner Bildnis noch vor ihrer ersten Vermählung im Jahre 1741 entstanden sein. In dieser Zeit arbeitete die Malerin im Atelier des Vaters Georg Lisiewski (1674-1750). Das Kleid mit den Kaskadenspitzenärmel sowie die unmotiviert in eine Mantelfalte greifenden Finger sind charakteristische Eigenarten ihrer Gemälde der 1740er Jahre. Gemeinsam mit den später eingezeichneten Wappen wurde das allseitig beschnittene Porträt nachträglich zu einem Pedant eines Bildnisses ihres Gatten von der Hand ihres Vaters Georg Lisiewski gemacht, das sich ebenfalls im Besitz der Berliner Gemäldegalerie befindet (Kat.Nr. 2287).SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. rechts unten am Brunnenbeckenrand: „peint par Rosina Lisiews[ka]“