Logo

Stehende Maria mit Kind

Ident. Nr.: 8323

ObjID: obj:864391

Details (expert)

Dating
Datierung: um 1330/50
Dimensions
Höhe x Breite x Tiefe: 174 x 50 x 30 cm
Gewicht: ca. 50 kg

Object Description

Über einem bodenlangen, hochgegürteten Gewand trägt Maria einen Mantel, der vom rechten Arm gerafft wird und in großen Schüsselfalten über den Unterkörper läuft. Das Kopftuch liegt über der linken Schulter, unter dem Kind, glatt auf und wird an der anderen Seite von diesem quer über ihre rechte Brust gezogen. Es ist weit aus der Stirn nach hinten gerutscht, wodurch das sehr fein gerillte, lockig-voluminöse Haar sichtbar wird. Darauf sitzt eine prächtige Krone mit großen lilienförmigen Zacken und ehemals Edelsteinimitationen am Reif. Über dem Körper Marias liegen auffällig viele Stoffe übereinander, deren Differenzierung nicht immer leicht fällt. Die zum Teil erhaltene Originalfassung trägt auch nicht zur Klärung bei, denn Kleid und Mantel sind beide außen vergoldet und besitzen eine aufwendig mit applizierten Edelsteinimitationen (farbig hinterlegtes Glas) verzierte Borte; ihre Innenseiten zeigen ein Hermelinfell. Das von der Hüfte abwärts umhüllte Christuskind wendet sich zur Mutter. In der Linken hält es einen Apfel, mit der Rechten zieht es den Marienschleier zu sich heran.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Antlitz der Muttergottes. Als generell zentraler Bereich einer gotischen Marienfigur, in dem idealerweise die Bildaussage kulminiert, kommt dem Gesicht der Berliner Madonna allein deshalb ein besonderer Rang zu, da der Kopf hier als Reliquiendepositorium fungiert. Die Rahmung durch das dichte Haar unterstreicht die Würde des Antlitzes.
Das prachtvolle vergoldete Gewand und der höfisch-kühle Gesichtsausdruck betonen den würde- und hoheitsvollen Charakter der gekrönten Himmelskönigin, wie er seit dem 13. Jahrhundert für stehende Marienfiguren verbindlich war. Einen anderen ikonografischen Akzent setzen der S-Schwung Marias, das dominante Bewegungsmotiv des kindlichen Griffs nach dem Schleier, die Annäherung beider Gesichter und die sinnliche Wiedergabe der Hautoberflächen. Diese Aspekte betonen den fraulichen bzw. kindlichen Charakter der Dargestellten, rücken sie einander und dem Betrachter näher und stellen letztlich – bei aller Distanz – eine verhalten intime Atmosphäre zwischen Mutter, Kind und Gläubigem her.
Die Madonna dürfte auf einem Altar gestanden haben, wofür schon das Reliquienfach spricht. Die verwandten Madonnen stammen, soweit sich dies noch nachvollziehen lässt, sämtlich aus Kathedralen, wichtigen Stiftskirchen oder hochdotierten Kapellen. Interessant ist die offensichtliche Wiederverwendung der Reliquie der Erde vom Grab Christi. Die zugehörige Cedula (beschrifteter Pergamentzettel) stammt bereits aus dem 11. Jahrhundert; die wichtige Reliquie könnte also älterer Besitz der Kirche gewesen und zur Erhöhung der Gnadenwirkung der Skulptur eingesetzt worden sein. Die beiden anderen Zettelchen wurden zur Entstehungszeit der Madonna beschriftet; lesbar ist lediglich eine weitere Reliquie vom Grab Christi („de lapide sepulchri“).
Das Motiv des Herüberziehens des Schleiers durch das Kind war in Paris verbreitet. Es gehörte zum festen Kanon der Pariser Bildhauer des zweiten Viertels des 14. Jahrhunderts. Eine große Gruppe von Stein-, überwiegend Marmormadonnen, die sich weit gestreut in Nordfrankreich, besonders zahlreich in der Normandie befinden und lediglich einzelne Motive variieren, ist so eng mit der Berliner Figur verwandt, dass an eine Zugehörigkeit zu demselben Kunstkreis nicht zu zweifeln ist. Bemerkenswert ist, dass die Berliner Madonna offensichtlich die einzige in Holz geschnitzte Marienstatue dieses Typs ist, der auffällig oft in kostbarem Marmor realisiert wurde.

(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

Last updated: 12.05.2026

Contact

Institution:

Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

Additional items from the collections

Kruzifixus

Kruzifixus

Das Kruzifix stammt mit größter Wahrscheinlichkeit aus der Stabkirche von Vang im Valdres-Tal (Oppland, Norwegen), die der Maler Johan Christian Dahl am 18. Januar 1841 für den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. erwerben ließ. Der König wollte die Stabkirche zunächst auf die Pfaueninsel unweit seiner Potsdamer Residenz versetzen. Doch bereits im Winter 1841/42 entschied Friedrich Wilhelm IV., die Kirche nicht als Baudenkmal in Hauptstadtnähe, sondern als Gotteshaus im schlesischen Riesengebirge in Brückenberg (Karpacz Górny) in der Nähe seiner Sommerresidenz Erdmannsdorf (Mysłakowice) wieder aufbauen zu lassen. Von den beweglichen Ausstattungsstücken begleiteten lediglich zwei Leuchter die Kirche nach Schlesien. Es ist unklar, was mit den weiteren Werken aus Norwegen geschah. Sicher ist, dass Friedrich Wilhelm IV. 1845, das Kruzifix als Geschenk an die Kunstkammer überwiesen hat, von wo aus es später in den Besitz des Deutschen Museums überging. Die zeitliche Nähe dieser Schenkung zu der überlieferten Lagerung des Vanger Kruzifixes in Berlin, die Tatsache, dass es sich um königlichen Privatbesitz handelte und die Singularität einer norwegischen Skulptur in den Königlichen Museen lassen keinen anderen sinnvollen Schluss zu, als dass es sich bei Inv. 364 um das Kruzifix aus Vang handelt.Das Kruzifix ist schwer einzuordnen. Sämtliche Details gehören dem 13. Jahrhundert an, sind aber sehr roh und eigentlich kaum verstanden, wie Tuchfalten, Oberkörper und Gesicht demonstrieren. Unter den erhaltenen norwegischen Werken findet sich keines mit einer über Motive hinausgehenden Verwandtschaft. Der erhobene Kopf und die gezackten Locken sind ohne Parallele. Es fragt sich angesichts des ausgeprägten Zickzackverlaufs der Haare und der zeichenhaften Ausbildung des Oberkörpers, ob dem Schnitzer nicht eine Buchmalerei als Vorlage gedient hat, wo gerade diese Elemente besonders ausgeprägt waren. Überhaupt scheint es, als wäre der Bildschnitzer ungeübt im Schnitzen eines Kruzifixus gewesen, hätte aber streng nach einer Vorlage aus dem 13. Jahrhundert gearbeitet. Diese Arbeitsweise spricht jedoch auch gegen die im 19. Jahrhundert übliche Vorgehensweise neugotischer Bildschnitzer. Außerdem muss das Werk deutlich vor 1840 entstanden sein, da es damals keine liturgische Funktion mehr in der Stabkirche hatte. Gemeinsam mit den technologischen Befunden, vor allem zur Fassung (keine älteren Reste unter der heute sichtbaren), und den Erwerbungsumständen bleibt daher nur der Schluss, dass es sich um eine Arbeit der Zeit vor 1800, vielleicht des 18. Jahrhunderts handelt, bei der ein möglicherweise beschädigtes Kruzifix des 13. Jahrhunderts nachgeahmt wurde. Solche Fälle sind im Norwegen des 17. und 18. Jahrhunderts nicht selten.(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

Bildnis des Bischof Philipp von Freising

Bildnis des Bischof Philipp von Freising

Das markante Gesicht des Dargestellten ist im strengen Profil nach links wiedergeben, während der Oberkörper sich ein wenig zum Betrachter hinwendet, was eine leichte Bewegung suggeriert. Das Barett mit herabgeschlagener Krempe wie auch der Mantel mit pelzverbrämtem Kragen, der so genannten Schaube, zeigen an, dass hier eine vornehme Persönlichkeit porträtiert wurde, ist doch die beschriebene Tracht allein dem ersten Stand vorbehalten gewesen. Das Relief weist weder eine Inschrift noch ein Familienwappen auf, die die Identität des hier Dargestellten preisgibt. Das scharf gezogene Profil mit der leicht gebogenen Nase und dem runden Kinn lassen den Porträtierten nicht zuletzt auch aufgrund seiner halblangen, die Ohren bedeckenden Haare, leicht als den Bischof Philipp von Freising und Naumburg identifizieren, wie der Vergleich zu zahlreich gesicherten Porträts des Dargestelllten belegen. Neben Gemälden existieren von ihm auch weitere Bildnisreliefs, von denen das von Loy Hering (1484/85-nach 1554) in Solnhofener Stein gearbeitete (Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg) zu den prominentesten zählt. Das hier vorgestellte Brustbild Philipps ist hingegen für die Zeit von ungewöhnlicher Größe. Wie bereits festgestellt wurde, handelt es sich hier wohl um eine eigenhändige Wiederholung von Friedrich Hagenauers Medaille des Bischofs Philipp von Freising und Naumburgs. Durch die Übertragung vom ausgewogenen rund der Medaille in das hochrechteckige Format entstand ein ungewöhnlicher, weitaus steilerer Bildausschnitt. Es wird vermutet, dass Friedrich Hagenauer die Vergrößerung auf Wunsch des Auftraggebers ausführte. Der vorgesehene Bestimmungsort des Reliefs blieb bis heute unbekannt.Hans-Ulrich Kessler