Logo

Der tote Christus, von zwei Engeln gestützt

Ident. Nr.: 28

ObjID: obj:864606

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Giovanni Bellini (um 1435 - 1516),
Maler*in
Date(s)
um 1470–1475
Additional titles
Collection title: Der tote Christus, von zwei Engeln gestützt
Translation: The Dead Christ supported by Two Angels
Geographical references
Italien,
Land
Material / Technique
Pappelholz
Dimensions
Bildmaß: 82,9 x 66,9 cm
Acquisition
1821 Ankauf aus der Sammlung des Kaufmanns Edward Solly

Object Description

Giovanni Bellini lebte im künstlerischen Umfeld seines Vaters Jacopo, seines Halbbruders Gentile und seines Schwagers Andrea Mantegna; er war unter anderem durch diese Vernetzung mit herausragenden Werken seiner Zeit in Norditalien vertraut. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde Giovanni zu einem der bekannten und einflussreichsten Maler in Venedig: In seiner Werkstatt lernten beispielsweise Giorgione und Tizian ihr Handwerk. Vermutlich kannte er von einem Aufenthalt in Padua das von Donatello geschaffene Relief mit Christus und zwei Engeln auf dem Hochaltar der Basilika des heiligen Antonius, das ihn möglicherweise zu seiner vielfach wiederholten und variierten Darstellung des Themas inspirierte. In unserem Berliner Werk wird deutlich, dass Giovanni Bellini sich bereits zuvor mit der Umsetzung des Motivs beschäftigt hat, es zeugt von einer sicheren Komposition und einem für seine Schaffenszeit ab den 1470er-Jahren sehr typischen
Umgang mit Farbe.

Giovanni rückt die Figuren nahe heran, inszeniert sie als formatfüllende Akteure
und schafft durch einen engen Bildausschnitt eine konzentrierte Szene. Christus wird hier von zwei Engeln gestützt, die seine Arme halten. Die kleinen Hände der Himmelsboten müssen kraftvoll zufassen. Für den andächtigen Betrachter lässt Giovanni so die irdische Schwere des Leichnams bewusst werden. Die Darstellung Christi mit deutlichen Wundmalen an Oberkörper und Händen zeugt von detaillierten Studien des menschlichen Körpers: Hautfalten, Wundmale und Inkarnat erscheinen
wie nach der Natur gemalt. Die Farbflächen wurden so gekonnt ineinander gearbeitet, dass der Körper Christi sehr plastisch wirkt. Bei dieser eindringlichen Darstellung der Hauptfigur sind weder erläuternde Beigaben wie die Marter-Werkzeuge, die sogenannten Arma Christi, noch ein landschaftlicher Kontext mit Grab oder Kreuz nötig. Hugo von Tschudi (1851–1911), der unter Wilhelm von Bode an der Gemäldegalerie arbeitete und 1896 Direktor der Nationalgalerie wurde, beschreibt
die Szene am Ende des 19. Jahrhunderts folgendermaßen: »Von größter Innigkeit ist der Ausdruck der Engel, deren Köpfe sich zu dem Haupte des Erlösers neigen. Mit klagend geöffnetem Mund und forschenden Blickes wendet sich der eine zu Christus, als könne er nicht glauben, dass das Leben aus diesem Körper gewichen, während der zur Rechten seine großen Kinderaugen traurig nach oben richtet – ein Bild rührender gottvertrauender Ergebung, die ergreifender nicht geschildert werden kann.«

Die melancholischen Blicke der Engel lassen die Szene zu einer Empathie herausfordernden Szene werden. Die in Nahsicht gezeigte, verdichtete Komposition lässt keine Verortung in der realen Welt zu. Sie enthebt das Dargestellte aller irdischen Maßstäbe. Auf diese Weise bewirkt der Maler durch Mittel der Komposition ein inniges Zwiegespräch zwischen gläubigem Betrachter und Andachtsbild. Katharina Weick-Joch | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
___________________________________________

Giovanni Bellini lived in the artistic circles of his father Jacopo, his half-brother Gentile and his brother-in-law Andrea Mantegna; partly as a consequence of these associations, he was familiar with outstanding works of his time in northern Italy. In the second half of the 15th century, Giovanni became one of the best-known and most influential painters in Venice: Giorgione and Titian, for example, learned their trade in his studio. From a stay in Padua he presumably knew Donatello’s relief of Christ and two angels on the high altar of the Basilica of Saint Anthony, which may have been the inspiration for his own depiction of the theme, which he repeated and varied a number of times. In the Berlin version, it is clear that Giovanni Bellini had previously considered the implementation of the motif, as it displays a sure hand in composition and a treatment of colour that was typical for his work in the period from the 1470s.

Giovanni draws the figures closer in, fills the format with them, and creates a concentrated scene by framing it closely. Christ is supported here by two angels that hold his arms. The small hands of the heavenly messengers have to grasp them forcefully. In this way, Giovanni makes the devout beholder conscious of the earthly heaviness of the corpse. The depiction of Christ with clearly visible wounds on his torso and hands testifies to detailed studies of the human body: the folds of skin, wounds and flesh tones appear to have been painted from nature. The areas of colour were interwoven so skilfully that the body of Christ gains a highly three-dimensional appearance. In this compelling portrayal of the main figure, neither explanatory requisites such as the instruments of martyrdom, the so-called Arma Christi, nor a context in landscape with a tomb or a cross are needed. Hugo von Tschudi (1851–1911), who worked at the Gemäldegalerie under Wilhelm von Bode and became director of the Nationalgalerie in 1896, described the scene as follows at the end of the 19th century: “A great intensity of feeling is present in the expression of the angels, whose heads are inclined to that of the Saviour. One of them turns to Christ with his mouth open in lamentation and a penetrating gaze, as if he could not believe that life has departed from this body, while the angel on the right turns his large, childlike eyes sadly upwards – an image of touching submission and trust in God, which cannot be depicted more movingly.”

The melancholy gaze of the angels make this a scene that demands empathy. The close-up, compressed composition does not permit it to be assigned to a location in the real world. It elevates what is represented above any earthly measure. In this way, by means of composition, the artist brings about an intense inner dialogue between the faithful beholder and the devotional painting. Katharina Weick-Joch | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Last updated: 03.07.2026

Contact

Institution:

Gemäldegalerie

Additional items from the collections

Bildnis eines jungen Mannes

Bildnis eines jungen Mannes

Versonnen blickt der dunkelhaarige junge Mann nach rechts in die Ferne. Von seinem schwarzen Gewand hebt sich ein kostbarer, weißer Spitzenkragen ab, auf den sein langes Haar fällt. Maratti präsentiert den Dargestellten hier schlicht und unprätentiös, zugleich jedoch sehr würdevoll und elegant. Durch eine Inschrift auf der Rückseite sind uns heute Entstehungsjahr und -ort des Gemäldes bekannt, sowie das Alter des Dargestellten. Als er sich 1663 in Rom porträtieren ließ, war er 24 Jahre und drei Monate alt. Maratti gehörte zu den begehrtesten Malern in Rom und arbeitete für die höchsten gesellschaftlichen Kreise, u.a. auch für Papst Clemens IX., dessen von Maratti geschaffenes Bildnis heute zu den bedeutendsten Porträts des 17. Jahrhunderts zählt.| Britta BodeSIGNATUR / INSCHRIFT: Auf der Doublierleinwand Transkription (des 19. Jh.) einer alten Inschrift: AETATIS VAE XXIV / ET III MENS / IN ROMA 1663 / C.M.F.___________________________________________________________________________With a pensive gaze, a dark-haired young man looks to the right into the distance. His long hair falls on the sumptuous, white lace collar that stands out against his black garment. Maratti presents the portrayed modestly and unpretentiously, yet also elegantly and dignified. An inscription on the back tells us the year and place of creation, as well as the age of the portrayed. In 1663, when he was painted in Rome, he was 24 years and three-months-old. Maratti was one of the most sought after artists in Rome and worked for the social elite, including Pope Clemens IX, whose portrait is considered one of the most important paintings of the 17th century.| Britta Bode

Die Kreuzigung Christi

Die Kreuzigung Christi

Gerard David stammte aus den nördlichen Niederlanden, dem holländischen Oudewater. Einflüsse von Geertgen tot Sint Jans in seinen frühen Werken deuten darauf hin, daß er seine erste Ausbildung in Haarlem erhalten hat. 1484 war er nach Brügge ausgewandert, der Stadt, in der Memling als führender Meister tätig war. Hier wurde er als Mitglied und schließlich als leitender Künstler der Malerzunft vom Magistrat der Stadt mit Aufträgen bedacht. In Brügge entstanden seine Hauptwerke. Hier lebte und arbeitete er, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, bis zu seinem Tode. Für einige Zeit scheint er sich in Antwerpen aufgehalten zu haben. Darauf deutet eine Eintragung in den Registern der Antwerpener Malergilde hin, die für das Jahr 1515 die Aufnahme eines »Gheraet van Brugghe, scildere« vermeldet. Brügge hatte damals seine führende Rolle als Hafenstadt durch die Versandung des Swijn, seiner Verbindung zum Meer, eingebüßt, während Antwerpen seinen Rang als neues Handelszentrum auszubauen begann und damit zahlreichen Künstlern neue Verdienstmöglichkeiten eröffnete. Es ist denkbar, daß sich Gerard David den neuen Gegebenheiten auf Dauer nicht mehr an - passen wollte und deshalb nach Brügge zurückkehrte, wo er als der letzte herausragende Vertreter der traditionsreichen Malerei dieser Stadt großes Ansehen genoß. Das Schaffen Davids schlägt eine Brücke zwischen den niederländischen Meistern des 15. Jahrhunderts und den neuen Bestrebungen der Renaissance. Seine Werke zeichnen sich durch eine stille Monumentalität und eine klare Anordnung der plastisch wiedergegebenen Bildfiguren aus, die auf neuartige Weise mit dem sie umgebenden Raum verbunden sind. In dieser Hinsicht bezeichnet die Kunst Davids eine entscheidende Etappe auf dem Weg zu einer einheitlichen malerischen Gestaltung des Bildraumes. Die Darstellung des Christus am Kreuz stammt aus der Spätzeit des Künstlers. Das Kolorit, in dem grüne und blaue Farbklänge dominieren, ist eigentümlich kühl und verhalten, dabei in den nuancenreichen Abstufungen dennoch von höchster Subtilität. Dieser konsequenten Vereinheitlichung der Farbgebung, von der eine starke atmosphärische Wirkung ausgeht, entspricht eine gleichermaßen prägnante wie durch seine Schlichtheit ergreifende Schilderung des Bildgeschehens. Auf der Höhe Golgathas erhebt sich das Kreuz Christi, dessen Querbalken in die Tiefe weisen. Mit geöffneten Augen blickt der Gekreuzigte auf die Leidtragenden zu seinen Füßen herab, auf Maria Magdalena nahe dem Kreuzesstamm, auf Maria, die von Johannes gestützt wird, und auf Maria Salome und Maria Jacobi. Mit den Worten »mulier ecce filius tuus« (Weib, siehe, das ist dein Sohn; Johannes 19, 26) empfiehlt er seine Mutter der Fürsorge seines Lieblingsjüngers. Die verhaltene Trauer der Angehörigen scheint sich auf den Hauptmann und seine Soldaten übertragen zu haben, die still zur Seite getreten sind und sich beraten. Im Hintergrund erkennt man Kriegsknechte, die Golgatha bereits verlassen haben und Jerusalem zustreben. Daran zeigt sich, daß kein bestimmter Augenblick des Geschehens gestaltet ist, sondern daß es dem Künstler darauf ankam, uns dessen zeitlose Bedeutung vor Augen zu führen, wie er es wenig später in dem eindrucksvollen Golgathabild (Genua, Palazzo Bianco) in äußerster Reduktion des Themas getan hat. Der Eindruck der Zeitlosigkeit des Geschehens in unserem Bild verstärkt sich angesichts der weiten Landschaft mit den im blauen Licht des Abends verdämmernden Bergkuppen. Svea Janzen | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2010SIGNATUR / INSCHRIFT: mulier ecce filius tuus_______________________________________________________________Gerard David was born in the Dutch city of Oudewater. In 1484 he moved to Brugge where, with a few interruptions, he lived and worked until his death. David’s work forms a link between the 15th-century Netherlandish masters and the new line taken in the Renaissance. His works have a quiet monumental quality and a clear arrangement of figures, who relate in an innovative way to the space that surrounds them. In this respect David’s work represents a crucial stage on the way towards uniform painterly control over the pictorial space. This scene of Christ on the Cross dates from the artist’s late period. The colouring, dominated by notes of green and blue, is strangely cool and reticent, although extremely refined in its nuanced gradations. The events of the picture are portrayed both succinctly and plainly, corresponding with the consistently uniform colouring, which creates a strongly atmospheric effect. | Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2012