Logo

Mariä Entschlafung

Ident. Nr.: 1884

ObjID: obj:865492

Credit: Eigentum des Kaiser Friedrich Museumsvereins

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Giotto (um 1267 - 1337),
Maler*in
Date(s)
Ausführung: um 1310
Systematics/Type
Additional titles
Mariä Entschlafung
Translation: Dormition of the Virgin
Der Tod Mariae
Translation: Death of the Virgin
Geographical references
Herstellungsort: Italien,
Land
Material / Technique
Pappelholz
Dimensions
Bildmaß: 75,8 x 179,7 cm Giebelform
Acquisition
1914 Ankauf von dem Kunsthändler Robert Langton Douglas, London

Object Description

Dargestellt ist die Entschlafung Mariens, ein Bildthema, das sich aus apokryphen Quellenschriften speist, von denen die wichtigste ein mit »Transitus Mariae« überschriebener Text eines anonymen Autors (Pseudo-Meliton) ist, der von Gregor von Tours (538–594) modifiziert wurde. Aufgrund dieser Vorlagen redigierte Jakobus da Voragine seine Version des Geschehens für die Legenda aurea, eine Sammlung mit den Lebensbeschreibungen der Heiligen. In allen Quellen wird zwischen verschiedenen, zeitlich aufeinanderfolgenden Ereignissen unterschieden: Marias Bitte, im Kreise der Apostel, Patriarchen und Engel sterben zu dürfen, ihrer eigentlichen Entschlafung, den Exequien (Trauerfeier), der Grablegung sowie der Auferweckung und Himmelfahrt. Giotto hat mehrere Elemente dieser Ereignisse auf der Berliner Tafel in einer einzigen Darstellung synthetisiert. Das Sujet des Bildes ist hier demnach weniger als »historia« (Bilderzählung) zu bezeichnen, sondern vielmehr als eine ohne zeitliches Kontinuum formulierte Inszenierung des Totenkults, als Darstellung des Rituals gemeinschaftlicher Erinnerung aufzufassen.

Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass Giottos Komposition zahlreiche Verweise auf das mittelalterliche Bestattungsritual enthält. Dazu zeigt die Tafel Anwesende verschiedener Kategorien: Neben den Aposteln kommt insbesondere den Engeln eine wichtige Rolle zu. Bei Exequiendarstellungen und in der Grabmalsikonografie treten sie als Liturgen auf und spenden – dem Text der Apokalypse folgend – den Weihrauch. Hier übernimmt ein Engel in der rechten Bildhälfte
diese Aufgabe. Mit vollen Wangen bläst er in ein Rauchfass, um die Glut darin zu entfachen. Zudem sind, am linken Bildrand, Frauen gegenwärtig, die Gefährtinnen Mariens. Sie können gleichzeitig als Verweise auf die zum Trauergeleit gehörenden Frauen im realen Bestattungskult verstanden werden. Neben dem Sarkophag steht ferner beidseitig ein Engelpaar mit speziellen gedrehten Kerzen, die beim Sterbesegen entzündet wurden. Es folgte die Totenklage. Auf der Berliner Tafel vollführen die prominent über dem Haupt Mariens positionierten Apostel Gesten der Trauer. Der Klerus versammelte sich anschließend zur Vigil, die Bußpsalmen wurden gelesen, und der Körper wurde mit Weihwasser besprengt. Wir sehen Petrus auf der linken Seite aus den Psalmen rezitieren, während Andreas, in grüner Gewandung, von rechts das Aspergill mit dem Weihwasser führt. In anschließender Prozession geleitete man den Leichnam unter Gebet und Gesang zu Grabe.

Wenn sich diese Momente des Geschehens auf dem Bild allesamt finden lassen, dann deshalb, weil das Flachgiebeldossale um 1310 auf einem am Lettner befindlichen Seitenaltar des Florentiner Humiliatenkonvents zu Ognissanti aufgestellt war, der explizit der Verrichtung von Totenoffizien und Memorialgottesdiensten zugeeignet war. Unmittelbar vor ihm befanden sich Bodengräber. Das Kultbild war demnach thematisch auf das liturgische Ritual abgestimmt, das sich davor ereignete,
während das Zeremoniell selbst wiederum eine visuelle Überhöhung durch das im Altarbild inszenierte Geschehen erhielt. Mit der Entschlafung Mariens verbindet sich die christliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Das kultische Handeln um Tod und Memoria war für den Humiliatenorden von großer Bedeutung, denn mit dieser seelsorgerischen Tätigkeit waren wichtige Einnahmen verbunden, die den Mönchen durch Anteile am Nachlass Verstorbener zukamen. Als 1296 der innerstädtische Friedhof in Florenz aufgelöst wurde, zählte der außerhalb des Stadtzentrums
gelegene Konvent von Ognissanti für einige Jahre zu den wichtigsten Kirchen für den Bestattungskult, da sich in unmittelbarer Nähe ein großer Friedhof befand, der unbeschränkt ausgedehnt werden konnte. Dieses für die Existenz des Ordens wichtige Bildwerk gaben die Mönche bei dem bedeutenden Florentiner Maler Giotto di Bondone in Auftrag, der es, auf der Höhe seines reifen Schaffens, um 1310 ausführte. Die tiefenräumliche Erscheinung des Geschehens ist durch die Positionierung massiver Figuren und ihre säulenartige Staffelung erwirkt. Bildeinführend kniet einer der Apostel vor dem bildparallel gestellten Sarkophag mit dem darauf ausgestreckten Körper Mariens. Dahinter wird die in hellem Gewand mittig stehende Figur Christi von zwei Aposteln in grüner Toga flankiert. In der rosa- und cremefarbenen Gewandung ist die Gestalt Christi mit den Engelpaaren verbunden, die links und rechts vom Sarkophag stehen: Vorder- und Mittelgrund sind durch derartige Farbklänge kunstvoll miteinander verwoben. Von der mittig vor dem Sarg knienden Figur des Engels entfaltet sich die Handlung hinüber zu den Seiten, hin zum Blau des links stehenden Engels, der seine Hände ringt, und zu jenem auf der rechten Seite, der seine Ellenbogen in seinen Umhang hineindrückt. Es ist auch die prononciert vorgetragene Körperlichkeit, die Giottos Figuren von der vorhergehenden byzantinischen Formensprache abhebt, weshalb der Maler seit frühester historiografischer Tradition als Vater der modernen Malerei gilt.

Im Verlauf seiner bewegten Geschichte hat die Malschicht des Berliner Retabels stark gelitten. Das Flachgiebeldossale wurde im Zuge diverser Umgestaltungen der Ognissanti-Kirche (Entfernung des Lettners und Barockisierung des Raums im 16. Jahrhundert) von seinem Altar entfernt, schließlich veräußert und gelangte im 19. Jahrhundert nach England in die Sammlung des Reverend Walter Davenport Bromley. 1913 wurde es von dem Londoner Kunsthändler Robert Langton Douglas erworben, der es dem Kaiser Friedrich Museumsverein verkaufte. Nachdem dieses wichtige Werk zunächst hinsichtlich der Autorschaft diskutiert wurde, gilt es inzwischen unbestritten als autografes Werk des großen Florentiner Meisters, Farbkomposition und Figurenstil bestätigen dies. Stephan Weppelmann | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
___________________________________________

This work depicts the Dormition of the Virgin Mary, a theme that derives from apocryphal scriptures, of which the most important is the text headed Transitus Mariae by an anonymous author (Pseudo-Meliton), which was altered by Gregory of Tours (538–594). On the basis of these sources Jacobus da Voragine edited his version of the events for the Golden Legend (legenda aurea), a collection of saints’ lives. All sources distinguish various events in a chronological sequence: Mary’s wish to be allowed to die among the apostles, patriarchs and angels, her actual dormition, the funeral, the entombment and her resurrection and ascent into heaven. On the Berlin panel, Giotto made a synthesis of several elements of these events in one single depiction. The subject of the painting in this case should therefore be understood less as a historia (pictorial narrative) than as a representation of the
funeral cult rendered without a chronological continuum, a depiction of the ritual of communal commemoration.


Given this background, it is not surprising that Giotto’s composition contains numerous references to the medieval burial ritual. Moreover, the panel shows the participating figures in different categories: alongside the apostles, an important role is given to the angels in particular. In representations of obsequies and in the iconography of funeral monuments they appear as officiants and – following the text of the Apocalypse – are the givers of incense. Here, an angel in the right-hand part of the picture performs this task. With puffed-out cheeks, he blows into a censer in order to ignite the embers within it. Also present, on the left margin of the scene, are women, Mary’s companions. They can be regarded simultaneously as references to women in the cortège in an actual burial ritual. On each side of the sarcophagus, there also stands a pair of angels with special twisted candles, which were lit for
the blessing of the dead. This was followed by the lament for the deceased. On the Berlin panel, the apostles placed prominently above Mary’s head are performing gestures of mourning. After this, the clergy assembled for the vigil, the Penitential Psalms were read, and the body was sprinkled with holy water. We see Saint Peter on the left reciting from the psalms, while Saint Andrew, clothed in green, carries the aspergillum with the holy water from the right. In the subsequent procession, the body was accompanied to the grave with prayers and song.

That all of these aspects of the funeral scene can be identified on the painting is explained by the fact that this low-gabled dossal was placed on a side altar on the screen in the Florentine Ognissanti monastery of the Umiliati order. The altar was explicitly assigned to the offices of burial and memorial services. Graves in the floor of the church were placed directly in front of it. The painting was thus thematically devoted to the liturgical ritual that took place in front of it, while the ceremony itself was visually enhanced by the events depicted on the altarpiece. The Dormition of the Virgin Mary is associated with Christians’ expectation of life after death. The cult of death and commemoration was of great importance to the Umiliati, as this pastoral activity was linked to a significant income that the monks received through a share of the deceased person’s estate. When the cemetery in the inner city of
Florence was dissolved in 1296, the Ognissanti monastery outside the city centre became one of the leading churches for burials for a period of some years, as a large cemetery that could be extended indefinitely was situated in its immediate vicinity. The commission for this painting, which was of significance for the existence of the Umiliati order, was given by the monks to Giotto di Bondone, a leading Florentine painter, who executed it in about 1310 at the pinnacle of his mature period of work.
The three-dimensional appearance of the scene is created through the positioning of weighty figures and their arrangement like staggered columns. By way of introduction, one of the apostles kneels at the sarcophagus, which is set parallel to the edge of the painting, with the body of Mary stretched out upon it. Behind this, the figure of Christ, standing in the middle with a light-coloured robe, is flanked by two apostles wearing green togas. In its pink and cream-coloured clothing, the form of Christ is linked to the pairs of angels standing to the left and right in front of the sarcophagus: by means of such chromatic harmonies, the foreground and middle ground are skilfully interwoven. From the figure of the angel kneeling in front of the sarcophagus at the centre, the story unfolds to the sides, to the blue of the angel on the left who is wringing his hands and to the angel on the right who is pressing his elbows into his cape. The pronounced rendering of corporeality is one element that distinguishes Giotto’s figures from the Byzantine formal language that preceded him. For this reason, the artist has been regarded since the beginnings of art historical tradition as the father of modern painting.

In the course of its rich history, the paint layer of the Berlin altarpiece has suffered considerably. During various alterations to the Ognissanti church (the removal of the screen and the Baroque remodelling of the interior in the 16th century) it was taken from its altar, was eventually sold, and in the 19th century came to England to the collection of Reverend Walter Davenport Bromley. In 1913,
it was purchased by the London art dealer Robert Langton Douglas, who sold it to the Kaiser Friedrich Museumsverein. Following initial discussions of the authorship of this important work, it is now regarded without dispute as a work by the great Florentine master’s own hand, as the colour composition and the style of the figures confirm. Stephan Weppelmann | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Last updated: 16.10.2026

Contact

Institution:

Gemäldegalerie

Additional items from the collections

Ruhe auf der Flucht nach Ägypten

Ruhe auf der Flucht nach Ägypten

An einem rasenbedeckten Hang ruht die Heilige Familie. Maria sitzt am Rain eines rechts vorbeiführenden Weges, das Kind in ihrem Schoß. Dahinter steht Joseph, den Hut in der Hand, und stützt sich auf seinen Stab. Drei prächtig gekleidete Engel in der Mitte singen und flöten. Einer der fünf nackten Engelputten hört ihnen zu, ein anderer schläft, den Kopf auf einem bemoosten Klotz hinten bei der Quelle. Dort schöpft ein anderer Wasser in eine seitlich geöffnete Pilgerflasche. Ein Engel bringt dem Christkind blühende und fruchttragende Erdbeerstauden, ein anderer einen flatternden Vogel, einen Papagei. Vielerlei Pflanzen, darunter Himmelsschlüssel, Distel, Akelei und Erdrauch, geben dem Ort den Anschein eines blühenden Gartens. Die Szene wird nach hinten abgeschlossen durch den aufsteigenden Hang links, auf dem um die frische Fichte herum grüne und dürre Bäume stehen, durch die altersgraue Tanne in der Mitte und durch die Birke rechts im Bild. Im Hintergrund erblickt man Berge und Gebirgszüge. Die Darstellung des Geschehens ist ungewöhnlich und mit zahlreichen legendären und symbolischen Anspielungen durchflochten. Der blühende Garten im Vordergrund, von der Bergwelt hinten abgeschlossen, ist als ein Platz der Freude und des Geborgenseins zu verstehen. Mehrere Pflanzen findet man da, die auf Maria und Christus oder auf mit ihnen verbundene Ereignisse anspielen. Die Erdbeere gilt als eine Frucht des Paradieses. Die Akelei wie auch der Himmelsschlüssel sind Pflanzen, die sinnbildhaft auf Maria und Christus und auf die Passion hindeuten. Auch die Distel, als eine dornentragende Pflanze, erinnert an die Dornenkrone und das Leiden Christi. So mischt sich in das Bild der Freude auch der Hinweis auf die kommende Leidenszeit. Die Quelle, die aus dem Hang sprudelt, entsprang nach der Legende auf ein Wort des Christuskindes, um die ermüdeten Reisenden zu erquicken. Sie verwandelte zugleich den wüsten Platz in einen Garten. Auch die musizierenden und spielenden Engel gehören in diesen Zusammenhang. Durch die symbolische Ausdeutung der Umgebung und die Erscheinung der Engel wächst dem Ort die Qualität eines Paradiesgartens zu. Der Ort der Ruhe auf der Flucht ist zugleich ein Ort himmlischer Freuden. Graphische Vorlagen Dürers wie die Heilige Familie mit den Hasen von 1496/97 haben anscheinend die Bildgestalt Cranachs mit bestimmt. Einige Motive der Darstellung sind dort vorgebildet. Cranach hat später, 1509, die Komposition in Holzschnitten noch einmal verarbeitet. Eine ziemlich getreue Kopie des Gemäldes wird in Wien verwahrt. Ihre Existenz deutet darauf hin, daß unser Gemälde von Cranach noch vor seiner Abreise aus Wien gemalt wurde. Das Gemälde ist das erste von Cranach signierte und datierte Werk. Die Rekonstruktion und Sicherung der Malerei Cranachs vor seiner Wittenberger Zeit wäre ohne die Kenntnis dieses Bildes kaum möglich gewesen. Lange Zeit war es nur durch Beschreibungen, aber kaum durch Anschauung bekannt. 1892 wurde es auf einer Ausstellung in München erstmals gezeigt. Dieses Ereignis bestimmte die Forschung über Cranachs Frühzeit wesentlich mit. Das Gemälde ist eines der frischesten und künstlerisch bedeutendsten Werke Cranachs überhaupt. Wilhelm H. Köhler | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: am unteren Rand: Monogramm LC (auf einem Zettel) und Datum 1504___________________________________________________________________________________________The Holy Family is resting on a grassy slope. Mary sits on the edge of a path on the right, the child in her lap. Joseph stands behind her holding his hat in his hand and leaning on his staff. Three sumptuously dressed angels stand in the middle singing and playing flutes. One of the five naked angel cherubs is listening to them, another is asleep resting its head on the mossy hill behind, near the spring. There, a third cherub is drawing water into a pilgrim’s flask with an opening at the side. An angel brings the Christ child strawberry plants in flower and in fruit; another brings a bird flapping its wings, a parrot. The many varieties of plants, among them cowslips, thistles, columbine and fumitory, give the place the appearance of a flowering garden. The scene is enclosed from behind by the hillside rising on the left on which both green and dead trees stand around the young spruce, by the aging grey fir tree in the middle and by the birch on the right. Mountains can be seen in the background.The depiction of the scene is unusual because of the numerous legendary and symbolic allusions that are woven in. The flowering garden in the foreground, enclosed by the mountains in the background, can be interpreted as a place of joy and as a sanctuary. Several of the plants are allusions to Mary and Christ or to events connected with them. The strawberry is considered to be a fruit of paradise, while the columbine and the cowslip stand for Mary and Christ and refer to the Passion. The thistle, too, as a thorny plant recalls the crown of thorns and the suffering of Christ. Thus, the joyous scene is marred by allusions to the suffering to come. According to legend, the spring began bubbling out of the hillside at the Christ child’s bidding in order to quench the thirst of weary travellers. At the same time, it transformed the barren place into a garden to which the playing and music-making angels also belong. The symbolic interpretation of the surroundings and the appearance of the angels lends the place the quality of a garden of paradise. The resting place during the flight is simultaneously a scene of heavenly joy.Dürer’s graphic models for the painting, such as the Holy Family with the Rabbits from 1496/97, apparently also had an influence on Cranach’s composition. Some of the motifs are already present there. Later, in 1509, Cranach reworked the composition in woodcuts. A copy of the painting that is highly faithful to the original is preserved in Vienna. Its existence suggests that the Cranach in question here was painted before the artist left Vienna.This is the first work to be signed and dated by Cranach. Without knowledge of this painting, it would have been well-nigh impossible to reconstruct and reliably attribute Cranach’s pre-Wittenberg oeuvre. For a long time, it was known only through descriptions but without actually having been seen. It was shown for the first time at an exhibition in Munich in 1892. This event played a major role in subsequent research into Cranach’s early period. The painting is one of the freshest and artistically most significant works that Cranach ever produced. Wilhelm H. Köhler | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Friedrich der Große vor der Schlacht bei Torgau

Friedrich der Große vor der Schlacht bei Torgau

Im Jahre 1741 trat Rode in die Werkstatt des preußischen Hofmalers Pesne ein. Hier konnte er seine künstlerischen Fähigkeiten optimal erschließen. Sicher auch auf dessen Anregung hin begab sich Rode um 1749 auf eine mehrjährige Studienreise nach Paris. Anfang der fünfziger Jahre weilte er gemeinsam mit dem Maler Adolf Friedrich Harper in Rom und Venedig. Hier hatten es ihm die glühenden Farben der Bilder von Tizian und Tintoretto angetan. Seit etwa 1753 lebte Rode wieder in Berlin. Die Erfahrungen der Studienreisen prägten sein künstlerisches Selbstverständnis. Mit nur unwesentlichen Modifikationen behielt er seinen Stil bis zum Lebensende bei. Seit 1770 wurde Rode in den Unterlagen der Berliner Kunstakademie als »Historien-Mahler« geführt. Mehrfach hatte er bereits erfolgreich für Friedrich den Großen gearbeitet. Dieser muss Rodes Stücke sehr geschätzt haben. So überrascht es nicht, dass er den Maler 1783 umgehend auf die vakante Akademiepräsidentenstelle berief. Mit der Reorganisation der Akademie unter ihrem Präsidenten Rode und dessen Stellvertreter Daniel Nikolaus Chodowiecki im Jahre 1786 ist auch dem neuen allgemeinen Interesse an vaterländischer Geschichte und ihrer Bewahrung in Artefakten entsprochen worden. Fortan unterstützte die Akademie zeitgemäße Kunst durch die Formulierung geeigneter Prämierungsgrundsätze. Sie sollte gewissermaßen »aus der uns allen sehr interessanten Brandenburgischen Geschichte« schöpfen, wie Chodowiecki im Mai 1786 in einem Vortrag äußerte. Einen Höhepunkt bedeuteten die von Christoph Friedrich Nicolai zwischen 1788 und 1792 veröffentlichten sechs Hefte: Anekdoten von König Friedrich II. von Preußen und von einigen Personen, die um ihn waren. Es handelt sich hierbei um eine geprüfte frühe Quellenliteratur. Diese Veröffentlichungen haben auch Rodes Ereignisbilder zur vaterländischen Geschichte maßgeblich bestimmt. Er war der erste Maler in Brandenburg-Preußen, der sich bemühte, Historiographie frei von barockem Pathos in weltliche Ereignisbilder umzusetzen. Damit hatte der Künstler sich weitgehend vom klassischen Historienbild gelöst, wo die Taten exponierter Personen in mythologische oder religiöse Handlungen eingebettet wurden.Ein Zeugnis dieser neuen Reflexionsweise ist unser Gemälde, für dessen thematische Rahmenhandlung ein Hauptgefecht des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) gewählt wurde. Nachdenklich lehnt der König an einer Eiche, die als Kompositionsachse dient. Er behütet den Schlaf seines treuen Dieners, des Husarengenerals Hans Joachim von Zieten. Eine Soldatenfrau, glücklich über das in der Nähe befindliche Feuer, stellt einen Topf mit Kartoffeln in den provisorischen Herd, ohne die Herrschaften zu bemerken. Eifrig facht sie die Glut an, so dass Asche in des Königs Gesicht geblasen wird. Dieser aber lässt sie gnädig gewähren, während er sich mit seinem Mantel schützt. Die Figuren sind in ein gedachtes ungleichschenkliges Dreieck gespannt, wodurch eine geradezu klassische Statuarik entsteht. Eine schöne Landschaft umschließt die Gruppe. Sie ist das Resultat von Rodes vielfältigen Naturstudien im Harz, im märkischen Oderland sowie in Schlesien. Das Licht des Lagerfeuers hebt die Akteure der Haupthandlung hervor. Damit hatte sich Rode die Möglichkeit eröffnet, die Glut eines gedämpften Kolorits zu verwenden, wie er es während seiner venezianischen Studienzeit kennen- und schätzengelernt haben dürfte. Eine flüchtige Zeichnung zur Vorbereitung der Komposition von Rodes Hand wird im Berliner Kupferstichkabinett aufbewahrt. Das Gemälde wurde auf der Berliner Akademieausstellung des Jahres 1793 gezeigt. Es gehört zu einer locker gefügten Fridericiana, die zwischen 1786, respektive 1791, und 1795 entstand. Von den ursprünglich strenggenommen – acht Bildern sind nur vier erhalten. Erstaunlicherweise ist zu Lebzeiten des Malers keines von ihnen verkauft worden. Offenbar entsprachen die hier geschilderten Charaktereigenschaften des verblichenen Königs – Bescheidenheit, Furchtlosigkeit und Witz – sowie die Verwendung zeitgenössischer Kostüme nicht den Vorstellungen des Publikums, dem das zeitlos Erhabene vorzuschweben schien.| 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2010SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. rechts unten am Stein: B. Rode / 1791._____________________________________________________________An anecdote relates that the king leant thoughtfully against an oak. He is watching over the sleep of his faithful servant, the Hussar General Zieten. A soldier’s wife is placing a pot of potatoes on the provisional hearth, without noticing the gentlemen. She is fanning the ashes so enthusiastically that ash is being blown in the king’s face. However, he graciously allows her to continue, while he protects himself with his cloak. The glow of the campfire highlights the protagonists. The painting was shown at the 1793 Berlin Academy exhibition (picture no. 2). It belongs to the so-called Fridericiana, a loose set of paintings by Rode created between 1786 and 1795, that were subsequently declared to be a series and depict important events of the biography of Frederick the Great (1712–1786). The Fridericiana ideologically follows the Brandenburgiana, a series of paintings by Rode created between 1757 and 1763 depicting events from Brandenburg-Prussian history.

Die Apostel Petrus und Johannes, segnend

Die Apostel Petrus und Johannes, segnend

Das Bild stammt von einer beidseitig bemalten Prozessionsfahne, die Vasari für die Compagnia dello Spirito Santo malte. Auf der anderen Seite war das Pfingstwunder dargestellt. Es befindet sich heute in der Bildergalerie, Potsdam Sanssouci. Beide Szenen stehen inhaltlich in unmittelbarem Zusammenhang. Nach der Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten treten Petrus und Johannes gemeinsam auf, um als Jünger Christi dessen Lehre zu verbreiten. Auf den göttlichen Auftrag verweist die Taube des Heiligen Geistes, die über der Szene schwebt. Laut Apostelgeschichte hält Petrus eine wirkungsvolle Predigt und heilt im Beisein von Johannes einen Lahmen (Apg. 3,1-10). Er ist der Stellvertreter Christi auf Erden, ist befähigt, Wunder zu tun und kann darüber hinaus als Repräsentant der Kirche angesehen werden. Mit den Darstellungen auf der Prozessionsfahne, die zu Pfingsten durch die Stadt getragen wurde, verwiesen die Mitglieder der Bruderschaft auf ihre eigene Jüngerschaft und ihre Aufgabe als Verkünder des Evangeliums. Vasari war als Maler und Baumeister in Arezzo, Florenz und Rom tätig. Auf vielen Reisen sammelte er Material für die Lebensbeschreibungen italienischer Künstler, die heute eine der wichtigsten Quellen der Kunstgeschichte sind. | Prestel-Museumsführer - Gemäldegalerie Berlin, 2017__________________________________________________The picture conies from a processional banner painted on both sides that Vasari painted for the Compagnia dello Spirito Santo. The miracle of Pentecost was depicted on the other side. This work is now in the Bildergalerie in Potsdam- Sanssouci. The two scenes are closely linked in terms of content. After the outpouring of the Holy Spirit at Pentecost, Peter and John appeared together to spread Christ’s teaching as his disciples. The pentecostal dove hovering over the scene refers to the divine mission. The account adds that sick people were healed by Peter’s shadow as he passed by (Acts of the Apostles 3, 1-10). He is Christ’s representative on earth, is able to perform miracles and can also be seen as representing the whole church. The members of the Brotherhood were identifying their own discipleship and their mission to proclaim the gospel in the images on the processional banner that was carried through the city at Whitsuntide. Vasari worked as a painter and architect in Arezzo, Florence and Rome. He travelled a great deal, and collected material for accounts of Italian artists’ lives, which are important sources of art history. | Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2017

Thronende Madonna / Glatzer Madonna

Thronende Madonna / Glatzer Madonna

Im Jahre 1902 erwarb das Museum durch den Kaiser-Friedrich-Museums-Verein aus dem Gymnasium zu Glatz, einer Stadt im Grenzbereich zwischen Schlesien und Nordböhmen, ein Hauptwerk der Böhmischen Schule. Die nach ihrer Herkunft Glatzer Madonna benannte Altartafel legt Zeugnis ab für die Blüte der Kunst am Hof Karls IV. zu Prag. Sie zeigt die Gottesmutter mit dem Kind auf einem architektonisch reich gestalteten Thron. Ein Engel setzt ihr eine Krone auf. In der Hand hält sie ein Lilienszepter. Ein Reichsapfel liegt in ihrem Schoß, ein Engel reicht ihr, die Knie beugend, einen weiteren dar. Diese Attribute kennzeichnen Maria als »regina coeli«, als Himmelskönigin. Der Christusknabe in ihrem Schoß hält eine Schriftrolle als einen Hinweis auf die »Schrift«, die nun erfüllt sei. Zwei Engel oben halten ein kostbares Ehrentuch, zwei weitere neigen sich aus Fenstern und schwingen Weihrauchfässer. Ein Engel links weist mit großer Gebärde auf die Gestalt des Stifters am Fuß des Thrones hin. In der vielgliedrigen Gestalt des aus kostbaren Materialien bestehenden Throns soll gleichsam ein himmlisches Gebäude anschaulich werden. Marmor und Edelsteine verschiedener Farbe bestimmen den Eindruck. Auffällig ist daneben die aus Brettern gefügte Rückwand, womit vielleicht Zedernholz gemeint ist, das beim Bau des Salomonischen Tempels Verwendung fand. In zwei tempelartigen Gehäusen oben sieht man zwei Löwen. Sie erinnern, wie auch die Bretter aus Zedernholz, an die Beschreibung des Thrones und Tempels Salomos. Der Sinnbezug auf den Salomonischen Thron deutet den Christusknaben als Neuen Salomo und setzt seine Mutter, in deren Schoß er ruht, dem Salomonischen Thron gleich. Maria wird so auch gekennzeichnet als Sitz der göttlichen Weisheit. Vielfältiger Art sind die in die Darstellung verwobenen symbolischen Anspielungen. Ein Stern über dem Thron im Goldgrund erinnert an den Beinamen Marias: »stella maris«, Maria als der Stern des Meeres. Die uns erhaltene Tafel ist unvollständig. Sie war ursprünglich nach italienischen Vorbildern von kleineren Darstellungen rahmenartig eingefaßt. Eine Schrift des 17. Jahrhunderts berichtet über den damaligen Zustand, wonach als kleine Bilder um die Tafel herum angeordnet waren: die Geburt Christi, die Beschneidung Christi, die Flucht nach Ägypten und Jesus im Tempel, also wohl eine Folge von Szenen aus dem Marienleben (Depictae in parvis imaginibus curae Divae Virginis ut …). Der Stifter am Fuß des Throns ist durch seine Amtszeichen, Pallium und Patriarchalkreuz, als Erzbischof ausgewiesen. Seine bischöflichen Insignien bringt er wie ein Opfer auf den Stufen des Throns dar. Anhand seiner Würdezeichen ist der Stifter der Tafel zu identifizieren. Es ist Ernst von Pardubitz, der erste Erzbischof Prags. Er ging in Glatz zur Schule, studierte in Italien und Paris und wurde 1343 zum Bischof ernannt. 1344 erwirkte er von Papst Clemens VI. in Avignon die Erhebung Prags zum Erzbistum. Prag wurde damit vom Erzbistum Mainz unabhängig und selbständig. Um 1350 gründete der Erzbischof in Glatz ein Augustinerchorherrenstift. In die Kirche dieses Klosters stiftete er möglicherweise unsere Altartafel. Wilhelm H.Köhler | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019_____________________________In 1902, with the help of the Kaiser Friedrich Museumsverein, the museum acquired one of the major works of the Bohemian School from the secondary school in Glatz (Kłodzko), a town in the border area between Silesia and Northern Bohemia. The altar panel known as the Virgin of Kłodzko, named after the place where it comes from, testifies to the flourishing of the arts at the Prague court of Charles IV. It shows the Mother of God with the Christ child sitting on a throne of elaborate architecture. An angel is placing a crown on her head. In her hand, she holds a scepter of lilies. An imperial orb lies in her lap, while a kneeling angel holds out a second one to her. These attributes identify Mary as regina coeli, the queen of heaven. The Christ child in her lap is holding a scroll as a reference to the “scriptures” that have now been fulfilled. Two angels at the top of the painting hold a precious cloth of honour; two others are leaning out of the windows swinging censers. An angel on the left is gesturing towards the figure of the patron at the foot of the throne. The throne, made of precious materials, is divided into many sections and as such is intended to represent a celestial edifice. Marble and precious stones in various colours confirm this impression. Noteworthy is its back made of wooden planks, perhaps cedar, the wood used to build Solomon’s Temple. Two lions can be seen intwo temple-like enclosures above the throne. Like the cedar planks, they recall the description of Solomon’s throne and temple. The symbolic reference to the throne suggests that the Christ child is the New Solomon and thus places his mother, in whose lap he lies, on a par with the throne itself. Mary is thus also identified as the seat of divine wisdom. Myriad symbolic allusions are woven into the depiction. A star above the throne in the gold ground recalls Mary’s epithet: stella maris or “star of the sea”.The surviving panel is incomplete. It was originally framed by smaller depictions, a design that followed Italian models. A 17th-century text tells us about the small images that were once placed around the central image: the Nativity, the Circumcision of Christ, the Flight into Egypt and Jesus in the Temple, evidently a series of scenes from the Life of the Virgin: “Depictae in parvis imaginibuscurae Divae Virginis ut […]”. The patron at the foot of the throne is identifiable as an archbishopthrough his official insignia, pallium and patriarchal cross. He lays his bishop’s insignia on the steps of the throne like a sacrifice. The patron of the panel can be identified: it is Ernst of Pardubice, Prague’s first archbishop, who attended school in Glatz (Kłodzko), studied in Italy and Paris and was appointed a bishop in 1343. In 1344, he succeeded in having Prague raised to the status of an archbishopric by Pope Clemens VI in Avignon. Prague thus became independent of the archbishopric of Mainz and an archbishopric in its own right. Around 1350, the archbishop founded an Augustinian canonical seminary in Glatz (Kłodzko). He may have donated this altar panel to the monastery church. Wilhelm H.Köhler | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019