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Das Martyrium der heiligen Agathe

Ident. Nr.: 459B

ObjID: obj:866587

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Giovanni Battista Tiepolo (1696 - 1770),
Maler*in
Date(s)
Ausführung: 1755
Additional titles
Collection title: Das Martyrium der heiligen Agathe
Translation: The Martyrdom of St Agatha
Geographical references
Italien,
Land
Venedig,
Stadt
Material / Technique
Leinwand
Dimensions
Bildmaß: 187,8 x 135,5 cm
Acquisition
1878 Ankauf von Charles Sedelmeyer, Paris

Object Description

Eine der klassischsten Schöpfungen aus Tiepolos venezianischen Jahren ist das ehemalige Hochaltarbild der Benediktinerinnen-Klosterkirche S. Agata in Lendinara bei Rovigo, das der Künstler um 1755, nach seiner Rückkehr aus Würzburg 1753, malte. Es stellt den Tod der Titelheiligen dar, die in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts in Catania lebte und 251 das Martyrium erlitt. Sie entstammte einer reichen adeligen Familie und widmete schon in jungen Jahren ihr Leben Christus. Von dem jungen Quintian wurde sie verschiedenen Versuchungen ausgesetzt, verhaftet und gefoltert. Ein Henker trennte ihr die Brüste ab. In den Kerker zurückgebracht, erschien ihr Petrus und heilte sie. Bei erneuter Folter brach plötzlich ein Teil des Gebäudes zusammen und begrub zwei Henker unter sich. In Catania brach ein Erdbeben aus. Nach dem Gebet des Dankes, dass ihr Körper unversehrt geblieben war, starb sie. Am Jahrestag ihres Todes brach der Ätna aus. Man trug das Tuch, das ihr Grab bedeckte, dem Lavastrom entgegen und brachte ihn damit zum Stillstand. Ihr Schutz wurde hinfort zur Abwehr von Erdbeben angerufen.
Während die italienischen Maler des Frühbarocks mit Vorliebe die Episode der Heilung der heiligen Agathe durch Petrus im Gefängnis schilderten, stellt Tiepolos Bild ihr Martyrium dar. Sie ist auf den Stufen einer antiken Architektur halb zusammengesunken und blickt ergebungsvoll in die Höhe, während eine Dienerin mit dem Tuch die verstümmelte Brust bedeckt und ein Jüngling neben ihr auf einer Schale die abgeschnittenen Brüste trägt. Tiepolo hat nicht den Moment der Exekution der Marter dargestellt und so die Drastik des Grauenvoll-Blutrünstigen vermieden. Bestimmend ist vielmehr der Eindruck von Festigkeit, ruhigem Gottvertrauen und Glaubensstärke, der von der Heiligen ausgeht. Ihr Gesicht wird gleichsam gehalten und eingefasst von den sich ihr sanft und anschmiegsam zuwendenden Köpfen des Jünglings und der Dienerin, während die rechts hinter und über ihr erscheinende ungestüm-dräuende Gestalt des brutalen Henkers mit dem ausfahrenden Zeigegestus des rechten Arms den dramatischen Widerpart bildet. Der Energie seines nach links herumgeworfenen Kopfes wird Einhalt geboten durch die mächtig aufragende Säule, deren Vertikale symbolisch wie formal den nach oben gerichteten Blick der Heiligen aufnimmt. Die Säule ist allerdings nicht mehr in ihrer vollen ursprünglichen Höhe sichtbar.
Wie die Radierung von Giovanni Battistas Sohn Giovanni Domenico zeigt, schloss das Bild ursprünglich oben halbrund ab. Der Säulenschaft endete in einem Bruch, der ruinöse Zustand spielte vielleicht auf den Einsturz des Palastes und das Erdbeben an. Links in den Wolken war die Vision der Heiligen, das von der Dornenkrone umgebene, flammende Herz Christi, dargestellt, um das zwei Engelsköpfe schwebten. Schon 1795 befand sich das Bild in schlechtem Zustand. Es verschwand aus der Kirche, als 1810 das Kloster säkularisiert wurde oder spätestens 1832/35, als ein Priester das Kirchengebäude von der österreichischen Administration erwarb und es den Kapuzinern übergab, die die Kirche neu ausstatteten und den Hochaltar dem heiligen Franziskus weihten. Tiepolos Bild wurde auch unten um 15 Zentimeter beschnitten. Zwei Vorzeichnungen für den Kopf der Heiligen befinden sich im Berliner Kupferstichkabinett, eine Studie für die Hände des Jünglings, die die Schale halten, wird im Museo Correr in Venedig aufbewahrt. Erich Schleier | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
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One of the most classical creations of Tiepolo’s Venetian years is the former high altar of the Benedictine monastery church of Sant’Agata in Lendinara near Rovigo, which the artist painted ca. 1755 after returning from Würzburg in 1753. It depicts the death of the tutelary saint, who lived in Catania during the first half of the third century, and suffered martyrdom in 251. Saint Agatha came from a wealthy noble family, and devoted her life to Christ already in her younger years. She was exposed to various temptations, imprisoned, and tortured by the young Quintian. An executioner cut off her breasts. After she was returned to prison, Saint Peter appeared to her and healed her. Upon continued torture, a section of the building collapsed suddenly, burying two executioners. Then an earthquake occurred in Catania. After giving thanks for the fact that her body had remained unharmed, she died. On the anniversary of her death, Mount Etna erupted. The sheet that had covered her grave was held up to the stream of lava, bringing it to a standstill. She has been invoked as a protectress from earthquakes ever since.
While the Italian painters of the early Baroque preferred as a rule to illustrate the episode when Agatha is healed in prison by Saint Peter, Tiepolo’s picture depicts her martyrdom. She has slumped down halfway onto the steps of an antique building, and gazes upward into the heavens with an expression of surrender, while a female servant uses a cloth to cover her mutilated chest and a nearby youth carries the severed breasts on a tray. Tiepolo has not depicted the moment of the actual act of torture itself, hence avoiding the greatest extremes of cruelty and gruesomeness. Decisive here instead is an impression of steadfastness, of belief in God and strength in faith that is expressed by the figure of the saint. Her face is so to speak held and framed by the heads of the youth and the female servant, who turn toward her with gentleness and solicitude, while the ferocious, brutal figure of the executioner, a dramatic antagonist, looms up behind her making an expansive pointing gesture with his right hand. The energy of his head, turned toward the left, is arrested by the powerfully towering column, whose vertical takes up the saint’s upward gaze, both symbolically and formally. The column is however no longer visible in its original height.
As shown by an etching executed by Giambattista’s son Giandomenico, the upper terminus of this picture was originally semi-circular. The top of the shaft of the column was broken off, its ruinous condition perhaps an allusion to the collapse of the palace and the earthquake. Depicted on the left-hand side in the clouds was the saint’s vision, the flaming heart of Christ surrounded by the crown of thorns and flanked by a pair of angel’s heads. As early as 1795, the picture was found in poor condition. It vanished from the church when the monastery was secularized in 1810, or perhaps as late as 1832/35, when a priest acquired the church building from the Austrian administration and transferred it to the Capuchins, who redecorated the church and dedicated the high altar to Saint Francis. Circa 15 centimetres were removed from Tiepolo’s picture at the bottom. Two preliminary drawings for the head of the saint are found in the Berlin Kupferstichkabinett, while a study of the youth who holds the tray, is preserved in the Museo Correr in Venice. Erich Schleier | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Last updated: 06.08.2026

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Institution:

Gemäldegalerie

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Christus als Schmerzensmann mit Maria und Johannes

Christus als Schmerzensmann mit Maria und Johannes

Christus sitzt niedergesunken vor dem Kreuz am Boden, während es auf Golgatha Abend wird. Seine Glieder wirken kraftlos; Wundmale an Händen und Füßen sowie die Dornenkrone zeichnen den Gemarterten. Als weitere Arma Christi lehnen der Ysop-Stab mit Essigschwamm, die Lanze und eine Leiter gegen das Kreuz; die drei Nägel liegen weiter hinten links im Halbdunkel. Ein Stück entfernt von Christus sitzt Maria, ganz in Dunkelblau. Sie ringt die Hände im Schmerz und blickt traurig zu ihrem Sohn hinüber. Neben ihr hockt Johannes, der sich eng in seinen roten Mantel gehüllt hat und das kummervolle Gesicht in der bekannten Melancholie-Geste in die linke Hand stützt. Von der grünen Wiese um die Protagonisten herum setzt sich die felsige Hintergrundlandschaft ab. Unter einem baumbestandenen Hügel ganz links öffnet sich die für Christus bestimmte Grabeshöhle mit einem rötlichen Steinsarkophag darin, während sich rechts die ummauerte, von einem Graben geschützte Stadt Jerusalem mit zahlreichen Türmen und dem runden Salomonischen Tempel in ihrer Mitte erhebt. Durch das Stadttor kehrt soeben der letzte der an der Kreuzigung Beteiligten zurück. Er hat ein bläuliches Tuch über die Schulter geworfen, bei dem es sich um den unteilbaren Rock Christi handeln dürfte.Künstlerisch höchst subtil und poetisch ist die kleine Tafel auch ikonografisch ungewöhnlich, vielleicht sogar einzigartig unter den Gemälden der Zeit um 1400. Auf eigenwillige Art wird nämlich in dem Bild eine Szene, die einen bestimmten Moment der Passionsgeschichte aufgreifen könnte, mit der dem Handlungsablauf völlig enthobenen Gestalt Christi kombiniert. Dieser erscheint als Schmerzensmann, der gestorben und doch lebendig, Mensch und Gott zugleich ist. Die Erlösungstat ist »vollbracht« (Johannes 19,30), doch statt des Todes hat den Erlöser hier Erschöpfung ergriffen. Wahrscheinlich haben wir es bei dem Berliner Bild mit einer ikonografischen Neuerfindung zu tun, die den spezifischen Wünschen des Auftraggebers entsprang. Hier soll nicht zeichenhaft oder repräsentativ vorgeführt, sondern über den emotionalen Gehalt eines üblichen Schmerzensmannes hinaus das Miterleben und Mitfühlen angespornt werden: Johannes scheint die traurig-meditative Haltung vorzugeben, mit der das Bild vom Gläubigen betrachtet sein will. Maria aber fungiertals primäre Vermittlerin, sie nimmt die Mitte des Bildes ein, ist uns zugewandt und zugleich auf Christus ausgerichtet.Künstlerisch lässt sich das Täfelchen der großen Gruppe österreichischer Tafelmalereien aus dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts zuordnen. Obgleich sich verschiedene Notnamen etabliert haben, ist eine genauere Zuordnung der einzelnen Werke problematisch. Das Berliner Täfelchen steht sowohl den Tafeln eines Marienlebens in Klosterneuburg, die unter der Bezeichnung »Meister der Darbringungen « geführt werden, als auch der großen, in London befindlichen Tafel eines Gnadenstuhls nahe; ob es aber von einem der jeweils verantwortlichen Maler selbst stammt, muss offen bleiben. Stephan Kemperdick | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________Christ is slumped on the ground below the cross as evening falls on Golgotha. His limbs are limp, drained of strength; the stigmata on his hands and feet and the crown of thorns signify his martyrdom. Other arma christi or instruments of the Passion – the hyssop reed with, the sponge of vinegar, the lance and the ladder – are leaning against the cross; further behind on the left in the semi-darkness lie the three nails. The Virgin Mary, clad entirely in dark blue, sits a short distance away from Christ. She is wringing her hands in sorrow as she looks sadly across to her son. John, who has wrapped himself tightly in his red cloak, is squatting beside herleaning his sad face on his left hand in the well-known gesture of melancholy. The rocky landscape in the background contrasts with the grassy meadow surrounding the protagonists. Below a tree-lined hill on the far left, the cave sepulchre intended for Christ containing a reddish stone sarcophagus opens up, while on the right the many towers of the walled and moated city of Jerusalem point skywards. The round Temple of Solomon can be seen in the middle. The last of those who attended the crucifixion is returning through the city gate. He has thrown a bluish cloth over his shoulder, probably the Seamless Robe of Christ. In artistic terms, the small panel is extremely subtle and poetic. Its iconography is unusual, if not indeed unique among the paintings of the period around 1400, for it combines a scene apparently portraying a moment in the Passion story with a Christ figure completely disassociated from the course of events. Here Christ is depicted as the Man of Sorrows, who has died and yet lives on simultaneously as man and God. The act of redemption has been “fulfilled” (John 19:30), but here the saviour is shown not as dead but as overcome with exhaustion. Probably the Berlin painting was an iconographic novelty painted to fulfil the specific wishes of the person who commissioned it. The work is not intended as an emblematic or showcase piece but instead seeks to go beyond the emotional substance usually associated with a Man of Sorrows to encourage the viewer to witness and empathise with what he or she sees: Saint John appears to be demonstrating the melancholy, meditative pose with which the faithful are supposed to view the painting. However, the chief intermediary is Mary. She occupies the centre of the picture, her gaze directed bothtowards the viewer and towards Christ. In art historical terms, the small panel can be placed among the large group of Austrian panel paintings from the first third of the 15th century. Although various provisional names for the artist have become established, a more precise attribution of the individual works is difficult. The little Berlin panel bears a close resemblance both to the panels depicting the Life of the Virgin Mary in Klosterneuburg, whose author is known as Master of the Presentations, and to the large panel of the Throne of Mercy in London. Whether either of the painters responsible for these works painted the Berlin panel must remain open, however. Stephan Kemperdick | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Wladislaw IV. (1595-1648) von Polen / Allegorische Darstellung der Tugend

Wladislaw IV. (1595-1648) von Polen / Allegorische Darstellung der Tugend

Der dargestellte Wladislaw IV. (1595 – 1648) war seit 1632 König von Polen. Auf seinem reich dekorierten Wams ist eine Kette erkennbar, die ihn als Ritter des Ordens vom Goldenen Vließ kennzeichnet, dem er seit 1615 angehörte. Er trägt ein violettes Käppchen. Auffällig an der Frisur Wladislaws IV. ist ein dünner Zopf, der auf die linke Schulter fällt und dessen Ende von einer breiten Schleife zusammengehalten wird. Er war in zweiter Ehe mit Louise – Marie, Prinzessin von Gonzaga, Mantua, Montferrat und Nevers („Fille de France“, d.h. Prinzessin von Geblüht) vermählt. Die Trauung fand in Abwesenheit des Bräutigams im Jahre 1645 in der Kathedrale St. Denis statt. Dabei wurde der polnische König durch den Woiwoden von Posen, Christoph Graf Bnin Opalinski vertreten. Mehrmonatige Feierlichkeiten zogen Viele nach Paris, so auch den gefragten Genfer Miniaturmaler Paul Prieur (Um 1620 - 1682/83). Der umtriebige Hugenotte schuf dort zu dieser Zeit auch die Berliner Miniatur. Es wird sich dabei um ein diplomatisches Geschenk des polnischen Königs an den Großen Kurfürsten (Friedrich Wilhelm von Brandenburg) gehandelt haben, der im Jahre 1640 Wladislaw IV. den Lehnseid als Herzog von Preußen leistete und 1646 aus Anlass des Einzugs der aus Paris kommenden polnischen Königin Louise-Marie in Danzig anwesend war. Auf dem Contreémail der Miniatur ist in der Mitte ein von der Sonne gekrönter Obelisk auf vier Kugeln auf einem Postament geschildert. Traditionell als „Gloria dei principe“ (Ruhm des Prinzen) lesbar. Dem gesellt sich die Umschrift HONOR VIRTVTIS PRAEMIVM (Ehre ist der Lohn der Tugend). Die vorzügliche, auf einem Bildträger aus Gold gearbeitet, Berliner Emailminiatur eröffnet die Reihe von Paul Prieurs datierten Arbeiten. SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf der Rückseite: HONOR VIRTVTIS PRAEMIVM (umlaufend); unten: prieur Fecit / 1645

Zwei Marktfrauen und ein Junge mit Geflügel und Gemüse

Zwei Marktfrauen und ein Junge mit Geflügel und Gemüse

Von den bedeutenderen Meistern des Bologneser Spätmanierismus (O. Samacchini, L. Sabatini, P. Fontana) war Bartolomeo Passarotti zweifellos der fortschrittlichste, derjenige, der am deutlichsten Stilelemente der Carracci vorwegnahm. Agostino Carracci war zeitweilig sein Schüler, Annibale Carracci wurde in seiner Frühzeit stark von ihm beeinflusst. Passarotti hat in Rom bei Taddeo Zuccari gearbeitet (1551), stand aber andererseits in der Tradition des Bologneser Manierismus (Pellegrino Tibaldi) und wurde auch von Parmigianino und Niccolò dell`Abate beeinflusst. Sein Oeuvre besteht aus drei Komplexen: Altarbilder, Porträts und Genrebilder. Die Altarbilder befinden sich ausnahmslos noch am Ort, in Kirchen Bolognas und der Emilia sowie im Museum von Bologna. Besonders berühmt war Passarotti als Porträtmaler. Seine weit verbreiteten und gelegentlich auf dem Markt vorkommenden Porträts bildeten die unmittelbare Vorstufe für die Porträtkunst der Carracci.Auch die kleinste Werkgruppe, die der Genrebilder, wurde für die Carracci vorbildlich. So galt das Berliner Bild der "Schachspieler", das 1971 dem Ludovico Carracci zuerkannt wurde, lange als Werk Passarottis (A. Venturi, 1933). Zu der kleinen Gruppe der Genrebilder Passarottis gehört das vorliegende, aus dem Londoner Kunsthandel angebotene Bild einer halb stilllebenhaft, halb porträthaft (in Dreiviertelfiguren) gefassten Marktszene: eine alte Marktfrau, die mit Geflügel und Gemüse handelt, preist ihre Hühner an. Mit beiden Armen hat sie eine Henne und einen Hahn gepackt und hält sie dem Betrachter als ideellem Käufer entgegen, ihn anblickend, den sprechend geöffneten Mund zu einem leichten Lächeln verzogen. Sie lehnt mit dem rechten Arm auf den hölzernen Hühnerkäfig, auf dem links hinten ein Hahn thront. Im Hintergrund ferner eine Stange, an der, mit einem Band befestigt, ein Schild hängt, auf dem der Buchstabe P (= Pollaiolo [Geflügel-Verkäufer], aber wohl auch das Monogramm des Künstlers) steht. In der rechten Bildhälfte sieht man eine bildeinwärts gerichtete junge Frau mit ihrem Jungen. Es bleibt unklar, ob sie eine Kundin oder eine zweite Verkäuferin ist. Das Halsband aus roten Steinen und der relativ aufwendige, schleierartige Überhang deuten wohl eher auf eine Kundin hin. Ihr verlorener Blick aus den Augenwinkeln geht am Betrachter vorbei. Sie schmiegt ihr Kind mit dem linken Arm an sich (sie greift in sein Haar), vielleicht will sie den Jungen, der gerade mit der Hand nach einem Kürbis greift, zurückhalten. Im Vordergrund unten ein Korb (oder eine Karre) prallgefüllt mit Zwiebeln und Kürbissen.Die Figuren und der stilllebenhaft arrangierte Kürbishaufen sind eng ins Bildfeld eingepasst. Figuren und Formen, ganz in der vordersten Bildebene platziert, vermitteln den Eindruck bedrängender Nähe und handgreiflicher Wirklichkeit. Dieser Eindruck wird unterstrichen durch die pastose Malweise, die freie, lockere Pinselschrift, eine Faktur, die, zusammen mit der Art der Gewandbehandlung und der Modellierung, vor allem aber der Farbigkeit, ganz unmittelbar auf die wenige Jahre später entstandenen Genrebilder Annibale Carraccis (Schlachterladen in Oxford, Bohnenesser in Rom, Gal. Colonna) vorausweist. Annibale Carracci hat in seinen Genrebildern, die alle in die Frühzeit fallen, mit dem gleichen Realismus, der gleichen Naturbeobachtung gearbeitet. Gleichwohl würde man die Bilder als lediglich realistische Markstücke im Sinne des 19. Jahrhunderts missverstehen. Im vorliegenden Bild ist offenbar eine Anspielung auf die drei Lebensalter mit gemeint, außerdem hat die neuere Forschung in den Genrestücken Passarottis und Carraccis Bezüge zur Commedia dell`arte gesehen (letztlich auf Aristoteles' Poetik fußend; vgl. B. Wind, Pitture ridicole: Some Late Cinquecento Comic Genre Paintings, in: "Storia dell'Arte", 20, 1974; ders., Annibale Carracci's "Scherzo": The Christ Church Butcher Shop, in: "The Art Bulletin" 1976). So wie Passarottis Genrebilder einerseits auf die Carracci vorausweisen, fußen sie andererseits auf niederländischen Vorbildern, vor allem von Aertsen und Beuckelaer (vgl. H. Bodmer, Die Kunst des Bartolomeo Passerotti, in: "Belvedere" 1938).Das vorliegende Werk war bis zur Erwerbung unpubliziert. Seine Komposition war jedoch aus einer qualitativ unterlegenen Werkstattreplik bekannt, die Daniele Benati (Una 'Lucrezia' e altre proposte per Bartolomeo Passerotti, in: "Paragone" 379, 1981) publiziert hat. Benati datiert das vorliegende Original in die späten siebziger bzw. frühen achtziger Jahre. Es gibt außer diesem Bild nur noch fünf vollwertige Genrebilder Passarottis, von denen drei Bilder (alle querformatig) dem vorliegenden stilistisch und ikonographisch engstens verwandt sind: "Zwei Fischverkäufer" und "Zwei Schlachter" in Rom, Galleria Nazionale d'Arte Antica (ehemals Slg. Messinger, München) und "Zwei Geflügelverkäuferinnen" (Florenz, Stiftung Longhi, ehemals Berlin, C. Benedict). Diese drei Bilder sind in einem Inventar der Slg. der Marchesi Mattei (Rom) von 1614 zusammen mit einem vierten aufgeführt, das zwei Geflügelverkäuferinnen mit einem Kind darstellt. Es läge nahe, das vorliegende Bild mit dem vierten Bild zu identifizieren, wenn nicht das andersartige Hochformat dagegen spräche. Die Verbindung von derber Drastik des Motivs, von zupackendem Realismus mit malerischer Kultur der Ausführung ist das Charakteristische dieses und der anderen Genrebilder Passarottis. Zugleich ist das Bild ein frühes und bedeutendes Beispiel der für Italien auch im frühen 17. Jahrhundert wichtigen Bildform eines vegetabilen Stilllebens (Gemüse, Früchte, Blumen) mit begleitenden Figuren. SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf dem Ladenschild oben: P