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Der Campo di Rialto

Ident. Nr.: Streit.5

ObjID: obj:867299

Leihgabe der Streitschen Stiftung

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Giovanni Antonio Canal (1697-1768),
Maler*in
Sigismund Streit (1687 - 1775),
Auftraggeber*in
Date(s)
Ausführung: 1758/62
Additional titles
Collection title: Der Campo di Rialto
Translation: The Campo di Rialto
Geographical references
Italien,
Land
Material / Technique
Leinwand
Dimensions
Bildmaß: 119,3 x 186,6 cm
Acquisition
Seit 1964 Leihgabe der Streitschen Stiftung, Berlin

Object Description

Die Ansicht des Campo di Rialto, des ehemaligen Hauptmarktplatzes und Hauptgeschäftszentrums von Venedig (Sitz der Staatsbank im Portico del Banco Giro), malte Canaletto in seinen letzten Lebensjahren, zwischen 1758 und 1763, nach der Rückkehr aus England, wo er mit kurzen Unterbrechungen von 1746 bis 1755 gewirkt hatte. Das Bild entstand im Auftrag des aus Berlin stammenden, seit Jahrzehnten in Venedig tätigen Kaufmanns Sigismund Streit (1687-1775), zusammen mit einem Gegenstück, einer Ansicht des Canal Grande in Venedig mit dem Palazzo Foscari, dem Wohnsitz Streits, in dem er auch sein Büro hatte. Streit vergab diesen Auftrag im Zusammenhang mit einer großzügigen Schenkung von Kunstwerken, seiner Bibliothek und Barvermögen, die er seiner alten Berliner Schule, dem Gymnasium zum Grauen Kloster, zugedacht hatte. Mit den beiden Bildern wollte er die Stätten seines privaten Lebens und seines beruflichen Wirkens (Campo di Rialto) für die Nachwelt festhalten. Dazu kamen noch zwei Darstellungen venezianischer Volksfeste in Form von Veduten: das Fest der Vigilia di S. Marta bei der Kirche S. Marta, an den Zattere, am Giudeccakanal, und das Fest der Vigilia di S. Pietro bei S. Pietro di Castello; die beiden Bilder haben die gleichen Maße wie die zuvor genannten. Vielleicht sollten sie den Anfang eines Zyklus von venezianischen Festdarstellungen bilden (Kat.Nrn. Streit.7-12), den Streit dann aber von einem anderen Künstler malen ließ. Beide Festdarstellungen Canalettos sind Nachtbilder. Sie bilden ein Paar und wirken wie Gegenstücke zu den beiden »Tageslichtbildern«, dem Canal Grande und dem Campo di Rialto.
Sigismund Streit war schon 1709 nach Venedig gekommen und konnte sich 1715 dort als Kaufmann selbständig machen. 1739, mit 52 Jahren, ließ er sich von Amigoni, der gerade aus England zurückgekehrt war, malen und erwarb von ihm insgesamt zehn Bilder mit biblischen und mythologischen Szenen, wohl noch ohne den Gedanken an eine Stiftung. Er war aber nie Kunstsammler im eigentlichen Sinne. 1750 gab er sein Geschäft auf und zog sich zunächst für acht Monate jährlich, seit 1754 dann ganz nach Padua zurück. Er war Junggeselle, und da er sich mit seinem Neffen, der eine Zeitlang bei ihm gearbeitet hatte, überworfen hatte, reifte in ihm der Gedanke, sein Vermögen in eine Stiftung für seine Berliner Schule einzubringen, mit der er seit 1751 deswegen in brieflichem Kontakt stand. Im Hinblick auf die Stiftung ließ er zunächst um 1751/52 von Nogari vier Allegorien mit moralisch-pädagogischen Bezügen malen, die wahrscheinlich für den Bibliothekssaal der Schule bestimmt waren. Nach 1758 folgten die vier Bilder Canalettos, die 1763 nach Berlin versandt wurden.
Der Campo di S. Giacomo di Rialto, das Hauptgeschäfts- und Bankenzentrum, lag nicht weit von Streits Wohn- und Geschäftshaus, dem Palazzo Foscari, entfernt, wenn auch auf der anderen Kanalseite. Canaletto hatte in früheren Jahren den Campo di Rialto zweimal in umgekehrter Richtung gemalt, mit Blick auf die Fassade von S. Giacometto (Dresden, Staatl. Kunstsammlungen; Ottawa, National Gallery of Canada), niemals zuvor aber die weniger reizvolle Ansicht mit dem Blick auf die nüchternen Fassaden der von Antonio Abbondi 1520 bis 1522 errichteten Fabbriche Vecchie di Rialto, die den Platz an zwei Seiten begrenzen und Sitz von Handels-, Schiffahrts- und Ernährungsbehörden waren. Die Wahl dieser Ansicht ging offensichtlich auf den Wunsch Streits zurück, der den rückwärtigen Porticato del Banco Giro dargestellt sehen wollte, wo die Staatsgirobank ihren Sitz hatte. Ihre Beamten sitzen an Pulten. Im rückwärtigen Gäßchen sitzen Notare an ihren Schaltern, auch die Versicherungsagenten hatten in der Nähe Büros. Kaufleute gehen im Gespräch auf und ab. Streit erwähnt in seiner Beschreibung besonders die Juden mit ihren roten Mützen und die Armenier in langen Gewändern und spitzen Hüten. Am mittleren Pfeiler des Porticato sieht man den »gobbo di Rialto«, eine von Pietro da Salò 1541 geschaffene Skulptur, über deren Rücken eine kleine Treppe auf die »Colonna del bando« führt, von der ein »comandador« Verlautbarungen verlas. Fremden Kaufleuten wurde erlaubt, sich hier zu versammeln.
Links im Bild erscheint die »Ruga degli orefici«, benannt nach den Goldschmieden, die im Sottoportico ihre Läden hatten, im Hintergrund der Campanile von S. Giovanni Elemosinario. Vor den Läden sieht man Verkaufsstände mit Fleisch, Gemüse, Obst und Keramik. Im Vordergrund und am rechten Porticato werden Haushaltswaren, Möbel, Gemälde und andere Kunstgegenstände angeboten. Die weitwinklige Perspektive läßt den Platz sehr viel größer und monumentaler erscheinen, als er in Wirklichkeit ist. Die Pflasterung mit dem mäanderartigen weißen Muster, wie es noch heute besteht, scheint im Jahre 1758 vorgenommen worden zu sein, womit ein Terminus post quem für Canalettos Bild gegeben ist. Die Monumentalität des Raumes, die kühle trockene Klarheit der Atmosphäre, die penible Exaktheit in der Wiedergabe der Architektur, die kalligraphische Pinselschrift, die Farbigkeit mit der Bevorzugung von sandigen Beiges, Brauns und rötlichen Tönen und die Vorliebe für das genrehafte Ausspinnen der Details sind Charakteristika für Canalettos Spätstil. Erich Schleier | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
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Canaletto created this view of the Campo di Rialto, the former main market square and commercial centre of Venice (with the seat of the state-owned bank located in the Portico del Banco Giro), in his final years, between 1758 and 1763, and following his return from England, where he had worked with brief interruptions from 1746 until 1755. The painting was executed on a commission from the merchant Sigismund Streit (1687–1775), a native of Berlin, who had been active in Venice for several decades, together with a pendant, a view of the Canal Grande in Venice with the Palazzo Foscari, Streit’s residence, where he also maintained his office. Streit awarded the commission in conjunction with a generous donation of artworks, his library, and monetary assets intended for his old Berlin school, the “Gymnasium zum Grauen Kloster”. Through these two pictures, he wanted to preserve the places of his private life and professional activity (Campo di Rialto) for posterity. There were also two depictions of Venetian folk festivals in the form of vedute: the Festival of Vigilia di Santa Marta at the Church of Santa Marta on the Zattere on the Giudecca Canal, and the Festival of Vigilia di San Pietro at San Pietro di Castello; both have the same dimensions as the above-mentioned works. Perhaps they were intended as the inception of the cycle of depictions of Venetian festivals (Cat. no. Streit.7-12) which Streit, however, had painted instead by another artist. Both of Canaletto’s festival scenes are night pictures. They form a pair, and function as counterparts to the two “daylight pictures”, the Canal Grande and the Campo di Rialto.
Sigismund Streit arrived in Venice in 1709, becoming an independent merchant in 1715. In 1739, when he was 52, he had himself portrayed by Amigoni, who had just returned from England, acquiring altogether ten pictures from Amigoni depicting biblical or mythological scenes, probably still without any thought of an endowment. He was however never an art collector in the genuine sense. In 1750, he gave up his business and moved to Padua, initially for eight months annually, then permanently in 1754. He was a bachelor, and having fallen out with his nephew, who had worked for him for a time, he began to develop the idea of converting his estate into an endowment for his Berlin school, with which he maintained a correspondence beginning in 1751. It was with an eye toward this endowment that he began by having Nogari execute four allegories conveying moral and pedagogical messages in 1751/52, probably intended for the school’s library hall. Following in 1758 were the four pictures by Canaletto, which were sent to Berlin in 1763.
The Campo di San Giacomo di Rialto, the main commercial and banking centre, was not far distant from Streit’s residence and business premises, albeit on the opposite side of the canal. In earlier years, Canaletto had depicted the Campo di Rialto twice from the opposite direction, with a view of the façade of San Giacometto (Dresden, Staatliche Kunstsammlungen; Ottawa, National Gallery of Canada), but had never painted the less attractive view with the sober façades of the Fabbriche Vecchie di Rialto, erected by Antonio Abbondi in 1520–22, which delimits the square on two sides, and served as the headquarters of the agencies responsible for commerce, shipping, and foodstuffs. Evidently, the choice of this view is attributable to the wishes of Streit, who wanted to see a depiction of the rearward Porticato del Banco Giro, where the state clearing bank had its headquarters. The banks officials are seen seated at desks. Seated at their counters in the rearward alley are notaries, and insurance agents had offices nearby. Merchants walk back and forth, engaged in conversation. In his description, Streit mentioned in particular the Jews, with their red caps, and the Armenians, attired in long robes with pointed hats. Visible alongside the central pillar of the Porticato is the Gobbo di Rialto (Hunchback of the Rialto), a sculpture created by Pietro da Salò in 1541, whose back supports a small staircase on the Colonna del bando, from which a “comandador” would read proclamations. Foreign merchants were allowed to assemble here.
Visible on the left is the Ruga degli orefici, named for the goldsmiths who had their shops in the sottoportico, and in the background, the campanile of San Giovanni Elemosinario. Seen in front of the shops are the stalls where meat, vegetables, fruit, and ceramics were sold. Offered in the foreground and in the right-hand side porticato were household goods, furniture, paintings, and other art objects. The wide-angle perspective allows the square to seem far larger and more monumental than it actually is. The paving, with its meandering white pattern, which still exists today, seems to have been undertaken in the year 1758, thereby providing a terminus post quem for Canaletto’s picture. The monumentality of the space, the cool, dry clarity of the atmosphere, the meticulous precision of the architectural rendering, the calligraphic brushwork, the colour scheme, with its preference for sandy beige, brown, and reddish tones, and the fondness for the genre-style elaboration of details are all characteristics of Canaletto’s late style. Erich Schleier | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Last updated: 02.09.2026

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Gemäldegalerie

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Die Kreuzigung Christi

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Gerard David stammte aus den nördlichen Niederlanden, dem holländischen Oudewater. Einflüsse von Geertgen tot Sint Jans in seinen frühen Werken deuten darauf hin, daß er seine erste Ausbildung in Haarlem erhalten hat. 1484 war er nach Brügge ausgewandert, der Stadt, in der Memling als führender Meister tätig war. Hier wurde er als Mitglied und schließlich als leitender Künstler der Malerzunft vom Magistrat der Stadt mit Aufträgen bedacht. In Brügge entstanden seine Hauptwerke. Hier lebte und arbeitete er, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, bis zu seinem Tode. Für einige Zeit scheint er sich in Antwerpen aufgehalten zu haben. Darauf deutet eine Eintragung in den Registern der Antwerpener Malergilde hin, die für das Jahr 1515 die Aufnahme eines »Gheraet van Brugghe, scildere« vermeldet. Brügge hatte damals seine führende Rolle als Hafenstadt durch die Versandung des Swijn, seiner Verbindung zum Meer, eingebüßt, während Antwerpen seinen Rang als neues Handelszentrum auszubauen begann und damit zahlreichen Künstlern neue Verdienstmöglichkeiten eröffnete. Es ist denkbar, daß sich Gerard David den neuen Gegebenheiten auf Dauer nicht mehr an - passen wollte und deshalb nach Brügge zurückkehrte, wo er als der letzte herausragende Vertreter der traditionsreichen Malerei dieser Stadt großes Ansehen genoß. Das Schaffen Davids schlägt eine Brücke zwischen den niederländischen Meistern des 15. Jahrhunderts und den neuen Bestrebungen der Renaissance. Seine Werke zeichnen sich durch eine stille Monumentalität und eine klare Anordnung der plastisch wiedergegebenen Bildfiguren aus, die auf neuartige Weise mit dem sie umgebenden Raum verbunden sind. In dieser Hinsicht bezeichnet die Kunst Davids eine entscheidende Etappe auf dem Weg zu einer einheitlichen malerischen Gestaltung des Bildraumes. Die Darstellung des Christus am Kreuz stammt aus der Spätzeit des Künstlers. Das Kolorit, in dem grüne und blaue Farbklänge dominieren, ist eigentümlich kühl und verhalten, dabei in den nuancenreichen Abstufungen dennoch von höchster Subtilität. Dieser konsequenten Vereinheitlichung der Farbgebung, von der eine starke atmosphärische Wirkung ausgeht, entspricht eine gleichermaßen prägnante wie durch seine Schlichtheit ergreifende Schilderung des Bildgeschehens. Auf der Höhe Golgathas erhebt sich das Kreuz Christi, dessen Querbalken in die Tiefe weisen. Mit geöffneten Augen blickt der Gekreuzigte auf die Leidtragenden zu seinen Füßen herab, auf Maria Magdalena nahe dem Kreuzesstamm, auf Maria, die von Johannes gestützt wird, und auf Maria Salome und Maria Jacobi. Mit den Worten »mulier ecce filius tuus« (Weib, siehe, das ist dein Sohn; Johannes 19, 26) empfiehlt er seine Mutter der Fürsorge seines Lieblingsjüngers. Die verhaltene Trauer der Angehörigen scheint sich auf den Hauptmann und seine Soldaten übertragen zu haben, die still zur Seite getreten sind und sich beraten. Im Hintergrund erkennt man Kriegsknechte, die Golgatha bereits verlassen haben und Jerusalem zustreben. Daran zeigt sich, daß kein bestimmter Augenblick des Geschehens gestaltet ist, sondern daß es dem Künstler darauf ankam, uns dessen zeitlose Bedeutung vor Augen zu führen, wie er es wenig später in dem eindrucksvollen Golgathabild (Genua, Palazzo Bianco) in äußerster Reduktion des Themas getan hat. Der Eindruck der Zeitlosigkeit des Geschehens in unserem Bild verstärkt sich angesichts der weiten Landschaft mit den im blauen Licht des Abends verdämmernden Bergkuppen. Svea Janzen | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2010SIGNATUR / INSCHRIFT: mulier ecce filius tuus_______________________________________________________________Gerard David was born in the Dutch city of Oudewater. In 1484 he moved to Brugge where, with a few interruptions, he lived and worked until his death. David’s work forms a link between the 15th-century Netherlandish masters and the new line taken in the Renaissance. His works have a quiet monumental quality and a clear arrangement of figures, who relate in an innovative way to the space that surrounds them. In this respect David’s work represents a crucial stage on the way towards uniform painterly control over the pictorial space. This scene of Christ on the Cross dates from the artist’s late period. The colouring, dominated by notes of green and blue, is strangely cool and reticent, although extremely refined in its nuanced gradations. The events of the picture are portrayed both succinctly and plainly, corresponding with the consistently uniform colouring, which creates a strongly atmospheric effect. | Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2012

Der Engel weckt den Propheten Elias in der Wüste

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Das kleine Täfelchen zeigt den Propheten Elias eingeschlafen unter einem Baum. Die Darstellung bezieht sich auf eine in der Bibel erzählte Episode, in der die Flucht des Elias vor der ihm angedrohten Rache für die Ermordung der Propheten des Baal geschildert wird (1. Könige 19,1–8). Ein Engel hat sich über Elias gebeugt. Er versucht, ihn mit einer zarten Berührung an der Schulter zu wecken. Mit dem Zeigefinger seiner Rechten weist er auf einen Laib Brot und einen mit Wasser gefüllten Krug, die neben der herabgesunkenen Hand des Propheten stehen. Alle drei Elemente sind in helles Licht getaucht. Das rosafarbene Gewand des Engels, die blonden Haare seines gesenkten Hauptes sowie die weit ausladenden Flügel mit den schwarzen und weißen Federn sind mit pastos aufgetragenen Pinselstrichen ausgeführt. Die Rinde des kräftigen, die linke Bildhälfte begrenzenden Baumes und das Gestrüpp am Boden sind mit dicken Farbtupfern modelliert.Maltechnische Untersuchungen haben gezeigt, dass sich inmitten des Baumstammes einst ein Schlüsselloch befand. In der Röntgenaufnahme sind an der rechten Seite der Tafel zudem zwei Scharniere zu erkennen. Die Ausführung auf Holz und das kleine Format sind demzufolge auf die Funktion des Gemäldes als Türchen zurückzuführen. Da die im Alten Testament geschilderte Speisung des Propheten Elias mit Wasser und Brot eine häufig verwendete Präfiguration für das Abendmahl darstellt, fungierte die Tafel mit großer Wahrscheinlichkeit als Verschluss eines Tabernakels, das zur Aufbewahrung der Hostien und des Abendmahlkelchs diente. In Spanien sind derartige mit bildlichen Darstellungen versehene Türchen in zahlreichen Predellenzonen von Altarretabeln des 17. Jahrhunderts nachweisbar. Zudem lassen die Röntgenaufnahmen darauf schließen, dass die Tafel einst einige Zentimeter höher war und ein länglicheres Format aufwies.Auf Grund der überaus lockeren, an die venezianische Malerei erinnernden Malweise wurde das Bild, das vormals als Werk Domenico Fettis galt, von Giuseppe Fiocco in das Oeuvre von Francesco Maffei eingeordnet. 1970 wurde es von José Roge lío Buendía auf Grund stilistischer Erwägungen schließlich dem in Madrid tätigen Maler Juan Antonio de Frías y Escalante zugeschrieben. Bei dem abgebildeten Tonkrug handelt es sich seiner Meinung nach zudem um ein Modell, wie es in dem bei Madrid gelegenen Städtchen Talavera de la Reina produziert wird. Für eine Verbindung des Gemäldes mit Spanien spricht ferner die Existenz einer vorbereitenden Zeichnung in der Nationalbibliothek in Madrid, die die zentralen Elemente der Komposition wiedergibt, sowie die Provenienz aus der Sammlung Suermondt, zu der zahlreiche Werke zählten, die der preußische Offizier Andreas von Schepeler während seiner Tätigkeit in Madrid zwischen 1815 und 1823 erworben hatte.Von 1667 bis 1668 hatte Escalante einen 18 Leinwandgemälde umfassenden Zyklus mit alttestamentlichen Präfigurationen der Eucharistie für die Ausstattung der Sakristei des im 19. Jahrhundert zerstörten Convento de la Merced Calzada in Madrid ausgeführt, darunter auch eine Darstellung von Elias und dem Engel, die heute im Museo del Prado aufbewahrt wird. Auch wenn sich Paola Rossi 1991 nochmals für eine Zuschreibung des Berliner Bildes an Francesco Maffei aussprach, so machen die genannten Argumente dennoch plausibel, dass das Gemälde erstens von Escalante geschaffen wurde und zweitens zur Ausstattung des genannten Konvents gehörte, der sich ehemals auf dem heute nach Tirso de Molina benannten Platz in Madrid befand. Vor der Feier des Abendmahls hatte es den Priestern dort bei der Entnahme der Hostien und des Weines die heilsgeschichtliche Erfüllung der Ankündigungen des Alten Testamentes ins Bewusstsein gerufen.| Sven Jakstat___________________________________________________________________________________________________This small panel depicts the Prophet Elijah sleeping under a tree. The scene refers to the Bible’s story of Elijah’s flight from retribution for his killing of Baal’s prophets (1 Kings 19:1–8). An angel bends over Elijah and tries to wake him by gently laying a hand on his shoulder. With the finger of his right hand the angel points to a loaf of bread and a water-filled jug next to the Prophet’s limp hand. All three elements are suffused in bright light. The angel’s rose-coloured robe, the blond hair on his lowered head, and the white feathers of his wings are executed in pastose brushstrokes. The bark of the massive tree and undergrowth bounding the left-hand side of the composition are modelled with thick dabs of paint.Scientific examinations showed that there was once a keyhole in the middle of the tree trunk. X-ray images also revealed two hinges attached to the right end of the panel. These combined with the wooden support medium and the painting’s small format indicate that the work once served as a small door. As the story of Elijah being given bread and water was often used in art to prefigure the Eucharist, it is highly likely that this panel once served as the door covering of a tabernacle where the host and Communion chalice were kept. Numerous examples of such decorated doors in the predella areas of seventeenth-century altarpieces have been found in Spain. Furthermore, the X-ray images indicate that the panel was once several centimetres longer and more elongated in shape.The extremely flowing style of painting, reminiscent of Venetian works, led Giuseppe Fiocco to attribute the painting – previously believed to be by Domenico Fetti – to Francesco Maffei. Stylistic considerations finally led José Rogelío Buendía in 1970 to ascribe it to the Madrid painter Juan Antonio de Frias y Escalante. In Buendía’s opinion, the ceramic jug seen in the painting is based on the types of jugs produced in the town of Talavera de la Reina near Madrid. Further evidence of the work’s Spanish provenance is offered by a preliminary drawing in the National Library in Madrid, which displays the same central elements that appear in the painting, as well as its provenance from the Suermondt Collection, which included numerous works acquired by the Prussian officer Andreas von Schepeler while he was stationed in Madrid between 1815 and 1823.From 1667 to 1668, Escalante completed a cycle of eighteen paintings on canvas with Old-Testament prefigurements of the Eucharist for the sacristy of the now destroyed Convento de la Merced Calzada in Madrid, including a painting depicting the angel and Elijah today held by the Museo del Prado. Even though Paola Rossi once again insisted in 1991 that the Berlin painting should be attributed to Francesco Maffei, the arguments given above make a plausible case both that the painting was made by Escalante and that it belonged to the convent, once located on the square now named for Tirso de Molina. The painting served to remind priests of the salvific fulfilment of the Old Testament’s prophecies when they went to remove the host and wine before distributing Holy Communion.| Sven Jakstat

Christus als Schmerzensmann mit Maria und Johannes

Christus als Schmerzensmann mit Maria und Johannes

Christus sitzt niedergesunken vor dem Kreuz am Boden, während es auf Golgatha Abend wird. Seine Glieder wirken kraftlos; Wundmale an Händen und Füßen sowie die Dornenkrone zeichnen den Gemarterten. Als weitere Arma Christi lehnen der Ysop-Stab mit Essigschwamm, die Lanze und eine Leiter gegen das Kreuz; die drei Nägel liegen weiter hinten links im Halbdunkel. Ein Stück entfernt von Christus sitzt Maria, ganz in Dunkelblau. Sie ringt die Hände im Schmerz und blickt traurig zu ihrem Sohn hinüber. Neben ihr hockt Johannes, der sich eng in seinen roten Mantel gehüllt hat und das kummervolle Gesicht in der bekannten Melancholie-Geste in die linke Hand stützt. Von der grünen Wiese um die Protagonisten herum setzt sich die felsige Hintergrundlandschaft ab. Unter einem baumbestandenen Hügel ganz links öffnet sich die für Christus bestimmte Grabeshöhle mit einem rötlichen Steinsarkophag darin, während sich rechts die ummauerte, von einem Graben geschützte Stadt Jerusalem mit zahlreichen Türmen und dem runden Salomonischen Tempel in ihrer Mitte erhebt. Durch das Stadttor kehrt soeben der letzte der an der Kreuzigung Beteiligten zurück. Er hat ein bläuliches Tuch über die Schulter geworfen, bei dem es sich um den unteilbaren Rock Christi handeln dürfte.Künstlerisch höchst subtil und poetisch ist die kleine Tafel auch ikonografisch ungewöhnlich, vielleicht sogar einzigartig unter den Gemälden der Zeit um 1400. Auf eigenwillige Art wird nämlich in dem Bild eine Szene, die einen bestimmten Moment der Passionsgeschichte aufgreifen könnte, mit der dem Handlungsablauf völlig enthobenen Gestalt Christi kombiniert. Dieser erscheint als Schmerzensmann, der gestorben und doch lebendig, Mensch und Gott zugleich ist. Die Erlösungstat ist »vollbracht« (Johannes 19,30), doch statt des Todes hat den Erlöser hier Erschöpfung ergriffen. Wahrscheinlich haben wir es bei dem Berliner Bild mit einer ikonografischen Neuerfindung zu tun, die den spezifischen Wünschen des Auftraggebers entsprang. Hier soll nicht zeichenhaft oder repräsentativ vorgeführt, sondern über den emotionalen Gehalt eines üblichen Schmerzensmannes hinaus das Miterleben und Mitfühlen angespornt werden: Johannes scheint die traurig-meditative Haltung vorzugeben, mit der das Bild vom Gläubigen betrachtet sein will. Maria aber fungiertals primäre Vermittlerin, sie nimmt die Mitte des Bildes ein, ist uns zugewandt und zugleich auf Christus ausgerichtet.Künstlerisch lässt sich das Täfelchen der großen Gruppe österreichischer Tafelmalereien aus dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts zuordnen. Obgleich sich verschiedene Notnamen etabliert haben, ist eine genauere Zuordnung der einzelnen Werke problematisch. Das Berliner Täfelchen steht sowohl den Tafeln eines Marienlebens in Klosterneuburg, die unter der Bezeichnung »Meister der Darbringungen « geführt werden, als auch der großen, in London befindlichen Tafel eines Gnadenstuhls nahe; ob es aber von einem der jeweils verantwortlichen Maler selbst stammt, muss offen bleiben. Stephan Kemperdick | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________Christ is slumped on the ground below the cross as evening falls on Golgotha. His limbs are limp, drained of strength; the stigmata on his hands and feet and the crown of thorns signify his martyrdom. Other arma christi or instruments of the Passion – the hyssop reed with, the sponge of vinegar, the lance and the ladder – are leaning against the cross; further behind on the left in the semi-darkness lie the three nails. The Virgin Mary, clad entirely in dark blue, sits a short distance away from Christ. She is wringing her hands in sorrow as she looks sadly across to her son. John, who has wrapped himself tightly in his red cloak, is squatting beside herleaning his sad face on his left hand in the well-known gesture of melancholy. The rocky landscape in the background contrasts with the grassy meadow surrounding the protagonists. Below a tree-lined hill on the far left, the cave sepulchre intended for Christ containing a reddish stone sarcophagus opens up, while on the right the many towers of the walled and moated city of Jerusalem point skywards. The round Temple of Solomon can be seen in the middle. The last of those who attended the crucifixion is returning through the city gate. He has thrown a bluish cloth over his shoulder, probably the Seamless Robe of Christ. In artistic terms, the small panel is extremely subtle and poetic. Its iconography is unusual, if not indeed unique among the paintings of the period around 1400, for it combines a scene apparently portraying a moment in the Passion story with a Christ figure completely disassociated from the course of events. Here Christ is depicted as the Man of Sorrows, who has died and yet lives on simultaneously as man and God. The act of redemption has been “fulfilled” (John 19:30), but here the saviour is shown not as dead but as overcome with exhaustion. Probably the Berlin painting was an iconographic novelty painted to fulfil the specific wishes of the person who commissioned it. The work is not intended as an emblematic or showcase piece but instead seeks to go beyond the emotional substance usually associated with a Man of Sorrows to encourage the viewer to witness and empathise with what he or she sees: Saint John appears to be demonstrating the melancholy, meditative pose with which the faithful are supposed to view the painting. However, the chief intermediary is Mary. She occupies the centre of the picture, her gaze directed bothtowards the viewer and towards Christ. In art historical terms, the small panel can be placed among the large group of Austrian panel paintings from the first third of the 15th century. Although various provisional names for the artist have become established, a more precise attribution of the individual works is difficult. The little Berlin panel bears a close resemblance both to the panels depicting the Life of the Virgin Mary in Klosterneuburg, whose author is known as Master of the Presentations, and to the large panel of the Throne of Mercy in London. Whether either of the painters responsible for these works painted the Berlin panel must remain open, however. Stephan Kemperdick | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019