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Der Campo di Rialto

Ident. Nr.: Streit.5

ObjID: obj:867299

Leihgabe der Streitschen Stiftung

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Giovanni Antonio Canal (1697-1768),
Maler*in
Sigismund Streit (1687 - 1775),
Auftraggeber*in
Date(s)
Ausführung: 1758/62
Additional titles
Collection title: Der Campo di Rialto
Translation: The Campo di Rialto
Geographical references
Italien,
Land
Material / Technique
Leinwand
Dimensions
Bildmaß: 119,3 x 186,6 cm
Acquisition
Seit 1964 Leihgabe der Streitschen Stiftung, Berlin

Object Description

Die Ansicht des Campo di Rialto, des ehemaligen Hauptmarktplatzes und Hauptgeschäftszentrums von Venedig (Sitz der Staatsbank im Portico del Banco Giro), malte Canaletto in seinen letzten Lebensjahren, zwischen 1758 und 1763, nach der Rückkehr aus England, wo er mit kurzen Unterbrechungen von 1746 bis 1755 gewirkt hatte. Das Bild entstand im Auftrag des aus Berlin stammenden, seit Jahrzehnten in Venedig tätigen Kaufmanns Sigismund Streit (1687-1775), zusammen mit einem Gegenstück, einer Ansicht des Canal Grande in Venedig mit dem Palazzo Foscari, dem Wohnsitz Streits, in dem er auch sein Büro hatte. Streit vergab diesen Auftrag im Zusammenhang mit einer großzügigen Schenkung von Kunstwerken, seiner Bibliothek und Barvermögen, die er seiner alten Berliner Schule, dem Gymnasium zum Grauen Kloster, zugedacht hatte. Mit den beiden Bildern wollte er die Stätten seines privaten Lebens und seines beruflichen Wirkens (Campo di Rialto) für die Nachwelt festhalten. Dazu kamen noch zwei Darstellungen venezianischer Volksfeste in Form von Veduten: das Fest der Vigilia di S. Marta bei der Kirche S. Marta, an den Zattere, am Giudeccakanal, und das Fest der Vigilia di S. Pietro bei S. Pietro di Castello; die beiden Bilder haben die gleichen Maße wie die zuvor genannten. Vielleicht sollten sie den Anfang eines Zyklus von venezianischen Festdarstellungen bilden (Kat.Nrn. Streit.7-12), den Streit dann aber von einem anderen Künstler malen ließ. Beide Festdarstellungen Canalettos sind Nachtbilder. Sie bilden ein Paar und wirken wie Gegenstücke zu den beiden »Tageslichtbildern«, dem Canal Grande und dem Campo di Rialto.
Sigismund Streit war schon 1709 nach Venedig gekommen und konnte sich 1715 dort als Kaufmann selbständig machen. 1739, mit 52 Jahren, ließ er sich von Amigoni, der gerade aus England zurückgekehrt war, malen und erwarb von ihm insgesamt zehn Bilder mit biblischen und mythologischen Szenen, wohl noch ohne den Gedanken an eine Stiftung. Er war aber nie Kunstsammler im eigentlichen Sinne. 1750 gab er sein Geschäft auf und zog sich zunächst für acht Monate jährlich, seit 1754 dann ganz nach Padua zurück. Er war Junggeselle, und da er sich mit seinem Neffen, der eine Zeitlang bei ihm gearbeitet hatte, überworfen hatte, reifte in ihm der Gedanke, sein Vermögen in eine Stiftung für seine Berliner Schule einzubringen, mit der er seit 1751 deswegen in brieflichem Kontakt stand. Im Hinblick auf die Stiftung ließ er zunächst um 1751/52 von Nogari vier Allegorien mit moralisch-pädagogischen Bezügen malen, die wahrscheinlich für den Bibliothekssaal der Schule bestimmt waren. Nach 1758 folgten die vier Bilder Canalettos, die 1763 nach Berlin versandt wurden.
Der Campo di S. Giacomo di Rialto, das Hauptgeschäfts- und Bankenzentrum, lag nicht weit von Streits Wohn- und Geschäftshaus, dem Palazzo Foscari, entfernt, wenn auch auf der anderen Kanalseite. Canaletto hatte in früheren Jahren den Campo di Rialto zweimal in umgekehrter Richtung gemalt, mit Blick auf die Fassade von S. Giacometto (Dresden, Staatl. Kunstsammlungen; Ottawa, National Gallery of Canada), niemals zuvor aber die weniger reizvolle Ansicht mit dem Blick auf die nüchternen Fassaden der von Antonio Abbondi 1520 bis 1522 errichteten Fabbriche Vecchie di Rialto, die den Platz an zwei Seiten begrenzen und Sitz von Handels-, Schiffahrts- und Ernährungsbehörden waren. Die Wahl dieser Ansicht ging offensichtlich auf den Wunsch Streits zurück, der den rückwärtigen Porticato del Banco Giro dargestellt sehen wollte, wo die Staatsgirobank ihren Sitz hatte. Ihre Beamten sitzen an Pulten. Im rückwärtigen Gäßchen sitzen Notare an ihren Schaltern, auch die Versicherungsagenten hatten in der Nähe Büros. Kaufleute gehen im Gespräch auf und ab. Streit erwähnt in seiner Beschreibung besonders die Juden mit ihren roten Mützen und die Armenier in langen Gewändern und spitzen Hüten. Am mittleren Pfeiler des Porticato sieht man den »gobbo di Rialto«, eine von Pietro da Salò 1541 geschaffene Skulptur, über deren Rücken eine kleine Treppe auf die »Colonna del bando« führt, von der ein »comandador« Verlautbarungen verlas. Fremden Kaufleuten wurde erlaubt, sich hier zu versammeln.
Links im Bild erscheint die »Ruga degli orefici«, benannt nach den Goldschmieden, die im Sottoportico ihre Läden hatten, im Hintergrund der Campanile von S. Giovanni Elemosinario. Vor den Läden sieht man Verkaufsstände mit Fleisch, Gemüse, Obst und Keramik. Im Vordergrund und am rechten Porticato werden Haushaltswaren, Möbel, Gemälde und andere Kunstgegenstände angeboten. Die weitwinklige Perspektive läßt den Platz sehr viel größer und monumentaler erscheinen, als er in Wirklichkeit ist. Die Pflasterung mit dem mäanderartigen weißen Muster, wie es noch heute besteht, scheint im Jahre 1758 vorgenommen worden zu sein, womit ein Terminus post quem für Canalettos Bild gegeben ist. Die Monumentalität des Raumes, die kühle trockene Klarheit der Atmosphäre, die penible Exaktheit in der Wiedergabe der Architektur, die kalligraphische Pinselschrift, die Farbigkeit mit der Bevorzugung von sandigen Beiges, Brauns und rötlichen Tönen und die Vorliebe für das genrehafte Ausspinnen der Details sind Charakteristika für Canalettos Spätstil. Erich Schleier | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
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Canaletto created this view of the Campo di Rialto, the former main market square and commercial centre of Venice (with the seat of the state-owned bank located in the Portico del Banco Giro), in his final years, between 1758 and 1763, and following his return from England, where he had worked with brief interruptions from 1746 until 1755. The painting was executed on a commission from the merchant Sigismund Streit (1687–1775), a native of Berlin, who had been active in Venice for several decades, together with a pendant, a view of the Canal Grande in Venice with the Palazzo Foscari, Streit’s residence, where he also maintained his office. Streit awarded the commission in conjunction with a generous donation of artworks, his library, and monetary assets intended for his old Berlin school, the “Gymnasium zum Grauen Kloster”. Through these two pictures, he wanted to preserve the places of his private life and professional activity (Campo di Rialto) for posterity. There were also two depictions of Venetian folk festivals in the form of vedute: the Festival of Vigilia di Santa Marta at the Church of Santa Marta on the Zattere on the Giudecca Canal, and the Festival of Vigilia di San Pietro at San Pietro di Castello; both have the same dimensions as the above-mentioned works. Perhaps they were intended as the inception of the cycle of depictions of Venetian festivals (Cat. no. Streit.7-12) which Streit, however, had painted instead by another artist. Both of Canaletto’s festival scenes are night pictures. They form a pair, and function as counterparts to the two “daylight pictures”, the Canal Grande and the Campo di Rialto.
Sigismund Streit arrived in Venice in 1709, becoming an independent merchant in 1715. In 1739, when he was 52, he had himself portrayed by Amigoni, who had just returned from England, acquiring altogether ten pictures from Amigoni depicting biblical or mythological scenes, probably still without any thought of an endowment. He was however never an art collector in the genuine sense. In 1750, he gave up his business and moved to Padua, initially for eight months annually, then permanently in 1754. He was a bachelor, and having fallen out with his nephew, who had worked for him for a time, he began to develop the idea of converting his estate into an endowment for his Berlin school, with which he maintained a correspondence beginning in 1751. It was with an eye toward this endowment that he began by having Nogari execute four allegories conveying moral and pedagogical messages in 1751/52, probably intended for the school’s library hall. Following in 1758 were the four pictures by Canaletto, which were sent to Berlin in 1763.
The Campo di San Giacomo di Rialto, the main commercial and banking centre, was not far distant from Streit’s residence and business premises, albeit on the opposite side of the canal. In earlier years, Canaletto had depicted the Campo di Rialto twice from the opposite direction, with a view of the façade of San Giacometto (Dresden, Staatliche Kunstsammlungen; Ottawa, National Gallery of Canada), but had never painted the less attractive view with the sober façades of the Fabbriche Vecchie di Rialto, erected by Antonio Abbondi in 1520–22, which delimits the square on two sides, and served as the headquarters of the agencies responsible for commerce, shipping, and foodstuffs. Evidently, the choice of this view is attributable to the wishes of Streit, who wanted to see a depiction of the rearward Porticato del Banco Giro, where the state clearing bank had its headquarters. The banks officials are seen seated at desks. Seated at their counters in the rearward alley are notaries, and insurance agents had offices nearby. Merchants walk back and forth, engaged in conversation. In his description, Streit mentioned in particular the Jews, with their red caps, and the Armenians, attired in long robes with pointed hats. Visible alongside the central pillar of the Porticato is the Gobbo di Rialto (Hunchback of the Rialto), a sculpture created by Pietro da Salò in 1541, whose back supports a small staircase on the Colonna del bando, from which a “comandador” would read proclamations. Foreign merchants were allowed to assemble here.
Visible on the left is the Ruga degli orefici, named for the goldsmiths who had their shops in the sottoportico, and in the background, the campanile of San Giovanni Elemosinario. Seen in front of the shops are the stalls where meat, vegetables, fruit, and ceramics were sold. Offered in the foreground and in the right-hand side porticato were household goods, furniture, paintings, and other art objects. The wide-angle perspective allows the square to seem far larger and more monumental than it actually is. The paving, with its meandering white pattern, which still exists today, seems to have been undertaken in the year 1758, thereby providing a terminus post quem for Canaletto’s picture. The monumentality of the space, the cool, dry clarity of the atmosphere, the meticulous precision of the architectural rendering, the calligraphic brushwork, the colour scheme, with its preference for sandy beige, brown, and reddish tones, and the fondness for the genre-style elaboration of details are all characteristics of Canaletto’s late style. Erich Schleier | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Last updated: 04.08.2026

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Gemäldegalerie

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Zwei angekettete Affen

Zwei angekettete Affen

Das ungewöhnliche Bild entstand im Jahre 1562, kurz bevor Bruegel aus Antwerpen nach Brüssel übersiedelte. Dargestellt sind zwei Affen, die an einen eisernen Ring gekettet sind und in einer gewölbten Fensteröffnung sitzen. Die schweren Ketten, das massive Mauerwerk und die niedrige Fensterwölbung verstärken den Eindruck der Gefangenschaft, aus der ein Entkommen kaum möglich erscheint. Mit großem Einfühlungsvermögen hat Bruegel das Verhalten und die Mimik der Affen charakterisiert, die in der Gefangenschaft ihr lebhaftes Wesen verloren haben. Den äußersten Kontrast zur Enge der verliesartigen Nische bildet der Blick aus dem Fenster. Man erkennt die Stadt Antwerpen mit dem Hafen und dem hoch aufragenden Turm der »Onze Lieve Vrouwekerk «. Davor leitet der breite Strom der Schelde in die Ferne, wo Wasser und Himmel ineinander übergehen. Der Kontrast zwischen der bedrückenden Enge der schattigen Maueröffnung und der lichten Weite der Landschaft mit den am Himmel dahinfliegenden Vögeln und den Schiffen, die von Reisen in ferne Länder künden, läßt die Gefangenschaft der beiden Tiere eindringlich empfinden. Die formalen Anregungen für Bruegel mögen die Stiche der Vier Affen von Israhel van Meckenem oder Dürers Madonna mit der Meerkatze geliefert haben. Von noch größerer Bedeutung müssen jedoch Studien nach der Natur gewesen sein. Bei den von Bruegel dargestellten Affen handelt es sich um die Halsband- oder Rotkopfmangabe (Cercocebus torquatus), deren Verbreitungsgebiet vom Kap Verde im Westen Afrikas bis an den Unterlauf des Kongo reicht. Bruegels meisterhafte Darstellung der beiden Affen beruht also auf exakter Naturbeobachtung. Daß es ihm dabei lediglich um eine Tierstudie ging, darf mit Recht bezweifelt werden. Fraglich ist auch, inwieweit das kleine Bild mit den Lebensumständen des Künstlers, dem bevorstehenden Umzug nach Brüssel, der Heirat und dem Verlust seiner Unabhängigkeit in Verbindung gebracht werden darf. Es ist hingegen denkbar, daß daß Bild für einen Freund gedacht war, den der Künstler in Antwerpen zurückließ. Von seiner symbolischen oder allegorischen Bedeutung her war der Affe Sinnbild für den an seine Triebe geketteten Menschen, der der Gefangene seiner animalischen Begierden ist. Offensichtlich hat Bruegel mit den angeketteten Affen gleichnishaft auf den verblendeten Menschen anspielen wollen, der, wie die zerbrochene Nuß neben den Tieren zeigt, angesichts eines Gewinnes von zweifelhaftem Wert bereit ist, seine Freiheit zu opfern. Die Gefangenschaft der Tiere ist von Bruegel als Paraphrase auf die in tierischer Versklavung lebenden Menschen gedeutet worden, die sich nicht von den christlichen Tugenden leiten lassen und deshalb einem traurigen Ende entgegensehen. Bruegel wäre nicht der Moralist, als der er sich in vielen seiner Bilder zu erkennen gibt, wenn er sich mit der Darstellung des als unabänderlich empfundenen Zustandes zufriedengegeben hätte. In diesem Bild sind die Ketten Sinnbild einer verzweifelten Situation. Erst die genaue Betrachtung zeigt, daß es einen Ausweg gibt. Sie enden nämlich in einem Knebel, der durch einen Ring gesteckt ist. Zöge man den Knebel etwas zurück und brächte ihn in eine senkrechte Position, ließe er sich durch den Ring zurückschieben und die Verbindung wäre gelöst. Da sich die beiden Affen in ihr dumpfes Schicksal ergeben haben, gelangen sie nicht zu der Erkenntnis, daß sie sich selbst befreien könnten. Sie sind außerstande, die ihnen von der Natur verliehenen Gaben sinnvoll einzusetzen und sich selbst zu retten. Ähnlich ergeht es dem Menschen, der aufgrund mangelnder Einsicht sein eigener Gefangener bleibt. Bruegels Botschaft lautet deshalb, daß erst die Besinnung des Menschen auf sich selbst ihn auf den rechten Weg zu führen vermag. Ein in Klugheit und Bescheidenheit geführtes Leben wird ihn dann in die Lage versetzen, die selbstverschuldete Gefangenschaft abzuschütteln und sich aus der seelischen Knechtschaft zu befreien. Diese ethisch-rationalistische Grundhaltung begegnet uns beispielhaft in den humanistischen Schriften des Erasmus von Rotterdam und des Dirck Volckertsz Coornhert. Sie ist Ausdruck einer Moralphilosophie, die viele der tiefgründigen Allegorien Pieter Bruegels erfüllt, den spätere Generationen allzu oberflächlich als »Bauern-Bruegel« bezeichnet haben. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links unten: • BRVEGEL • MDLXII •___________________________________________________________This unusual picture dates from the year 1562, shortly before Bruegel relocated from Antwerp to Brussels. Depicted is a pair of monkeys, both chained to an iron ring and sitting in the opening of an arched window. The heavy chains, the massive masonry, and the low arch of the window strengthen an impression of confinement,from which there is apparently no possibility of escape. With great sensitivity and empathy, Bruegel has characterised the attitudes and expressions of the monkeys, which seem to have been deprived of their liveliness by their imprisonment. There is a powerful contrast between the constriction of the dungeon-like niche and the view through the window. Recognisable is the town of Antwerp with its harbour, and the tall, looming tower of the “Onze Lieve Vrouwekerk” (Church of our Lady). Before the town, the broad stream of the Scheldt River leads into the distance, where water and sky merge. The contrast between the oppressive closeness of theshadowy wall opening and the bright expense of the landscape, with its birds flying in the sky and its ships, which herald journeys to distant lands, allows the holder to empathise all the more strongly with the captive condition of these creatures.Among the stimuli Bruegel drew upon for this painting may have been an engraving entitled Four Monkeys by Israhel van Meckenem and Dürer’s Madonna with the Monkey. Of even greater significance however must have been studies after nature. The monkeys depicted by Bruegel were Collared or Red-capped Mangabeys(Cercocebus torquatus), whose area of distribution ranges from Cape Verde in West Africa to the Lower Congo. Bruegel’s masterful depiction of these animals was based on the precise observation from life. It can hardly be supposed however that he attempted here to produce a mere animal study. Questionable as well is the degree to which this little picture can be related to the artist’s life circumstances, his imminent relocation to Brussels, or his marriage and concomitant loss of independence. On the other hand, it is conceivable that this picture was intended for a friend the artist left behind in Antwerp.Concerning this image’s symbolic or allegorical significance, the monkey was an emblem of the individual who is chained to his desires, a prisoner to animalistic cravings. With the image of the chained monkeys, evidently, Bruegel sought to allude allegorically to deluded people who were prepared – as implied by the broken nutslying next to the animals – to sacrifice their freedom for a gain of dubious value. The captivity of these animals in Bruegel’s picture can be interpreted as a paraphrase of people who exist in bestial enslavement, who are not guided by Christian virtue, and can therefore look forward to a pitiful end. Bruegel would not however have been the moralist we recognise in so many of his pictures if he had been content to merely depict a situation that is conceived as irrevocable. In this painting, the chains are emblems of a desperate situation. And a precise examination of that situation reveals that there is in fact a way out. As it happens, the chains terminate in a toggle, which has been inserted into a ring. If the toggle is retracted and brought into a vertical position, it can be forced back through the ring, disengaging the connection. Having surrendered to their gloomy fate, the two monkeys never arrive at the awareness that they can liberate themselves. They are incapable of meaningfully employing the gifts with which nature has endowed them in order to rescue themselves. Much the same is true of people who, lacking sufficient insight, remain their own prisoners. Bruegel’s message, then, is that only the individual’s self-reflection is capable of leading him onto the right path. A life that is conducted with wisdom and modesty will enable him to shake off his self-imposed imprisonment, to free himself from spiritual bondage. This is the same fundamentally ethical and rationalistic ethic we encounter in exemplary form in the humanistic writings of Erasmus of Rotterdam and Dirck Volckertsz Coornhert. It is an expression of the moral philosophy that is materialised in many of profound allegories of Pieter Bruegel – who was referred to with striking superficiality by later generations as “Peasant Bruegel”. Rainald Grosshans | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Früchte- und Blumenkartusche mit Weinglas

Früchte- und Blumenkartusche mit Weinglas

In einer kartuschenartigen Nische aus Stein steht auf einem Sockel ein halb gefüllter und mit Beerennuppen verzierter Römer. Flankiert wird das Trinkgefäß von zwei in Stein gehauenen und mit Flügeln versehenden Kinderfiguren, so genannten Seraphim. Drei üppige Girlanden mit verschiedensten Blumen-, Getreide- und Fruchtsorten zu denen Trauben, Granatäpfel, Pfirsiche, Pflaumen, Nüsse, Feigen, Kastanien und Erdbeeren zählen, sind am oberen und unteren Rand der Kartusche gruppiert. Belebt wird das Ganze durch zahlreiche kleine Tierchen, wie einem Spatzen, einer Eidechse, einer Heuschrecke oder einem Schmetterling. De Heem stellt hier in der mikroskopischen Feinheit der Ausführung und der vollendeten Nachbildung der Natur seine malerische Meisterschaft unter Beweis. In der präzisen Darstellung von Stachelbeeren, deren Kerne sich zart durch die Schale hindurch abzeichnen, von prallgefüllten Trauben mit durchscheinend leuchtender Haut oder der überzeugend gestalteten stumpfen Oberfläche der Walnüsse, zeigt sich seine sorgfältige Beobachtung der verschiedensten Erscheinungsformen von Pflanzen und Früchten. Bei dem Berliner Bild handelt es sich um eine Sonderform der Stilllebenmalerei, die in den südlichen Niederlanden aufkam und hier ihre Blütezeit erlebte. Diese Stillleben mit christlich-religiösem Gehalt zeigen ein zentrales oft auch materiell abgesetztes Motiv, um das ein dicht gemalter Blumenkranz oder üppiges Fruchtgehänge angeordnet ist. Die dargestellten Blumen und Früchte tragen dabei nicht nur zur Steigerung der ästhetischen Bedeutung bei, vielmehr leiten sie zu genauem Schauen an und führten über zu einer meditativ-adorierenden Betrachtung des Mittelmotivs. Gleichzeitig fungieren sie oft auch als inhaltliche Verweise. Auf dem Berliner Bild darf das zentrale Motiv des gefüllten Römers, über dem das Auge der Providentia (Vorhersehung) als Lichterscheinung schwebt, sicherlich als Verweis auf die Eucharistie gewertet werden. Neben einer eher allgemein gehaltenen christlichen Pflanzen- und Tiersymbolik fällt zudem das Motiv der Sonnenblume auf, das in diesem Zusammenhang wahrscheinlich christologisch, im Sinne einer Ausrichtung der menschlichen Seele auf Christus, zu deuten ist.In der Regel entstanden derartige Stillleben in der Zusammenarbeit von zwei spezialisierten Malern. Häufig wurden derartige Kartuschen auch auf Vorrat gemalt und erst später ergänzt. In diesem Sinne handelt es bei dem Berliner Bild um eine Ausnahme, da de Heem hier alle Teile des Bildes eigenhändig ausführte.Jan Davidsz de Heem war gebürtiger Holländer, der zunächst in Utrecht und Leiden arbeitete, bevor er weiter nach Antwerpen zog. Seine frühen Werke, kleinformatige Vanitas-, Früchte- und Blumenstücke, malte er noch im Stile holländischer Stillebenspezialisten, deren kompositorischer Aufbau streng und überschaubar war. Angeregt durch die Haarlemer Stillebenmalerei legte er seine Bilder dieser Zeit oft monochrom an. Mit der Übersiedlung nach Antwerpen im Jahre 1636 wandelte sich de Heems künstlerische Auffassung grundlegend. Unter dem Einfluss der monumentalen und farbenfrohen Stillleben des Frans Snysders oder der Blumenkränze bzw – kartouchen von Daniel Seghers, entwickelte er eigene Formen des Stilllebens und führte hier diverse Neuerungen ein. Als einer der begabtesten und einflussreichsten Stillebenmaler seiner Zeit wurden seine Werke bereits zu Lebzeiten außerordentlich geschätzt und blieben auch nach seinem Tod begehrte Sammelobjekte. Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links unten: J•D•DE.HEEM f__________________________________________________________The painting shows a half-filled Roman-style goblet decorated with stylised grapes standing in a stone niche on a pedestal. The drinking vessel is flanked by two stone cherubs: children’s figures with wings called seraphs. Three sumptuous garlands with a rich variety of flowers, grains and fruits, including grapes, pomegranates, peaches, plums, nuts, figs, chestnuts and strawberries, are grouped at the top and bottom edges of the niche. There are also numerous small animals in amongst the flowers, including a sparrow, a lizard, a grasshopper and a butterfly. De Heem’s exceptional artistic skill is demonstrated in the microscopic detail and the perfect reproduction of nature. The precise depiction of gooseberries, with the seeds visible through the translucent skins, the lusciously plump grapes, the very realistic dusky surface of the walnuts show the artist’s great attention to detail and careful observation of the many different shapes and forms of plants and fruits.The Berlin painting is a special form of still-life pictures that emerged in the southern Netherlands and reached their pinnacle here. These still-lifes with Christian- religious symbolism very often used a central, materially contrasting motif surrounded by a dense wreath of flowers or sumptuous arrangement of fruits. The flowers and fruits not only serve the purpose of enhancing the appearance and aesthetic significance, they also encourage viewers to take a closer look and engage in a meditative adoration of the central motif. At the same time, they also often act as key references for the underlying meaning of the picture. On this picture, the central motif of the filled goblet, above which floats the eye of Providentia (providence) in the form of bright light, is almost certainly a reference to the Eucharist. Amongst the more common Christian flower and animal symbolism the sunflower stands out, which in this context can be read as being Christological in the sense that it expresses the orientation of the human soul towards Christ.As a rule, still-lifes such as this were a collaboration between two specialized painters. Often, the cartouche would be produced in advance and details added at a later point. The Berlin painting is an exception to this rule, as de Heem executed all parts of this picture himself.Jan Davidsz de Heem was born in the Netherlands and first worked in Utrecht and Leiden before moving to Antwerp. His early work, small vanitas paintings, fruit and flower pieces, were done in the style of the Dutch still-life specialists, who tended to use a rigid and uncluttered compositional style. Inspired by stilllife painting in Haarlem, in this period his paintings were often monochrome. De Heem’s artistic style changed fundamentally after he moved to Antwerp in 1636. Influenced by the monumental and vividly coloured still-lifes of Frans Snyders and the floral wreaths and cartouches of Daniel Seghers, de Heem developed his own style and introduced several innovations. As one of the most gifted and influential still-life painters of his era, his paintings were highly regarded during his lifetime and after his death were in great demand as collectors’ items. Katja Kleinert | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Anna Sophie Agnes von Lehwald, geb. von Buddenbrock

Anna Sophie Agnes von Lehwald, geb. von Buddenbrock

Anna Sophie Agnes von Lehwald, geb. von Buddenbrock (1699-1773) war eine Tochter des Generalfeldmarschalls Wilhelm Dietrich Freiherr von Buddenbrock (1672-1757). In zweiter Ehe ehelichte sie 1749 im Königsberger Schloss den Generalleutnant Johann von Lehwald (1685–1768), Gouverneur von Memel (Ostpreußen). Die links oben erkennbaren Wappen der Familien von Lehwald und von Buddenbrock nehmen auf diese Eheschließung Bezug. Sie sind wohl auch erst zu diesem Termin von fremder Hand aufgetragen worden. Anna Agnes Sophie von Lehwald wird in einem spitzengesäumten Atlaskleid, kontrastiert von einem roten Mantel, präsentiert. Sie steht neben einem Springbrunnen, dessen bildhauerischer Schmuck allerlei Schalentierwerk zeigt. Gemäß damaliger Vorliebe für mythologische Andeutungen, dürfte die Porträtierte hierdurch als Quellnymphe zu interpretieren sein. Im dunklen Hintergrund ist links eine Balustrade mit Skulptur in Parklandschaft erkennbar. Da Barbara Rosina Lisiewska-Matthieu-de Gasc, so sie signierte, stets ihren aktuellen Namen verwendete, wird das Berliner Bildnis noch vor ihrer ersten Vermählung im Jahre 1741 entstanden sein. In dieser Zeit arbeitete die Malerin im Atelier des Vaters Georg Lisiewski (1674-1750). Das Kleid mit den Kaskadenspitzenärmel sowie die unmotiviert in eine Mantelfalte greifenden Finger sind charakteristische Eigenarten ihrer Gemälde der 1740er Jahre. Gemeinsam mit den später eingezeichneten Wappen wurde das allseitig beschnittene Porträt nachträglich zu einem Pedant eines Bildnisses ihres Gatten von der Hand ihres Vaters Georg Lisiewski gemacht, das sich ebenfalls im Besitz der Berliner Gemäldegalerie befindet (Kat.Nr. 2287).SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. rechts unten am Brunnenbeckenrand: „peint par Rosina Lisiews[ka]“