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Die niederländischen Sprichwörter

Ident. Nr.: 1720

ObjID: obj:867614

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Pieter Bruegel (der Ältere) (ca. 1525 - 1569),
Maler*in
Date(s)
Ausführung: 1559
Systematics/Type
Additional titles
Collection title: Die niederländischen Sprichwörter
Translation: The Dutch Proverbs
Geographical references
Herstellungsort: Niederlande,
Land
Material / Technique
Eichenholz
Dimensions
Bildmaß: 117,2 x 163,8 cm
Acquisition
1914 Ankauf aus englischem Besitz

Object Description

Lodovico Guicciardini bezeichnete den Künstler 1567 in seiner Beschreibung der Niederlande als »Pietro Brueghel di Breda«, was uns vermuten läßt, daß er aus Breda stammte und daher in der Stadt und nicht auf dem Land aufgewachsen ist. Bruegel dürfte dort zwischen 1525 und 1530 geboren worden sein. Kaiser Karl V. (1500-1558), der die Niederlande regierte, war damals etwa 30 Jahre alt und Philipp II. (1527-1598) gerade zur Welt gekommen. Es war die Zeit, da sich die Niederlande eines ungewöhnlichen Wohlstandes erfreuten. Als Bruegel starb, war das Land von den Söldnern des Herzogs von Alba ausgeplündert, während das Volk zu den Waffen griff, um sich zu verteidigen. Vor dem Hintergrund dieser wechselvollen Geschichte entfaltete sich das Schaffen Bruegels, des bedeutendsten und genialsten Künstlers seiner Zeit. 1551 war Bruegel als freier Meister in die Antwerpener Malerzunft aufgenommen worden. Kurz darauf reiste er nach Italien, wo er sich einige Jahre aufhielt. Es war jedoch nicht die Kunst der Antike oder die der italienischen Maler, sondern die grandiose Szenerie der Alpen, das Tessintal und die Gegend um den St. Gotthard, die bei ihm einen tiefen Eindruck hinterließ und seine Landschaftsgestaltung entscheidend bestimmt hat. 1555 befand sich Bruegel wieder in Antwerpen, wo er für den Verleger Hieronymus Cock Zeichnungen lieferte, die in Stichen Verbreitung erlangten. 1563 hatte Bruegel in Brüssel die Tochter des Malers Pieter Coecke van Aelst geheiratet, der nach dem Bericht von Carel van Mander (1604) sein Lehrmeister gewesen ist. In Antwerpen ließ Bruegel zahlreiche Freunde zurück. Zu ihnen gehörte der Humanist und Geograph Abraham Ortelius (1527-1598), der Bruegel in jene Kreise der durch die Weltanschauung des Erasmus geprägten Katholiken eingeführt hatte, die aus innerster Überzeugung die Intoleranz von Staat und Kirche verurteilten. Der Sinn für Toleranz und Menschlichkeit, der aus den Werken Bruegels spricht und uns heute noch so un - mittelbar berührt, ist im Kreise der Antwerpener Freunde vertieft worden. Doch auch in Brüssel fand Bruegel bald neue Förderer. Zu ihnen zählte kein geringerer als Kardinal Antoine Perrenot de Granvella (1517-1586), der Vertraute Philipps II. von Spanien und Berater der Statthalterin Margarete von Parma. Den Kunstfreunden seiner Zeit galt Bruegel als kongenialer Nachfolger des im Jahre 1516 verstorbenen Hieronymus Bosch. Abraham Ortelius ehrte seinen früh verstorbenen Freund durch einen in Latein abgefaßten Nachruf (um 1573), in dem es heißt: »Von den Manen verehrt, war Pieter Bruegel zweifelsohne der größte Maler seiner Zeit, das würde niemand je zu leugnen wagen, höchstens ein Eifersüchtiger, ein Rivale oder ein Mensch, dem die Kunst dieses Meisters vollkommen fremd ist. Um alles zu sagen, würde ich sogar wiederholen, er sei nicht nur der größte Maler, sondern er sei für sich allein schon die ganze Welt der Bilder. Und dieser Bruegel, den ich preise, hat viele Dinge gemalt, die nicht gemalt werden können, wie einst Plinius sagte, als er von Apelles sprach. In allen seinen Werken trachtet er stets danach, mehr zu verstehen zu geben, als was er uns zur Betrachtung vorlegt.« Im Schaffen Bruegels bezeichnen die Jahre 1559 und 1560 einen deutlichen Einschnitt. Es entstanden die niederländischen Sprichwörter sowie zwei in Wien (Kunsthistorisches Museum) bewahrte Gemälde, der Streit zwischen Fasching und Fasten und die Kinderspiele. Diese ersten großen Bilder stehen am Beginn einer reichen Gemäldeproduktion, die den Ruhm des Künstlers begründete und noch heute die Bewunderung des Betrachters erregt. Die niederländische Sprache zur Zeit Bruegels besaß einen größeren Schatz an Sprichwörtern, als dies heute der Fall ist. Erasmus von Rotterdams »Adagiorum Collectanea«, die berühmte Sammlung lateinischer sprichwörtlicher Redewendungen, ist eines der schönsten Beispiele für die auch von Bruegel geteilte Vorliebe für das Sprichwort, die in seiner Darstellung der niederländischen Sprichwörter wahrhaft enzyklopädisches Ausmaß angenommen hat. Unmittelbar vor der Vollendung dieses Bildes hat Bruegel in einer Zeichnung den »Elck«, das heißt den sprichwörtlichen Vertreter des »Jedermann« dargestellt, der mit der Laterne in der Hand Fässer, Körbe und Säcke durchwühlt. Dabei ist er nur auf seinen Gewinn bedacht, ebenso wie jene Männer, die verbissen an den Enden eines Tuches ziehen. In der Beischrift des nach der Zeichnung gefertigten Stiches heißt es: »Überall auf der Welt sieht jeder sich selbst, und in allen Dingen will er sich selbst finden. Wie könnte einer sich selbst finden, wenn jeder sich selbst sucht? Jeder reißt sich um den Vorteil (das längere Ende), die einen von oben, die andern von unten. Fast niemand kennt sich selbst. Wer das erkennt, wird große Wunder sehen.« Die in diesen Worten ausgedrückte Erkenntnis liefert zweifellos einen der wichtigsten Anhaltspunkte für das Verständnis des Sprichwörterbildes. In diesem Bild sind zum ersten Mal mehr als 100 Sprichwörter und Redewendungen mit einander vereint und in eine Umgebung versetzt, die ebenso real ist wie die durch die Spruchweisheiten in knapper und treffender Form enthüllten Verhaltensweisen des Menschen. Dabei spielen die einzelnen Szenen gleichzeitig nebeneinander, ohne unmittelbar voneinander abhängig zu sein, ganz so, wie es der Zufall im menschlichen Leben mit sich bringen könnte. Ein Dorf an einem Fluß nahe dem Meer bildet die weiträumige Bühne für das scheinbar alltägliche Treiben seiner Bewohner. Ein Bauernhaus, baufällige Hütten, eine steinerne Brücke mit Pranger und Turm, der Dorfplatz im Zentrum des Geschehens und ein Gehöft zwischen Kornfeldern nahe dem Wald bilden die Kulisse für das bunte Treiben. In der Ferne erstreckt sich das offene Meer, überstrahlt von der leuchtenden Sonne eines spätsommerlichen Tages. Durch die subtile Farbgebung sind die verschiedenen Szenen miteinander verknüpft. Kräftige Rot- und Blautöne bilden dabei die Angelpunkte der Komposition. Im Zentrum der Darstellung dominiert das Blau des Mantels, den eine junge Frau in leuchtendrotem Kleid ihrem alten, hinfälligen Mann umhängt. Von dem Motiv des blauen Mantels, einem geläufigen Sinnbild des Betruges, leitet sich eine der alten Benennungen des Bildes ab. Dieselbe Bezeichnung findet sich auch auf einem 1558 in Antwerpen erschienenen Stich, der eine der Anregungen für Bruegels Bild geliefert haben dürfte. In der Beischrift des Stiches heißt es: »Der blaue Mantel wird dies meist genannt, doch als die Torheiten der Welt wäre es besser bekannt.« Die Vorstellung, daß Torheit und Selbstbetrug am Anfang allen Unglücks stehen, hatte in Erasmus von Rotterdams »Lob der Torheit« (1511) greifbaren Ausdruck erlangt. Die andere alte Benennung unseres Bildes als Verkehrte Welt geht auf das Motiv der auf den Kopf gestellten Weltkugel zurück, die Bruegel als auffallendes Wahrzeichen am links im Bild wiedergegebenen Haus darstellte. Dieses Sinnbild macht deutlich, daß wir uns in einer verkehrten Welt befinden. Die Menschen, das heißt die Bildfiguren Bruegels, sind dabei wohl als typische Vertreter der einzelnen Stände, nicht jedoch als Individuen charakterisiert. Gleich seelenlosen Marionetten bewegen sie sich auf der Bühne, ohne an ihrer Umgebung Anteil zu nehmen. Es ist ein Schauspiel, dessen Inszenierung an die von Rabelais 1564 geschilderte Reise des Pantagruel ins Reich der Quintessenz erinnert, deren Untertanen in ihrem wunderlichen Treiben sprichwörtliche Absurditäten verkörpern. Die Schilderung der Ungereimtheit, Sinnwidrigkeit und Narretei im Verhalten der Menschen nimmt auch in der Darstellung Bruegels unter dem Leitmotiv der verkehrten Welt breiten Raum ein. Da wird der Brunnen zugeschüttet, nachdem das Kalb ertrunken ist, oder das Licht mit Körben an den Tag getragen. Andere Sprichwörter enthalten Anspielungen auf die Todsünden. Betrug, Lüge und Heuchelei gehören zu weiteren negativen Eigenschaften der Menschen, die durch die Sprichwörter nachdrücklich belegt werden. Es ist eine Welt, in der man nicht Gott, sondern dem Teufel dient. Selbst die Vertreter des geistlichen Standes bilden da keine Ausnahme, wenn sie dem Herrgott einen Bart aus Flachs umhängen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, daß Bruegels Bild in Wahrheit eine scharfe Kritik enthält und dabei pessimistisch gestimmt ist. Dennoch handelt es sich um mehr als eine bloße Darlegung des als unabänderlich empfundenen Schauspiels menschlichen Treibens. Bruegel hat vielmehr die Menschen seiner Zeit in die Lage versetzen wollen, die Sinnwidrigkeit ihres Handelns zu erkennen und in ihrer ganzen Tragweite zu begreifen. In dieser Hinsicht hat seine Botschaft auch heute kaum etwas von ihrer Aktualität verloren.| Rainald Grosshans

SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. rechts unten: BRVEGEL • 1559
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The picture brings together 100 proverbs and places them in surroundings that are as real as the people’s behaviour, revealed in terse and apposite form by the wise sayings. The individual scenes are played out side by side, without being directly dependent on each other. A village near the sea provides a spacious stage for the apparently everyday tasks of its inhabitants. The background for all the varied activity is made up of a farmhouse, dilapidated huts, a stone bridge with pillory and tower, the village square at the centre of the activity and a farmstead among cornfields near the wood. In the distance is the open sea, shining in the sun of a late summer’s day. The painting’s old title, The Upside-Down World, derives from the symbol of a globe standing on its head. This is intended to illustrate that we are in a world in which nothing is as it should be. The wise sayings are evidence of man’s folly and sinfulness in a crazy world that has turned away from God. This proverb picture is evidence of Bruegel’s intense pre-occupation with the spiritual and moral questions of his time, which give the work its timeless validity.| Rainald Grosshans

Last updated: 28.07.2026

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Institution:

Gemäldegalerie

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Christus als Schmerzensmann mit Maria und Johannes

Christus als Schmerzensmann mit Maria und Johannes

Christus sitzt niedergesunken vor dem Kreuz am Boden, während es auf Golgatha Abend wird. Seine Glieder wirken kraftlos; Wundmale an Händen und Füßen sowie die Dornenkrone zeichnen den Gemarterten. Als weitere Arma Christi lehnen der Ysop-Stab mit Essigschwamm, die Lanze und eine Leiter gegen das Kreuz; die drei Nägel liegen weiter hinten links im Halbdunkel. Ein Stück entfernt von Christus sitzt Maria, ganz in Dunkelblau. Sie ringt die Hände im Schmerz und blickt traurig zu ihrem Sohn hinüber. Neben ihr hockt Johannes, der sich eng in seinen roten Mantel gehüllt hat und das kummervolle Gesicht in der bekannten Melancholie-Geste in die linke Hand stützt. Von der grünen Wiese um die Protagonisten herum setzt sich die felsige Hintergrundlandschaft ab. Unter einem baumbestandenen Hügel ganz links öffnet sich die für Christus bestimmte Grabeshöhle mit einem rötlichen Steinsarkophag darin, während sich rechts die ummauerte, von einem Graben geschützte Stadt Jerusalem mit zahlreichen Türmen und dem runden Salomonischen Tempel in ihrer Mitte erhebt. Durch das Stadttor kehrt soeben der letzte der an der Kreuzigung Beteiligten zurück. Er hat ein bläuliches Tuch über die Schulter geworfen, bei dem es sich um den unteilbaren Rock Christi handeln dürfte.Künstlerisch höchst subtil und poetisch ist die kleine Tafel auch ikonografisch ungewöhnlich, vielleicht sogar einzigartig unter den Gemälden der Zeit um 1400. Auf eigenwillige Art wird nämlich in dem Bild eine Szene, die einen bestimmten Moment der Passionsgeschichte aufgreifen könnte, mit der dem Handlungsablauf völlig enthobenen Gestalt Christi kombiniert. Dieser erscheint als Schmerzensmann, der gestorben und doch lebendig, Mensch und Gott zugleich ist. Die Erlösungstat ist »vollbracht« (Johannes 19,30), doch statt des Todes hat den Erlöser hier Erschöpfung ergriffen. Wahrscheinlich haben wir es bei dem Berliner Bild mit einer ikonografischen Neuerfindung zu tun, die den spezifischen Wünschen des Auftraggebers entsprang. Hier soll nicht zeichenhaft oder repräsentativ vorgeführt, sondern über den emotionalen Gehalt eines üblichen Schmerzensmannes hinaus das Miterleben und Mitfühlen angespornt werden: Johannes scheint die traurig-meditative Haltung vorzugeben, mit der das Bild vom Gläubigen betrachtet sein will. Maria aber fungiertals primäre Vermittlerin, sie nimmt die Mitte des Bildes ein, ist uns zugewandt und zugleich auf Christus ausgerichtet.Künstlerisch lässt sich das Täfelchen der großen Gruppe österreichischer Tafelmalereien aus dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts zuordnen. Obgleich sich verschiedene Notnamen etabliert haben, ist eine genauere Zuordnung der einzelnen Werke problematisch. Das Berliner Täfelchen steht sowohl den Tafeln eines Marienlebens in Klosterneuburg, die unter der Bezeichnung »Meister der Darbringungen « geführt werden, als auch der großen, in London befindlichen Tafel eines Gnadenstuhls nahe; ob es aber von einem der jeweils verantwortlichen Maler selbst stammt, muss offen bleiben. Stephan Kemperdick | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________Christ is slumped on the ground below the cross as evening falls on Golgotha. His limbs are limp, drained of strength; the stigmata on his hands and feet and the crown of thorns signify his martyrdom. Other arma christi or instruments of the Passion – the hyssop reed with, the sponge of vinegar, the lance and the ladder – are leaning against the cross; further behind on the left in the semi-darkness lie the three nails. The Virgin Mary, clad entirely in dark blue, sits a short distance away from Christ. She is wringing her hands in sorrow as she looks sadly across to her son. John, who has wrapped himself tightly in his red cloak, is squatting beside herleaning his sad face on his left hand in the well-known gesture of melancholy. The rocky landscape in the background contrasts with the grassy meadow surrounding the protagonists. Below a tree-lined hill on the far left, the cave sepulchre intended for Christ containing a reddish stone sarcophagus opens up, while on the right the many towers of the walled and moated city of Jerusalem point skywards. The round Temple of Solomon can be seen in the middle. The last of those who attended the crucifixion is returning through the city gate. He has thrown a bluish cloth over his shoulder, probably the Seamless Robe of Christ. In artistic terms, the small panel is extremely subtle and poetic. Its iconography is unusual, if not indeed unique among the paintings of the period around 1400, for it combines a scene apparently portraying a moment in the Passion story with a Christ figure completely disassociated from the course of events. Here Christ is depicted as the Man of Sorrows, who has died and yet lives on simultaneously as man and God. The act of redemption has been “fulfilled” (John 19:30), but here the saviour is shown not as dead but as overcome with exhaustion. Probably the Berlin painting was an iconographic novelty painted to fulfil the specific wishes of the person who commissioned it. The work is not intended as an emblematic or showcase piece but instead seeks to go beyond the emotional substance usually associated with a Man of Sorrows to encourage the viewer to witness and empathise with what he or she sees: Saint John appears to be demonstrating the melancholy, meditative pose with which the faithful are supposed to view the painting. 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Wladislaw IV. (1595-1648) von Polen / Allegorische Darstellung der Tugend

Wladislaw IV. (1595-1648) von Polen / Allegorische Darstellung der Tugend

Der dargestellte Wladislaw IV. (1595 – 1648) war seit 1632 König von Polen. Auf seinem reich dekorierten Wams ist eine Kette erkennbar, die ihn als Ritter des Ordens vom Goldenen Vließ kennzeichnet, dem er seit 1615 angehörte. Er trägt ein violettes Käppchen. Auffällig an der Frisur Wladislaws IV. ist ein dünner Zopf, der auf die linke Schulter fällt und dessen Ende von einer breiten Schleife zusammengehalten wird. Er war in zweiter Ehe mit Louise – Marie, Prinzessin von Gonzaga, Mantua, Montferrat und Nevers („Fille de France“, d.h. Prinzessin von Geblüht) vermählt. Die Trauung fand in Abwesenheit des Bräutigams im Jahre 1645 in der Kathedrale St. Denis statt. Dabei wurde der polnische König durch den Woiwoden von Posen, Christoph Graf Bnin Opalinski vertreten. Mehrmonatige Feierlichkeiten zogen Viele nach Paris, so auch den gefragten Genfer Miniaturmaler Paul Prieur (Um 1620 - 1682/83). Der umtriebige Hugenotte schuf dort zu dieser Zeit auch die Berliner Miniatur. Es wird sich dabei um ein diplomatisches Geschenk des polnischen Königs an den Großen Kurfürsten (Friedrich Wilhelm von Brandenburg) gehandelt haben, der im Jahre 1640 Wladislaw IV. den Lehnseid als Herzog von Preußen leistete und 1646 aus Anlass des Einzugs der aus Paris kommenden polnischen Königin Louise-Marie in Danzig anwesend war. Auf dem Contreémail der Miniatur ist in der Mitte ein von der Sonne gekrönter Obelisk auf vier Kugeln auf einem Postament geschildert. Traditionell als „Gloria dei principe“ (Ruhm des Prinzen) lesbar. Dem gesellt sich die Umschrift HONOR VIRTVTIS PRAEMIVM (Ehre ist der Lohn der Tugend). Die vorzügliche, auf einem Bildträger aus Gold gearbeitet, Berliner Emailminiatur eröffnet die Reihe von Paul Prieurs datierten Arbeiten. SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf der Rückseite: HONOR VIRTVTIS PRAEMIVM (umlaufend); unten: prieur Fecit / 1645

Zwei Marktfrauen und ein Junge mit Geflügel und Gemüse

Zwei Marktfrauen und ein Junge mit Geflügel und Gemüse

Von den bedeutenderen Meistern des Bologneser Spätmanierismus (O. Samacchini, L. Sabatini, P. Fontana) war Bartolomeo Passarotti zweifellos der fortschrittlichste, derjenige, der am deutlichsten Stilelemente der Carracci vorwegnahm. Agostino Carracci war zeitweilig sein Schüler, Annibale Carracci wurde in seiner Frühzeit stark von ihm beeinflusst. Passarotti hat in Rom bei Taddeo Zuccari gearbeitet (1551), stand aber andererseits in der Tradition des Bologneser Manierismus (Pellegrino Tibaldi) und wurde auch von Parmigianino und Niccolò dell`Abate beeinflusst. Sein Oeuvre besteht aus drei Komplexen: Altarbilder, Porträts und Genrebilder. Die Altarbilder befinden sich ausnahmslos noch am Ort, in Kirchen Bolognas und der Emilia sowie im Museum von Bologna. Besonders berühmt war Passarotti als Porträtmaler. Seine weit verbreiteten und gelegentlich auf dem Markt vorkommenden Porträts bildeten die unmittelbare Vorstufe für die Porträtkunst der Carracci.Auch die kleinste Werkgruppe, die der Genrebilder, wurde für die Carracci vorbildlich. So galt das Berliner Bild der "Schachspieler", das 1971 dem Ludovico Carracci zuerkannt wurde, lange als Werk Passarottis (A. Venturi, 1933). Zu der kleinen Gruppe der Genrebilder Passarottis gehört das vorliegende, aus dem Londoner Kunsthandel angebotene Bild einer halb stilllebenhaft, halb porträthaft (in Dreiviertelfiguren) gefassten Marktszene: eine alte Marktfrau, die mit Geflügel und Gemüse handelt, preist ihre Hühner an. Mit beiden Armen hat sie eine Henne und einen Hahn gepackt und hält sie dem Betrachter als ideellem Käufer entgegen, ihn anblickend, den sprechend geöffneten Mund zu einem leichten Lächeln verzogen. Sie lehnt mit dem rechten Arm auf den hölzernen Hühnerkäfig, auf dem links hinten ein Hahn thront. Im Hintergrund ferner eine Stange, an der, mit einem Band befestigt, ein Schild hängt, auf dem der Buchstabe P (= Pollaiolo [Geflügel-Verkäufer], aber wohl auch das Monogramm des Künstlers) steht. In der rechten Bildhälfte sieht man eine bildeinwärts gerichtete junge Frau mit ihrem Jungen. Es bleibt unklar, ob sie eine Kundin oder eine zweite Verkäuferin ist. Das Halsband aus roten Steinen und der relativ aufwendige, schleierartige Überhang deuten wohl eher auf eine Kundin hin. Ihr verlorener Blick aus den Augenwinkeln geht am Betrachter vorbei. Sie schmiegt ihr Kind mit dem linken Arm an sich (sie greift in sein Haar), vielleicht will sie den Jungen, der gerade mit der Hand nach einem Kürbis greift, zurückhalten. Im Vordergrund unten ein Korb (oder eine Karre) prallgefüllt mit Zwiebeln und Kürbissen.Die Figuren und der stilllebenhaft arrangierte Kürbishaufen sind eng ins Bildfeld eingepasst. Figuren und Formen, ganz in der vordersten Bildebene platziert, vermitteln den Eindruck bedrängender Nähe und handgreiflicher Wirklichkeit. Dieser Eindruck wird unterstrichen durch die pastose Malweise, die freie, lockere Pinselschrift, eine Faktur, die, zusammen mit der Art der Gewandbehandlung und der Modellierung, vor allem aber der Farbigkeit, ganz unmittelbar auf die wenige Jahre später entstandenen Genrebilder Annibale Carraccis (Schlachterladen in Oxford, Bohnenesser in Rom, Gal. Colonna) vorausweist. Annibale Carracci hat in seinen Genrebildern, die alle in die Frühzeit fallen, mit dem gleichen Realismus, der gleichen Naturbeobachtung gearbeitet. Gleichwohl würde man die Bilder als lediglich realistische Markstücke im Sinne des 19. Jahrhunderts missverstehen. Im vorliegenden Bild ist offenbar eine Anspielung auf die drei Lebensalter mit gemeint, außerdem hat die neuere Forschung in den Genrestücken Passarottis und Carraccis Bezüge zur Commedia dell`arte gesehen (letztlich auf Aristoteles' Poetik fußend; vgl. B. Wind, Pitture ridicole: Some Late Cinquecento Comic Genre Paintings, in: "Storia dell'Arte", 20, 1974; ders., Annibale Carracci's "Scherzo": The Christ Church Butcher Shop, in: "The Art Bulletin" 1976). So wie Passarottis Genrebilder einerseits auf die Carracci vorausweisen, fußen sie andererseits auf niederländischen Vorbildern, vor allem von Aertsen und Beuckelaer (vgl. H. Bodmer, Die Kunst des Bartolomeo Passerotti, in: "Belvedere" 1938).Das vorliegende Werk war bis zur Erwerbung unpubliziert. Seine Komposition war jedoch aus einer qualitativ unterlegenen Werkstattreplik bekannt, die Daniele Benati (Una 'Lucrezia' e altre proposte per Bartolomeo Passerotti, in: "Paragone" 379, 1981) publiziert hat. Benati datiert das vorliegende Original in die späten siebziger bzw. frühen achtziger Jahre. Es gibt außer diesem Bild nur noch fünf vollwertige Genrebilder Passarottis, von denen drei Bilder (alle querformatig) dem vorliegenden stilistisch und ikonographisch engstens verwandt sind: "Zwei Fischverkäufer" und "Zwei Schlachter" in Rom, Galleria Nazionale d'Arte Antica (ehemals Slg. Messinger, München) und "Zwei Geflügelverkäuferinnen" (Florenz, Stiftung Longhi, ehemals Berlin, C. Benedict). Diese drei Bilder sind in einem Inventar der Slg. der Marchesi Mattei (Rom) von 1614 zusammen mit einem vierten aufgeführt, das zwei Geflügelverkäuferinnen mit einem Kind darstellt. Es läge nahe, das vorliegende Bild mit dem vierten Bild zu identifizieren, wenn nicht das andersartige Hochformat dagegen spräche. Die Verbindung von derber Drastik des Motivs, von zupackendem Realismus mit malerischer Kultur der Ausführung ist das Charakteristische dieses und der anderen Genrebilder Passarottis. Zugleich ist das Bild ein frühes und bedeutendes Beispiel der für Italien auch im frühen 17. Jahrhundert wichtigen Bildform eines vegetabilen Stilllebens (Gemüse, Früchte, Blumen) mit begleitenden Figuren. SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf dem Ladenschild oben: P