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Der Kaufmann Georg Gisze

Ident. Nr.: 586

ObjID: obj:868769

Details (expert)

Involved
Ausführung: Hans Holbein (der Jüngere) (1497/98 - 1543),
Maler*in
Dating
Ausführung: 1532
Additional titles
Collection title: Der Kaufmann Georg Gisze
Translation: The merchant George Gisze
Geographical references
England,
Land
London,
Stadt
Material / Technique
Eichenholz
Dimensions
Bildmaß: 97,5 x 86,2 cm

Object Description

Georg Gisze (1497–1562) entstammte einer wohlhabenden Danziger Kaufmannsfamilie, war 1519 vom polnischen König Sigismund I. in den Adelsstand erhoben worden und ging 1522 an den Stalhof, die Handelsniederlassung der deutschen Kaufleute in London. Hans Holbein der Jüngere war Anfang 1532 zum zweiten Mal aus Basel in die englische Hauptstadt gereist, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1543 der unangefochten führende Porträtist wurde. Neben Personen vom Königshof und aus dessen Umfeld bedachten ihn in den ersten Jahren auch die Stalhofkaufleute mit Aufträgen für Bildnisse, darunter das Konterfei eines Mannes aus der Familie Wedigh in der Gemäldegalerie. Doch kann sich keines dieser Kaufmannsporträts in Größe und Aufwand mit der vorliegenden Tafel messen. Gisze steht in Halbfigur in einem holzvertäfelten Innenraum, seinem Kontor. Ein kostbarer anatolischer Teppich bedeckt den Tisch im Vordergrund, auf dem sich eine hauchzarte venezianische Glasvase mit Nelken und Rosmarin, eine Dosenuhr, eine technische Meisterleistung der Zeit, eine zinnerne Schatulle für Schreibgerät und anderes mehr befinden. An den Wänden sind zahlreiche Briefe festgesteckt, an den Regalen hängen links eine Waage und ein Petschaft, rechts eine prachtvoll verzierte Schnurkugel; auch Bücher, schwere Goldringe und Schlüssel sind zu sehen. Holbein hat es verstanden, den Kaufmann durch seine schimmernden roten Seidenärmel, die massige schwarze Schaube und das Barett von diesem kleinteiligen Beiwerk abzusetzen. Ohne Zweifel hat Gisze selbst diese Fülle gewünscht, um ein bestimmtes Image von sich zu vermitteln: Die Briefe verweisen auf sein Agieren als Handelsherr, während die kostbaren Gegenstände Wohlstand und Geschmack bezeugen. Giszes Motto steht links an die Wand geschrieben: »Nulla sine merore voluptas« (Ohne Leid kein’ Freud). Eine Extravaganz wie die prachtvollerote Seide von Giszes Kleid, die in Holbeins Bildnissen anderer Kaufleute nicht vorkommt, dürfte ebenso auf den adeligen Stand des Danzigers verweisen wie das Schwert, dessen kristallgeschmückter Knauf an seiner linken Hüfte sichtbar wird. Der Cartellino am oberen Bildrand, der nicht etwa als auf der gemalten Rückwand, sondern auf der Bildoberfläche klebend gedacht ist, enthält einen lateinischen Zweizeiler, der übersetzt lautet: »Distichon auf Georg Gisze. Dieses Bild, das du siehst, gibt Georgs Gesichtszüge wieder, so lebhaft ist sein Auge, so sind seine Wangen geformt / Seines Alters 34 Jahre / Im Jahre des Herrn 1532«. Der Gebrauch der klassischen Sprache verweist auf Bildung. Dies scheint bedeutsam im Zusammenhang mit dem Brief, den Gisze gerade öffnet: Der Absender hat ihn an seinen »broder« adressiert; der einzige 1532 noch lebende Bruder des Kaufmanns aber war Tiedemann Giese (1480–1550), ein bedeutender katholischer Kleriker und Gelehrter, der später Bischof von Kulm, dann Ermland wurde. Tiedemann beherrschte Latein und Griechisch, war mit Nikolaus Kopernikus befreundet und stand im Briefwechsel mit Erasmus von Rotterdam in Basel, den wiederum Holbein mehrfach porträtiert hatte. Dass Georg Gisze sich an Holbein unmittelbar nach dessen Eintreffen in England wandte, mag angesichts solcher Verbindung kein Zufall sein: Möglicherweise wusste sein Bruder durch Erasmus von Holbein und wies Georg darauf hin, dass der größte Porträtist der Zeit auf dem Weg nach London war und sich somit die einmalige Chance zu einem anspruchsvollen Bildnis ergab. Der Brief verleiht dem Porträt zugleich eine familiäre Note, und in diesem Zusammenhang scheint denn auch die Deutung des Blumenstraußes als Liebessymbol sinnvoll: Gisze mag bereits verlobt gewesen sein, denn er ging zwei Jahre später nach Danzig zurück, heiratete und wurde Ratsherr. Wahrscheinlich ließ er das Bildnis anfertigen, um es an seinen Bruder zu schicken und damit in der Heimat seine Verhältnisse darzulegen. Georg Gisze wurde am 2. April 1532 35 Jahre alt, doch bezeichnet ihn das Diptychon auf dem Cartellino als 34-jährig. Mithin muss das Bildnis vor diesem Datum vollendet worden sein. Holbein aber traf erst um die Jahreswende 1531/32 in London ein, und so dürfte der Auftrag von Gisze einer der ersten oder sogar der allererste Auftrag gewesen sein, den der Maler nach seiner Übersiedlung empfing. Er hatte also höchstens drei Monate Zeit, dieses Meisterwerk der Porträtkunst zu schaffen. In diesen drei Monaten aber nahm er ganz erstaunlich viele, einschneidende Veränderungen an der Komposition vor: Wie mit bloßem Auge erkennbar ist, war das Regal zunächst über Giszes Kopf an der Rückwand angebracht, die Raumecke (mit Regalbrett) befand sich links; das Regal wurde dann zunächst weiter nach oben verschoben, schließlich jedoch nach rechts versetzt. Ebenso war der Kopf des Mannes zunächst frontal zu sehen und wurde erst im Laufe der Ausführung nach rechts gedreht. Wir wissen nicht, ob diese Änderungen vom Maler ausgingen, allerdings hat Holbein auch in anderen Bildern ähnlich gearbeitet. Durch das Versetzen der Ecke wurde der Raum um die Figur enger, er scheint, ebenso wie der Tisch, keinen rechten Winkel aufzuweisen. Dadurch aber wirkt Gisze besonders dominierend. Zur anhaltenden Faszination, die von dem Bildnis ausgeht, trägt diese Abweichung vom real Möglichen ebenso bei, wie der auf den Betrachter gerichtete Blick bei leichter Drehung des Kopfs, ein Blick, der uns distanziert-abwartend zu mustern scheint. Stephan Kemperdick | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019

SIGNATUR/INSCHRIFT: An die Wand gepinnter Zettel: Di(s)tichon i(n) Imagine(m) Georgii Gysenii--/ Ista, refert vultus, qua(m) cernis, Imago Georgi / Sic oculos vivos, sic habet ille genas / Anno aetatis suae xxxiiii Anno dom(ini) 1532
Eine Devise links in weißer Schönschrift an die Wand gemalt: Nulla sine merore voluptas - G. Gisze
Auf der Kugel: ...EN/ HEER/ EN
Zettel in der Hand: Dem erszamen / Jorgen Gisze to lunden / in engelant mynem / broder to handen
Oberer eingesteckter Brief vorne: DEm Erszame(n) Jurgen / ghysszen to lund(en) in / engelant kame dysszer breff / -- Inhans / in lund anno 1528 / Stolten - 7. ?? - mit einer Hausmarke und: Ihns broder to handen
Oberer eingesteckter Brief hinten: DEm Ers.../ vorsichtige J ../ghyszen to l/ engel../ K /In tomas / Bandz
Unterer eingesteckter Brief vorne: DEm Erm erszamen / vorsichtige(n) Jurge(n) gyssze / to lund in engelant / kome dysser breff / in Jurge / zubasel 1531
Unterer eingesteckter Brief hinten: ..... nder/ gyssze(n) nt / in lund(en) anno 1531 17ten Mai
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Georg Gisze (1497–1562) came from a wealthy Danzig family of merchants, was ennobled in 1519 by the Polish King Sigismund I and in 1522 went to the Stalhof, the London branch of the Hanseatic League. Hans Holbein made his second trip to the English capital from Basel in 1532. In London, he was the unchallenged leading portraitist until his death in 1543. Besides people from the royal court and surroundings, he also received commissions for portraits in the early years from the merchants at the Stalhof, including the portrait of a man from the Wedigh family in the Gemäldegalerie. But none of these merchant portraits can rival this panel in terms of scale and effort. Gisze is portrayed in half-length in a wood-panelled room, which serves as his office. A magnificent Anatolian carpet covers the table in the foreground on which stand a delicate vase of Venetian glass containing carnations and rosemary, a pocket watch – a technical masterpiece of the time – and a tin box for writing implements as well as many other things. Numerous letters are stuck on the walls. From the shelves on the left hang scales and a signet, from those on the right a magnificently decorated ball containing string, books, heavy gold rings and keys. Holbein skilfully offsets the merchant from all these accoutrements by clothing him in shimmering red silk sleeves, a voluminous black cape and a beret. Without doubt, Gisze himself wished to be surrounded by all these objects in order to communicate a certain image of himself: the letters allude to his work as a merchant, while the precious objects testify to his prosperity and taste. Gisze’s motto is inscribed on the wall on the left: “Nulla sine merore voluptas” (No joy without suffering). The portrait exhibits a degree of extravagance (the magnificent red silk of Gisze’s robe and the sword of which only the crystal pommel is visible above on his left hip) which does not appear in Holbein’s portraits of other merchants. This was probably an allusion to Gisze’s noble standing. The piece of paper near the upper edge of the picture, which looks as if it were stuck not on the painted back wall but on the surface of the picture itself, contains two lines in Latin, which translated mean: “Distich to Georg Gisze. This painting, which you see, reproduces Georg’s facial features, so lively is his eye, so shapely are his cheeks / aged 34 years / in the year of the Lord 1532”. The use of Latin suggests education and this seems to be significant in connection with the letter that Gisze is just opening: the sender has addressed it to his “broder”; the only brother of the merchant who was still alive in 1532, however, was Tiedemann Giese (1480–1550), an important Catholic cleric and scholar and later Bishop of Kulm, and then Ermland. Tiedemann knew Latin and Greek, was friends with Nicolaus Copernicus and corresponded with Erasmus of Rotterdam in Basel, of whom, in turn, Holbein painted several portraits. The fact that Georg Gisze contacted Holbein directly after his arrival in England, may, in view of such a connection, be no coincidence: his brother may have learned about Holbein from Erasmus and informed Georg that the greatest portraitist of the time was on his way to London and that Georg therefore had a unique opportunity to have a high-quality portrait painted of him. At the same time, the letter lends the portrait a familiar note, and the interpretation of the bunch of flowers, as a symbol of love would seem to make sense in this connection: Gisze may already have been engaged to be married, for two years later he went back to Danzig, married and became a city counsellor. Probably he had the portrait done in order to send it to his brother and to show off his circumstances to his future spouse. Stephan Kemperdick | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Last updated: 03.07.2026

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Institution:

Gemäldegalerie

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Die Auferstehung Christi

Die Auferstehung Christi

»Nun, da ich die Methoden dieser Kunst zu verstehen beginne, grämt es mich, dass sie mir nicht den Auftrag erteilen, das gesamte Rund der Stadtmauern von Florenz mit Geschichten zu bemalen.« Diese Aussage soll Domenico Ghirlandaio gegenüber seinem Bruder Davide geäußert haben, nachdem er den Chor der Dominikanerkirche S. Maria Novella ausgeschmückt hatte. Die Fresken sind heute nochzu sehen und gehören zu den künstlerischen Höhepunkten eines Florenzbesuchs. Doch Ghirlandaio war nicht nur ein bemerkenswerter Freskant, er ist auch für die Gemälde des Hochaltars verantwortlich, die Anfang des 19. Jahrhunderts veräußert wurden. Die Mitteltafel der Vorderseite, Maria mit dem Kinde und Heiligen, befindet sich heute in der Alten Pinakothek in München; die heute in der Gemäldegalerie in Berlin aufbewahrte Auferstehung nahm die Rückseite des Altarbilds ein, die nur für die Priester sichtbar war. Um die Mitteltafel und an den Seiten waren drei Heiligenpaare angeordnet. Zwei dieser Heiligen befanden sich einst in der Gemäldegalerie und wurden vermutlich im Mai 1945 in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zerstört (Abb. links).Die Auferstehung zeigt Jesus Christus am Ostermorgen, wie er dem Grab entsteigt und die vier römischen Soldaten, die es bewachen, in Schrecken versetzt. Ghirlandaio wich hier stark vom Inhalt der Heiligen Schrift ab: Das Grab Christi befand sich in einer Höhle und nicht unter freiem Himmel und keinesfalls wies es die Inschrift INRI auf (Jesus von Nazareth, König der Juden), die oben an seinem Kreuz angebracht gewesen sein soll. Auch der Pelikan, der seine Jungen mit demeigenen Blut nährt, entwickelte sich erst viel später zu einem Symbol Christi. Der Maler wollte hier die Theatralik der Szene betonen: Jesus scheint beinahe von einer unsichtbaren Maschinerie in die Luft gehoben, während die Soldaten ihre Überraschung und Angst zu überspielen suchen. Während des 19. Jahrhunderts erfuhr Ghirlandaio für seinen Sentimentalismus große Bewunderung, wurde von einigen Ästheten genau aus diesem Grund jedoch auch stark kritisiert. Der Landschaft in diesem Gemälde gebührt die gleiche Beachtung wie der bemerkenswerten Szene im Vordergrund. Auf der linken Seite nähern sich die drei Marien, die gleich das leere Grab Christi entdecken werden (ihre Namen variieren je nach Evangelium). Dahinter erkennt man im blauen Dunstschleier eine Stadt imflämischen Stil, mit einer besonderen Nähe zur Malweise des Hugo van der Goes. Am 28. Mai 1483 traf Van der Goes’ Bild für den Hochalter von S.’Egidio in Florenz ein (jetzt in den Uffizien), Domenico Ghirlandaio änderte daraufhin seine Vorstellung von Tafelmalerei.Ghirlandaio vollendete weder das Altarbild für S. Maria Novella, noch war es ihm vergönnt, die Stadtmauern von Florenz zu bemalen, wie er gehofft hatte: 1494 starb er im Alter von 45 Jahren an der Pest. Es hat etwas Bewegendes, stellt man sich vor, dass der Tod den Maler während der Arbeit an dieser Auferstehung ereilte, deren Botschaft die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod enthielt. Giorgio Vasari zufolge wurde dieser Teil des Bildes von Ghirlandaios Brüdern Davide undBenedetto fertiggestellt. Kritiker stimmen jedoch darin überein, dass die Landschaft von einem anderen Künstler stammen muss, in dem man Ghirlandaios Schüler Francesco Granacci sah, der heute als Pseudo Granacci bezeichnet wird. Trotz dessen Mitwirkens kann die Auferstehung als eines der letzten Meisterwerke von Domenico Ghirlandaio gelten. Neville Rowley | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________________________“Now that I have begun to understand the methods of this art, it grieves me that they will not commission me to paint the whole circuit of the walls of the city of Florence with stories.” This is what the painter Domenico Ghirlandaio is reputed to have said to his brother Davide, after having finished decorating the choir of the Dominican Church of Santa Maria Novella. The frescoes are still in place and are one of the highlights of any visitor who discovers Florence. But Ghirlandaio was not only a remarkable fresco painter: he was also responsible for the gigantic altarpiece adorning the chapel, dispersed at the beginning of the 19th century. The Virgin and Child in Glory among Saints which occupied the central compartment on the front side is now to be seen in Alte Pinakothek in Munich; as for the present Resurrection now in the Gemäldegalerie in Berlin, it was on the other side of the altarpiece, only visible to priests. Around the central panels and on the lateral sides of the altarpiece, three pairs of saints were displayed; two of these saints, once part of the collection of the Gemäldegalerie, were probably destroyed in May 1945 in the last days of the Second World War (fig. left).The Resurrection shows Jesus-Christ on Easter morning, coming out of his tomb, to the complete astonishment of the four Roman soldiers charged to guard his sepulture. Ghirlandaio freed himself largely from the Holy Scriptures: Christ’s tomb was set in a cave and not in the open air; and it was certainly not inscribed with the acronym “I.N.R.I.” (Jesus Christ King of Nazareth), placed instead on top of his cross, nor with the Pelican who fed his children with his blood, a symbol of Christ adopted much later (it is true that the inscription appears to have been painted over a former one). What mattered for the painter was to accentuate the theatrical character of the scene: Jesus seems to be pulled into the air by some backstage machinery, while the soldiers over-play their surprise and their fear. During the 19th century, Ghirlandaio was greatly admired for his sentimentalism; and also despised by a few aesthetes for this very reason.The landscape of this painting is to be admired on the same level as the ostentatious foreground. On the left side, we see the three Mary who, soon, will discover the empty tomb of Christ (their identities vary according to the gospels). Further on, one distinguishes a city in a blue mist, painted like in a Flemish style, and close in particular to Hugo van der Goes. On 28 May 1483, the high altarpiece of the church of Sant’Egidio, painted by Van der Goes, had arrived in Florence (it is now in the Uffizi); from that moment on, Domenico Ghirlandaio changed his conception of panel painting.Ghirlandaio did not have time to finish the Santa Maria Novella altarpiece, nor to fresco the whole circuit of the walls of Florence, as he had hoped: he died from the plague in 1494, only aged 45. There is something moving about imagining the painter agonizing while trying to complete this Resurrection, whose religious message is to give hope in a life after death. According to Vasari, this part of the altarpiece was completed by the painter’s brothers, Davide and Benedetto; but critics nowagree that the landscape is due to another artist, long confused with the pupil of Ghirlandaio Francesco Granacci and now known as the “Pseudo Granacci”. Despite the latter’s intervention, one can fully consider the Resurrection as one of the last masterpieces by Domenico Ghirlandaio. Neville Rowley | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Johannes der Täufer

Johannes der Täufer

Johannes der Täufer predigt in der Wüste und verkündet die Ankunft des Messias. In diesem Gemälde ist er als Prophet dargestellt, mit einem vor Entbehrung ausgezehrtem Körper, eingefallenem Gesicht und beinahe ekstatisch auf das kleine Kruzifix starrend, das den Stab in seinen Händen krönt. Dieses Detail ist sehr ungewöhnlich, da sich das Kreuzsymbol erst lange nach dem Tod Jesu verbreitete. Dem Maler ging es jedoch nicht um historischen Realismus; vielmehr verstärkt er allein durch die Landschaft den zeitlosen Charakter einer fantastischen Vision, die auch aus einem modernen Science-Fiction-Film stammen könnte: Die Sonne ist gerade hinter dem Horizont einer unwirklich anmutenden Landschaft aus merkwürdig geformten und dunstverhangenen Felsen untergegangen. Links erkennt man eine bemerkenswert detailliert ausgeführte Hafenstadt, die Landzunge rechts im Vordergrund scheint einst über die zerstörte Brücke mit ihr verbunden gewesen zu sein. Alles in dieser Szenerie regt zum Nachdenken über zwei untrennbare Aspekte an: das tragische Schicksal Christi und die Vergänglichkeit der irdischen Welt.Trotz ihres zeitlosen Charakters handelt es sich um ein typisches Werk Ercole de’ Robertis, der bei Cosmè Tura in die Lehre gegangen und in Ferrara in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts tätig war. Die expressionistischen Züge von Turas Figuren und deren an Bronzeskulpturen erinnernden Drapierungen sind hier deutlich zu erkennen, während der Maler seine Originalität in der Landschaft bekundet. Bereits in seiner Altartafel für die Basilika S. Maria in Porto in Ravenna (heute in der Pinacoteca di Brera, Mailand) hatte Ercole dem traditionellen Schema der Sacra conversazione mit Maria, Christuskind und Heiligen unter dem Thron der Gottesmutter eine Landschaft hinzugefügt, die sich mit der Landschaft in diesem Gemälde vergleichen lässt.Die Landschaftsdarstellung ist hier als Mittel zu verstehen, die Kontemplation eines Gemäldes zu verstärken und die religiöse Meditation zu fördern – ein Bildverständnis, das sich nördlich der Alpen unter der Bezeichnung »Devotio Moderna« oder »neue Frömmigkeit« entwickelte. Der Venezianer Giovanni Bellini gilt als erster großer Interpret dieses Landschaftstypus in Norditalien. Seine heute in Berlin aufbewahrte Auferstehung Christi ist hier als exemplarisch anzusehen. Ercole übernahm von Bellini auch die Verwendung von Öl als Bindemittel, die damals in Norditalien, und vor allem in Ferrara, noch relativ ungebräuchlich war. Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Werk indes Bellinis Schwager Andrea Mantegna zugeschrieben, dessen enormer Ruf ihn zum Autor sehr unterschiedlicher Werke werden ließ (beispielsweise im Falle der Grabbereitung Christi von Vittore Carpaccio). Neville Rowley | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019__________________________Saint John the Baptist spent his life in the desert announcing the advent of the Messiah: he is here shown as a prophet, his body stunted, his face emaciated and his possessed gaze turned towards the tiny Crucifix crowning the stock that he holds in his hands. Such a detail is most implausible, as the use of the Crucifix only spread long after the death of Jesus Christ, who was John’s contemporary. But the painter did not pay attention to historic realism; rather, the landscape itself reinforces this timeless impression of a fantastic vision, worthy of the best modern science fiction movies: the sun has just set on a phantasmagorical landscape, made of strangely shaped rocks invaded by mist. On the left is a remarkably detailed harbour city, while on the right a promontory seems to have been once connected to the city by a now destroyed bridge. Everything in this landscape encourages us to meditate on two inseparable aspects: the tragic destiny of Christ and the perishable nature of the human world.Even if this painting seems timeless, it is a characteristic work by Ercole de’ Roberti, a Ferrarese painter trained by Cosmè Tura in the second half of the 15th century. The expressionist character of Tura’s figures, and his draperies which look alike bronze sculptures are clearly visible here, even if the painter shows his originality into the landscape. In his altarpiece for the church of Santa Maria in Porto, near Ravenna (today in the Pinacoteca di Brera in Milan), Ercole had already decided to represent, in addition to the Virgin, the Christ Child and the Saints according to the traditional scheme known as the “holy conversation”, a far landscape view under the throne of the Virgin. Such a view is to be strictly compared to the present painting.Landscape is understood here as a way to extend the contemplation of a painting and to deepen religious meditation. This way of appreciating paintings came from the North of the Alps, where it was named devotio moderna or “modern devotion”. The first great interpret of this type of conception of landscape in Northern Italy was the Venetian painter Giovanni Bellini; his Resurrection, today in Berlin, is particularly characteristic in that sense. Ercole took also directly from Bellini the use of oil for binding pigments, which was a relative novelty in Northern Italy at the time, and especially in Ferrara. Until the end of the 19th century, however, the present work was attributed to Bellini’s brother-in-law, Andrea Mantegna, whose enormous fame justified he was considered as the author of many works that had only in common the virtuosity of drawing (this was also the case of the Preparation of Christ’s Tomb by Vittore Carpaccio). Neville Rowley | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Die Ausfahrt des Duc de Choiseul auf dem Petersplatz in Rom

Die Ausfahrt des Duc de Choiseul auf dem Petersplatz in Rom

Von einem leicht erhöhten Betrachterstandpunkt richtet sich der Blick über den Kirchenvorplatz auf die überkuppelte Fassade von St. Peter. Von dort kommend, fährt der aus elf prunkvollen Kutschen bestehende Korso des französischen Botschafters beim Heiligen Stuhl, Etienne-François de Choiseul (1719–1785), über den Platz. Ihn hat Panini in der zweiten Kutsche am offenen Fenster sitzend dargestellt. Choiseul trägt über der Brust das blaue Band des Ordens vom Heiligen Geist (Ordre du Saint-Esprit), den König Ludwig XV. ihm erst im Januar 1756 verliehen hatte. Anlass für die pompöse Ausfahrt war der offizielle Antrittsbesuch des Botschafters bei Papst Benedikt XIV. im Frühjahr 1756. Mit dieser Komposition ließ Choiseul von dem wichtigsten römischen Architektur- und Vedutenmaler seiner Zeit den bis dahin wichtigsten Moment seiner diplomatischen Karriere ins Bild setzen.Lange Zeit hielt man das Berliner Gemälde für die von Choiseul in Auftrag gegebene Version. Diese befindet sich jedoch in Privatbesitz (zuvor als Leihgabe in Edinburgh, National Gallery of Scotland). Bei dem Berliner Bild handelt es sich um eine zweite Version der Komposition aus der Sammlung von Claude François Rogier de Beaufort-Montboissier, abbé de Canilliac (1699–1761). Canilliac war der ranghöchste Gesandte der französischen Kirche in Rom und nach dem Botschafter der zweitwichtigste Vertreter Frankreichs in der Ewigen Stadt. Er gehörte zu jenen kirchlichen Würdenträgern, die Choiseul bei der Papstaudienz begleiteten und mit ihm in der Botschafterkutsche reisten. Während in der von Choiseul beauftragten Version lediglich er selbst als Fahrgast identifizierbar ist, ist auf dem Berliner Gemälde neben ihm auf der Sitzbank ergänzend der abbé de Canilliac dargestellt. Auch er trägt das blaue Band des Ordre du Saint-Esprit, allerdings in der Variante des Klerus nicht diagonal über der Brust sondern um den Nacken gelegt. Ein interessantes Detail des Berliner Gemäldes ist seine gut lesbare Datierung durch den Künstler auf das Jahr 1754 und damit zwei Jahre vor dem dargestellten Ereignis. Canilliac muss also eine bereits 1754 von Panini geschaffene Ansicht des Petersplatzes aus seinem Besitz nachträglich - wohl kurze Zeit nach der Fertigstellung von Choiseuls Gemälde - um die namengebende Figurenstaffage erweitert und um seine Person ergänzt haben lassen. Damit wertete er sein Gemälde nachträglich auf und sicherte sich zugleich symbolisch einen sichtbaren Platz in diesem so wichtigen diplomatischen und kirchenpolitischen Ereignis.Das Berliner Gemälde wurde nach Canilliacs Tod in Rom von Pierre-Jacques-Onésime Bergeret de Grancourt erworben. Wohl aus dieser Zeit stammt sein heutiger Louis XVI-Rahmen mit der unten eingelassenen, ausführlichen Beschreibung der Fassade und des Platzes von St. Peter in französischer Sprache, in dem das dargestellte Ereignis und seine Protagonisten jedoch schon keine Erwähnung mehr finden. | Sarah SalomonSIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. links unten auf einem Stein über dem springenden Hund: I.P. PANINI / 1754