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Fröhliche Gesellschaft

Ident. Nr.: 1983

ObjID: obj:869413

Eigentum des Kaiser Friedrich Museumsvereins

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Willem Pietersz. Buytewech (1591/92 - 1624),
Maler*in
Date(s)
Ausführung: 1622/24
Systematics/Type
Additional titles
Collection title: Fröhliche Gesellschaft
Translation: Cheerful Society
Geographical references
Herstellungsort: Rotterdam,
Stadt
Material / Technique
Leinwand
Dimensions
Bildmaß: 65 x 81,5 cm
Acquisition
1926 Ankauf von der Galerie Dr. Schäffer, Berlin

Object Description

In diese heitere, von sinnlichen Genüssen angeregte Gesellschaft wird der Betrachter durch Bewegungen, durch Blicke und durch den Verzicht auf eine Vordergrunddistanz unmittelbar einbezogen. Ein beleibter Alter mit Violine erzeugt eine fast hörbare Ausgelassenheit. Reste einer Mahlzeit, auf dem Boden verstreute Muschelschalen, Weinkannen an der Wand, besonders aber die überaus geckenhafte Kleidung der jungen Herren und ihre provozierende Haltung weisen auf das in der moralisierenden Literatur der Zeit viel gescholtene Luderleben der holländischen Wohlstandsschicht. Das Thema der »fröhlichen Gesellschaft«, wie es im
frühen 17. Jahrhundert in der holländischen Malerei verbreitet wurde, hatte stets auch eine belehrende Komponente. Die Komposition Buytewechs besticht durch eine geradezu mathematische Symmetrie. Genau in der Mitte der rückwärtigen Zimmerwand ist ein breitformatiges Landschaftsgemälde – ein Bild im Bilde – aufgehängt. Wie darin drei Baumgruppen am Ufer eines Gewässers aufragen, so gruppieren sich davor sechs Personen paarweise um einen wiederum genau in der Mitte stehenden Tisch. Das Paar hinter diesem dekorativen, die Bildachse betonenden Möbel mit oktogonaler Platte, auf der eine feine Glasschale mit Naschwerk steht, ist dem Betrachter frontal zugewandt. Der Mann blickt ihn zudem aus runden Augen direkt und herausfordernd an, während er mit zärtlicher Geste ein kokett lächelndes Mädchen mit Weinglas an sich zieht. Die beiden seitlichen Figurenpaare wenden sich in Körperhaltung und mit Blicken zwar dem Bildzentrum zu, das ausgestreckte Bein des fast in Schräglage auf dem Stuhle lümmelnden Kavaliers rechts markiert mit dem bis an den unteren Bildrand reichenden Schuh jedoch ostentativ nochmals die Bildachse. Zugleich strebt die jeweils äußere Figur – rechts eine junge Magd mit Zinnschüssel, links ein Kavalier mit großem Federhut – aus dem Raume heraus. In der ursprünglichen Fassung hatte die Zinnschüssel der Magd rechts ihr Äquivalent in einem Tongefäß, in das der Mann links urinierte – den Vorgang schirmte er diskret mit der rechten Hand ab.

Einer der Vorbesitzer des Bildes muss dieses Detail als peinlich empfunden haben. Er ließ es so übermalen, dass die gewölbte Hand des Mannes auf einer Stuhllehne ruhte, mit der der unbekannte Restaurator das unziemliche Gefäß einfach übermalt hatte. Eine erhaltene Fotografie des Vorbesitzers gibt den originalen, bei einer späteren Restaurierung wiederhergestellten Zustand wieder. Zugleich zeigt es eine weitere, die Komposition entstellende Übermalung vermutlich des 19. Jahrhunderts. Offenbar erschien dem damaligen Eigentümer das an der Rückwand
des Zimmers hängende Landschaftsbild als zu dominant, so dass er es um das rechte Drittel verkleinern ließ. Auch »bereinigte« er den Dielenboden, indem er die dort verstreuten Austernschalen durch Übermalung unsichtbar machte. Diese Art von restauratorischer Willkür an alten Bildern kam häufiger vor. In diesem Fall
waren die vermeintlichen Korrekturen bereits vor dem Ankauf des Werks durch die Berliner Gemäldegalerie wieder rückgängig gemacht worden.

Noch 1912 konnte Wilhelm von Bode seine intuitive Zuschreibung an Buytewech nicht untermauern, weil Tafelbilder des Malers kaum bekannt waren. Das Berliner Werk aus der Spätzeit wurde daher lange Zeit Dirk Hals zugeschrieben. Buytewech, von Zeitgenossen »de gheestige Willem« genannt, war in der Tat vor allem ein Meister der grafischen Künste. Bis heute sind lediglich acht Gemälde von seiner Hand nachgewiesen. Irene Geismeier | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
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Through movements, looks and the absence of distance in the foreground, the viewer is drawn directly into this merry company, animated by sensual pleasures. A corpulent elderly man with a violin generates an exuberance that is almost audible. The remains of a meal, shells scattered on the floor, wine jugs on the wall and above all the dandyish clothing of the young men and their provocative postures point to the dissipated life of the wealthy class in Holland that was often castigated in the moralising literature of the time. The subject of the “merry company”, as propagated in Dutch painting of the early 17th century, always included an element of moral instruction. Buytewech’s composition is notable for its positively mathematical symmetry. A wide-format landscape painting – a picture in the picture – hangs at the exact centre of the back wall of the room. Corresponding to three groups of trees that rise on the banks of a body of water, six persons are grouped in pairs in front of the painting around a table, which in turn stands precisely in the middle. The couple behind this decorative, octagonal-topped piece of furniture, which emphasises the axis of the scene and on which stands a fine glass bowl with snacks, frontally faces the viewer. Moreover, the man directs a challenging gaze through round eyes straight at the beholder, while drawing towards him with a tender gesture a coquettishly smiling girl who holds a wine glass. Through their posture and looks, the two pairs of figures at the side turn to the centre of the picture, but the outstretched leg of the cavalier on the right, who is lolling almost diagonally on the chair, ostentatiously re-emphasises the axis of the painting with a shoe that reaches to the lower edge of the scene. At the same time, the persons on the outside – a young maid with a pewter bowl on the right, a cavalier with a large feathered hat on the left – are making to leave the room. In the original version, the maid’s pewter bowl on the right had a counterpart, an earthenware vessel into which the man on the left was urinating, while discreetly shielding this action with his right hand.

A previous owner of the painting must have found this detail embarrassing and had it painted over so that the curved hand of the man rested on the back of a chair, with which the unknown restorer simply overpainted the offending vessel. A surviving photograph belonging to the previous owner shows the original version, which was re-instituted in a later restoration. It also shows a further over-painting, probably dating from the 19th century that disfigured the composition. The landscape painting hanging on the back wall of the room clearly seemed too dominant to the owner at that time, who had it reduced in size by one third on the right. This owner also “cleaned up” the wooden floor, making the oyster shells scattered across the boards invisible through overpainting. This arbitrary way of restoring old paintings was a common occurrence. In this case, the supposed corrections had already been reversed when the work was purchased by the Berlin Gemäldegalerie.

In 1912, Wilhelm von Bode was not yet able to provide evidence for his intuitive attribution to Buytewech, as panel paintings by this artist were almost unknown. This late work in Berlin was therefore long attributed to Dirk Hals. Buytewech, called “de gheestige Willem” (witty Willem) by contemporaries, was indeed primarily a master of graphic arts. To this day no more than eight paintings by his hand have been identified. Although Buytewech lived in Haarlem only from 1612 to 1617, the manifold artistic impulses of this city, which was provincial in comparison to Amsterdam, had a lasting influence on him. This work was not painted until later, after the artist returned to his home town of Rotterdam. Irene Geismeier | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Last updated: 30.03.2026

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Institution:

Gemäldegalerie

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Christus als Schmerzensmann mit Maria und Johannes

Christus als Schmerzensmann mit Maria und Johannes

Christus sitzt niedergesunken vor dem Kreuz am Boden, während es auf Golgatha Abend wird. Seine Glieder wirken kraftlos; Wundmale an Händen und Füßen sowie die Dornenkrone zeichnen den Gemarterten. Als weitere Arma Christi lehnen der Ysop-Stab mit Essigschwamm, die Lanze und eine Leiter gegen das Kreuz; die drei Nägel liegen weiter hinten links im Halbdunkel. Ein Stück entfernt von Christus sitzt Maria, ganz in Dunkelblau. Sie ringt die Hände im Schmerz und blickt traurig zu ihrem Sohn hinüber. Neben ihr hockt Johannes, der sich eng in seinen roten Mantel gehüllt hat und das kummervolle Gesicht in der bekannten Melancholie-Geste in die linke Hand stützt. Von der grünen Wiese um die Protagonisten herum setzt sich die felsige Hintergrundlandschaft ab. Unter einem baumbestandenen Hügel ganz links öffnet sich die für Christus bestimmte Grabeshöhle mit einem rötlichen Steinsarkophag darin, während sich rechts die ummauerte, von einem Graben geschützte Stadt Jerusalem mit zahlreichen Türmen und dem runden Salomonischen Tempel in ihrer Mitte erhebt. Durch das Stadttor kehrt soeben der letzte der an der Kreuzigung Beteiligten zurück. Er hat ein bläuliches Tuch über die Schulter geworfen, bei dem es sich um den unteilbaren Rock Christi handeln dürfte.Künstlerisch höchst subtil und poetisch ist die kleine Tafel auch ikonografisch ungewöhnlich, vielleicht sogar einzigartig unter den Gemälden der Zeit um 1400. Auf eigenwillige Art wird nämlich in dem Bild eine Szene, die einen bestimmten Moment der Passionsgeschichte aufgreifen könnte, mit der dem Handlungsablauf völlig enthobenen Gestalt Christi kombiniert. Dieser erscheint als Schmerzensmann, der gestorben und doch lebendig, Mensch und Gott zugleich ist. Die Erlösungstat ist »vollbracht« (Johannes 19,30), doch statt des Todes hat den Erlöser hier Erschöpfung ergriffen. Wahrscheinlich haben wir es bei dem Berliner Bild mit einer ikonografischen Neuerfindung zu tun, die den spezifischen Wünschen des Auftraggebers entsprang. Hier soll nicht zeichenhaft oder repräsentativ vorgeführt, sondern über den emotionalen Gehalt eines üblichen Schmerzensmannes hinaus das Miterleben und Mitfühlen angespornt werden: Johannes scheint die traurig-meditative Haltung vorzugeben, mit der das Bild vom Gläubigen betrachtet sein will. Maria aber fungiertals primäre Vermittlerin, sie nimmt die Mitte des Bildes ein, ist uns zugewandt und zugleich auf Christus ausgerichtet.Künstlerisch lässt sich das Täfelchen der großen Gruppe österreichischer Tafelmalereien aus dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts zuordnen. Obgleich sich verschiedene Notnamen etabliert haben, ist eine genauere Zuordnung der einzelnen Werke problematisch. Das Berliner Täfelchen steht sowohl den Tafeln eines Marienlebens in Klosterneuburg, die unter der Bezeichnung »Meister der Darbringungen « geführt werden, als auch der großen, in London befindlichen Tafel eines Gnadenstuhls nahe; ob es aber von einem der jeweils verantwortlichen Maler selbst stammt, muss offen bleiben. Stephan Kemperdick | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________Christ is slumped on the ground below the cross as evening falls on Golgotha. His limbs are limp, drained of strength; the stigmata on his hands and feet and the crown of thorns signify his martyrdom. Other arma christi or instruments of the Passion – the hyssop reed with, the sponge of vinegar, the lance and the ladder – are leaning against the cross; further behind on the left in the semi-darkness lie the three nails. The Virgin Mary, clad entirely in dark blue, sits a short distance away from Christ. She is wringing her hands in sorrow as she looks sadly across to her son. John, who has wrapped himself tightly in his red cloak, is squatting beside herleaning his sad face on his left hand in the well-known gesture of melancholy. The rocky landscape in the background contrasts with the grassy meadow surrounding the protagonists. Below a tree-lined hill on the far left, the cave sepulchre intended for Christ containing a reddish stone sarcophagus opens up, while on the right the many towers of the walled and moated city of Jerusalem point skywards. The round Temple of Solomon can be seen in the middle. The last of those who attended the crucifixion is returning through the city gate. He has thrown a bluish cloth over his shoulder, probably the Seamless Robe of Christ. In artistic terms, the small panel is extremely subtle and poetic. Its iconography is unusual, if not indeed unique among the paintings of the period around 1400, for it combines a scene apparently portraying a moment in the Passion story with a Christ figure completely disassociated from the course of events. Here Christ is depicted as the Man of Sorrows, who has died and yet lives on simultaneously as man and God. The act of redemption has been “fulfilled” (John 19:30), but here the saviour is shown not as dead but as overcome with exhaustion. Probably the Berlin painting was an iconographic novelty painted to fulfil the specific wishes of the person who commissioned it. The work is not intended as an emblematic or showcase piece but instead seeks to go beyond the emotional substance usually associated with a Man of Sorrows to encourage the viewer to witness and empathise with what he or she sees: Saint John appears to be demonstrating the melancholy, meditative pose with which the faithful are supposed to view the painting. However, the chief intermediary is Mary. She occupies the centre of the picture, her gaze directed bothtowards the viewer and towards Christ. In art historical terms, the small panel can be placed among the large group of Austrian panel paintings from the first third of the 15th century. Although various provisional names for the artist have become established, a more precise attribution of the individual works is difficult. The little Berlin panel bears a close resemblance both to the panels depicting the Life of the Virgin Mary in Klosterneuburg, whose author is known as Master of the Presentations, and to the large panel of the Throne of Mercy in London. Whether either of the painters responsible for these works painted the Berlin panel must remain open, however. Stephan Kemperdick | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Wladislaw IV. (1595-1648) von Polen / Allegorische Darstellung der Tugend

Wladislaw IV. (1595-1648) von Polen / Allegorische Darstellung der Tugend

Der dargestellte Wladislaw IV. (1595 – 1648) war seit 1632 König von Polen. Auf seinem reich dekorierten Wams ist eine Kette erkennbar, die ihn als Ritter des Ordens vom Goldenen Vließ kennzeichnet, dem er seit 1615 angehörte. Er trägt ein violettes Käppchen. Auffällig an der Frisur Wladislaws IV. ist ein dünner Zopf, der auf die linke Schulter fällt und dessen Ende von einer breiten Schleife zusammengehalten wird. Er war in zweiter Ehe mit Louise – Marie, Prinzessin von Gonzaga, Mantua, Montferrat und Nevers („Fille de France“, d.h. Prinzessin von Geblüht) vermählt. Die Trauung fand in Abwesenheit des Bräutigams im Jahre 1645 in der Kathedrale St. Denis statt. Dabei wurde der polnische König durch den Woiwoden von Posen, Christoph Graf Bnin Opalinski vertreten. Mehrmonatige Feierlichkeiten zogen Viele nach Paris, so auch den gefragten Genfer Miniaturmaler Paul Prieur (Um 1620 - 1682/83). Der umtriebige Hugenotte schuf dort zu dieser Zeit auch die Berliner Miniatur. Es wird sich dabei um ein diplomatisches Geschenk des polnischen Königs an den Großen Kurfürsten (Friedrich Wilhelm von Brandenburg) gehandelt haben, der im Jahre 1640 Wladislaw IV. den Lehnseid als Herzog von Preußen leistete und 1646 aus Anlass des Einzugs der aus Paris kommenden polnischen Königin Louise-Marie in Danzig anwesend war. Auf dem Contreémail der Miniatur ist in der Mitte ein von der Sonne gekrönter Obelisk auf vier Kugeln auf einem Postament geschildert. Traditionell als „Gloria dei principe“ (Ruhm des Prinzen) lesbar. Dem gesellt sich die Umschrift HONOR VIRTVTIS PRAEMIVM (Ehre ist der Lohn der Tugend). Die vorzügliche, auf einem Bildträger aus Gold gearbeitet, Berliner Emailminiatur eröffnet die Reihe von Paul Prieurs datierten Arbeiten. SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf der Rückseite: HONOR VIRTVTIS PRAEMIVM (umlaufend); unten: prieur Fecit / 1645

Zwei Marktfrauen und ein Junge mit Geflügel und Gemüse

Zwei Marktfrauen und ein Junge mit Geflügel und Gemüse

Von den bedeutenderen Meistern des Bologneser Spätmanierismus (O. Samacchini, L. Sabatini, P. Fontana) war Bartolomeo Passarotti zweifellos der fortschrittlichste, derjenige, der am deutlichsten Stilelemente der Carracci vorwegnahm. Agostino Carracci war zeitweilig sein Schüler, Annibale Carracci wurde in seiner Frühzeit stark von ihm beeinflusst. Passarotti hat in Rom bei Taddeo Zuccari gearbeitet (1551), stand aber andererseits in der Tradition des Bologneser Manierismus (Pellegrino Tibaldi) und wurde auch von Parmigianino und Niccolò dell`Abate beeinflusst. Sein Oeuvre besteht aus drei Komplexen: Altarbilder, Porträts und Genrebilder. Die Altarbilder befinden sich ausnahmslos noch am Ort, in Kirchen Bolognas und der Emilia sowie im Museum von Bologna. Besonders berühmt war Passarotti als Porträtmaler. Seine weit verbreiteten und gelegentlich auf dem Markt vorkommenden Porträts bildeten die unmittelbare Vorstufe für die Porträtkunst der Carracci.Auch die kleinste Werkgruppe, die der Genrebilder, wurde für die Carracci vorbildlich. So galt das Berliner Bild der "Schachspieler", das 1971 dem Ludovico Carracci zuerkannt wurde, lange als Werk Passarottis (A. Venturi, 1933). Zu der kleinen Gruppe der Genrebilder Passarottis gehört das vorliegende, aus dem Londoner Kunsthandel angebotene Bild einer halb stilllebenhaft, halb porträthaft (in Dreiviertelfiguren) gefassten Marktszene: eine alte Marktfrau, die mit Geflügel und Gemüse handelt, preist ihre Hühner an. Mit beiden Armen hat sie eine Henne und einen Hahn gepackt und hält sie dem Betrachter als ideellem Käufer entgegen, ihn anblickend, den sprechend geöffneten Mund zu einem leichten Lächeln verzogen. Sie lehnt mit dem rechten Arm auf den hölzernen Hühnerkäfig, auf dem links hinten ein Hahn thront. Im Hintergrund ferner eine Stange, an der, mit einem Band befestigt, ein Schild hängt, auf dem der Buchstabe P (= Pollaiolo [Geflügel-Verkäufer], aber wohl auch das Monogramm des Künstlers) steht. In der rechten Bildhälfte sieht man eine bildeinwärts gerichtete junge Frau mit ihrem Jungen. Es bleibt unklar, ob sie eine Kundin oder eine zweite Verkäuferin ist. Das Halsband aus roten Steinen und der relativ aufwendige, schleierartige Überhang deuten wohl eher auf eine Kundin hin. Ihr verlorener Blick aus den Augenwinkeln geht am Betrachter vorbei. Sie schmiegt ihr Kind mit dem linken Arm an sich (sie greift in sein Haar), vielleicht will sie den Jungen, der gerade mit der Hand nach einem Kürbis greift, zurückhalten. Im Vordergrund unten ein Korb (oder eine Karre) prallgefüllt mit Zwiebeln und Kürbissen.Die Figuren und der stilllebenhaft arrangierte Kürbishaufen sind eng ins Bildfeld eingepasst. Figuren und Formen, ganz in der vordersten Bildebene platziert, vermitteln den Eindruck bedrängender Nähe und handgreiflicher Wirklichkeit. Dieser Eindruck wird unterstrichen durch die pastose Malweise, die freie, lockere Pinselschrift, eine Faktur, die, zusammen mit der Art der Gewandbehandlung und der Modellierung, vor allem aber der Farbigkeit, ganz unmittelbar auf die wenige Jahre später entstandenen Genrebilder Annibale Carraccis (Schlachterladen in Oxford, Bohnenesser in Rom, Gal. Colonna) vorausweist. Annibale Carracci hat in seinen Genrebildern, die alle in die Frühzeit fallen, mit dem gleichen Realismus, der gleichen Naturbeobachtung gearbeitet. Gleichwohl würde man die Bilder als lediglich realistische Markstücke im Sinne des 19. Jahrhunderts missverstehen. Im vorliegenden Bild ist offenbar eine Anspielung auf die drei Lebensalter mit gemeint, außerdem hat die neuere Forschung in den Genrestücken Passarottis und Carraccis Bezüge zur Commedia dell`arte gesehen (letztlich auf Aristoteles' Poetik fußend; vgl. B. Wind, Pitture ridicole: Some Late Cinquecento Comic Genre Paintings, in: "Storia dell'Arte", 20, 1974; ders., Annibale Carracci's "Scherzo": The Christ Church Butcher Shop, in: "The Art Bulletin" 1976). So wie Passarottis Genrebilder einerseits auf die Carracci vorausweisen, fußen sie andererseits auf niederländischen Vorbildern, vor allem von Aertsen und Beuckelaer (vgl. H. Bodmer, Die Kunst des Bartolomeo Passerotti, in: "Belvedere" 1938).Das vorliegende Werk war bis zur Erwerbung unpubliziert. Seine Komposition war jedoch aus einer qualitativ unterlegenen Werkstattreplik bekannt, die Daniele Benati (Una 'Lucrezia' e altre proposte per Bartolomeo Passerotti, in: "Paragone" 379, 1981) publiziert hat. Benati datiert das vorliegende Original in die späten siebziger bzw. frühen achtziger Jahre. Es gibt außer diesem Bild nur noch fünf vollwertige Genrebilder Passarottis, von denen drei Bilder (alle querformatig) dem vorliegenden stilistisch und ikonographisch engstens verwandt sind: "Zwei Fischverkäufer" und "Zwei Schlachter" in Rom, Galleria Nazionale d'Arte Antica (ehemals Slg. Messinger, München) und "Zwei Geflügelverkäuferinnen" (Florenz, Stiftung Longhi, ehemals Berlin, C. Benedict). Diese drei Bilder sind in einem Inventar der Slg. der Marchesi Mattei (Rom) von 1614 zusammen mit einem vierten aufgeführt, das zwei Geflügelverkäuferinnen mit einem Kind darstellt. Es läge nahe, das vorliegende Bild mit dem vierten Bild zu identifizieren, wenn nicht das andersartige Hochformat dagegen spräche. Die Verbindung von derber Drastik des Motivs, von zupackendem Realismus mit malerischer Kultur der Ausführung ist das Charakteristische dieses und der anderen Genrebilder Passarottis. Zugleich ist das Bild ein frühes und bedeutendes Beispiel der für Italien auch im frühen 17. Jahrhundert wichtigen Bildform eines vegetabilen Stilllebens (Gemüse, Früchte, Blumen) mit begleitenden Figuren. SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf dem Ladenschild oben: P