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Die Utrechter Domherren Cornelius van Horn und Anthonis Taets van Ameronghen

Ident. Nr.: 585A

ObjID: obj:869591

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Anthonis Mor (um 1520 - um 1576),
Maler*in
Date(s)
Ausführung: 1544
Additional titles
Collection title: Die Utrechter Domherren Cornelius van Horn und Anthonis Taets van Ameronghen
Translation: The Utrecht canons Cornelius van Horn and Anthonis Taets van Ameronghen
Geographical references
Material / Technique
Eichenholz
Dimensions
Bildmaß: 74 x 96 cm
Acquisition
1859 Ankauf aus der Sammlung Andreas von Stolberg zu Söder

Object Description

Anthonis Mor, der nur wenige religiöse Darstellungen geschaffen hat, war so gut wie ausschließlich als Porträtmaler tätig. Die Mächtigen seiner Zeit haben ihn umworben und sich von ihm malen lassen, so unter anderen Philipp II. von Spanien, Kardinal Granvella, Margarete von Parma, der Herzog von Alba, Willem von Oranien und Maria Tudor. Anthonis Mor stammte aus Utrecht, wo er als Schüler Jan van Scorels (1495-1562) seine künstlerische Karriere begründete. 1547 ließ er sich in Antwerpen als freier Meister nieder. Wenig später trat er in Brüssel in den Dienst von Antoine Perrenot de Granvella (1517-1586), dem Bischof von Arras, späteren Kardinal und Minister unter Karl V., Philipp II. und Margarete von Parma. Seiner Protektion verdankte Anthonis Mor zahlreiche Aufträge bedeutender Persönlichkeiten aus den höchsten Kreisen des Adels. 1548 ist er im Gefolge Granvellas nach Augsburg gereist, wo er Tizian begegnet sein dürfte. Die Bildniskunst Tizians hat seine eigene Porträtauffassung jedenfalls entscheidend beeinflußt, wie das um 1562 geschaffende Bildnis der Herzogin Margarete von Parma unterstreicht. 1550 unternahm Anthonis Mor eine Reise nach Spanien und Portugal, die ihn nacheinander an die Höfe in Valladolid, Lissabon und Madrid führte. 1553 kehrte er in die Niederlande zurück. Im darauffolgenden Jahr reiste er als Hofmaler Philipps II. von Spanien nach London, anläßlich dessen Vermählung mit Maria Tudor, der Königin von England. Nach einer erneuten Reise nach Spanien lebte und arbeitete er in Utrecht und Antwerpen. Die dort tätigen Künstler Frans Pourbus (um 1540-1581) und Adriaen Thomasz. Key (um 1544-1584) wurden durch ihn ebenso beeinflußt wie die spanischen Hofmaler Alonso Sánchez Coëllo (1531/32-1588) und Juan Pantoja de la Cruz (1553-1608). Das Doppelporträt der Utrechter Domherren aus dem Jahre 1544 ist das früheste datierte Werk, das wir von Anthonis Mor kennen. Es steht noch ganz unter dem Eindruck der Kunst seines Lehrers Jan van Scorel und erinnert an dessen Reihen der Jerusalemfahrer in Utrecht und Haarlem. Bemerkenswert ist die plastische Erscheinung der beiden Männer, die sich prägnant vom dunkelgrauen Hintergrund abheben. Hell leuchten ihre weißen Chorhemden, deren Faltenwurf und sorgsam abgestufte Modellierung viel von der Sensibilität des Künstlers verraten. Das größte Gewicht ist jedoch auf die Gesichter der Dargestellten gelegt, die zugleich auch einen farblichen Akzent innerhalb der ansonsten sehr zurückhaltenden, beinahe monochrom anmutenden Tonskala des Bildes darstellen. Auf höchst ungewöhnliche Weise sind die Einzelformen der Ge sichter, die vom Licht getroffenen und im Schatten liegenden Partien, mit kurzen, feinen Pinselstrichen herausgearbeitet. Dem lebendigen Spiel von Licht und Schatten verdanken die Gesichter ihre Unmittelbarkeit, die selbst durch die strenge Wendung ins reine Profil nicht ganz verlorengeht. In dieser Hinsicht greift Anthonis Mor bereits deutlich über Jan van Scorel hinaus. Die auffallende Distanz zu den späteren Porträts Anthonis Mors war zweifellos auch durch die Forderungen der Auftraggeber bedingt, die dem Künstler nicht allzuviel Spielraum ließen. Die Form des Halbfigurenbildes, die prozessionsartige Reihung der Dargestellten sowie die genauen Angaben zu deren Person, die im Bild mit untergebracht werden mußten, waren durch den Auftrag vorgegeben. So findet sich unterhalb der beiden Männer eine gemalte Inschrifttafel, die deren Familienwappen trägt und zwei vierzeilige Gedichte, die der Nachwelt ihre Namen, ihren Stand und das Datum ihrer Reise nach Jerusalem überliefern. In der Mitte des weißen Feldes ist das rote Jerusalem-Kreuz wiedergegeben. Bei den Dargestellten handelt es sich um die Utrechter Domherren Cornelis van Horn und Anthonis Taets van Ameronghen, die beide als Mitglieder der Utrechter Jerusalem-Bruderschaft Pilgerreisen ins Heilige Land und nach Jerusalem unternommen hatten. Anthonis Taets ist darüber hinaus noch in Rom, in Santiago de Compostela und an verschiedenen anderen Orten gewesen, die freilich nicht einzeln genannt werden. Das Datum der Reise van Horns ist mit 1520 angegeben, lag also zum Zeitpunkt der Entstehung des Porträts, das die Erinnerung daran wachhalten sollte, schon lange zurück. Die andächtig zum Gebet gefalteten Hände, die geschulterten Palmwedel sowie die Inschrift künden von der frommen Hoffnung, sich durch die Pilgerreise das Seelenheil und den ewigen Frieden erwirkt zu haben. Das Doppelporträt Anthonis Mors bezeichnet ebenso wie die von Jan van Scorel geschaffenen Reihenporträts eine wichtige Etappe innerhalb der Entwicklung des holländischen Gruppenporträts, das im 17. Jahrhundert in den Regenten- und Schützenstücken von Frans Hals und Rembrandt seinen Höhepunkt erleben sollte. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019

SIGNATUR / INSCHRIFT: Am oberen Rand der Inschrifttafel unter den Dargestellten, auf dem auch die Wappen angebracht sind: Anthonis mor fecit 1544
Auf der Inschrifttafel: Meister cornelis van horn Doctor wt weest vrieslant gheboren/Canonick in den dom thutrecht was the iherusalem in de heilichge stee./ Domen screef dusent vyfhondert en tuyntich so ghi mocht horen/ hy hebbe daervoor hier naemals den euichghe vree/ heer Anthonis taets van Ameronghen wel becant/ gheboren van vtrecht canonick in den Dom/ is gheweest the iherusalem in dat heylich lant/ the romen sant iacops ende al om end om.
_________________________________________________

Anthonis Mor, who produced only a small number of religious pictures, was a portrait painter almost exclusively. The most powerful personalities of his time sought to commission portraits from him, among them Philip II of Spain, Cardinal Granvella, Margaret of Parma, the Duke of Alba, William of Orange, and Mary Tudor. Anthonis Mor came from Utrecht, where he launched his career as an artist as a student of Jan van Scorel (1495–1562). In 1547, he settled in Antwerp as an independent
master. Slightly later, he appeared in Brussels in the service of Antoine Perrenot de Granvella (1517–86), Bishop of Arras, and later a Cardinal and Minister under Charles V, Philip II, and Margaret of Parma. Anthonis Mor owed his patronage to numerous commissions from leading personalities who occupied the highest circles of the nobility. In 1548, he travelled with Granvella’s entourage to Augsburg, where he may have met Titian. In any event, Titian’s portraiture influenced his own conception of portrait painting in decisive ways, as underscored by his likeness of the Duchess Margaret of Parma, which dates from 1562. In 1550, Anthonis Mor travelled to Spain and Portugal, stopping at the courts in Valladolid, Lisbon, and Madrid. He returned to the Netherlands in 1553. The following year, he journeyed from Spain to London as the court painter of Philip II of Spain on the occasion of Philip’s marriage to Mary Tudor, Queen of England. Following another trip to Spain,
he lived and worked in Utrecht and Antwerp. Frans Pourbus (circa 1540–81) and Adriaen Thomasz Key (circa 1544–84), both active in Antwerp, were influenced by Mor, as were the Spanish court painter Alonso Sánchez Coëllo (1531/32–88) and Juan Pantoja de la Cruz (1553–1608).

The double portrait of the Utrecht canons, which dates from 1544, is the earliest dated work by Anthonis Mor to have survived. In this painting, he remains under the influence of the art of his teacher Jan van Scorel, whose series of Jerusalem pilgrims in Utrecht and Haarlem it recalls. Remarkable here is the sculptural appearance of the two men, who are set off strikingly against the dark grey background. The bright, white surplices worn by the two sitters, their drapery folds and painstakingly graduated modelling, reveal much about this artist’s sensibility. The emphasis, however,
is on the faces of the two men, which also serve as colouristic accents within the otherwise extremely restrained, almost monochromatic tonal scale of this image. The individual elements of the faces – whether exposed to strong illumination or submerged in shadow – are elaborated in an extremely unusual manner by means of short, fine brushstrokes. This lively play of light and shadow accounts for a sense of immediacy that remains effective even with the face that is turned into pure profile.

In this respect, Anthonis Mor goes far beyond Jan van Scorel. This picture’s striking distance from the later portraits of Anthonis Mor was doubtless also a function of the demands of clients, which did not allow the artist a great deal of latitude. The form of the half-figure image, the procession-style sequencing of the sitters, as well as the precise information about the sitters as individuals which had to be accommodated in the picture: all were stipulated by the commission. Situated below the two men for this reason is a painted panel with inscriptions, which bears the family crests of the men along with two four-line poems, which transmit to posterity their names, social ranks, and the dates of their journeys to Jerusalem. Set at the middle of the white field is the red Jerusalem Cross. The depicted individuals are the Utrecht canons Cornelis van Horn and Anthonis Taets van Ameronghen, both
of whom undertook pilgrimages to the Holy Land and to Jerusalem as members of the Utrecht Brotherhood of Jerusalem. Beyond this, Anthonis Taets also visited Rome, Santiago de Compostela, and other places, which could of course not be named individually. The date of van Horn’s journey is given as 1520, which is to say, far earlier than the date of this portrait, which was intended to keep memories of the pilgrimage alive. The hands, folded devoutly in prayer, the palm fronds carried on the shoulders, as well as inscription testify to the pious hopes for salvation and everlasting peace that would be effected, it was hoped, by the pilgrimage.

Like the group portraits of Jan van Scorel, this double portrait by Anthonis Mors represents an important step in the development of the Dutch portrait, which would experience its highpoint during the 17th century with the group portraits of regents and militia members by Frans Hals and Rembrandt. Rainald Grosshans | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Last updated: 03.08.2026

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Institution:

Gemäldegalerie

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Die Madonna mit dem Zeisig

Die Madonna mit dem Zeisig

Maria, gekleidet in ein blaues Gewand, thront mit dem Kind, das auf einem roten Kissen in ihrem Schoß sitzt, inmitten einer weiten Landschaft. Ihr zu Füßen steht, rechts im Bild, Johannes der Täufer als Knabe, erkennbar an seinem »härenen Gewand«. Ein Engel, der das Stabkreuz des Täufers trägt, begleitet ihn. Johannes reicht der Gottesmutter einen Strauß Maiglöckchen. Die Rechte Marias stützt sich auf ein Buch. Das Christuskind, von dem offenen Hemdchen kaum bedeckt, hält in seiner rechten Hand einen Sauglutscher, wie man ihn in früheren Zeiten Kindern zur Beruhigung gab. Auf seinem linken, erhobenen Arm hat sich ein Zeisig niedergelassen. Christus neigt den Kopf, wie um dem Vogel zuzuhören. Die Gestalt der Muttergottes ist hinterfangen von dem leuchtendroten Baldachin des sonst unsichtbaren Throns, zu dessen beiden Seiten der Blick in eine weite Tallandschaft mit Ruinen und Gehöften zwischen Bäumen fällt. Um das Haupt Mariens schweben zwei Cherubim und krönen sie mit einem Kranz aus roten und weißen Rosen. Links vorn auf einem Tischchen liegt ein Zettel mit Dürers Inschrift: »albert(us) durer german(us) / faciebat post virginis / partum 1506 AD«. Demnach hat Dürer das Bild 1506 in Venedig gemalt – wie wir aus anderen Quellen erschließen können, in zeitlicher Nähe zu der großen Tafel mit dem Rosenkranzfest (Prag, Národní Galerie), die Dürer für die deutschen Kaufleute in Venedig gemalt hat. Auch die »Zeisigmadonna« ist eigentlich eine Muttergottes mit dem Rosenkranz. Engelkrönen sie damit; er ist ein Sinnbild der himmlischen Freuden, die Maria in der Seligkeit widerfahren. Die roten und weißen Blüten deuten die Geheimnisse des Rosenkranzes an, die Leiden und Freuden im Leben Marias. Die Darstellung enthält weitere sinnbildliche Anspielungen. Die Maiglöckchen sind unter den ersten Blüten im Jahreslauf und verkünden den Frühling und neues Leben. Sie sind daher zu einem Symbol für die Ankunft Christi geworden. Ihr süßer Duft und das unschuldige Weiß ihrer Blüten machen sie zum Sinnbild der Gottesmutter und ihrer Unbefleckten Empfängnis. Der Name der Blüten – convallaria – erinnert auch an eine Metapher im Hohelied Salomonis, die man auf Maria bezieht: »Ich bin eine Rose von Sharon und eine Lilie im Tal«. Vom Zeisig sagt man, dass er Disteln und Dorniges fräße. Dies deutet hin auf die Dornenkrone Christi und seine Passion. Das Wispern des Vogels in das Ohr des Knaben hat man also so zu verstehen, dass dem Kind seine Bestimmung und sein späteres Leiden angekündigt werden. Der Vogel ist mithin Symbol für die Bedingtheit zwischen Menschwerdung Christi und Passion. Das Buch, das so deutlich gezeigt wird, meint die Heilige Schrift, in der die Geburt des neuen Königs vorausgesagt wird. Sie ist nunmehr erfüllt. Auch die Ruinen in der Landschaft sind nicht nur malerisch. Nach dem Verständnis der Zeit sind es die des Palastes König Davids, in denen der Legende zufolge die Geburtshütte stand. Der Palast Davids weist einerseits auf die königliche Herkunft Christi, der aus Davids Stamm kam, andererseits zeigt er in seinem Zerfall an, dass der Alte Bund zugrunde gegangen ist. Durch Christus hat Gott einen Neuen Bund mit den Menschen geschlossen. Das Motiv des Christuskindes mit dem Zeisig hat offenbar eine lange Tradition. Ein böhmisches Marienbild aus Most aus der Zeit von vor 1350 belegt dies. Die Einbeziehung des Johannesknaben in das Muttergottesbild weist auf italienische Quellen hin. Wahrscheinlich hat Dürer diese in Venedig kennengelernt. Vermutlich hat er das Gemälde mit zurück nach Nürnberg gebracht. Wilhelm H.Köhler | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf der Holzbank links vorn auf einem Zettel: Alber[tu]s durer german(us) / faciebat post virginis / partum 1506. Daneben das Monogramm: AD____________________________________________________________________________The Virgin Mary dressed in a blue robe is enthroned with the child who is sitting on a red cushion on her lap amidst a broad landscape. At her feet in the right of the picture is John the Baptist as a boy, identifiable by his “hair shirt”. An angel accompanies John the Baptist, carrying his cross staff. John is handing the Mother of God a bunch of lilies of the valley. Mary’s right hand is resting on a book. The Christ child, hardly covered by his open little shirt, is holding a pacifier in his right hand, of the kind that used to be given to children to comfort them. A siskin has alighted on his left, raised arm. Christ is inclining his head as if listening to the bird. The figure of the Mother of God is framed by the bright red baldachin of the otherwise invisible throne, on either side of which there is a view into a broad landscape with ruins and farmsteads between trees. Two cherubs are hovering above of Mary’s head, crowning her with a wreath of red and white roses. At the front left on a little table lies a note with Dürer’s inscription: “albert(us) durer german(us) / faciebat post virginis / partum 1506 AD”.According to this, Dürer painted the picture in Venice in 1506 – as other sources also lead us to conclude – at around the same time as the large panel depicting the Feast of the Rosary (Prague, Národní Galerie, fig. left), which Dürer painted for the German merchants in Venice. The Madonny of the Siskin is actually a portrayal of the Mother of God with a rosary, for the angels are crowning her with one as a symbol of the heavenly joys that Mary will experience in her beatitude. The red andwhite blossoms allude to the mysteries of the rosary, the suffering and joy in the life of Mary. The depiction also contains other symbolic allusions. The lilies of the valley are among the earliest flowers to blossom in the year and hence herald spring and new life. They have thus become a symbol for the advent of Christ. With their sweet smell and white colour of innocence, the blossoms are a symbol for the Mother of God and her Immaculate Conception. The name of the flowers – convallaria – alsorecalls a metaphor in the Song of Songs, referring to Mary: “I am a rose of Sharon and a lily in the valley”.The siskin is reputed to eat thistles and other prickly plants. This, in turn, is an allusion to Christ’s crown of thorns and his Passion. The bird whispering in the ear of the child can thus be interpreted as the child being told of his mission and his suffering to come. The bird is also a symbol for the contingency of Christ becoming man and for the Passion. The prominent position accorded to the book is clearly a reference to the Holy Scriptures in which the birth of the new king is prophesied.Now it has been fulfilled. The ruins in the landscape are no mere artistic detail, either. At the time, they were generally known to stand for the palace of King David, where, according to legend, the hut where Christ was born stood. David’s palace alludes on the one hand to the royal origin of Christ from the lineage of David; on the other hand, its ruinous state stands for the decline of the Old Covenant, for through Christ God has concluded a New Covenant with mankind.The motif of the Christ child with a siskin evidently has a long tradition. A Bohemian picture of the Virgin Mary from Most dating from before 1350 testifies to this. The inclusion of John the Baptist as a boy in the depiction of the Mother of God indicates Italian models, which Dürer may have encountered in Venice. He probably brought the painting back with him to Nuremberg. Wilhelm H.Köhler | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Die Taufe Christi

Die Taufe Christi

Entweder von den Augustiner-Nonnen selbst oder von einem ihrer Schutzherren muss Bartolomé Esteban Murillo um 1655 den Auftrag zu einer Serie von vier Gemälden über das Leben Johannes’ des Täufers erhalten haben. Möglicherweise gehörten diese Werke ursprünglich zu einem Altaraufsatz in der Klosterkirche und wurden nach dessen Abbau zur Ausschmückung des Refektoriums verwendet. Der erste Hinweis auf diese Gemälde findet sich in historischen Quellen von 1781, in denen es heißt, dass sich im Refektorium von San Leandro »vier große Gemälde zum Leben des Täufers« befänden. Als die Nonnen die Gemälde Mitte des 19. Jahrhunderts zum Kauf anboten, gerieten sie in verschiedene Sammlungen und sind auch heute noch an unterschiedlichen Orten zu finden. Die erste Szene dieser Serie, „Johannes der Täufer deutet auf Christus", ist im Besitz des Art Institute of Chicago, die zweite ist die hier besprochene „Taufe Christi" und die dritte, „Johannes der Täufer und die Pharisäer", befindet sich im Fitzwilliam Museum in Cambridge. Das vierte Gemälde ist verschollen und sein Motiv nicht bekannt; vermutlich handelte es sich jedoch um eine Darstellung des Martyriums des Täufers.Die hier zu sehende Szene „Taufe Christi" ist in der traditionellen Machart der europäischen Barockmalerei wiedergegeben. Christus kniet am Flussufer und Johannes benetzt ihn mit Wasser. Ihre in diagonaler Linie angeordneten Gesichter tragen einen Ausdruck von moralischer Energie, die bei Johannes von Gefühlen und bei Christus von demütiger Gedankenversunkenheit geprägt ist. Beide Figuren zeichnen sich durch eine erhabene Größe und spirituelle Bedeutung aus, die sich in ihren physischen Merkmalen deutlich widerspiegeln. Das Bild wird von dem Rot des Umhangs des Täufers dominiert, das einen Kontrast zu dem zarten Inkarnat Christi und dem Weiß seines Lendentuchs bildet. Die von den beiden Hauptfiguren ausgehende intensive spirituelle Ausstrahlung wird durch die ruhige Landschaft am Ufer des Jordans gemildert.Das Gemälde wurde 1968 von den Staatlichen Museen zu Berlin erworben, um die beiden Werke von Murillo zu ersetzen, die angeblich dem geheimnisumwitterten Brand vom Mai 1945 im Leitturm des Flakbunkers in Berlin-Friedrichshain zum Opfer fielen: die berühmten Bilder „Anbetung der Hirten" und „Der heilige Antonius von Padua und das Jesuskind". | Ausst.Kat. El Siglo de Oro 2016, Kat. 108, S. 281SIGNATUR / INSCHRIFT: Oben links: (HIC EST) FILIVS MEVS DILECTVSUnten in der Mitte ist die originale Sig., die sich vermutlich auf dem abgeschnittenen unteren Randstreifen befand, wieder eingesetzt: MRLLo, f.___________________________________________________________________________________________________Either the Augustinian nuns of the convent of San Leandro in Seville or one of their protectors must have commissioned Murillo around 1655 to produce a series of four paintings on the life of St John the Baptist. These works may initially have been part of an altarpiece in the church and were subsequently used to decorate the convent refectory after the altarpiece was dismantled.The first historical reference to these paintings is dated 1781 and states that in the refectory of San Leandro there were “four large canvases of the Baptist’s life”. When the nuns sold the paintings in the mid-nineteenth century, they were acquired by various collectors and thus dispersed; today they can be found in various locations. The first scene in the series, "St John the Baptist Pointing to Christ", belongs to the Art Institute of Chicago; the second is the present "Baptism of Christ"; and the third, which depicts "St John the Baptist with the Scribes and Pharisees", is housed in the Fitzwilliam Museum in Cambridge. The fourth painting is no longer extant and its subject is not known, though it would probably have been the "Martyrdom of St John the Baptist".The present "Baptism of Christ" depicts a scene rendered in the traditional manner of European Baroque painting, with Christ kneeling on the river bank while St John pours water over him. Their faces are arranged on a diagonal line, their expressions conveying moral energy – St John’s tinged with emotion and Christ’s marked by humble absorption in thought. Both figures have an intense grandeur and spiritual significance that clearly defines their physical traits. The painting is dominated by the red of the Baptist’s cloak, which contrasts with Christ’s subtle flesh tones and the white of His loincloth. The serene landscape of the banks of the River Jordan softens the intense spiritual vibration that emanates from the two main figures.This painting was acquired by the Staatliche Museen zu Berlin in 1968 to replace the two Murillo paintings that are said to have been destroyed in the infamous fire in the lead tower of the flak bunker in Berlin-Friedrichshain in May 1945: the famous "Adoration of the Shepherds" and "St Anthony of Padua and the Christ Child". | Exhibition Catalogue El Siglo de Oro 2016, Cat. no. 108, p. 281

Die Keuschheit

Die Keuschheit

Giacomo Francia entstammt einer Bologneser Goldschmied- und Malerfamilie. Sein Vater, Francesco di Marco di Giacomo Raibolini, gen. Francia, war der Begründer dieser Künstlerdynastie, dessen ruhige und ausgewogene Kompositionen sich bereits dem Stil der Hochrenaissance näherten und in Bologna eine große Nachfolge fanden, die auch von seinen beiden Söhnen Giacomo und Giulio weitergeleitet wurden. Beide Brüder arbeiteten viel gemeinsam, doch scheint die hier vorgestellte Darstellung der "Keuschheit" allein von Giacomo ausgeführt worden zu sein. Die als Dreiviertelfigur gegebene Personifikation der "Keuschheit" ist nur in eine feine, transparente Gaze gehüllt, durch den ihr jugendlicher nackter Körper eher betont als verhüllt wird. In ihrer Rechten hält sie einen die Ehe symbolisierenden Palmenzweig, in der Linken, als Zeichen der Keuschheit, einen spiegelblanken Schild, in der das Interieur eines Gemachs reflektiert wird. Den Hintergrund bildet eine Landschaft, wo links die "Keuschheit" in einem von Einhörnern gezogenen und von Genien begleitenden Wagen einem Palast entgegenfährt; rechts überquert eine Barke mit den Unkeuschen den Höllenfluß, um dem Feuerschlunde übergeben zu werden. Laut Morelli (Lermolieff) fertigte Giacomo das in seiner Frühzeit entstandene Bild nach einer Zeichnung seines Vaters Francesco an. Das üblicherweise Giacomo zugeschriebene Gemälde wurde erst kürzlich dem Oeuvre seines Bruders Giulio zugeordnet (Negro/Roio, 1998, S. 257). Eine nicht überzeugende Behauptung. Im Inventar des Kardinal Benedetto Giustiniani von 1621 wird es unter der Nummer 153 wie folgt erwähnt: "Un quadro senza cornice da una mezza figura nuda con un manto de velo ligato alla spalla et al braccio."Vermutlich im Mai 1945 im Leitturm des Flakbunkers im Berliner Friedrichshain vernichtet.________________________________________________________________Most likely destroyed in May 1945 in the control tower of the flak tower in Berlin Friedrichshain.

Bildnis der Catharina Hooft mit ihrer Amme

Bildnis der Catharina Hooft mit ihrer Amme

Das von Frans Hals um 1620 gemalte Porträt eines kleinen Mädchens stellt eine große Seltenheit innerhalb der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts dar, ist das Kind hier doch zusammen mit seiner Amme präsentiert. Zudem handelt es sich bei dem Bild um das einzige Kinderporträt von Frans Hals, das wir heute noch kennen. Dargestellt ist Catharina Hooft, die 1618 als einziges Kind ihrer Eltern in Amsterdam geboren wurde. Kurz darauf übersiedelten ihre Eltern nach Haarlem, wo ihr Vater, der Jurist Pieter Hooft ein Haus erworben hatte und wo auch das Berliner Porträt entstanden sein dürfte. Ihr Onkel war der berühmte niederländische Dichter, Historiker und Dramatiker Pieter Corneliszoon Hooft. Mit nur 17 Jahren heiratete Catharina 1635 den sehr vermögenden, 19 Jahre älteren Cornelis de Graeff, einen der einflussreichsten Regenten und mehrfachen Bürgermeister von Amsterdam, sowie Staatsmann und Diplomat von Holland und der Republik der Vereinigten Niederlande. Ihrer hervorgehobenen gesellschaftlichen Stellung entsprechend, begegnet uns Catharina 18 Jahre später standesbewusst als einer der ersten Damen des Landes zusammen mit ihrem Ehemann auf zwei lebensgroßen Pendantbildnissen des Amsterdamer Malers Nicolaes Eliasz Pickenoy.Der besondere gesellschaftliche Status des kleinen, hier präsentierten Mädchens wird schnell anhand ihrer aufwendigen Kleidung deutlich. Sie trägt ein kostbares Brokatkleid mit feinsten Spitzen, das detailgetreu wiedergegeben ist. Insbesondere die zarte Klöppelspitze wurde von Frans Hals betont, indem er die abstehenden Spitzen des Kragens und des Häubchens vor einem dunklen Hintergrund präsentiert. Deutlich zu erkennen ist auch der steife Charakter der gestärkten Spitze, die gerade vom Körper absteht und deren Enden nicht umknicken. Obgleich Mädchen und Jungen im 17. Jahrhundert erst ab dem siebten Lebensjahr geschlechtsspezifisch gekleidet wurden, lässt sich aufgrund von Kostümdetails, wie dem flachen, breiten Kragen und der leicht eckigen Form der Haube feststellen, dass es sich bei dem Kind um ein Mädchen handeln muss. Sowohl Jungen als auch Mädchen trugen die rückseitig von den Schultern herabhängenden Stoffbänder, die u.a. als Lauflernhilfe dienten und auch an dem Kleidchen der Catharina Hooft vom rückwärtigen Ärmelansatz herabfallend zu erkennen sind. Neben der sehr hochwertigen Kleidung trägt Catharina Hooft auch reichlich goldenen Schmuck mit einem Anhänger, der mittig einen großen roten Stein zeigt. In ihrer linken Hand hält sie zudem eine goldene Rassel mit kleinen Schellen. Am oberen Ende der Rassel ist ein Stück aus einem dunklen, nicht eindeutig zu definierendem Material zu erkennen. Derartige Aufsätze bestanden in der Regel aus Halbedelsteinen, Korallen oder Perlmutt und dienten als eine Art von Beißring während des Zahnens. Vermutlich wurde die hier dargestellte Rassel nach einem konkreten Vorbild gemalt und befand sich vermutlich wirklich im Besitz von Catharina Hooft. Tatsächlich ist im Nachlass ihres Sohnes, der 1709 kinderlos verstarb, „eine goldene Rassel“ mit exakter Gewichts- und Wertangabe aufgeführt, die möglicherweise von seiner Mutter stammte. Da sich eine erstaunlich große Vielfalt von Rasseln auf niederländischen Kinderporträts des 17. Jahrhunderts finden lässt, geht man heute davon aus, dass es sich in den meisten Fällen um den realen Besitz der präsentierten Kinder handelt.Im Gegensatz zu dem kleinen Mädchen, ist die dargestellte Amme ihrem Status als Bedienstete entsprechend schlicht gekleidet. Sie trägt ein altmodisches, schwarzes Kleid, eine Haube und einen einfachen Faltenkragen. Vor allem jedoch fehlen ihr, die für eine Dame obligatorischen, Manschetten an den Ärmeln. In ihrer Rechten befindet sich eine Birne, die sie empor hält und dem Kind anbietet. Ammen, deren Aufgabe ausschließlich in dem Stillen und Betreuen eines Kindes bestand, nahmen in der Regel im Hausgesinde eine hervorgehobene Stellung ein. Nur wenige Familien der Oberschicht oder des gehobenen Bürgertums konnten sich den Luxus einer Amme leisten, die damit zu einer Art von Statussymbol wurde. Im Gegensatz zu Frankreich oder England, wo viele Kinder zu einer Amme auf dem Land gegeben wurden, handelte es sich in der Republik der Vereinigten Niederlande bei den Ammen um hauseigene Bedienstete. Aufgrund der innigen Bindung zum Kind waren Bezahlung und Wertschätzung der Ammen deutlich höher, als bei anderen Bediensteten. Oftmals blieb auch nach dem Weggang der Frauen eine herzliche Beziehung zu ihnen bestehen. In Frans Hals Porträt kommen die große Vertrautheit und das innige Verhältnis von Amme und Kind, aber auch die deutlichen Standesunterschiede, die sich vor allem in der Kleidung wiederspiegeln, deutlich zum Ausdruck. Möglicherweise wurde das Doppelporträt denn auch als Erinnerungsstück beauftragt. Wie zeitgenössische Dokumente belegen, bewahrte Catharina Hooft ihr Kinderbildnis zeitlebens. Nach ihrem Tod 1691 gelangte es in den Besitz ihres Sohnes Pieter de Graeff, in dessen Nachlassinventar es als »een minne met een Kindje van Frans Hals« (eine Amme mit einem kleinen Kind von Frans Hals) auftaucht.So spontan und natürlich die Berliner Komposition erscheint: die Amme mag derart posiert haben, das einjährige Kind ganz sicher nicht. Es ist Frans Hals Kunstfertigkeit zu verdanken, dass das Bild einen so unkomplizierten, die Figuren einen so eng aufeinander bezogenen Eindruck machen, in dem die Momenthaftigkeit der Erscheinung und die lebensvolle Gegenwärtigkeit in der meisterhaft-illusionistischen Malweise festgehalten wurde.Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019______________________________________________________________________________This portrait of a little girl painted by Frans Hals in about 1620 is a great rarity in 17th-century Dutch painting, as she is presented here with her nurse, a highly unusual form of depiction. Furthermore, this painting is the only portrait of a child by Frans Hals that is known today.It represents Catharina Hooft, who was born in 1618 in Amsterdam, her parents’ only child. Shortly afterwards they moved to Haarlem, where her father, the lawyer Pieter Hooft, had bought a house, and where the Berlin portrait was presumably painted. Her uncle was the famous Dutch poet, historian and dramatist Pieter Corneliszoon Hooft. In 1635, at the age of only 17, she married a man 19 years older, the extremely wealthy Cornelis de Graeff, one of the most influential figures in then government of Amsterdam, mayor of the city several times, and also a statesman and diplomat in the service of the province of Holland and the Republic of the United Netherlands. In keeping with her elevated social status, Catharina was shown in 1636 with her husband on two life-sized matching portraits by the Amsterdam painter Nicolaes Eliasz Pickenoy, conscious of her rank as one of the leading ladiesin the country (fig. p. 241).The special social status of the small girl presented here is quickly made apparent by her elaborate clothing. She wears a precious brocade dress, reproduced in faithful detail, with the finest lace. Frans Hals particularly emphasised the bobbin lace by showing the projecting tips of the collar and the bonnet against a dark background. The stiffness of the starched lace, which stands out straight from the body without bent ends, is clearly visible. Although in the 17th century girls and boys were not given gender-specific clothes until their seventh year, it can be seen from details of the costume, for example the flat, broad collar and the slightly angular form of the bonnet, that this child must be a girl. Both girls and boys wore ribbons hanging down at the back from their shoulders, partly as an aid in learning to walk. These can be seen dangling from the top rear of the sleeve of Catharina Hooft’s little dress. In addition to her highly exclusive clothes, Catharina Hooft wears a good deal of golden jewellery, with a pendant that includes a large red stone at its centre. In her left hand, she also holds a golden rattle with small bells. At the top of the rattle is a piece of a dark material that cannot be conclusively identified. Such pieces were usually made of semi-precious stones, coral or mother of pearl, and were used as a kind of teething ring. The rattle shown here was presumably painted according to a specific original and really belonged to Catharina Hooft. Indeed, in the estate of her son, who died childless in 1709, is listed “a golden rattle” with exact details of its weight and value that may have been passed down by his mother. As an astonishing variety of rattles can be seen on Dutch children’s portraits of the 17th century, it is believed today that in most cases they actually belonged to the children portrayed.In contrast to the little girl, the nurse is clothed in accordance with her status as a servant. She wears an old-fashioned black dress, a bonnet and a plain pleated collar. Above all, she lacks the cuffs on her sleeves that were obligatory accessories for a woman. In her right hand is a pear, which she holds up and offers to the child. Nurses, whose tasks consisted exclusively in breast-feeding and looking after a child, usually had a leading position among the household servants. Only a small number of families from the upper class or the higher bourgeoisie could afford the luxury of a nurse, who thus became a kind of status symbol. In contrast to the situation in France and England, where many children were sent out to a nurse in the country, nurses were domestic staff in the Republic of the United Netherlands. In recognition of their close ties to the child, nurses enjoyed considerably higher wages and appreciation than other servants. A warm relationship to these women often remained even after they left. Frans Hals’ portrait clearly expresses the great intimacy and close relationship between nurse and child, but also the large difference in rank, which is reflected above all in their clothing. The double portrait was possibly commissioned as a souvenir piece. As shown by contemporary documents, Catharina Hooft kept the portrait from her childhood to the end of her life. After her death in 1691, it came into the possession of her son Pieter de Graeff and appears in the inventory of his estate as “een minne met een Kindje van Frans Hals” (a nurse with a small child by Frans Hals).Spontaneous and natural as the composition of the work in Berlin seems, the nurse may have posed in this way, but the one-year-old child undoubtedly did not. It is a mark of Frans Hals’ artistry that the painting makes such an uncomplicated impression, the persons portrayed an appearance of such closeness, thanks to his masterly illusionistic manner of painting that captures the momentary nature of the scene and its lifelike presence. Katja Kleinert | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Die Trauernden einer Kreuzabnahme

Die Trauernden einer Kreuzabnahme

Das in Tempera auf Leinwand gemalte Bild gehört zu den wenigen in dieser Technik ausgeführten Gemälden, den sogenannten Tüchlein, die aus dem 15. Jahrhundert erhalten sind. Der empfindliche Farbauftrag und Bildträger sowie das feuchte Klima diesseits der Alpen haben dazu beigetragen, daß die Zahl der Tüchlein gering und ihr Erhaltungszustand oft nicht sehr gut ist. Nicht nur deshalb, sondern auch wegen der halbfigurigen Kompositionsform verdient dieses von Hugo van der Goes geschaffene Werk besondere Beachtung. Dargestellt ist die Gruppe der nächsten Angehörigen Christi, die seinen Tod betrauern. Dicht gedrängt stehen sie beieinander, vereint in ihrem gemeinsamen Schmerz, dem der Künstler auf höchst subtile Weise Ausdruck verliehen hat. Im Vordergrund steht die jugendliche Gottesmutter, die ihre Hände in einer Gebärde tiefer Ergebenheit vor der Brust kreuzt und ihr gesenktes Haupt leicht zur Seite neigt. Bei ihr ist Johannes, der Lieblingsjünger Christi, der ihre Schultern berührt, sie stützt und zu trösten sucht. Lebhafter in den Äußerungen ihrer Trauer erscheint Maria Magdalena, die rechts daneben steht, ihre Hände ringt und den Kopf mit den verweinten Augen zur Seite wendet. Die Gruppe beschließen die beiden anderen Marien, Maria Salome und Maria Jacobi, von denen eine die Hände klagend emporhebt, während sich die andere die Tränen aus den Augen wischt. Den Hintergrund bilden der Hügel Golgathas und ein schmaler Streifen blauen Himmels. Die Farbigkeit des Bildes, in der einst der leuchtendrote Mantel des Johannes und das blaue Kleid Marias die Akzente setzten, wirkt heute matt und gedämpft. Die Komposition und die geschilderte Begebenheit sind unvollständig ohne den Bezugspunkt der Klage und Trauer: die Darstellung des toten Christus, die einst das Gegenstück zu unserem Tüchlein gebildet hat. Die Kopien der beiden Kompositionen, insbesondere die bemerkenswerte Neufassung des Werkes durch Hans Memling (Granada, Capilla Real), vermitteln eine gute Vorstellung von dem ursprünglichen Eindruck der beiden Tüchlein. Erst 1950 ist das vermißte Gegenstück mit der Kreuzabnahme aufgetaucht. Die Darstellung ist hier ganz auf die Präsentation des von drei Männern gehaltenen und dem Betrachter vorgewiesenen Körpers Christi abgestimmt. Den Mittelpunkt bildet der entseelte Leib mit der Seitenwunde und den kraftlos herabhängenden Armen. Der Hügel Golgathas und die Leiter, mit deren Hilfe Christus vom Kreuz abgenommen wurde, sind die einzigen Hinweise auf den Ort der Handlung und den Zeitpunkt des Geschehens. Für das Tüchlein-Diptychon hat sich in der Forschung die Bezeichnung Kleine Kreuzabnahme eingebürgert, im Gegensatz zur sogenannten Großen Kreuzabnahme, einer breitformatigen Komposition des Künstlers, deren originale Fassung nicht mehr erhalten, jedoch durch zahlreiche Kopien überliefert ist. Die anhaltende Bewunderung für die von Hugo van der Goes geschaffenen Kompositionen ist gewiß auch damit zu erklären, daß der Künstler die Bildform des Halbfigurenbildes konsequent auf ein handlungs- und figurenreiches Thema übertragen hat. Es war dies eine kompositionelle und thematische Bereicherung, die die Entwicklung des »erzählenden Halbfigurenbildes« in den Niederlanden bis weit ins 16. Jahrhundert hinein bestimmt hat. | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2010_____________________________________________________________________This picture in tempera on canvas is one of the few 15th-century paintings using this technique to have survived. It shows Christ’s followers mourning his death. In the foreground is the Mother of God, crossing her hand over her breast and inclining her lowered head slightly to the side. Next to her is John, supporting her and trying to comfort her. The group is completed by Mary Magdalene and the two other Marys. In the background the hill of Golgotha and a narrow strip of blue sky can be seen. The composition the event depicted are incomplete without the reference point for the lamentation and mourning. The former companion piece is a depiction of the dead Christ (New York, private collection).| Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2012