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Johannes auf Patmos / Szenen der Passion Christi

Ident. Nr.: 1647A

ObjID: obj:869697

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Hieronymus Bosch (ca. 1450 - 1516),
Maler*in
Date(s)
Ausführung: 1495/1500
Additional titles
Collection title: Johannes auf Patmos / Szenen der Passion Christi
Translation: John on Patmos / Scenes of the Passion of Christ
Material / Technique
Eichenholz
Dimensions
Bildmaß: Johannes 62,8 x 43,2 cm
Acquisition
1907 Ankauf aus dem englischen Kunsthandel

Object Description

In ’s-Hertogenbosch, das seit 1184 Stadtrechte besaß und damals zum Herzogtum Brabant gehörte, lebte und arbeitete Hieronymus Bosch, der eigentlich Hieronymus van Aken hieß, da seine Vorfahren aus Aachen stammten. Nach seiner Vaterstadt, die er zeitlebens nicht verlassen hat, nannte er sich später Bosch. Sein Name, der neben denen der größten niederländischen Künstler zu nennen ist, hat ’s-Hertogenbosch der Provinzialität entrissen und in die Annalen der Kunst eingehen lassen. Zu den Bewunderern seiner Kunst gehörten Philipp der Schöne, Herzog von Burgund und Brabant, Margarete von Österreich, Statthalterin der Niederlande, der Kardinal Grimani in Venedig, Diego de Guevara, Schatzmeister der Margarete von Österreich, und König Philipp II. von Spanien. Vor allem Philipp II. hat die Faszination der Kunst Boschs, dessen Werke er in seinen Privatgemächern im Escorial aufstellen ließ, besonders tief empfunden. Die bemalte Tischplatte mit den sieben Todsünden und den vier letzten Dingen (Madrid, Prado) hat den strenggläubigen König zu immer neuen Betrachtungen angeregt. Auch in seiner Sterbestunde stand sie ihm als »memento mori« vor Augen. In der Tat steht Bosch hinsichtlich der Themenstellungen und künstlerischen Gestaltung seiner Bildwelt völlig für sich allein. Selten hat ein Künstler den Betrachter seiner Werke auf so unmittelbare Weise anzusprechen versucht, ihm die Torheit und Schlechtigkeit der Welt und die aus den Todsünden erwachsenden Folgen so direkt vor Augen geführt. In vielen seiner Werke erscheint Bosch als ein Moralist im christlichen Sinne. Seine Darstellungen menschlicher Verirrungen sind Ausdruck einer Zeit, die das un - mittelbar bevorstehende Ende der Welt und die Schrecken des Jüngsten Gerichts vorausfühlte und nicht begriff, daß sich die Menschheit nicht bekehrte, sondern dem Diesseits mit aller Intensität hingab. In dieser Hinsicht ist das Werk Boschs zugleich eines der eindrucksvollsten Zeugnisse für die geistige Einstellung des Menschen am Ende des 15. Jahrhunderts, kurz vor Beginn des Zeitalters der Reformation. Die überlieferten Themen, Szenen aus dem Leben und der Passion Christi sowie Szenen aus dem Leben der Heiligen, hat Bosch mit großer Eindringlichkeit, jedoch in weitgehender Abhängigkeit von der ikonographischen Tradition behandelt. Dennoch begegnet uns auch hier ein Aspekt, den es vorher in dieser Form nicht gab. Die Sphäre des Heiligen ist umgeben von einer Welt, deren beherrschende Lebensform böse ist. Die Erde wird von Dämonen bevölkert, die aus menschlichen, tierischen und leblosen Teilen zusammengesetzt sind und ungeachtet aller Lebensferne dennoch lebensfähig sind. In dieser Umgebung erscheinen auch die Heiligen in sich gekehrt und duldend in stiller Standhaftigkeit. Diesen Eindruck vermittelt auch Boschs Johannes auf Patmos, ein Bild, dessen Deutung sich uns relativ leicht erschließt. Dargestellt ist Johannes, den das Mittelalter mit dem Verfasser der Apokalypse identifizierte. Er sitzt auf der mit Gras bewachsenen Böschung eines hohen Berges, das geöffnete Buch auf dem Knie, die Schreibfeder in der rechten Hand haltend. Das jugendliche Antlitz ist im Profil zum Himmel emporgerichtet. Hinter dem Heiligen erstreckt sich eine weite Landschaft, die sich in dunstiger Ferne verliert. Ein schlanker Baum im Mittelgrund verdeutlicht die Tiefe des Landschaftsraumes mit seiner Fülle von Einzelmotiven. Wir erblicken einen breiten Strom mit buchtenreichen Ufern, Hügel, Wälder, Wiesen, einen Bauernhof und eine Stadt am Horizont. Es ist eine friedvolle Landschaft, die weniger an die griechische Insel Patmos als an die Ebene des Niederrheins, die Gegend um Arnhem oder Nijmegen erinnert. Die genauere Betrachtung zeigt allerdings, daß der Friede trügerisch ist. Schiffe stranden und versinken brennend unfern des rettenden Ufers, an dem der Radgalgen des Hochgerichts als wenig tröstliches Zeichen aufragt. Von all dem scheint der Heilige nichts zu merken. Seine Aufmerksamkeit gilt ganz der himmlischen Vision, auf die ihn der Engel hinweist, der hinter ihm auf halber Höhe des im Mittelgrund aufragenden Berges steht. Er hat große, phantastisch geformte Flügel, die wie sein Gewand, seine Hände und sein Gesicht ganz in ein weißliches Blau getaucht sind, das in den Himmel überleitet. Inmitten der bleichen, von Wolken umgebenen Sonnenscheibe ist hoch am Himmel das apokalyptische Weib erschienen, das seit dem 12. Jahrhundert mit der Gottesmutter identifiziert wurde. Dieses hält das Kind auf dem Schoß, trägt die Sternenkrone auf dem Haupt und sitzt auf der schmalen Sichel des Mondes (Apokalypse 12, 1). Unter dem Eindruck dieser Vision hebt der Heilige die Feder, um das Geschaute niederzuschreiben. Bei ihm ist sein Symboltier, der Adler, den Bosch in Gestalt des ihm vertrauteren Falken wiedergab. Mit scharfem Blick wacht das Tier über die zu Füßen seines Herrn liegenden Schreibutensilien, deren sich das von rechts nähernde teuflische Wesen mit einer eisernen Harke zu bemächtigen sucht. Erschreckt weicht der Dämon mit hochgeworfenen Armen zurück. Er ist eines jener sonderbaren Mischwesen, wie sie uns aus vielen Bildern von Bosch vertraut sind. Auf einem kugelförmigen Leib, in dem ein Pfeil steckt, sitzt ein bleiches menschliches Gesicht mit hageren Zügen und einer Brille. Eine brennende Kugel auf dem Haupt, spitze Flügel sowie der Schwanz und die Beine eines Geckos, der nächtlich lebenden Echsenart, bezeichnen das Wesen als Abgesandten der dunklen Mächte. Dämonen bevölkern die ebenfalls bemalte Rückseite der Tafel. Nur schemenhaft heben sie sich vom dunklen Grund ab. Man erahnt Gestalten, die auf Fischen reiten, einen Mann mit geschulterter Leiter und topfförmigem Helm sowie einen großen Krug, eine Glocke, eine Harfe und einen mächtigen Fisch mit weit aufgerissenem Maul, dem ein Schwarm Vögel entfliegt. Es hat den Anschein, als blicke man in die ewige Nacht des Weltraumes, wären nicht die da und dort eingestreuten Blumen, die anzeigen, daß es sich um die nächtlich dunkle, von Dämonen beherrschte Erde handelt. In hellem Licht und monochromer Farbgebung hebt sich im Zentrum des Bildfeldes eine runde Scheibe ab, auf deren äußerem Ring die Szenen der Passion Christi in rascher Folge nacheinander dargestellt sind. Der Kreislauf beginnt mit der Ölbergszene und führt im Uhrzeigersinn über die Gefangennahme, die Befragung durch Pilatus, die Geißelung, Dornenkrönung, Kreuztragung und Kreuzigung bis hin zur Grablegung. Die Szenenfolge kulminiert in den auf Golgatha errichteten Kreuzen, die vor einer weiten Landschaft aufragen. Unter dem Kreuz sind Maria und Johannes allein zurückgeblieben, während eine Frau mit einem Kind an der Hand eilends den Ort des Geschehens verläßt. Die Dunkelheit hinter der fernen Stadt am Horizont geht bei der Grablegung allmählich in die Helligkeit des Ostermorgens über. Es fehlt die Szene der Auferstehung. Trost verheißt dennoch die Mitte des Kreises: Hier ragt ein steiler Fels aus den stillen Wassern einer weiten Landschaft empor. In seiner Höhlung brennt ein Feuer, während auf dem Gipfel ein mächtiger Vogel seine Schwingen ausbreitet. Es ist der Pelikan, der sich die Brust mit dem Schnabel aufreißt, um seine Jungen mit dem eigenen Blut zu nähren. Diese Legende ist als Symbol des Blutopfers Christi und der Erlösung des Menschen gedeutet worden. In drei Etappen führt Hieronymus Bosch den Betrachter aus der von Dämonen beherrschten Finsternis auf Erden über die mit dem Leidensweg Christi einsetzende Helligkeit hin zum strahlenden Licht im Zentrum des Kreises, das die Hoffnung auf Erlösung verheißt. Auf diese Weise hat er dem Dualismus zwischen der christlichen Heilslehre und dem Wirken der höllischen Mächte greifbaren Ausdruck verliehen. Es hat den Anschein, als habe sich Bosch auf die Worte des Johannes-Evangeliums bezogen: »Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen« (Johannes 1, 5). Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019
SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. rechts unten: Jheronimus [bosch]
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Living and working in ’s-Hertogenbosch – which had been granted town rights in 1184, and belonged at the time to the Dukedom of Brabant – was a man named Hieronymus Bosch, who was actually named Hieronymus van Aken, since his forebears came from Aachen. He later named himself Bosch after his hometown, which he never left during his lifetime. His name, which merits mention alongside the greatest Netherlandish artists, deprived ’s-Hertogenbosch of its provincial status, entering it
into the annals of art history. Among aficionados of his artwork were Philip the Good, Duke of Burgundy and Brabant, Margaret of Austria, Governor of the Netherlands, Cardinal Grimani in Venice, Diego de Guevara, treasurer to Margaret of Austria, and King Philip II of Spain. Philip II in particular was fascinated and deeply affected by Bosch, whose works he had set up in his private chambers in the Escorial. The deeply pious sovereign returned again and again to contemplate the painted tabletop with the Seven Deadly Sins and the Four Last Things (Madrid, Prado). Even in his
dying hours, it stood before him as a memento mori.

With regard to his choice of themes and their artistic shaping, Bosch stood completely alone. Rarely has an artist sought to address viewers of his works in such a direct fashion, to illustrate with such immediacy the folly and wickedness of this world
and the consequences that follow from the Deadly Sins. In many of his works, Bosch appears as a moralist in the Christian sense. His representations of human obliquity are the expression of a time that anticipated the imminent end of the world and the terrors of the Last Judgment, and could not understand how humanity could refuse conversion, instead surrendering to worldly things with all intensity. In this regard, the works of Bosch are among the most striking testimonies to the spiritual attitude that prevailed in the late 15th century, shortly before the era of a Reformation.

Bosch addressed traditional themes, scenes from the life and Passion of Christ, as well as from the lives of the saints, with tremendous urgency, and at the same time in ways that were substantially independent of iconographic conventions. Nevertheless, we encounter one element not found previously in quite this form. Here, the sphere of the sacred is surrounded by a world whose prevailing lifeform is evil. The earth is peopled by demons composed of human, animal, and inanimate components which, irrespective of their remoteness from reality, are nonetheless capable of life. In this environment, the saints too appear to retreat into themselves, suffering in silent steadfastness.

This impression is conveyed as well by Bosch’s Saint John on Patmos, an image that is relatively accessible to interpretation. Depicted is John, who was identified in the Middle Ages as the author of the Apocalypse. He is seated on the grassy embankment of a tall mountain, an open book on his knee, holding a quill in his right hand. His youthful countenance, which he raises towards the heavens, is shown in profile. Extending behind the saint is an expansive landscape, which becomes lost in the hazy depths. A slender tree situated in the middle distance clarifies the depth of the landscape space, with its abundance of individual motifs. We espy a broad river with abundant coves situated along its banks, hills, forests, meadows, a farm, and a town on the horizon. It is a peaceful landscape, which recalls less the Greek island of Patmos then the lowlands of the Lower Rhine, the region around Arnhem or Nijmegen.

A closer examination however, suggests that this peace is all too deceptive. Ships become stranded and sink, engulfed in flames, not far from the safety of the river- banks, where the execution wheel of the criminal court towers upward, a less than consoling symbol. The saint seems oblivious to all of this. His attention is wholly fixated on his celestial vision, towards which an angel – seen standing in the middle ground approximately halfway up the steep mountainside – calls his attention with a gesture. The angel has large, fantastically shaped wings, which have been dipped – like his garments, hands, and face – in a whitish blue that effects a transition to the sky. Visible high up in the heavens, at the centre of the pallid disc of the sun, which is surrounded by clouds, is the Woman of the Apocalypse, associated since the 12th century with the Mother of God. She holds the Christ child on her lap, wears a crown of stars on her head, and is seated on a narrow crescent moon (Apocalypse
12:1). Under the impression of this vision, the saint lifts his quill in order to write down what he has seen. Standing alongside him is his symbolic animal, the eagle, which Bosch represents in the more familiar form of a falcon. With its sharp eye, the animal watches over the writing utensils that lie at the feet of its master, which a devilish creature, seen approaching from the right, attempts to seize with an iron hook. Alarmed, the demon retreats, arms thrown upward. It is one of those strange hybrids that are familiar to us from many pictures by Bosch. Positioned atop a spherical body, which has been pierced by an arrow, is a pale human countenance with gaunt features and eyeglasses. The flaming orb on its head, the pointy wings, along with the tail and legs of a gecko, a nocturnal species of lizard, identify this creature as an emissary of the dark powers.

The rear side of the panel as well is populated by demons. They are visible against the dark background only as shadowy forms. Recognisable are figures that ride fishes, a man shouldering a ladder with a pot-shaped helmet, as well as a large jug, a bell, a harp, and a massive fish with a wide-opened mouth from which a flock of birds flies. If not for the flowers scattered here and there, which indicate that we gaze upon nocturnal darkness, on an earth ruled by demons, the viewer would perhaps have the impression of gazing into the eternal night of the cosmos.

At the centre of the pictorial field, bathed in bright light and set off distinctly from the background, is a round, monochrome disc on whose outer ring the scenes of Christ’s Passion are depicted in rapid succession. The cycle begins with the scene on the Mount of Olives, and continues clockwise with the Taking of Christ, the Interview with Pilate, the Flagellation, the Crowning with Thorns, the Carrying of the Cross, and all the way to the Entombment. The sequence culminates in the crosses erected on Golgatha, which loom up into a broad landscape. Under Christ’s cross, only Mary and John remain, while a woman holding a child by the hand hurries away from the scene of these events. Near the Entombment, the darkness behind the distant town on the horizon yields gradually to the brightness of the Easter morning. Missing is the scene of the Resurrection. Comfort is nonetheless promised by the middle of the disc: here, steep cliffs tower up out of the still waters of a vast landscape. Burning in a cavity is a fire, while on the summit, a powerful bird spreads its wings. It is the pelican, which pierces its own breast with its beak in order to nourish its young with its blood. This legend has been interpreted as a symbol of the blood sacrifice of Christ and the redemption of humanity.

In three stages, Hieronymus Bosch leads the beholder from the darkness of an earth dominated by demons, to the growing light that begins with Christ’s Passion, and finally to the brilliant light at the centre of the circle, which signifies the promise of redemption. In this way, he endows the dualism between the Christian doctrine of salvation and the influence of the infernal powers with palpable expression. One has the impression that Bosch invokes the words of the Gospel of Saint John: “And the light shineth in darkness, and the darkness comprehended it not” (John 1:5). Rainald Grosshans | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Last updated: 06.08.2026

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Gemäldegalerie

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Brustbild eines Mannes

Brustbild eines Mannes

Im Inventar der Sammlung Giustiniani in Rom wurde das Bild als Portrait eines Malers (Gismondo Tedesco; zeitweise identifiziert mit dem deutschen Miniaturmaler Sigismund Laire, 1543–1629) von Caravaggio beschrieben. Nach dem Verkauf der Sammlung 1815 erscheint es auch in den Inventaren des Kaiser-Friedrich-Museums und des Kunstmuseums Düsseldorf (wohin es zeitweise ausgeliehen war) unter diesem Namen. Erst in jüngeren Publikationen kamen Zweifel auf – auch weil der angeblich dargestellte Maler zu alt für das Bildnis war. Das Portrait wurde dann 1978 von Nicola Spinosa erstmals Jusepe de Ribera in seiner römischen Phase (vor 1616) zugeschrieben. Derselbe Autor hat es dann sogar zum Coverbild seines neapolitanischen Kataloges Il giovane Ribera tra Roma, Parma e Napoli gewählt. Das Frühwerk Riberas wird nach der wegweisenden Publikation von Gianni Papi noch immer kontrovers diskutiert. Für eine Integration des Brustbildes in sein Schaffen spricht die stilistische Nähe zur Serie der Sinne und der Apostel. Ferner findet sich dasselbe Modell als Dreiviertelfigur des heiligen Augustinus mit offenem Buch in einem Gemälde in der Galleria Regionale in Palermo, das ebenfalls Ribera zugeschrieben wird. Matthias Weniger lehnt eine Verbindung zum Werk Riberas entschieden ab. Roberto Contini hat auf Zeichen von Innerlichkeit und Melancholie im Gesicht des Dargestellten verwiesen, für die es nach seiner Ansicht im Frühwerk Riberas kaum Vergleichsbeispiele gibt, und weiterhin verbleibende Zweifel an der Zuschreibung geäußert. Eine gewisse Parallele für den Gemütszustand ließe sich vielleicht im Kopf des heiligen Bruno (Kat.Nr. 2011.1) erkennen.Bei dem Brustbild ist nur der Kopf vollständig ausgeführt. Das Gewand hat noch keine Plastizität und wirkt nur als dunkle Folie. Ein schöner Hell-Dunkel-Kontrast, wie er typisch für den frühen Ribera ist, entsteht durch das schwarze Haupthaar und den ungepflegt wirkenden Bart als Rahmenform. Das Inkarnat ist ohne die üblichen pastosen Akzente meisterhaft entwickelt. Eine ähnliche Arbeitsweise finden wir in vielen Köpfen Riberas aus dieser Zeit.| Michael Scholz-Hänsel (in: El Siglo de Oro, Ausst.-Kat. Gemäldegalerie - Staatliche Museen zu Berlin und Kunsthalle München 2016/17, München 2016, Kat.-Nr. 12)___________________________________________________________________________________________________In the inventory of the Giustiniani Collection in Rome, the picture is described as the portrait of a painter (Gismondo Tedesco; occasionally identified as the German miniaturist Sigismund Laire, 1543–1629) by Caravaggio. After the sale of the collection in 1815, it also appears in the inventories of the Kaiser-Friedrich-Museum and the Kunstmuseum Düsseldorf (where it was temporarily on loan) under this name. Doubts were only raised in more recent publications (also because the painter it supposedly portrays was too old for the portrait). In 1978 Spinosa ascribed the portrait to Jusepe de Ribera’s Roman phase (before 1616) and even used the image on the cover of his Neapolitan catalogue, "Ribera il giovane". Even in the wake of Papi’s seminal publication, Ribera’s early work remains subject to controversial debate. One argument in favour of including the portrait in his oeuvre is its stylistic similarity to both the "Five Senses" series and the "Apostles" series. Moreover, the same model is used for a three-quarter portrait of "St Augustine" with an open book which hangs in the Galleria Regionale in Palermo, and which is also attributed to Ribera. Weniger forthrightly denies any connection to Ribera’s oeuvre. Contini points to signs of introspection and melancholy in the face of the sitter for which, in his opinion, few comparable examples exist in Ribera’s early work. He, too, has misgivings about ascribing it to Ribera. A similar state of mind, however, can perhaps be detected in the head of St Bruno (Cat.No. 2011.1).In the portrait, only the head has been fully rendered. The robe still lacks definition and resembles little more than a dark sheet. A beautiful chiaroscuro typical of early Ribera is created by the dark hair and unkempt beard that frame the head. The flesh tint is masterfully executed without the usual impasto accents. A similar way of working can be found in Ribera’s heads from the same period.| Michael Scholz-Hänsel (in: El Siglo de Oro, Exh.-Cat. Gemäldegalerie - Staatliche Museen zu Berlin and Kunsthalle München 2016/17, Münich 2016, cat. 12)

Die Madonna mit dem Zeisig

Die Madonna mit dem Zeisig

Maria, gekleidet in ein blaues Gewand, thront mit dem Kind, das auf einem roten Kissen in ihrem Schoß sitzt, inmitten einer weiten Landschaft. Ihr zu Füßen steht, rechts im Bild, Johannes der Täufer als Knabe, erkennbar an seinem »härenen Gewand«. Ein Engel, der das Stabkreuz des Täufers trägt, begleitet ihn. Johannes reicht der Gottesmutter einen Strauß Maiglöckchen. Die Rechte Marias stützt sich auf ein Buch. Das Christuskind, von dem offenen Hemdchen kaum bedeckt, hält in seiner rechten Hand einen Sauglutscher, wie man ihn in früheren Zeiten Kindern zur Beruhigung gab. Auf seinem linken, erhobenen Arm hat sich ein Zeisig niedergelassen. Christus neigt den Kopf, wie um dem Vogel zuzuhören. Die Gestalt der Muttergottes ist hinterfangen von dem leuchtendroten Baldachin des sonst unsichtbaren Throns, zu dessen beiden Seiten der Blick in eine weite Tallandschaft mit Ruinen und Gehöften zwischen Bäumen fällt. Um das Haupt Mariens schweben zwei Cherubim und krönen sie mit einem Kranz aus roten und weißen Rosen. Links vorn auf einem Tischchen liegt ein Zettel mit Dürers Inschrift: »albert(us) durer german(us) / faciebat post virginis / partum 1506 AD«. Demnach hat Dürer das Bild 1506 in Venedig gemalt – wie wir aus anderen Quellen erschließen können, in zeitlicher Nähe zu der großen Tafel mit dem Rosenkranzfest (Prag, Národní Galerie), die Dürer für die deutschen Kaufleute in Venedig gemalt hat. Auch die »Zeisigmadonna« ist eigentlich eine Muttergottes mit dem Rosenkranz. Engelkrönen sie damit; er ist ein Sinnbild der himmlischen Freuden, die Maria in der Seligkeit widerfahren. Die roten und weißen Blüten deuten die Geheimnisse des Rosenkranzes an, die Leiden und Freuden im Leben Marias. Die Darstellung enthält weitere sinnbildliche Anspielungen. Die Maiglöckchen sind unter den ersten Blüten im Jahreslauf und verkünden den Frühling und neues Leben. Sie sind daher zu einem Symbol für die Ankunft Christi geworden. Ihr süßer Duft und das unschuldige Weiß ihrer Blüten machen sie zum Sinnbild der Gottesmutter und ihrer Unbefleckten Empfängnis. Der Name der Blüten – convallaria – erinnert auch an eine Metapher im Hohelied Salomonis, die man auf Maria bezieht: »Ich bin eine Rose von Sharon und eine Lilie im Tal«. Vom Zeisig sagt man, dass er Disteln und Dorniges fräße. Dies deutet hin auf die Dornenkrone Christi und seine Passion. Das Wispern des Vogels in das Ohr des Knaben hat man also so zu verstehen, dass dem Kind seine Bestimmung und sein späteres Leiden angekündigt werden. Der Vogel ist mithin Symbol für die Bedingtheit zwischen Menschwerdung Christi und Passion. Das Buch, das so deutlich gezeigt wird, meint die Heilige Schrift, in der die Geburt des neuen Königs vorausgesagt wird. Sie ist nunmehr erfüllt. Auch die Ruinen in der Landschaft sind nicht nur malerisch. Nach dem Verständnis der Zeit sind es die des Palastes König Davids, in denen der Legende zufolge die Geburtshütte stand. Der Palast Davids weist einerseits auf die königliche Herkunft Christi, der aus Davids Stamm kam, andererseits zeigt er in seinem Zerfall an, dass der Alte Bund zugrunde gegangen ist. Durch Christus hat Gott einen Neuen Bund mit den Menschen geschlossen. Das Motiv des Christuskindes mit dem Zeisig hat offenbar eine lange Tradition. Ein böhmisches Marienbild aus Most aus der Zeit von vor 1350 belegt dies. Die Einbeziehung des Johannesknaben in das Muttergottesbild weist auf italienische Quellen hin. Wahrscheinlich hat Dürer diese in Venedig kennengelernt. Vermutlich hat er das Gemälde mit zurück nach Nürnberg gebracht. Wilhelm H.Köhler | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf der Holzbank links vorn auf einem Zettel: Alber[tu]s durer german(us) / faciebat post virginis / partum 1506. Daneben das Monogramm: AD____________________________________________________________________________The Virgin Mary dressed in a blue robe is enthroned with the child who is sitting on a red cushion on her lap amidst a broad landscape. At her feet in the right of the picture is John the Baptist as a boy, identifiable by his “hair shirt”. An angel accompanies John the Baptist, carrying his cross staff. John is handing the Mother of God a bunch of lilies of the valley. Mary’s right hand is resting on a book. The Christ child, hardly covered by his open little shirt, is holding a pacifier in his right hand, of the kind that used to be given to children to comfort them. A siskin has alighted on his left, raised arm. Christ is inclining his head as if listening to the bird. The figure of the Mother of God is framed by the bright red baldachin of the otherwise invisible throne, on either side of which there is a view into a broad landscape with ruins and farmsteads between trees. Two cherubs are hovering above of Mary’s head, crowning her with a wreath of red and white roses. At the front left on a little table lies a note with Dürer’s inscription: “albert(us) durer german(us) / faciebat post virginis / partum 1506 AD”.According to this, Dürer painted the picture in Venice in 1506 – as other sources also lead us to conclude – at around the same time as the large panel depicting the Feast of the Rosary (Prague, Národní Galerie, fig. left), which Dürer painted for the German merchants in Venice. The Madonny of the Siskin is actually a portrayal of the Mother of God with a rosary, for the angels are crowning her with one as a symbol of the heavenly joys that Mary will experience in her beatitude. The red andwhite blossoms allude to the mysteries of the rosary, the suffering and joy in the life of Mary. The depiction also contains other symbolic allusions. The lilies of the valley are among the earliest flowers to blossom in the year and hence herald spring and new life. They have thus become a symbol for the advent of Christ. With their sweet smell and white colour of innocence, the blossoms are a symbol for the Mother of God and her Immaculate Conception. The name of the flowers – convallaria – alsorecalls a metaphor in the Song of Songs, referring to Mary: “I am a rose of Sharon and a lily in the valley”.The siskin is reputed to eat thistles and other prickly plants. This, in turn, is an allusion to Christ’s crown of thorns and his Passion. The bird whispering in the ear of the child can thus be interpreted as the child being told of his mission and his suffering to come. The bird is also a symbol for the contingency of Christ becoming man and for the Passion. The prominent position accorded to the book is clearly a reference to the Holy Scriptures in which the birth of the new king is prophesied.Now it has been fulfilled. The ruins in the landscape are no mere artistic detail, either. At the time, they were generally known to stand for the palace of King David, where, according to legend, the hut where Christ was born stood. David’s palace alludes on the one hand to the royal origin of Christ from the lineage of David; on the other hand, its ruinous state stands for the decline of the Old Covenant, for through Christ God has concluded a New Covenant with mankind.The motif of the Christ child with a siskin evidently has a long tradition. A Bohemian picture of the Virgin Mary from Most dating from before 1350 testifies to this. The inclusion of John the Baptist as a boy in the depiction of the Mother of God indicates Italian models, which Dürer may have encountered in Venice. He probably brought the painting back with him to Nuremberg. Wilhelm H.Köhler | 200 Masterpieces of European Painting – Gemäldegalerie Berlin, 2019

Die Taufe Christi

Die Taufe Christi

Entweder von den Augustiner-Nonnen selbst oder von einem ihrer Schutzherren muss Bartolomé Esteban Murillo um 1655 den Auftrag zu einer Serie von vier Gemälden über das Leben Johannes’ des Täufers erhalten haben. Möglicherweise gehörten diese Werke ursprünglich zu einem Altaraufsatz in der Klosterkirche und wurden nach dessen Abbau zur Ausschmückung des Refektoriums verwendet. Der erste Hinweis auf diese Gemälde findet sich in historischen Quellen von 1781, in denen es heißt, dass sich im Refektorium von San Leandro »vier große Gemälde zum Leben des Täufers« befänden. Als die Nonnen die Gemälde Mitte des 19. Jahrhunderts zum Kauf anboten, gerieten sie in verschiedene Sammlungen und sind auch heute noch an unterschiedlichen Orten zu finden. Die erste Szene dieser Serie, „Johannes der Täufer deutet auf Christus", ist im Besitz des Art Institute of Chicago, die zweite ist die hier besprochene „Taufe Christi" und die dritte, „Johannes der Täufer und die Pharisäer", befindet sich im Fitzwilliam Museum in Cambridge. Das vierte Gemälde ist verschollen und sein Motiv nicht bekannt; vermutlich handelte es sich jedoch um eine Darstellung des Martyriums des Täufers.Die hier zu sehende Szene „Taufe Christi" ist in der traditionellen Machart der europäischen Barockmalerei wiedergegeben. Christus kniet am Flussufer und Johannes benetzt ihn mit Wasser. Ihre in diagonaler Linie angeordneten Gesichter tragen einen Ausdruck von moralischer Energie, die bei Johannes von Gefühlen und bei Christus von demütiger Gedankenversunkenheit geprägt ist. Beide Figuren zeichnen sich durch eine erhabene Größe und spirituelle Bedeutung aus, die sich in ihren physischen Merkmalen deutlich widerspiegeln. Das Bild wird von dem Rot des Umhangs des Täufers dominiert, das einen Kontrast zu dem zarten Inkarnat Christi und dem Weiß seines Lendentuchs bildet. Die von den beiden Hauptfiguren ausgehende intensive spirituelle Ausstrahlung wird durch die ruhige Landschaft am Ufer des Jordans gemildert.Das Gemälde wurde 1968 von den Staatlichen Museen zu Berlin erworben, um die beiden Werke von Murillo zu ersetzen, die angeblich dem geheimnisumwitterten Brand vom Mai 1945 im Leitturm des Flakbunkers in Berlin-Friedrichshain zum Opfer fielen: die berühmten Bilder „Anbetung der Hirten" und „Der heilige Antonius von Padua und das Jesuskind". | Ausst.Kat. El Siglo de Oro 2016, Kat. 108, S. 281SIGNATUR / INSCHRIFT: Oben links: (HIC EST) FILIVS MEVS DILECTVSUnten in der Mitte ist die originale Sig., die sich vermutlich auf dem abgeschnittenen unteren Randstreifen befand, wieder eingesetzt: MRLLo, f.___________________________________________________________________________________________________Either the Augustinian nuns of the convent of San Leandro in Seville or one of their protectors must have commissioned Murillo around 1655 to produce a series of four paintings on the life of St John the Baptist. These works may initially have been part of an altarpiece in the church and were subsequently used to decorate the convent refectory after the altarpiece was dismantled.The first historical reference to these paintings is dated 1781 and states that in the refectory of San Leandro there were “four large canvases of the Baptist’s life”. When the nuns sold the paintings in the mid-nineteenth century, they were acquired by various collectors and thus dispersed; today they can be found in various locations. The first scene in the series, "St John the Baptist Pointing to Christ", belongs to the Art Institute of Chicago; the second is the present "Baptism of Christ"; and the third, which depicts "St John the Baptist with the Scribes and Pharisees", is housed in the Fitzwilliam Museum in Cambridge. The fourth painting is no longer extant and its subject is not known, though it would probably have been the "Martyrdom of St John the Baptist".The present "Baptism of Christ" depicts a scene rendered in the traditional manner of European Baroque painting, with Christ kneeling on the river bank while St John pours water over him. Their faces are arranged on a diagonal line, their expressions conveying moral energy – St John’s tinged with emotion and Christ’s marked by humble absorption in thought. Both figures have an intense grandeur and spiritual significance that clearly defines their physical traits. The painting is dominated by the red of the Baptist’s cloak, which contrasts with Christ’s subtle flesh tones and the white of His loincloth. The serene landscape of the banks of the River Jordan softens the intense spiritual vibration that emanates from the two main figures.This painting was acquired by the Staatliche Museen zu Berlin in 1968 to replace the two Murillo paintings that are said to have been destroyed in the infamous fire in the lead tower of the flak bunker in Berlin-Friedrichshain in May 1945: the famous "Adoration of the Shepherds" and "St Anthony of Padua and the Christ Child". | Exhibition Catalogue El Siglo de Oro 2016, Cat. no. 108, p. 281

Die Keuschheit

Die Keuschheit

Giacomo Francia entstammt einer Bologneser Goldschmied- und Malerfamilie. Sein Vater, Francesco di Marco di Giacomo Raibolini, gen. Francia, war der Begründer dieser Künstlerdynastie, dessen ruhige und ausgewogene Kompositionen sich bereits dem Stil der Hochrenaissance näherten und in Bologna eine große Nachfolge fanden, die auch von seinen beiden Söhnen Giacomo und Giulio weitergeleitet wurden. Beide Brüder arbeiteten viel gemeinsam, doch scheint die hier vorgestellte Darstellung der "Keuschheit" allein von Giacomo ausgeführt worden zu sein. Die als Dreiviertelfigur gegebene Personifikation der "Keuschheit" ist nur in eine feine, transparente Gaze gehüllt, durch den ihr jugendlicher nackter Körper eher betont als verhüllt wird. In ihrer Rechten hält sie einen die Ehe symbolisierenden Palmenzweig, in der Linken, als Zeichen der Keuschheit, einen spiegelblanken Schild, in der das Interieur eines Gemachs reflektiert wird. Den Hintergrund bildet eine Landschaft, wo links die "Keuschheit" in einem von Einhörnern gezogenen und von Genien begleitenden Wagen einem Palast entgegenfährt; rechts überquert eine Barke mit den Unkeuschen den Höllenfluß, um dem Feuerschlunde übergeben zu werden. Laut Morelli (Lermolieff) fertigte Giacomo das in seiner Frühzeit entstandene Bild nach einer Zeichnung seines Vaters Francesco an. Das üblicherweise Giacomo zugeschriebene Gemälde wurde erst kürzlich dem Oeuvre seines Bruders Giulio zugeordnet (Negro/Roio, 1998, S. 257). Eine nicht überzeugende Behauptung. Im Inventar des Kardinal Benedetto Giustiniani von 1621 wird es unter der Nummer 153 wie folgt erwähnt: "Un quadro senza cornice da una mezza figura nuda con un manto de velo ligato alla spalla et al braccio."Vermutlich im Mai 1945 im Leitturm des Flakbunkers im Berliner Friedrichshain vernichtet.________________________________________________________________Most likely destroyed in May 1945 in the control tower of the flak tower in Berlin Friedrichshain.

Bildnis der Catharina Hooft mit ihrer Amme

Bildnis der Catharina Hooft mit ihrer Amme

Das von Frans Hals um 1620 gemalte Porträt eines kleinen Mädchens stellt eine große Seltenheit innerhalb der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts dar, ist das Kind hier doch zusammen mit seiner Amme präsentiert. Zudem handelt es sich bei dem Bild um das einzige Kinderporträt von Frans Hals, das wir heute noch kennen. Dargestellt ist Catharina Hooft, die 1618 als einziges Kind ihrer Eltern in Amsterdam geboren wurde. Kurz darauf übersiedelten ihre Eltern nach Haarlem, wo ihr Vater, der Jurist Pieter Hooft ein Haus erworben hatte und wo auch das Berliner Porträt entstanden sein dürfte. Ihr Onkel war der berühmte niederländische Dichter, Historiker und Dramatiker Pieter Corneliszoon Hooft. Mit nur 17 Jahren heiratete Catharina 1635 den sehr vermögenden, 19 Jahre älteren Cornelis de Graeff, einen der einflussreichsten Regenten und mehrfachen Bürgermeister von Amsterdam, sowie Staatsmann und Diplomat von Holland und der Republik der Vereinigten Niederlande. Ihrer hervorgehobenen gesellschaftlichen Stellung entsprechend, begegnet uns Catharina 18 Jahre später standesbewusst als einer der ersten Damen des Landes zusammen mit ihrem Ehemann auf zwei lebensgroßen Pendantbildnissen des Amsterdamer Malers Nicolaes Eliasz Pickenoy.Der besondere gesellschaftliche Status des kleinen, hier präsentierten Mädchens wird schnell anhand ihrer aufwendigen Kleidung deutlich. Sie trägt ein kostbares Brokatkleid mit feinsten Spitzen, das detailgetreu wiedergegeben ist. Insbesondere die zarte Klöppelspitze wurde von Frans Hals betont, indem er die abstehenden Spitzen des Kragens und des Häubchens vor einem dunklen Hintergrund präsentiert. Deutlich zu erkennen ist auch der steife Charakter der gestärkten Spitze, die gerade vom Körper absteht und deren Enden nicht umknicken. Obgleich Mädchen und Jungen im 17. Jahrhundert erst ab dem siebten Lebensjahr geschlechtsspezifisch gekleidet wurden, lässt sich aufgrund von Kostümdetails, wie dem flachen, breiten Kragen und der leicht eckigen Form der Haube feststellen, dass es sich bei dem Kind um ein Mädchen handeln muss. Sowohl Jungen als auch Mädchen trugen die rückseitig von den Schultern herabhängenden Stoffbänder, die u.a. als Lauflernhilfe dienten und auch an dem Kleidchen der Catharina Hooft vom rückwärtigen Ärmelansatz herabfallend zu erkennen sind. Neben der sehr hochwertigen Kleidung trägt Catharina Hooft auch reichlich goldenen Schmuck mit einem Anhänger, der mittig einen großen roten Stein zeigt. In ihrer linken Hand hält sie zudem eine goldene Rassel mit kleinen Schellen. Am oberen Ende der Rassel ist ein Stück aus einem dunklen, nicht eindeutig zu definierendem Material zu erkennen. Derartige Aufsätze bestanden in der Regel aus Halbedelsteinen, Korallen oder Perlmutt und dienten als eine Art von Beißring während des Zahnens. Vermutlich wurde die hier dargestellte Rassel nach einem konkreten Vorbild gemalt und befand sich vermutlich wirklich im Besitz von Catharina Hooft. Tatsächlich ist im Nachlass ihres Sohnes, der 1709 kinderlos verstarb, „eine goldene Rassel“ mit exakter Gewichts- und Wertangabe aufgeführt, die möglicherweise von seiner Mutter stammte. Da sich eine erstaunlich große Vielfalt von Rasseln auf niederländischen Kinderporträts des 17. Jahrhunderts finden lässt, geht man heute davon aus, dass es sich in den meisten Fällen um den realen Besitz der präsentierten Kinder handelt.Im Gegensatz zu dem kleinen Mädchen, ist die dargestellte Amme ihrem Status als Bedienstete entsprechend schlicht gekleidet. Sie trägt ein altmodisches, schwarzes Kleid, eine Haube und einen einfachen Faltenkragen. Vor allem jedoch fehlen ihr, die für eine Dame obligatorischen, Manschetten an den Ärmeln. In ihrer Rechten befindet sich eine Birne, die sie empor hält und dem Kind anbietet. Ammen, deren Aufgabe ausschließlich in dem Stillen und Betreuen eines Kindes bestand, nahmen in der Regel im Hausgesinde eine hervorgehobene Stellung ein. Nur wenige Familien der Oberschicht oder des gehobenen Bürgertums konnten sich den Luxus einer Amme leisten, die damit zu einer Art von Statussymbol wurde. Im Gegensatz zu Frankreich oder England, wo viele Kinder zu einer Amme auf dem Land gegeben wurden, handelte es sich in der Republik der Vereinigten Niederlande bei den Ammen um hauseigene Bedienstete. Aufgrund der innigen Bindung zum Kind waren Bezahlung und Wertschätzung der Ammen deutlich höher, als bei anderen Bediensteten. Oftmals blieb auch nach dem Weggang der Frauen eine herzliche Beziehung zu ihnen bestehen. In Frans Hals Porträt kommen die große Vertrautheit und das innige Verhältnis von Amme und Kind, aber auch die deutlichen Standesunterschiede, die sich vor allem in der Kleidung wiederspiegeln, deutlich zum Ausdruck. Möglicherweise wurde das Doppelporträt denn auch als Erinnerungsstück beauftragt. Wie zeitgenössische Dokumente belegen, bewahrte Catharina Hooft ihr Kinderbildnis zeitlebens. Nach ihrem Tod 1691 gelangte es in den Besitz ihres Sohnes Pieter de Graeff, in dessen Nachlassinventar es als »een minne met een Kindje van Frans Hals« (eine Amme mit einem kleinen Kind von Frans Hals) auftaucht.So spontan und natürlich die Berliner Komposition erscheint: die Amme mag derart posiert haben, das einjährige Kind ganz sicher nicht. Es ist Frans Hals Kunstfertigkeit zu verdanken, dass das Bild einen so unkomplizierten, die Figuren einen so eng aufeinander bezogenen Eindruck machen, in dem die Momenthaftigkeit der Erscheinung und die lebensvolle Gegenwärtigkeit in der meisterhaft-illusionistischen Malweise festgehalten wurde.Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019______________________________________________________________________________This portrait of a little girl painted by Frans Hals in about 1620 is a great rarity in 17th-century Dutch painting, as she is presented here with her nurse, a highly unusual form of depiction. Furthermore, this painting is the only portrait of a child by Frans Hals that is known today.It represents Catharina Hooft, who was born in 1618 in Amsterdam, her parents’ only child. Shortly afterwards they moved to Haarlem, where her father, the lawyer Pieter Hooft, had bought a house, and where the Berlin portrait was presumably painted. Her uncle was the famous Dutch poet, historian and dramatist Pieter Corneliszoon Hooft. In 1635, at the age of only 17, she married a man 19 years older, the extremely wealthy Cornelis de Graeff, one of the most influential figures in then government of Amsterdam, mayor of the city several times, and also a statesman and diplomat in the service of the province of Holland and the Republic of the United Netherlands. In keeping with her elevated social status, Catharina was shown in 1636 with her husband on two life-sized matching portraits by the Amsterdam painter Nicolaes Eliasz Pickenoy, conscious of her rank as one of the leading ladiesin the country (fig. p. 241).The special social status of the small girl presented here is quickly made apparent by her elaborate clothing. She wears a precious brocade dress, reproduced in faithful detail, with the finest lace. Frans Hals particularly emphasised the bobbin lace by showing the projecting tips of the collar and the bonnet against a dark background. The stiffness of the starched lace, which stands out straight from the body without bent ends, is clearly visible. Although in the 17th century girls and boys were not given gender-specific clothes until their seventh year, it can be seen from details of the costume, for example the flat, broad collar and the slightly angular form of the bonnet, that this child must be a girl. Both girls and boys wore ribbons hanging down at the back from their shoulders, partly as an aid in learning to walk. These can be seen dangling from the top rear of the sleeve of Catharina Hooft’s little dress. In addition to her highly exclusive clothes, Catharina Hooft wears a good deal of golden jewellery, with a pendant that includes a large red stone at its centre. In her left hand, she also holds a golden rattle with small bells. At the top of the rattle is a piece of a dark material that cannot be conclusively identified. Such pieces were usually made of semi-precious stones, coral or mother of pearl, and were used as a kind of teething ring. The rattle shown here was presumably painted according to a specific original and really belonged to Catharina Hooft. Indeed, in the estate of her son, who died childless in 1709, is listed “a golden rattle” with exact details of its weight and value that may have been passed down by his mother. As an astonishing variety of rattles can be seen on Dutch children’s portraits of the 17th century, it is believed today that in most cases they actually belonged to the children portrayed.In contrast to the little girl, the nurse is clothed in accordance with her status as a servant. She wears an old-fashioned black dress, a bonnet and a plain pleated collar. Above all, she lacks the cuffs on her sleeves that were obligatory accessories for a woman. In her right hand is a pear, which she holds up and offers to the child. Nurses, whose tasks consisted exclusively in breast-feeding and looking after a child, usually had a leading position among the household servants. Only a small number of families from the upper class or the higher bourgeoisie could afford the luxury of a nurse, who thus became a kind of status symbol. In contrast to the situation in France and England, where many children were sent out to a nurse in the country, nurses were domestic staff in the Republic of the United Netherlands. In recognition of their close ties to the child, nurses enjoyed considerably higher wages and appreciation than other servants. A warm relationship to these women often remained even after they left. Frans Hals’ portrait clearly expresses the great intimacy and close relationship between nurse and child, but also the large difference in rank, which is reflected above all in their clothing. The double portrait was possibly commissioned as a souvenir piece. As shown by contemporary documents, Catharina Hooft kept the portrait from her childhood to the end of her life. After her death in 1691, it came into the possession of her son Pieter de Graeff and appears in the inventory of his estate as “een minne met een Kindje van Frans Hals” (a nurse with a small child by Frans Hals).Spontaneous and natural as the composition of the work in Berlin seems, the nurse may have posed in this way, but the one-year-old child undoubtedly did not. It is a mark of Frans Hals’ artistry that the painting makes such an uncomplicated impression, the persons portrayed an appearance of such closeness, thanks to his masterly illusionistic manner of painting that captures the momentary nature of the scene and its lifelike presence. Katja Kleinert | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Die Trauernden einer Kreuzabnahme

Die Trauernden einer Kreuzabnahme

Das in Tempera auf Leinwand gemalte Bild gehört zu den wenigen in dieser Technik ausgeführten Gemälden, den sogenannten Tüchlein, die aus dem 15. Jahrhundert erhalten sind. Der empfindliche Farbauftrag und Bildträger sowie das feuchte Klima diesseits der Alpen haben dazu beigetragen, daß die Zahl der Tüchlein gering und ihr Erhaltungszustand oft nicht sehr gut ist. Nicht nur deshalb, sondern auch wegen der halbfigurigen Kompositionsform verdient dieses von Hugo van der Goes geschaffene Werk besondere Beachtung. Dargestellt ist die Gruppe der nächsten Angehörigen Christi, die seinen Tod betrauern. Dicht gedrängt stehen sie beieinander, vereint in ihrem gemeinsamen Schmerz, dem der Künstler auf höchst subtile Weise Ausdruck verliehen hat. Im Vordergrund steht die jugendliche Gottesmutter, die ihre Hände in einer Gebärde tiefer Ergebenheit vor der Brust kreuzt und ihr gesenktes Haupt leicht zur Seite neigt. Bei ihr ist Johannes, der Lieblingsjünger Christi, der ihre Schultern berührt, sie stützt und zu trösten sucht. Lebhafter in den Äußerungen ihrer Trauer erscheint Maria Magdalena, die rechts daneben steht, ihre Hände ringt und den Kopf mit den verweinten Augen zur Seite wendet. Die Gruppe beschließen die beiden anderen Marien, Maria Salome und Maria Jacobi, von denen eine die Hände klagend emporhebt, während sich die andere die Tränen aus den Augen wischt. Den Hintergrund bilden der Hügel Golgathas und ein schmaler Streifen blauen Himmels. Die Farbigkeit des Bildes, in der einst der leuchtendrote Mantel des Johannes und das blaue Kleid Marias die Akzente setzten, wirkt heute matt und gedämpft. Die Komposition und die geschilderte Begebenheit sind unvollständig ohne den Bezugspunkt der Klage und Trauer: die Darstellung des toten Christus, die einst das Gegenstück zu unserem Tüchlein gebildet hat. Die Kopien der beiden Kompositionen, insbesondere die bemerkenswerte Neufassung des Werkes durch Hans Memling (Granada, Capilla Real), vermitteln eine gute Vorstellung von dem ursprünglichen Eindruck der beiden Tüchlein. Erst 1950 ist das vermißte Gegenstück mit der Kreuzabnahme aufgetaucht. Die Darstellung ist hier ganz auf die Präsentation des von drei Männern gehaltenen und dem Betrachter vorgewiesenen Körpers Christi abgestimmt. Den Mittelpunkt bildet der entseelte Leib mit der Seitenwunde und den kraftlos herabhängenden Armen. Der Hügel Golgathas und die Leiter, mit deren Hilfe Christus vom Kreuz abgenommen wurde, sind die einzigen Hinweise auf den Ort der Handlung und den Zeitpunkt des Geschehens. Für das Tüchlein-Diptychon hat sich in der Forschung die Bezeichnung Kleine Kreuzabnahme eingebürgert, im Gegensatz zur sogenannten Großen Kreuzabnahme, einer breitformatigen Komposition des Künstlers, deren originale Fassung nicht mehr erhalten, jedoch durch zahlreiche Kopien überliefert ist. Die anhaltende Bewunderung für die von Hugo van der Goes geschaffenen Kompositionen ist gewiß auch damit zu erklären, daß der Künstler die Bildform des Halbfigurenbildes konsequent auf ein handlungs- und figurenreiches Thema übertragen hat. Es war dies eine kompositionelle und thematische Bereicherung, die die Entwicklung des »erzählenden Halbfigurenbildes« in den Niederlanden bis weit ins 16. Jahrhundert hinein bestimmt hat. | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2010_____________________________________________________________________This picture in tempera on canvas is one of the few 15th-century paintings using this technique to have survived. It shows Christ’s followers mourning his death. In the foreground is the Mother of God, crossing her hand over her breast and inclining her lowered head slightly to the side. Next to her is John, supporting her and trying to comfort her. The group is completed by Mary Magdalene and the two other Marys. In the background the hill of Golgotha and a narrow strip of blue sky can be seen. The composition the event depicted are incomplete without the reference point for the lamentation and mourning. The former companion piece is a depiction of the dead Christ (New York, private collection).| Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2012