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Diptychon mit thronender Madonna und Kreuzigung

Ident. Nr.: 1627

ObjID: obj:870802

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Kölner Meister, um 1300-1330,
Maler*in
Date(s)
Ausführung: um 1300/30
Systematics/Type
Additional titles
Collection title: Diptychon mit thronender Madonna und Kreuzigung
Translation: Diptych with Madonna enthroned and crucifixion
Geographical references
Entstehungsort stilistisch: Köln,
Stadt
Material / Technique
Eichenholz
Dimensions
Bildmaß: je Flügel 49,6 x 34,2 cm
Acquisition
1904 Ankauf aus der Sammlung Sir Charles Robinson, London

Object Description

Das Berliner Diptychon gilt zu Recht als ein qualitativ herausragendes Beispiel unter den spärlich überlieferten gotischen Malereien des 14. Jahrhunderts. Als transportables und zudem mit zwei Schauseiten versehenes Werk war es potenziell für die private Andacht ebenso wie für die Zierde von Altären verwendbar; originale Eisenringe an der Oberkante ermöglichen die Aufhängung des Stücks. Auf der Rückseite des rechten Flügels, die im geschlossenen Zustand die Schauseite bildet, ist die Verkündigung an Maria mit formatfüllenden Figuren ohne jede Rahmung zu sehen. Vor dunkelgrünem Grund tritt der Erzengel Gabriel der Jungfrau entgegen, die sich von einem steinernen Thron erhoben hat. Als Bühne dient ein schmaler, steinerner Bodenstreifen; links über Gabriel befand sich ursprünglich Gottvater, der die Taube des Heiligen Geistes auf roten Strahlen zu Maria niederschickt, die mit erhobener Hand die Botschaft des Engels annimmt.

Öffnet man die Flügel, erblickt man die Thronende Maria und die Kreuzigung Christi. Originale Rahmenprofile fassen die Bildfelder ein; sie sind mittels imitierter Emailplättchen und ehemals zahlreich eingesetzter Glasstücke wie eine Goldschmiedearbeit gestaltet. Den Grund der Bildflächen bedeckt ein in Pastiglia ausgeführtes Relief aus Ranken und Früchten, das jedoch vermutlich erst im 15. Jahrhundert über den ursprünglich glatten, punzierten Goldgrund gelegt wurde. Der linke Flügel ist aufgrund seiner Position auf der heraldisch rechten Seite und des großen Figurenmaßstabs als übergeordnet zu verstehen, und entsprechend kann das Programm des Diptychons in erster Linie als marianisch aufgefasst werden. Die Madonna sitzt als Himmelskönigin auf einem als Steinarchitektur gebildeten Thron, dessen Lehne mit einem goldenen Seidentuch bespannt ist. Christus fasst liebkosend an das Kinn der Mutter und wendet sich erschreckt von der Kreuzigung auf dem rechten Flügel ab, während Maria bekümmert wirkt. Beide geben so dem Vorwissen um das Leid bei der Erlösungstat Ausdruck. Die Kreuzigung Christi ist in deutlich kleinerem Maßstab als die Madonna gehalten. Christus hängt an einem Kreuz, dessen grüne Farbe es als »lignum vitae«, Baum des Lebens, kennzeichnet. Auf seiner rechten Seite stehen die Mutter und drei weitere Marien, auf seiner linken der Lieblingsjünger Johannes und der Prophet Jesaias, der die Szene nicht als historische, sondern alssymbolische Darstellung kennzeichnet. Mit der Kreuzigung ist seine Prophezeiung (Jesaia 53,5) erfüllt, die das Spruchband wiedergibt: »Er ist um unserer Missetaten willen verwundet worden«.

Künstlerisch zeigt sich das Diptychon stark von französischer Malerei des späten 13. Jahrhunderts inspiriert. Die schlanken, eleganten Gestalten werden von faltenreichen, kunstvoll drapierten Gewändern umhüllt; Gesichter sind fein modelliert, aber nicht individualisiert. Draperien werden mittels heller Höhungen zu einer kraftvollen, reliefartigen Plastizität ausgearbeitet. Ihre Farben sind schön und gewinnen durch Lasuren Tiefe; Lüsterungen auf Blattgold stellen Goldstoffe dar. Eine eng verwandte Auffassung der Figuren, ein ähnliches Volumen der Faltenformationen und vergleichbare Ansätze zu einer Räumlichkeit finden sich ebenso in anderen Kölner Buch, Tafel- und Glasmalereien des späten 13. und frühen 14. Jahrhunderts. Genannt sei vorallem ein Fenster mit der Anbetung der Könige im Obergaden des Kölner Domchors; in diesem aus den 1290er-Jahren stammenden Werk gleicht die Muttergottes in Motiven, Faltenformationen und Gesichtstyp der Madonna des Diptychons ungemein. Eine Datierung des Diptychons um 1300 oder wenig später, d. h. ganz am Anfang der aus Köln überlieferten Folge von Tafelbildern, dürfte daher plausibel sein. Stephan Kemperdick | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019

SIGNATUR / INSCHRIFT: rechts Innen Die Kreuzigung Christi: IPSE VULNERAT(US) EST PROPT(ER) INIQUITATES N(OST)RA(S) ; rechts Außenseite Die Verkündigung an Maria: AVE MARIA GRACIA PLENA DO[MINUS TECUM]; links Außenseite Christusmonogramm: IHS
____________________________

The Berlin diptych is rightly regarded as a qualitatively outstanding example of the very few surviving pieces of 14th-century Gothic painting. As a portable work painted on both sides, it could potentially be used both for private worship and as altar decoration; original iron rings fixed to the upper edge allowed the piece to be hung. The reverse side of the right wing, visible when the diptych is closed, depicts the Annunciation in a format where the figures fill the pictorial space without any kind of framing (fig. left). Against a dark green ground, the Archangel Gabriel appears to the Virgin, who has risen from a stone throne. A narrow strip of stone floor serves as a stage. Above Gabriel on the left, God the Father was originally depicted sending the dove of the Holy Spirit on red rays down to Mary, who is receiving the angel’s tidings with raised hand.

When the wings of the diptych are opened, images of the Virgin Enthroned and Christ’s Crucifixion are revealed. The pictorial fields are framed by original relief frames made of imitated enamel plates and what was once a large number of pieces of glass inset in a manner akin to a work of goldsmithery. A pastiglia relief of climbing plants and fruits, probably added later in the 15th century, covers the
original smooth, punched gold ground of the pictorial spaces. On account of its position on the heraldic right-hand side and the large scale of the figures, the left wing must be seen as the superordinate one; accordingly, the iconography of the diptych can be regarded as primarily Marian. The Madonna presides as the queen of heaven on a throne constructed as a piece of stone architecture, its backrest covered with a cloth of golden silk. Christ caresses his mother’s chin affectionately, turning away in fear from the crucifixion depicted on the right wing, while Mary looks on
anxiously. Their expressions reveal that they already anticipate the suffering to be experienced during the act of redemption. The Crucifixion is depicted on a much smaller scale than the Virgin. Christ hangs on a green cross, the colour signifying that this is the lignum vitae, the tree of life. His mother and the three other Marys are standing to his right; to his left is his favourite disciple John and the Prophet Isaiah, signalling that the scene is not a historical but a symbolic depiction. The crucifixion represents the fulfilment of the prophecy (Isaiah 53:5), written on the scroll: “But he was wounded for our transgressions.”

In artistic terms, the diptych seems to be strongly inspired by late 13th-century French painting. The slender, elegant figures are shrouded in artfully draped robes with many folds; their faces are finely modelled yet not individualised. The draperies achieve an effect of relief-like plasticity by means of light-coloured heightenings. Their colours are beautiful and the glazes lend them depth. Gold fabric is portrayed using glazes on gold leaf. Other book, panel and glass paintings from late 13th- and early 14th-century Cologne exhibit very similarly conceived figures, a similar volume of fold formations and the use of comparable methods to portray three-dimensionality. Specific mention should be made here of a window depicting the Adoration of the Magi in the clerestory of the Cologne Cathedral choir. In this work, dating from the 1290s, the Mother of God looks remarkably similar in terms of motifs, fold formation and facial type to the Madonna in the diptych. A date of the diptych to around 1300 or slightly later – right at the beginning of the surviving series of panel paintings from Cologne, in other words – thus seems plausible. Stephan Kemperdick | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Last updated: 30.07.2026

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Institution:

Gemäldegalerie

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Christus als Schmerzensmann mit Maria und Johannes

Christus als Schmerzensmann mit Maria und Johannes

Christus sitzt niedergesunken vor dem Kreuz am Boden, während es auf Golgatha Abend wird. Seine Glieder wirken kraftlos; Wundmale an Händen und Füßen sowie die Dornenkrone zeichnen den Gemarterten. Als weitere Arma Christi lehnen der Ysop-Stab mit Essigschwamm, die Lanze und eine Leiter gegen das Kreuz; die drei Nägel liegen weiter hinten links im Halbdunkel. Ein Stück entfernt von Christus sitzt Maria, ganz in Dunkelblau. Sie ringt die Hände im Schmerz und blickt traurig zu ihrem Sohn hinüber. Neben ihr hockt Johannes, der sich eng in seinen roten Mantel gehüllt hat und das kummervolle Gesicht in der bekannten Melancholie-Geste in die linke Hand stützt. Von der grünen Wiese um die Protagonisten herum setzt sich die felsige Hintergrundlandschaft ab. Unter einem baumbestandenen Hügel ganz links öffnet sich die für Christus bestimmte Grabeshöhle mit einem rötlichen Steinsarkophag darin, während sich rechts die ummauerte, von einem Graben geschützte Stadt Jerusalem mit zahlreichen Türmen und dem runden Salomonischen Tempel in ihrer Mitte erhebt. Durch das Stadttor kehrt soeben der letzte der an der Kreuzigung Beteiligten zurück. Er hat ein bläuliches Tuch über die Schulter geworfen, bei dem es sich um den unteilbaren Rock Christi handeln dürfte.Künstlerisch höchst subtil und poetisch ist die kleine Tafel auch ikonografisch ungewöhnlich, vielleicht sogar einzigartig unter den Gemälden der Zeit um 1400. Auf eigenwillige Art wird nämlich in dem Bild eine Szene, die einen bestimmten Moment der Passionsgeschichte aufgreifen könnte, mit der dem Handlungsablauf völlig enthobenen Gestalt Christi kombiniert. Dieser erscheint als Schmerzensmann, der gestorben und doch lebendig, Mensch und Gott zugleich ist. Die Erlösungstat ist »vollbracht« (Johannes 19,30), doch statt des Todes hat den Erlöser hier Erschöpfung ergriffen. Wahrscheinlich haben wir es bei dem Berliner Bild mit einer ikonografischen Neuerfindung zu tun, die den spezifischen Wünschen des Auftraggebers entsprang. Hier soll nicht zeichenhaft oder repräsentativ vorgeführt, sondern über den emotionalen Gehalt eines üblichen Schmerzensmannes hinaus das Miterleben und Mitfühlen angespornt werden: Johannes scheint die traurig-meditative Haltung vorzugeben, mit der das Bild vom Gläubigen betrachtet sein will. Maria aber fungiertals primäre Vermittlerin, sie nimmt die Mitte des Bildes ein, ist uns zugewandt und zugleich auf Christus ausgerichtet.Künstlerisch lässt sich das Täfelchen der großen Gruppe österreichischer Tafelmalereien aus dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts zuordnen. Obgleich sich verschiedene Notnamen etabliert haben, ist eine genauere Zuordnung der einzelnen Werke problematisch. Das Berliner Täfelchen steht sowohl den Tafeln eines Marienlebens in Klosterneuburg, die unter der Bezeichnung »Meister der Darbringungen « geführt werden, als auch der großen, in London befindlichen Tafel eines Gnadenstuhls nahe; ob es aber von einem der jeweils verantwortlichen Maler selbst stammt, muss offen bleiben. Stephan Kemperdick | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________Christ is slumped on the ground below the cross as evening falls on Golgotha. His limbs are limp, drained of strength; the stigmata on his hands and feet and the crown of thorns signify his martyrdom. Other arma christi or instruments of the Passion – the hyssop reed with, the sponge of vinegar, the lance and the ladder – are leaning against the cross; further behind on the left in the semi-darkness lie the three nails. The Virgin Mary, clad entirely in dark blue, sits a short distance away from Christ. She is wringing her hands in sorrow as she looks sadly across to her son. John, who has wrapped himself tightly in his red cloak, is squatting beside herleaning his sad face on his left hand in the well-known gesture of melancholy. The rocky landscape in the background contrasts with the grassy meadow surrounding the protagonists. Below a tree-lined hill on the far left, the cave sepulchre intended for Christ containing a reddish stone sarcophagus opens up, while on the right the many towers of the walled and moated city of Jerusalem point skywards. The round Temple of Solomon can be seen in the middle. The last of those who attended the crucifixion is returning through the city gate. He has thrown a bluish cloth over his shoulder, probably the Seamless Robe of Christ. In artistic terms, the small panel is extremely subtle and poetic. Its iconography is unusual, if not indeed unique among the paintings of the period around 1400, for it combines a scene apparently portraying a moment in the Passion story with a Christ figure completely disassociated from the course of events. Here Christ is depicted as the Man of Sorrows, who has died and yet lives on simultaneously as man and God. The act of redemption has been “fulfilled” (John 19:30), but here the saviour is shown not as dead but as overcome with exhaustion. Probably the Berlin painting was an iconographic novelty painted to fulfil the specific wishes of the person who commissioned it. The work is not intended as an emblematic or showcase piece but instead seeks to go beyond the emotional substance usually associated with a Man of Sorrows to encourage the viewer to witness and empathise with what he or she sees: Saint John appears to be demonstrating the melancholy, meditative pose with which the faithful are supposed to view the painting. However, the chief intermediary is Mary. She occupies the centre of the picture, her gaze directed bothtowards the viewer and towards Christ. In art historical terms, the small panel can be placed among the large group of Austrian panel paintings from the first third of the 15th century. Although various provisional names for the artist have become established, a more precise attribution of the individual works is difficult. The little Berlin panel bears a close resemblance both to the panels depicting the Life of the Virgin Mary in Klosterneuburg, whose author is known as Master of the Presentations, and to the large panel of the Throne of Mercy in London. Whether either of the painters responsible for these works painted the Berlin panel must remain open, however. Stephan Kemperdick | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019

Wladislaw IV. (1595-1648) von Polen / Allegorische Darstellung der Tugend

Wladislaw IV. (1595-1648) von Polen / Allegorische Darstellung der Tugend

Der dargestellte Wladislaw IV. (1595 – 1648) war seit 1632 König von Polen. Auf seinem reich dekorierten Wams ist eine Kette erkennbar, die ihn als Ritter des Ordens vom Goldenen Vließ kennzeichnet, dem er seit 1615 angehörte. Er trägt ein violettes Käppchen. Auffällig an der Frisur Wladislaws IV. ist ein dünner Zopf, der auf die linke Schulter fällt und dessen Ende von einer breiten Schleife zusammengehalten wird. Er war in zweiter Ehe mit Louise – Marie, Prinzessin von Gonzaga, Mantua, Montferrat und Nevers („Fille de France“, d.h. Prinzessin von Geblüht) vermählt. Die Trauung fand in Abwesenheit des Bräutigams im Jahre 1645 in der Kathedrale St. Denis statt. Dabei wurde der polnische König durch den Woiwoden von Posen, Christoph Graf Bnin Opalinski vertreten. Mehrmonatige Feierlichkeiten zogen Viele nach Paris, so auch den gefragten Genfer Miniaturmaler Paul Prieur (Um 1620 - 1682/83). Der umtriebige Hugenotte schuf dort zu dieser Zeit auch die Berliner Miniatur. Es wird sich dabei um ein diplomatisches Geschenk des polnischen Königs an den Großen Kurfürsten (Friedrich Wilhelm von Brandenburg) gehandelt haben, der im Jahre 1640 Wladislaw IV. den Lehnseid als Herzog von Preußen leistete und 1646 aus Anlass des Einzugs der aus Paris kommenden polnischen Königin Louise-Marie in Danzig anwesend war. Auf dem Contreémail der Miniatur ist in der Mitte ein von der Sonne gekrönter Obelisk auf vier Kugeln auf einem Postament geschildert. Traditionell als „Gloria dei principe“ (Ruhm des Prinzen) lesbar. Dem gesellt sich die Umschrift HONOR VIRTVTIS PRAEMIVM (Ehre ist der Lohn der Tugend). Die vorzügliche, auf einem Bildträger aus Gold gearbeitet, Berliner Emailminiatur eröffnet die Reihe von Paul Prieurs datierten Arbeiten. SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf der Rückseite: HONOR VIRTVTIS PRAEMIVM (umlaufend); unten: prieur Fecit / 1645

Zwei Marktfrauen und ein Junge mit Geflügel und Gemüse

Zwei Marktfrauen und ein Junge mit Geflügel und Gemüse

Von den bedeutenderen Meistern des Bologneser Spätmanierismus (O. Samacchini, L. Sabatini, P. Fontana) war Bartolomeo Passarotti zweifellos der fortschrittlichste, derjenige, der am deutlichsten Stilelemente der Carracci vorwegnahm. Agostino Carracci war zeitweilig sein Schüler, Annibale Carracci wurde in seiner Frühzeit stark von ihm beeinflusst. Passarotti hat in Rom bei Taddeo Zuccari gearbeitet (1551), stand aber andererseits in der Tradition des Bologneser Manierismus (Pellegrino Tibaldi) und wurde auch von Parmigianino und Niccolò dell`Abate beeinflusst. Sein Oeuvre besteht aus drei Komplexen: Altarbilder, Porträts und Genrebilder. Die Altarbilder befinden sich ausnahmslos noch am Ort, in Kirchen Bolognas und der Emilia sowie im Museum von Bologna. Besonders berühmt war Passarotti als Porträtmaler. Seine weit verbreiteten und gelegentlich auf dem Markt vorkommenden Porträts bildeten die unmittelbare Vorstufe für die Porträtkunst der Carracci.Auch die kleinste Werkgruppe, die der Genrebilder, wurde für die Carracci vorbildlich. So galt das Berliner Bild der "Schachspieler", das 1971 dem Ludovico Carracci zuerkannt wurde, lange als Werk Passarottis (A. Venturi, 1933). Zu der kleinen Gruppe der Genrebilder Passarottis gehört das vorliegende, aus dem Londoner Kunsthandel angebotene Bild einer halb stilllebenhaft, halb porträthaft (in Dreiviertelfiguren) gefassten Marktszene: eine alte Marktfrau, die mit Geflügel und Gemüse handelt, preist ihre Hühner an. Mit beiden Armen hat sie eine Henne und einen Hahn gepackt und hält sie dem Betrachter als ideellem Käufer entgegen, ihn anblickend, den sprechend geöffneten Mund zu einem leichten Lächeln verzogen. Sie lehnt mit dem rechten Arm auf den hölzernen Hühnerkäfig, auf dem links hinten ein Hahn thront. Im Hintergrund ferner eine Stange, an der, mit einem Band befestigt, ein Schild hängt, auf dem der Buchstabe P (= Pollaiolo [Geflügel-Verkäufer], aber wohl auch das Monogramm des Künstlers) steht. In der rechten Bildhälfte sieht man eine bildeinwärts gerichtete junge Frau mit ihrem Jungen. Es bleibt unklar, ob sie eine Kundin oder eine zweite Verkäuferin ist. Das Halsband aus roten Steinen und der relativ aufwendige, schleierartige Überhang deuten wohl eher auf eine Kundin hin. Ihr verlorener Blick aus den Augenwinkeln geht am Betrachter vorbei. Sie schmiegt ihr Kind mit dem linken Arm an sich (sie greift in sein Haar), vielleicht will sie den Jungen, der gerade mit der Hand nach einem Kürbis greift, zurückhalten. Im Vordergrund unten ein Korb (oder eine Karre) prallgefüllt mit Zwiebeln und Kürbissen.Die Figuren und der stilllebenhaft arrangierte Kürbishaufen sind eng ins Bildfeld eingepasst. Figuren und Formen, ganz in der vordersten Bildebene platziert, vermitteln den Eindruck bedrängender Nähe und handgreiflicher Wirklichkeit. Dieser Eindruck wird unterstrichen durch die pastose Malweise, die freie, lockere Pinselschrift, eine Faktur, die, zusammen mit der Art der Gewandbehandlung und der Modellierung, vor allem aber der Farbigkeit, ganz unmittelbar auf die wenige Jahre später entstandenen Genrebilder Annibale Carraccis (Schlachterladen in Oxford, Bohnenesser in Rom, Gal. Colonna) vorausweist. Annibale Carracci hat in seinen Genrebildern, die alle in die Frühzeit fallen, mit dem gleichen Realismus, der gleichen Naturbeobachtung gearbeitet. Gleichwohl würde man die Bilder als lediglich realistische Markstücke im Sinne des 19. Jahrhunderts missverstehen. Im vorliegenden Bild ist offenbar eine Anspielung auf die drei Lebensalter mit gemeint, außerdem hat die neuere Forschung in den Genrestücken Passarottis und Carraccis Bezüge zur Commedia dell`arte gesehen (letztlich auf Aristoteles' Poetik fußend; vgl. B. Wind, Pitture ridicole: Some Late Cinquecento Comic Genre Paintings, in: "Storia dell'Arte", 20, 1974; ders., Annibale Carracci's "Scherzo": The Christ Church Butcher Shop, in: "The Art Bulletin" 1976). So wie Passarottis Genrebilder einerseits auf die Carracci vorausweisen, fußen sie andererseits auf niederländischen Vorbildern, vor allem von Aertsen und Beuckelaer (vgl. H. Bodmer, Die Kunst des Bartolomeo Passerotti, in: "Belvedere" 1938).Das vorliegende Werk war bis zur Erwerbung unpubliziert. Seine Komposition war jedoch aus einer qualitativ unterlegenen Werkstattreplik bekannt, die Daniele Benati (Una 'Lucrezia' e altre proposte per Bartolomeo Passerotti, in: "Paragone" 379, 1981) publiziert hat. Benati datiert das vorliegende Original in die späten siebziger bzw. frühen achtziger Jahre. Es gibt außer diesem Bild nur noch fünf vollwertige Genrebilder Passarottis, von denen drei Bilder (alle querformatig) dem vorliegenden stilistisch und ikonographisch engstens verwandt sind: "Zwei Fischverkäufer" und "Zwei Schlachter" in Rom, Galleria Nazionale d'Arte Antica (ehemals Slg. Messinger, München) und "Zwei Geflügelverkäuferinnen" (Florenz, Stiftung Longhi, ehemals Berlin, C. Benedict). Diese drei Bilder sind in einem Inventar der Slg. der Marchesi Mattei (Rom) von 1614 zusammen mit einem vierten aufgeführt, das zwei Geflügelverkäuferinnen mit einem Kind darstellt. Es läge nahe, das vorliegende Bild mit dem vierten Bild zu identifizieren, wenn nicht das andersartige Hochformat dagegen spräche. Die Verbindung von derber Drastik des Motivs, von zupackendem Realismus mit malerischer Kultur der Ausführung ist das Charakteristische dieses und der anderen Genrebilder Passarottis. Zugleich ist das Bild ein frühes und bedeutendes Beispiel der für Italien auch im frühen 17. Jahrhundert wichtigen Bildform eines vegetabilen Stilllebens (Gemüse, Früchte, Blumen) mit begleitenden Figuren. SIGNATUR / INSCHRIFT: Bez. auf dem Ladenschild oben: P