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Middelburger-Altar / Bladelin-Altar

Ident. Nr.: 535

ObjID: obj:871762

Details (expert)

Creator/Entity
Ausführung: Rogier van der Weyden (1399 - 1464),
Maler*in
Date(s)
Ausführung: um 1445/50
Additional titles
Collection title: Middelburger-Altar / Bladelin-Altar
Bladelin-Altar
Die Sibylle von Tibur zeigt Kaiser Augustus die Erscheinung der Muttergottes
Die Geburt Christi mit dem Stifter Pieter Bladelin (gest. 1472)
Der Stern in Gestalt des Kindes erscheint den Heiligen Drei Königen
Maria der Verkündigung
Engel der Verkündigung
Translation: Middelburg Altarpiece / Bladelin Altarpiece
Geographical references
Brüssel,
Stadt
Material / Technique
Eichenholz
Dimensions
Tafelmaß: je Flügel 93,5 x 41,7 cm
Acquisition
1834 Ankauf von der Kunsthandlung Lambert Jean Nieuwenhuys, Brüssel

Object Description

Rogier van der Weyden, der von seinen Zeitgenossen fast ebenso sehr bewundert wurde wie Jan van Eyck, hat durch seine prägnante, asketisch strenge Formensprache und seinen plastischen, wirklichkeitsnahen Stil das Gesicht der nordländischen Kunst entscheidend geprägt. Er war die Zentralfigur der niederländischen Malerei in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Eine künstlerische Ausstrahlung von solcher Breite und Tiefe konnte nur einem genialen Künstler beschieden sein, dessen Schaffen sich kongenial zu seiner Umgebung und Zeit entwickelte. Die Beinamen unseres Altares erinnern an den Ort, für den er der Überlieferung nach bestimmt war, sowie an seinen möglichen Stifter Pieter Bladelin (um 1410-1472). Bladelin, der vom Steuereinnehmer seiner Vaterstadt Brügge zum allgewaltigen Finanzminister des burgundischen Staates und zum Schatzmeister des Ordens vom Goldenen Vlies aufgestiegen war, ist eine der herausragenden Persönlichkeiten der an ungewöhnlichen Männern so reichen Zeit. Die Macht Burgunds beruhte auf der Kapitalkraft des Landes und seiner vornehmsten Repräsentanten, die die Herzöge durch Schenkungen und Begünstigungen förderten und so für ihre Ziele gewannen. Das Leben am Hof mit seinen Festen und Turnieren, bestimmt durch die hohen Ideale des Rittertums, war Bestandteil dieser Lebensform, die auch für Bladelin als Ritter, Vertreter des Großkapitals und einflußreicher Ratgeber Philipps des Guten von Burgund verbindlich war. Er ist unter anderem mit der Aufgabe betraut worden, die Geldmittel für den Kreuzzug gegen die Türken zu verwalten. Im Jahre 1440 wurde er mit der wichtigen Mission beauftragt, Karl von Orléans aus der englischen Gefangenschaft loszukaufen, in die ihn die vernichtende Niederlage des französischen Ritterheeres in der Schlacht von Azincourt (1415) geführt hatte. Die steile Karriere Bladelins, sein politischer Einfluß und sein ungeheurer Reichtum haben selbst seine Zeitgenossen in Erstaunen versetzt. Die schier unbegrenzten Geldmittel verwendete er zu Eindeichungen – der Bladelinpolder zwischen Sluis und Zuidsande erinnert an ihn – und seiner wohl ungewöhnlichsten Leistung: der Gründung einer neuen Stadt. Auf unbebautem Land nordöstlich von Brügge, einst im Besitz der Abtei von Middelburg auf Zeeland, ließ Bladelin die Stadt Middelburg errichten. Die Stadtgründung umfaßt den Zeitraum von 1448 bis 1464. Im Jahre 1460 wurde die Kirche geweiht, für die der von Rogier van der Weyden geschaffene Altar möglicherweise bestimmt war. Der Altar gehört zu den Werken, die die Kunst Rogiers in vollkommener Weise repräsentieren. Es ist deshalb nicht erstaunlich, daß er schon früh als vorbildhaft empfunden und demzufolge häufig kopiert worden ist. Eine dieser Kopien, die sich noch heute in der Kirche von Middelburg befindet, sowie die Zitation der Stadtansicht der Mitteltafel in der 1641/44 erschienenen »Flandria Illustrata«, wo sie als Bladelins Schloß bezeichnet wird, haben die Argumente zur Bestimmung der Herkunft des Altares und seines Stifters Pieter Bladelin geliefert. Allerdings handelt es sich bei der Stadt auf dem Gemälde um eine Phantasieansicht von Bethlehem, keineswegs um ein Porträt von Middelburg. Zweifel an der Identifikation des ursprünglichen Aufstellungsortes und des Stifters bleiben daher bestehen. Auf der Mitteltafel, im Zentrum des Altares, ist die Geburt Christi dargestellt. Sie bildet den inhaltlichen Mittelpunkt des Werkes. In der Ruine des Stalles liegt das göttliche Kind, dem sich Maria, Joseph, drei Engel und der Stifter andachtsvoll zuwenden. Aus der Höhe schweben drei weitere Engel herab, während in der sich links im Hintergrund anschließenden Landschaft die Verkündigung der Christgeburt an die Hirten dargestellt ist. Rechts im Hintergrund schließt sich der Ausblick auf die Stadt an, in der die Menschen ihren täglichen Verrichtungen nachgehen. Alter Tradition folgend, hat Rogier van der Weyden die Darstellung der Geburt Christi durch beziehungsreich ins Bild gesetzte Motive bereichert, um die tiefe Bedeutung des Geschehens darzulegen. Die romanischen Architekturformen des Stalles sind Zeugen einer vergangenen Epoche, die durch das Erscheinen des Erlösers, das den Beginn der Gnadenzeit ankündigt, ihr Ende gefunden hat. Die massive Säule, die das Dach des Stalles trägt, ist als Motiv im Mittelalter mit der wunderbaren Geburt des Kindes verknüpft und auch als Sinnbild der Geißelsäule auf den bevorstehenden Leidensweg Christi bezogen worden. Die Kerze in der Hand Josephs, deren schwacher Schein vom überirdischen Licht des göttlichen Kindes überstrahlt wird, ist ein Motiv, das Rogier den Offenbarungen der heiligen Birgitta von Schweden (1303-1373) entnommen hat. All diese symbolischen Hinweise dienen dazu, das Geschehen als Anbruch einer neuen Epoche zu interpretieren, die den Menschen die Erlösung verheißt. Nahe den heiligen Personen hat Rogier van der Weyden den Stifter dargestellt, der andachtsvoll im Gebet niederkniet. Er trägt das schwarze, mit Pelz verbrämte Gewand, das von den burgundischen Herzögen und den ihnen nahestehenden Persönlichkeiten getragen wurde. Zeichen der hohen sozialen Stellung sind auch die Schnabelschuhe, deren Länge Rang und Würde ihres Trägers erkennen lassen. Ebenso ausdrucksvoll wie in seinen autonomen Bildnissen hat Rogier van der Weyden die klar geschnittenen, energischen Gesichtszüge des Stifters erfaßt und mit großer Eindringlichkeit der Nachwelt überliefert. Das Programm des Altares findet seine Ergänzung durch die Darstellungen auf den das Mittelbild rahmenden Flügeln. Links ist die Verkündigung der Geburt Christi an Kaiser Augustus dargestellt, die die Legenda aurea überliefert. Es heißt dort, daß der Kaiser von den Senatoren gedrängt worden sei, sich göttliche Ehren erweisen zu lassen und dieser deshalb die Sibylle befragte, ob je ein mächtigerer Herrscher als er geboren würde. Da erschien um die Mittagsstunde – es war der Tag der Geburt Christi – am Himmel die Madonna mit dem Kind auf einem Altar. Die Sibylle offenbarte dem Kaiser die Macht des Kindes; dieser opferte angesichts der Vision Weihrauch und wünschte fortan, selbst nicht als Gott verehrt zu werden. Wir sehen den Kaiser, der vor der Vision niederkniet, sein Opfer darbringt und den Kronenhut voller Ehrfurcht in der Hand hält. An seiner Seite steht die Sibylle, die das himmlische Zeichen deutet. Zeugen des Geschehens sind drei Männer aus dem Gefolge des Kaisers. Der Verkündigung der Geburt Christi an Augustus, den Herrscher des Abendlandes, ist auf dem rechten Flügel die Verkündigung an die Könige des Morgenlandes gegen - übergestellt. Wir erblicken die Heiligen Drei Könige, die nahe dem Gipfel eines steilen Berges niedergekniet sind und den Aufgang des Sternes am Himmel in stiller Andacht betrachten. In der Legenda aurea findet sich der Bericht über ein weiteres Wunder, das sich am Tage der Geburt Christi ereignete. Danach war den Königen, als sie auf einem Berge beteten, ein Stern erschienen »in eines schönen Kindleins Gestalt«; und das Kind sprach zu ihnen: »Machet euch auf nach Judaea, da findet ihr das Kindlein geboren.« In der Ferne, nahe dem zum Berg hinaufführenden Weg, sind die Könige ein weiteres Mal wiedergegeben. Sie haben sich ihrer Kleider entledigt, um sich im Fluß zu waschen. Auch hierfür liefert die Legenda aurea die Erklärung. Da den Königen von Bileam geweissagt war, daß ein Stern aus Jakob aufgehen und sich ein Szepter aus Israel erheben werde (4. Mose 24, 17), pflegten sie alljährlich auf den besagten Berg zu gehen, um dort nach einer Waschung, das heißt der symbolischen Reinigung, auf das Erscheinen des Sternes als Zeichen für die Geburt des Erlösers zu warten. Das Programm des Altares steht demnach ganz im Zeichen der Menschwerdung Christi und deren Verkündigung an Orient und Okzident. Die ausgewogene Farbgebung und meisterhafte Komposition mit den wirklichkeitsnahen Ausblicken in die Landschaft tragen mit dazu bei, die tiefgreifende Bedeutung des Geschehens dem gläubigen Betrachter in unmittelbarer Weise vor Augen zu führen. Welche Bewunderung die Wirklichkeitsnähe der Kunst Rogier van der Weydens bereits bei seinen Zeitgenossen hervorrief, bezeugen die Worte, die der italienische Altertumsforscher Cyriaco d’Ancona 1449 angesichts eines Bildes des Künstlers gefunden hat: »Denn lebend sieht man die Gesichter atmen, die er zeigen wollte, … und man möchte sagen, daß zumal die so zahlreichen Gewänder und Mäntel von verschiedener Farbe … in vortrefflicher Weise ausgearbeitet worden sind und daß die lebenden Wiesen, Blumen, Bäume, die belaubten und schattigen Hügel wie auch die geschmückten Hallen und Vorhallen, das dem Gold gleichende Gold, Perlen, Gemmen und alle anderen nicht durch die Hand eines menschlichen Künstlers, sondern von der alles erschaffenden Natur selbst geschaffen wurden.« Stephan Kemperdick | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2010
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The central panel shows the birth of Christ with the donor worshipping the child, who is lying on the floor of the stable, with a bright light around him. The Romanesque architectural forms of the building make it clear that the appearance of Christ brought a new era. Joseph is protecting the candle-flame to show that all earthly light is outshone by the divine child. On the right-hand panel the Three Magi are kneeling before the divine child. The left-hand panel shows Emperor Augustus, the ruler of the Western world, accompanied by a prophetess, kneeling to the vision of the Madonna. The triptych thus encompasses the whole world in that the rulers of the East and the West submit to the infant Christ, the King of Kings. Stephan Kemperdick | Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2012

Last updated: 03.07.2026

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Institution:

Gemäldegalerie

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Die Kreuzigung Christi

Die Kreuzigung Christi

Gerard David stammte aus den nördlichen Niederlanden, dem holländischen Oudewater. Einflüsse von Geertgen tot Sint Jans in seinen frühen Werken deuten darauf hin, daß er seine erste Ausbildung in Haarlem erhalten hat. 1484 war er nach Brügge ausgewandert, der Stadt, in der Memling als führender Meister tätig war. Hier wurde er als Mitglied und schließlich als leitender Künstler der Malerzunft vom Magistrat der Stadt mit Aufträgen bedacht. In Brügge entstanden seine Hauptwerke. Hier lebte und arbeitete er, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, bis zu seinem Tode. Für einige Zeit scheint er sich in Antwerpen aufgehalten zu haben. Darauf deutet eine Eintragung in den Registern der Antwerpener Malergilde hin, die für das Jahr 1515 die Aufnahme eines »Gheraet van Brugghe, scildere« vermeldet. Brügge hatte damals seine führende Rolle als Hafenstadt durch die Versandung des Swijn, seiner Verbindung zum Meer, eingebüßt, während Antwerpen seinen Rang als neues Handelszentrum auszubauen begann und damit zahlreichen Künstlern neue Verdienstmöglichkeiten eröffnete. Es ist denkbar, daß sich Gerard David den neuen Gegebenheiten auf Dauer nicht mehr an - passen wollte und deshalb nach Brügge zurückkehrte, wo er als der letzte herausragende Vertreter der traditionsreichen Malerei dieser Stadt großes Ansehen genoß. Das Schaffen Davids schlägt eine Brücke zwischen den niederländischen Meistern des 15. Jahrhunderts und den neuen Bestrebungen der Renaissance. Seine Werke zeichnen sich durch eine stille Monumentalität und eine klare Anordnung der plastisch wiedergegebenen Bildfiguren aus, die auf neuartige Weise mit dem sie umgebenden Raum verbunden sind. In dieser Hinsicht bezeichnet die Kunst Davids eine entscheidende Etappe auf dem Weg zu einer einheitlichen malerischen Gestaltung des Bildraumes. Die Darstellung des Christus am Kreuz stammt aus der Spätzeit des Künstlers. Das Kolorit, in dem grüne und blaue Farbklänge dominieren, ist eigentümlich kühl und verhalten, dabei in den nuancenreichen Abstufungen dennoch von höchster Subtilität. Dieser konsequenten Vereinheitlichung der Farbgebung, von der eine starke atmosphärische Wirkung ausgeht, entspricht eine gleichermaßen prägnante wie durch seine Schlichtheit ergreifende Schilderung des Bildgeschehens. Auf der Höhe Golgathas erhebt sich das Kreuz Christi, dessen Querbalken in die Tiefe weisen. Mit geöffneten Augen blickt der Gekreuzigte auf die Leidtragenden zu seinen Füßen herab, auf Maria Magdalena nahe dem Kreuzesstamm, auf Maria, die von Johannes gestützt wird, und auf Maria Salome und Maria Jacobi. Mit den Worten »mulier ecce filius tuus« (Weib, siehe, das ist dein Sohn; Johannes 19, 26) empfiehlt er seine Mutter der Fürsorge seines Lieblingsjüngers. Die verhaltene Trauer der Angehörigen scheint sich auf den Hauptmann und seine Soldaten übertragen zu haben, die still zur Seite getreten sind und sich beraten. Im Hintergrund erkennt man Kriegsknechte, die Golgatha bereits verlassen haben und Jerusalem zustreben. Daran zeigt sich, daß kein bestimmter Augenblick des Geschehens gestaltet ist, sondern daß es dem Künstler darauf ankam, uns dessen zeitlose Bedeutung vor Augen zu führen, wie er es wenig später in dem eindrucksvollen Golgathabild (Genua, Palazzo Bianco) in äußerster Reduktion des Themas getan hat. Der Eindruck der Zeitlosigkeit des Geschehens in unserem Bild verstärkt sich angesichts der weiten Landschaft mit den im blauen Licht des Abends verdämmernden Bergkuppen. Svea Janzen | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2010SIGNATUR / INSCHRIFT: mulier ecce filius tuus_______________________________________________________________Gerard David was born in the Dutch city of Oudewater. In 1484 he moved to Brugge where, with a few interruptions, he lived and worked until his death. David’s work forms a link between the 15th-century Netherlandish masters and the new line taken in the Renaissance. His works have a quiet monumental quality and a clear arrangement of figures, who relate in an innovative way to the space that surrounds them. In this respect David’s work represents a crucial stage on the way towards uniform painterly control over the pictorial space. This scene of Christ on the Cross dates from the artist’s late period. The colouring, dominated by notes of green and blue, is strangely cool and reticent, although extremely refined in its nuanced gradations. The events of the picture are portrayed both succinctly and plainly, corresponding with the consistently uniform colouring, which creates a strongly atmospheric effect. | Prestel Museum Guides - Gemäldegalerie Berlin, 2012

Der Engel weckt den Propheten Elias in der Wüste

Der Engel weckt den Propheten Elias in der Wüste

Das kleine Täfelchen zeigt den Propheten Elias eingeschlafen unter einem Baum. Die Darstellung bezieht sich auf eine in der Bibel erzählte Episode, in der die Flucht des Elias vor der ihm angedrohten Rache für die Ermordung der Propheten des Baal geschildert wird (1. Könige 19,1–8). Ein Engel hat sich über Elias gebeugt. Er versucht, ihn mit einer zarten Berührung an der Schulter zu wecken. Mit dem Zeigefinger seiner Rechten weist er auf einen Laib Brot und einen mit Wasser gefüllten Krug, die neben der herabgesunkenen Hand des Propheten stehen. Alle drei Elemente sind in helles Licht getaucht. Das rosafarbene Gewand des Engels, die blonden Haare seines gesenkten Hauptes sowie die weit ausladenden Flügel mit den schwarzen und weißen Federn sind mit pastos aufgetragenen Pinselstrichen ausgeführt. Die Rinde des kräftigen, die linke Bildhälfte begrenzenden Baumes und das Gestrüpp am Boden sind mit dicken Farbtupfern modelliert.Maltechnische Untersuchungen haben gezeigt, dass sich inmitten des Baumstammes einst ein Schlüsselloch befand. In der Röntgenaufnahme sind an der rechten Seite der Tafel zudem zwei Scharniere zu erkennen. Die Ausführung auf Holz und das kleine Format sind demzufolge auf die Funktion des Gemäldes als Türchen zurückzuführen. Da die im Alten Testament geschilderte Speisung des Propheten Elias mit Wasser und Brot eine häufig verwendete Präfiguration für das Abendmahl darstellt, fungierte die Tafel mit großer Wahrscheinlichkeit als Verschluss eines Tabernakels, das zur Aufbewahrung der Hostien und des Abendmahlkelchs diente. In Spanien sind derartige mit bildlichen Darstellungen versehene Türchen in zahlreichen Predellenzonen von Altarretabeln des 17. Jahrhunderts nachweisbar. Zudem lassen die Röntgenaufnahmen darauf schließen, dass die Tafel einst einige Zentimeter höher war und ein länglicheres Format aufwies.Auf Grund der überaus lockeren, an die venezianische Malerei erinnernden Malweise wurde das Bild, das vormals als Werk Domenico Fettis galt, von Giuseppe Fiocco in das Oeuvre von Francesco Maffei eingeordnet. 1970 wurde es von José Roge lío Buendía auf Grund stilistischer Erwägungen schließlich dem in Madrid tätigen Maler Juan Antonio de Frías y Escalante zugeschrieben. Bei dem abgebildeten Tonkrug handelt es sich seiner Meinung nach zudem um ein Modell, wie es in dem bei Madrid gelegenen Städtchen Talavera de la Reina produziert wird. Für eine Verbindung des Gemäldes mit Spanien spricht ferner die Existenz einer vorbereitenden Zeichnung in der Nationalbibliothek in Madrid, die die zentralen Elemente der Komposition wiedergibt, sowie die Provenienz aus der Sammlung Suermondt, zu der zahlreiche Werke zählten, die der preußische Offizier Andreas von Schepeler während seiner Tätigkeit in Madrid zwischen 1815 und 1823 erworben hatte.Von 1667 bis 1668 hatte Escalante einen 18 Leinwandgemälde umfassenden Zyklus mit alttestamentlichen Präfigurationen der Eucharistie für die Ausstattung der Sakristei des im 19. Jahrhundert zerstörten Convento de la Merced Calzada in Madrid ausgeführt, darunter auch eine Darstellung von Elias und dem Engel, die heute im Museo del Prado aufbewahrt wird. Auch wenn sich Paola Rossi 1991 nochmals für eine Zuschreibung des Berliner Bildes an Francesco Maffei aussprach, so machen die genannten Argumente dennoch plausibel, dass das Gemälde erstens von Escalante geschaffen wurde und zweitens zur Ausstattung des genannten Konvents gehörte, der sich ehemals auf dem heute nach Tirso de Molina benannten Platz in Madrid befand. Vor der Feier des Abendmahls hatte es den Priestern dort bei der Entnahme der Hostien und des Weines die heilsgeschichtliche Erfüllung der Ankündigungen des Alten Testamentes ins Bewusstsein gerufen.| Sven Jakstat___________________________________________________________________________________________________This small panel depicts the Prophet Elijah sleeping under a tree. The scene refers to the Bible’s story of Elijah’s flight from retribution for his killing of Baal’s prophets (1 Kings 19:1–8). An angel bends over Elijah and tries to wake him by gently laying a hand on his shoulder. With the finger of his right hand the angel points to a loaf of bread and a water-filled jug next to the Prophet’s limp hand. All three elements are suffused in bright light. The angel’s rose-coloured robe, the blond hair on his lowered head, and the white feathers of his wings are executed in pastose brushstrokes. The bark of the massive tree and undergrowth bounding the left-hand side of the composition are modelled with thick dabs of paint.Scientific examinations showed that there was once a keyhole in the middle of the tree trunk. X-ray images also revealed two hinges attached to the right end of the panel. These combined with the wooden support medium and the painting’s small format indicate that the work once served as a small door. As the story of Elijah being given bread and water was often used in art to prefigure the Eucharist, it is highly likely that this panel once served as the door covering of a tabernacle where the host and Communion chalice were kept. Numerous examples of such decorated doors in the predella areas of seventeenth-century altarpieces have been found in Spain. Furthermore, the X-ray images indicate that the panel was once several centimetres longer and more elongated in shape.The extremely flowing style of painting, reminiscent of Venetian works, led Giuseppe Fiocco to attribute the painting – previously believed to be by Domenico Fetti – to Francesco Maffei. Stylistic considerations finally led José Rogelío Buendía in 1970 to ascribe it to the Madrid painter Juan Antonio de Frias y Escalante. In Buendía’s opinion, the ceramic jug seen in the painting is based on the types of jugs produced in the town of Talavera de la Reina near Madrid. Further evidence of the work’s Spanish provenance is offered by a preliminary drawing in the National Library in Madrid, which displays the same central elements that appear in the painting, as well as its provenance from the Suermondt Collection, which included numerous works acquired by the Prussian officer Andreas von Schepeler while he was stationed in Madrid between 1815 and 1823.From 1667 to 1668, Escalante completed a cycle of eighteen paintings on canvas with Old-Testament prefigurements of the Eucharist for the sacristy of the now destroyed Convento de la Merced Calzada in Madrid, including a painting depicting the angel and Elijah today held by the Museo del Prado. Even though Paola Rossi once again insisted in 1991 that the Berlin painting should be attributed to Francesco Maffei, the arguments given above make a plausible case both that the painting was made by Escalante and that it belonged to the convent, once located on the square now named for Tirso de Molina. The painting served to remind priests of the salvific fulfilment of the Old Testament’s prophecies when they went to remove the host and wine before distributing Holy Communion.| Sven Jakstat

Christus als Schmerzensmann mit Maria und Johannes

Christus als Schmerzensmann mit Maria und Johannes

Christus sitzt niedergesunken vor dem Kreuz am Boden, während es auf Golgatha Abend wird. Seine Glieder wirken kraftlos; Wundmale an Händen und Füßen sowie die Dornenkrone zeichnen den Gemarterten. Als weitere Arma Christi lehnen der Ysop-Stab mit Essigschwamm, die Lanze und eine Leiter gegen das Kreuz; die drei Nägel liegen weiter hinten links im Halbdunkel. Ein Stück entfernt von Christus sitzt Maria, ganz in Dunkelblau. Sie ringt die Hände im Schmerz und blickt traurig zu ihrem Sohn hinüber. Neben ihr hockt Johannes, der sich eng in seinen roten Mantel gehüllt hat und das kummervolle Gesicht in der bekannten Melancholie-Geste in die linke Hand stützt. Von der grünen Wiese um die Protagonisten herum setzt sich die felsige Hintergrundlandschaft ab. Unter einem baumbestandenen Hügel ganz links öffnet sich die für Christus bestimmte Grabeshöhle mit einem rötlichen Steinsarkophag darin, während sich rechts die ummauerte, von einem Graben geschützte Stadt Jerusalem mit zahlreichen Türmen und dem runden Salomonischen Tempel in ihrer Mitte erhebt. Durch das Stadttor kehrt soeben der letzte der an der Kreuzigung Beteiligten zurück. Er hat ein bläuliches Tuch über die Schulter geworfen, bei dem es sich um den unteilbaren Rock Christi handeln dürfte.Künstlerisch höchst subtil und poetisch ist die kleine Tafel auch ikonografisch ungewöhnlich, vielleicht sogar einzigartig unter den Gemälden der Zeit um 1400. Auf eigenwillige Art wird nämlich in dem Bild eine Szene, die einen bestimmten Moment der Passionsgeschichte aufgreifen könnte, mit der dem Handlungsablauf völlig enthobenen Gestalt Christi kombiniert. Dieser erscheint als Schmerzensmann, der gestorben und doch lebendig, Mensch und Gott zugleich ist. Die Erlösungstat ist »vollbracht« (Johannes 19,30), doch statt des Todes hat den Erlöser hier Erschöpfung ergriffen. Wahrscheinlich haben wir es bei dem Berliner Bild mit einer ikonografischen Neuerfindung zu tun, die den spezifischen Wünschen des Auftraggebers entsprang. Hier soll nicht zeichenhaft oder repräsentativ vorgeführt, sondern über den emotionalen Gehalt eines üblichen Schmerzensmannes hinaus das Miterleben und Mitfühlen angespornt werden: Johannes scheint die traurig-meditative Haltung vorzugeben, mit der das Bild vom Gläubigen betrachtet sein will. Maria aber fungiertals primäre Vermittlerin, sie nimmt die Mitte des Bildes ein, ist uns zugewandt und zugleich auf Christus ausgerichtet.Künstlerisch lässt sich das Täfelchen der großen Gruppe österreichischer Tafelmalereien aus dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts zuordnen. Obgleich sich verschiedene Notnamen etabliert haben, ist eine genauere Zuordnung der einzelnen Werke problematisch. Das Berliner Täfelchen steht sowohl den Tafeln eines Marienlebens in Klosterneuburg, die unter der Bezeichnung »Meister der Darbringungen « geführt werden, als auch der großen, in London befindlichen Tafel eines Gnadenstuhls nahe; ob es aber von einem der jeweils verantwortlichen Maler selbst stammt, muss offen bleiben. Stephan Kemperdick | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019________________________Christ is slumped on the ground below the cross as evening falls on Golgotha. His limbs are limp, drained of strength; the stigmata on his hands and feet and the crown of thorns signify his martyrdom. Other arma christi or instruments of the Passion – the hyssop reed with, the sponge of vinegar, the lance and the ladder – are leaning against the cross; further behind on the left in the semi-darkness lie the three nails. The Virgin Mary, clad entirely in dark blue, sits a short distance away from Christ. She is wringing her hands in sorrow as she looks sadly across to her son. John, who has wrapped himself tightly in his red cloak, is squatting beside herleaning his sad face on his left hand in the well-known gesture of melancholy. The rocky landscape in the background contrasts with the grassy meadow surrounding the protagonists. Below a tree-lined hill on the far left, the cave sepulchre intended for Christ containing a reddish stone sarcophagus opens up, while on the right the many towers of the walled and moated city of Jerusalem point skywards. The round Temple of Solomon can be seen in the middle. The last of those who attended the crucifixion is returning through the city gate. He has thrown a bluish cloth over his shoulder, probably the Seamless Robe of Christ. In artistic terms, the small panel is extremely subtle and poetic. Its iconography is unusual, if not indeed unique among the paintings of the period around 1400, for it combines a scene apparently portraying a moment in the Passion story with a Christ figure completely disassociated from the course of events. Here Christ is depicted as the Man of Sorrows, who has died and yet lives on simultaneously as man and God. The act of redemption has been “fulfilled” (John 19:30), but here the saviour is shown not as dead but as overcome with exhaustion. Probably the Berlin painting was an iconographic novelty painted to fulfil the specific wishes of the person who commissioned it. The work is not intended as an emblematic or showcase piece but instead seeks to go beyond the emotional substance usually associated with a Man of Sorrows to encourage the viewer to witness and empathise with what he or she sees: Saint John appears to be demonstrating the melancholy, meditative pose with which the faithful are supposed to view the painting. However, the chief intermediary is Mary. She occupies the centre of the picture, her gaze directed bothtowards the viewer and towards Christ. In art historical terms, the small panel can be placed among the large group of Austrian panel paintings from the first third of the 15th century. Although various provisional names for the artist have become established, a more precise attribution of the individual works is difficult. The little Berlin panel bears a close resemblance both to the panels depicting the Life of the Virgin Mary in Klosterneuburg, whose author is known as Master of the Presentations, and to the large panel of the Throne of Mercy in London. Whether either of the painters responsible for these works painted the Berlin panel must remain open, however. Stephan Kemperdick | 200 Masterpieces of European Painting - Gemäldegalerie Berlin, 2019