Logo

Pokal mit dem Stammbaum Christi aus dem Lüneburger Ratssilber

Ident. Nr.: 1874,381

ObjID: obj:909211

Details (expert)

Involved
zugeschrieben: Franz Gruwel (ab 1530 Lehrling bei Jochem Gripeswoldt, 1545 Meister, gest. um 1575),
Goldschmied*in
Dating
1562
Dimensions
Höhe x Durchmesser: 54 x 22 cm (oben)
Gewicht: 3010 g

Object Description

Stamm und Christuskind gegossen. Maria aus zwei Teilen gearbeitet. Unterseiten von Deckel und Fuß, Innenseite des Kuppaeinsatzes, Teile des Stammes und der Blattkränze, Inkarnat und Blumenstrauß Marias unvergoldet. Reliefierte Teile über gepunztem Grund. Marken unter dem Fuß. – Krone der Maria verloren.
Dreipassiger, gebuckelter und reich reliefierter Pokal mit Baumschaft. Profilierter Fußrand, Blattfries und z. T. geriefte Zarge zwischen Profilen. Auf der oberen Fußwölbung, umwachsen von Wein, der ruhende Stammvater Jesse, aus dessen Schoß sich ein knorriger Baum mit abgeschnittenen Ästen und aufgerissener Rinde erhebt. Den Stamm umwindend ein beblätterter, in einem Kranz von Reben endender Ast. Auf der unten palmettenartig gebuckelten und wie am Fuß von einem Laubfries umzogenen Kuppa drei Äste des Weinstocks, die sich verzweigen und neun als Buckel herausgetriebene Medaillons bilden. Darin sechs Halbfiguren von Königen – kenntlich ist allein David durch seine Harfe –, die, einander zugewandt, seitlich der Paßzwickel angeordnet sind, dazwischen Medaillons mit spiraliger Blattrosette. Fries durch kräftige Profile abgesetzt. Leicht sich verbreiternder Mündungsrand. Auf dem Deckel entsprechend der Kuppawandung sechs Medaillons mit weiteren Königen. Deckelgriff konisch hochgezogen, durchbrochener, aus dem sich fortsetzenden Weingeäst gebildeter Knauf, darüber Blattkelch mit der Figur Marias, die in der Rechten einen Blumenstrauß, in der Linken das Kind mit Kreuz und Weltkugel hält. Kuppaeinsatz fischblasig gebuckelt, an einem Grat sechs Pegelmarken für die Trinker. Auf der am Fuß angebrachten Kartusche niellierte Stifterinschrift: D(OMINVS) NICOLA(VS) STOTEROGGE CONSVL CIVITAT(IS) LVNEBVRG(ENSIS) INCLITO SENATVI LEGAVIT 1560 (Herr Nikolaus Stöterogge, Bürgermeister der Stadt Lüneburg, hat dies dem erlauchten Rat vermacht. 1560). Im Deckelinneren farbig emaillierte Scheibe mit den Wappen des Bürgermeisters Nikolaus I Stöterogge und seiner beiden Ehefrauen Ilsabe Elver und Barbara Glöde sowie der Jahreszahl 1562. Am Lippenrand eine gravierte zweizeilige Inschrift:
IVCHEIE IN GOD DINEM HEREN
DAT HEFT Dl MIT BILICHHEIT NEMANDT TO VORKEREN
MIT DANCKSEDDINGE DRINCK VNDE IT
GODT SIN WORT VNDE DER ARMEN NVM(M)ER VORGIT
WES FROICH MIT DINEN GESTEN
ITT VNDE DRINCK DES BESTEN
SVLKES KAN GOT WOL LIDEN
OVER DEN AVERVLOT SCHOLTV MIDEN
VND WESDI GODT MER HEFT VORBADE(N)
DAS MEDE SCHOLTV DIN HARTE NICHT BELADEN
Eine weitere Inschrift am flachen, profilierten Deckelrand erläutert den Pokal näher: GENEALOGIA DOMINI ET SERVATORIS NOSTRI IESV CHRISTI EX SEMINE DAVID. MATTHEI I. LVCE 3. CAPITIL. EXARATA HIC VTCVNQUE OB OCVLOS POSITA EST AN(N)O A NATIVI
TATE EIVSDE(M) 1562 (Das Geschlecht unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi aus dem Stamme Davids, bei Matthäus im 1. und bei Lukas im 3. Kapitel beschrieben, ist hier so gut es geht bildlich vor Augen gestellt im Jahre 1562 nach seiner Geburt). Der tiefere Sinn des Hinweises auf Mt 1,1ff. und Lk 3,23ff., wo der Stammbaum Christi bis auf Abraham bzw. Adam zurückgeführt wird, enthüllt sich erst durch die Darstellung des in den Inventaren auch immer so genannten Jesse , mit dem auf die sich im Neuen Testament erfüllenden Weissagungen des Propheten Jesaja Bezug genommen wird: "Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Frucht des HERRN" (Jes 11,1f.). "Und es wird geschehen zu der Zeit, daß das Reis aus der Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker" (Jes 11,10; Röm 15,12). "Darum wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel" (Jes 7,14).

Last updated: 15.12.2025

Contact

Institution:

Kunstgewerbemuseum

Additional items from the collections

Pokal mit Genien und Schraubfuß

Pokal mit Genien und Schraubfuß

Pokal aus farblosem Glas, der Fuß ist separat gefertigt und kann mittels eines tiefgeschnittenen Gewindes in den massiven Schaft eingeschraubt werden. Er ist am Fußrand mit umlaufenden Bögen in Schälschliff sowie einem versenkten und mattierten Spitzblattdekor verziert. Der Baluster des Massivschafts trägt einen Rundbogenfries, der Ansatz der becherförmigen, hohen Kuppa wiederholt den Spitzblattdekor, am Mündungsrand finden sich erneut Bögen in Schälschliff. Auf der Kuppawandung ist umlaufend in Tiefschnitt ein Reigen aus musizierenden Kinderbacchanten dargestellt. Aufgrund der fortgeschrittenen Glaskrankheit des oberen Pokalteils sind sie trotz des tief reliefierten Schnitts nur bei genauer Betrachtung erkennbar, feine Details wie die Gesichtszüge und dekorative Blumen oder Früchte verschwinden nahezu in dem Weiß. Ein Teil des Gewindes am Schaftende ist bereits weggebrochen. Der Fuß weist lediglich beginnende Zeichen der Glaskrankheit auf. Die Kombination aus Sujet und Dekorelementen auf dem Pokal spricht für eine Zuschreibung an die Werkstatt Gottfried Spillers (um 1663–vor 1728) und dürfte in die frühen Jahre des 18. Jahrhunderts datieren. Pokale aus zwei verschraubten Teilen gehören zu den seltensten Erzeugnissen der barocken Glaskunst. Man nimmt einerseits an, dass sie wegen ihrer raumsparenden Transportmöglichkeit geschätzt waren. Zum anderen rief sicherlich die technische Virtuosität ihrer Herstellung Bewunderung und Anerkennung hervor und brachte dem Eigentümer Prestige. Dieser Pokal ist der einzig überlieferte, der zweifelsfrei der Potsdamer Glashütte zugeschrieben werden kann. Ungewöhnlich ist hier, dass die Verschraubung nicht direkt unterhalb der Kuppa, sondern am Fuß positioniert ist (Dank an Wieland Kramer für diesen freundlichen Hinweis): Es ist gut denkbar, dass der Fuß nachträglich ergänzt wurde, indem einem Pokal mit Steckverbindung – ähnlich einem anderen Pokal im Bestand des KGM (Inv.-Nr. O-1964,46) – ein Gewinde eingeschliffen wurde. [Verena Wasmuth]MAKR

Ausfall aus einer belagerten Stadt

Ausfall aus einer belagerten Stadt

Das kleine, von einem schmalen silbergelben Rahmen eingefasste Kabinettstück ist auf Nahsicht angelegt. Rechts im Bild erblickt man eine Stadt, die durch eine hohe Mauer und dicke wehrhafte Türme, einen Festungsgraben und einen niedrigen Wall geschützt ist. Von den Hausdächern wehen breite, gelbweiß gestreifte Fahnen, und links auf einer halbrunden Bastion zeigen dicke Rauchwolken, dass dort soeben zwei Feldschlangenabgeschossen wurden. Aus dem Stadttor rechts quillt ein breiter Strom von Fußsoldaten, bewaffnet mit Lanzen und Musketen, und strebt, angeführt von einem berittenen Offizier, den feindlichen Truppen am linken Bildrand entgegen, die sie freilich schon mit angelegten Gewehren erwarten. Während die ersten Söldner das Gefecht bereits eröffnet haben, sieht man im Hintergrund eine Kompanie Reiter mit erhobenem gelb-weiß gestreiftenBanner, die sich in gestrecktem Galopp der feindlichen Kavallerie entgegenwirft.Die Darstellung ist mit Sorgfalt gezeichnet, Stadtmauer, Dächer, Pferde und einzelne Kleidungsstücke sind in hellem Eisenrot, Rahmen und Fahnen in orangegelbem Ton, Bäume und Rasen in sehr lichtem Silbergelb koloriert. Ob die Scheibe als Einzelstück Verwendung fand, ist nicht gewiss, ihres schmalen Formats wegen mag sie auch als Oberbild etwa eines Wappens gedient haben.Anhaltspunkte für die Datierung bietet die Tracht der Soldaten, deren knielange Pluderhosen wie die von hohen Stoffhüten verdeckten Helme ab 1540/50 in Mode waren. Die Stadt weist eine vage Ähnlichkeit zu Nürnberg auf, doch lässt sich die Glasmalerei wegen ihres schmalen Formats mit keinem der dort erhaltenen Stücke vergleichen. Vielmehr erinnert die Schlachtenszene an typische Sujets in den Oberbildern der SchweizerScheiben, weshalb man annehmen möchte, dass sie von dorther stammt.CVMA 98776