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Spielkarten, Tabak, Flasche und Glas

Ident. Nr.: NG MB 25/2000

ObjID: obj:960304

n/a

Details (expert)

Creator/Entity
Pablo Picasso (1881 - 1973),
Künstler*in
Date(s)
1914
Additional titles
Collection title: Spielkarten, Tabak, Flasche und Glas
Original title: Cartes à jouer, paquet de tabac, bouteille et verre
Translation: Playing Cards, Tobacco, Bottle, and Glass
Provenance
im Besitz des Künstlers,
1940
Dr. J. B. Hanson, Monaco,
1940
Privatbesitz, Monaco,
395567
Kauf: Stanley J. Seeger, London,
1.4.1981–4.11.1993
Kauf: Heinz Berggruen, Berlin/Paris,
4.11.1993–2000
Dimensions
Höhe x Breite: 37 x 50 cm
Acquisition
2000 Ankauf von Heinz Berggruen mit Unterstützung der Bundesregierung und des Landes Berlin

Object Description

Im Sommer 1914, nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden Picassos Freunde zum Kriegsdienst eingezogen. Als Spanier konnte Picasso in Avignon bleiben und arbeitete dort bis zu seiner Rückkehr nach Paris im November. Die Zeit in Avignon bedeutet zweierlei: die Intensivierung der Farbe und die Wiederaufnahme eines an Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780–1867) und dem Klassizismus orientierten Zeichenstils. Die Farbe, typische helle „Avignon-Grün“, erhält in dem Bild eine eigenständige, vereinheitlichende Qualität, die nur teilweise eine gegenstandsbeschreibende Funktion ausübt. Grün sind einzelne Gegenstände wie der Tisch und die Zierleisten eines Spiegels oder Fensters, aber auch die Wand und der Boden. Vor dieser Folie etablieren sich die „typisch kubistischen“ Gegenstände fächerartig auf dem Tisch, die Spielkarten links, dann das Tabakpäckchen, das einzig wirkliche „papier collé“ (geklebte Papier), die Flasche und das schwarze Glas in der Mitte und rechts ein Blatt mit den Buchstaben „AVI“ für Avignon. Die Anordnung dieser Gegenstände folgt einer farblich und räumlich differenzierten Dramaturgie, die den Fotografien aus Picassos Atelier in der Rue Schoelcher ähnlich ist. Das Atelier in Avignon in der Rue Saint-Bernard, so schrieb Eva Gouel, befand sich in einem „spanisch anmutenden Haus“, dessen Dekor vermutlich in der Zierleiste auftaucht. Sie dient als Unterteilung und Begrenzung, ohne einen Ausblick in eine andere Welt zu ermöglichen. | Angela Schneider

Last updated: 28.08.2026

Contact

Institution:

Museum Berggruen

Additional items from the collections

Zwei Akte

Zwei Akte

Die Darstellung von zwei Frauen ist eines der Themen, denen sich Picasso im Herbst 1906, nach seiner Rückkehr aus dem spanischen Pyrenäendorf Gósol, in unterschiedlichen Fassungen widmete. In diese Reihe, die ihren vorläufigen Abschluss in dem eindrucksvollen Gemälde „Zwei Akte“, heute im Museum of Modern Art in New York, hatte, gehört auch diese Tuschzeichnung. Die gedrungenen, tendenziell androgynen Körper der beiden jungen Frauen mit den zugestrichenen Köpfen, die scheinbar ohne Hals auf die Schultern geschraubt sind, zeigen ein anderes, archaisierendes Körperbild. Das Werk erinnert, wenn auch weniger glatt und geschmeidig, an die Vahine (die jungen Mädchen) in Paul Gauguins tahitianischen Bildern. Und könnte nach John Richardson auch durch die javanische Skulptur im „Lapin Agile“, dem Künstlerkabarett am Montmartre, angeregt worden sein, wo sich Picasso und seine Freunde allabendlich trafen (John Richardson, A Life of Picasso, Band 1: 1881–1906, London/New York 1991, S. 373). Die Abkehr vom klassisch europäischen Körperideal zeigt sich auch in den vehementen Schraffuren, mit denen Picasso die fast taillenlosen Körper umriss und die beiden Akte extrem behaart wirken ließ, Kinder einer vermeintlich wilden und freien Welt. Die fast zwillingshaften jungen Frauen tragen die Gesichtszüge von Fernande Olivier, Picassos Gefährtin jener Jahre. Hand in Hand stehen sie dicht beieinander, als handele es sich um die Darstellung derselben Figur in minimaler zeitlicher Verzögerung, so wie wir es aus den nur wenig zuvor entstandenen Fotografien von Eadweard Muybridge kennen. | Angela Schneider

Selbstporträt mit Schirmmütze

Selbstporträt mit Schirmmütze

Ein Accessoire wird in dieser kleinen Zeichnung gewürdigt, von dem Jaime Sabartés sagte, sein Freund Picasso sei darüber so zufrieden gewesen, dass er es habe verewigen wollen: die blaue Schirmmütze (Jaime Sabartés, Picasso. Documents iconographiques, Genf 1954, o. S.). Sie setzt den kräftigsten Farbakzent im Blatt und krönt oben mittig die Figur. Unter ihrem Rand schauen einige schwarze Haare hervor sowie das nach links gewandte Profil, welches mit wenigen Strichen skizziert ist: die Lippen, abgesetzt vom übrigen Gesicht, die Nase und weiter weg das Ohr. Ein Tuschefleck vervollständigt das Auge. Der Kopf ruht auf einem hellen Schal, der um den Hals gelegt ist und die Trennung zum Mantel markiert. Dessen Oberfläche ist von roter Farbe, in leicht aufgetragenen diagonalen Schraffuren von links nach rechts, welche sich auch in der farbintensiveren Mütze wiederholen. Die gleiche Diagonale bildet die vordere Kontur des Mantels, der sich beinahe bis in die linke untere Ecke zieht, wodurch Picasso in diesem Selbstporträt an Volumen und Statur gewinnt. Auf Höhe des Bauches ruht der Arm; er endet in einem schwarzen Handschuh, der eine nicht rauchende Pfeife hält. Es existiert ein weiteres gezeichnetes Selbstbildnis des Künstlers, auf Dezember 1904 datiert und gewidmet seinem Freund und Mentor am Anfang der Pariser Zeit, Sebastià Junyent (WVZ Zervos 1970, 22, 113). In identischer Garderobe ist Picasso auch dort im nach links gewandten Profil zu sehen, diesmal an einem Tisch sitzend und die Pfeife im Mund. | Gabriel Montua

Kopf einer Frau

Kopf einer Frau

Dieses Porträt gehört zu jenen Studien, die Picasso in Vorbereitung seiner „Demoiselles d’Avignon“ (1907; The Museum of Modern Art, New York) unternahm, und es ähnelt manchen Zeichnungen aus seinem kleinen Skizzenheft „Carnet 8“ (Musée Picasso, Paris). Man erkennt in ihm die Inspiration durch Skulpturen frühiberischer Köpfe, die der Künstler im Frühjahr 1906 im Pariser Louvre ausgestellt gesehen hatte. Auf dem bräunlichen Papier kontrastieren Rot und Schwarz in sparsamem Farbauftrag. Nur am Hals, an Teilen des Kopfes und einem Schattenwurf links dahinter ist die Farbe etwas konzentrierter aufgebracht. In wenigen Strichen modelliert sie den Körper, verleiht den Brüsten ihre Form und deutet die Wölbung der Stirn an. Hingegen setzt Picasso die Abwesenheit von Farbe ein, um die Länge des Nasenrückens und das mandelförmige, gesenkte Lid des rechten Auges hervorzuheben. In starkem Gegensatz zur Sinnlichkeit der geschlossenen Augen und des delikaten, langgezogenen Gesichts steht die massive und eckige Statur der Schultern, so wie auch das Gesicht noch kleiner erscheint im Vergleich zu den Haaren und dem Körper, deren Ausdehnungen durch den Blattrand beschnitten werden. Die ununterbrochene Linie, die den Brauenbogen bis zur Nasenspitze verlängert, lässt die Verwandtschaft dieses Gesichts mit der zweiten und dritten „Demoiselles“ von links im späteren Gemälde erkennen. Das extreme Ungleichgewicht jener beiden Gesichter blitzt in der vorliegenden Zeichnung hinter der scheinbaren Ruhe des Ausdrucks bereits auf in Form der Lippen, welche sich merkwürdig in Richtung des rechten Ohrs ziehen. | Gabriel Montua

Nature morte avec guitare bleue / Guitare et compotier rose

Nature morte avec guitare bleue / Guitare et compotier rose

Picassos Rückkehr zum Klassizismus, wie sie in der Mehrzahl der heute im Museum Berggruen präsentierten Werke, die zwischen 1918 und 1925 entstanden sind, ablesbar ist, war keine ausschließliche Entscheidung. Im Gegenteil, Picasso hatte seine Recherchen zum Bildaufbau des Kubismus nicht völlig aufgegeben und immer wieder daran angeknüpft. Gerade das Motiv des Stilllebens mit Gitarre und Fruchtschale, welches in seiner Variante „vor einem Fenster in Saint-Raphaël“ bereits 1919 (NG MB 31/2000) angezeigt hatte, dass Picasso sowohl kubistisch als auch gegenständlich zu malen suchte, verwendete er im Jahr 1924 wiederholt als Alternative zu klassizistischen und häufig antikisierenden Personendarstellungen. In diesem großen Format dominieren die Farbflächen und das Spiel der Formanalogien. Die runde Form etwa, sowohl Gitarrenloch als auch Obst in der Fruchtschale, verkörpert in der Wirklichkeit entgegengesetzte Volumina: einmal ein Nichts, einmal eine Kugel. Picasso legte aber auch großen Wert auf die Umrisslinien, die er in die Farbe ritzte. Korrekturen und Übermalungen sind in der Nahsicht erkennbar. Dieses Werk wurde 1940 bei dem Pariser Sammler Alphonse Kann beschlagnahmt und sollte, zusammen mit dem oben erwähnten Stillleben und zwei weiteren heute im Museum Berggruen befindlichen Werken („Kopf einer Frau“, NG MB 11/2000, und „Der gelbe Pullover“, 67/2000), ins Deutsche Reich verbracht werden, doch die Résistance konnte den Zug stoppen; Kann erhielt sein Werk 1947 zurück (Biografien der Bilder, Ausst.-Kat. Museum Berggruen, Berlin, 2018, S. 156). | Gabriel Montua

Der gelbe Pullover

Der gelbe Pullover

Das Museum Berggruen besitzt mehrere Porträts Picassos von 1939 und 1940, in welchen eine kleinere Gesichtspartie mit Auge und Nase collagenartig an das übrige Gesicht angefügt wurde, sodass wir es wie aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachten können („Kopf einer Frau mit buntem Hut“, NG MB 64/2000; „Frau in einem Sessel“, NG MB 66/2000, und „Frauenbildnis“, NG MB 69/2000). Im vorliegenden Fall schaut uns das Auge links im Bild frontal an, der Nasenrücken bildet die Verbindung zu der anderen Gesichtshälfte, die ein leicht nach links gewandtes Profil zeigt. Was dieses Porträt von Picassos damaliger Partnerin Dora Maar (1907–1997) in einem Sessel zum Plakatmotiv des Museums Berggruen werden ließ, ist die Harmonie, die es ausstrahlt. Anstatt grotesk zu wirken, erscheint das Gesicht wie geschliffener Marmor. Die prankenartigen Hände und der zu kurz geratene linke Arm fallen erst auf den zweiten Blick auf und ordnen sich der erhabenen Ruhe unter, welche die thronende Haltung und die breiten Farbfelder erzeugen. Turbulent hingegen ist die Provenienzgeschichte des Bildes: Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs am 31. Oktober 1939 in Frankreich gemalt, kaufte es der jüdische Pariser Kunsthändler Paul Rosenberg und legte es nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht wenige Monate später in den Safe einer Bank. Die Deutschen knackten den Tresor und wollten das Gemälde zusammen mit anderer Raubkunst abtransportieren, doch die Résistance konnte den Zug stoppen und das Werk seinem Eigentümer zurückgeben (Sven Haase, Der Kunstraub der Nationalsozialisten, in: Biografien der Bilder. Provenienzen im Museum Bergguen, Ausst.-Kat., Berlin, 2018, S. 41 ff.). | Gabriel Montua

La petite maternité

La petite maternité

Erst nach der Begegnung mit Georges Braque 1911 begann der künstlerische Autodidakt Laurens, selbst Kunst zu schaffen, die sich im Laufe der folgenden Jahre immer stärker dem Kubismus verschrieb und sich auch nicht vom vermeintlichen Ende dieser Kunstrichtung nach dem Ersten Weltkrieg abbringen ließ: Zeichnungen, Papiercollagen, Reliefs und Plastiken entstanden. Als Laurens 1919 damit anfing, Figurenplastiken aus Stein und Bronze zu fertigen, wirkten diese wie eine Materialisation der Porträts aus der ersten, „analytischen“ Phase des Kubismus bis etwa 1911/1912 (vgl. etwa Pablo Picassos „Sitzende Frau in einem Sessel“, NG 1/80). In den 1930er-Jahren änderte sich Laurens’ Vokabular, wie sich an der Figur einer schwangeren Frau – ein seltenes Sujet für eine Statuette –, die liegend dargestellt ist, sehen lässt: Runde, ineinander übergehende Formen ersetzen die in seinen kubistischen Plastiken (vgl. „Liegende Frau“, B 60/12, und „Hockende Frau“, B 798) zueinander abgewinkelten Flächen. Unverändert geblieben ist die Wiederholung derselben Formen in verschiedenen Maßstäben im selben Objekt, hier etwa spiegelt sich die Rundung des Bauchs in den Schenkeln und den hinter dem Kopf verschränkten Armen. „Das Auftreten runder Formen bei Laurens stellte keineswegs eine Absage an den Kubismus dar, sondern war vielmehr eine normale Entwicklung in einer neuen Welt“, konstatierte bereits der Pate des Kubismus, Daniel-Henry Kahnweiler (Erinnerungen an Henri Laurens, in: Henri Laurens. Das plastische Werk, Stuttgart 1970, S. 50). | Gabriel Montua

Glas und Kreuz-Ass

Glas und Kreuz-Ass

Auffällig an dieser im Frühjahr 1914 entstandenen Arbeit ist die klare Kompositionsstruktur: In der unteren Bildhälfte lagert auf weißem Papiergrund ein großes Oval, ein Stück Karton mit imitiertem Holzfurnier, das einen Tisch bildet, der auf der Bildfläche durch Bleistiftlinien verspannt ist, die gleichsam Tischbeine sein könnten. Eine Spielkarte leitet wie ein Scharnier über zu den auf dem Tisch in aufsteigender Form mit einer eigenartigen Umrisslinie platzierten Gegenständen. Die Differenz zwischen der waagerechten und der senkrechten Formfläche wird noch betont durch deren Farbkontrast, durch das warme, rotbraun geäderte Ocker im Oval und die kühlen blau-grau-schwarzen Farbtöne in der anderen Formgestalt. Dass Picasso in diesem (wie auch in anderen) Stillleben gerade das Kreuz-Ass als Motiv verwendet hat (vgl. etwa „Meine Schöne“, NG MB 20/2000), liegt wohl nicht nur an dessen prägnanter Form, sondern auch an seiner Ambivalenz: Im französischen Blatt kann es den höchsten, aber ebenso (je nach Spielregel) den niedrigsten Wert bedeuten. Das Glas war für Picasso ein weiteres beliebtes Motiv, das er auch skulptural umsetzte (vgl. „Das Absinth-Glas“, NG MB 23/2000). Für das vorliegende Werk zeichnete er das Glas mit Bleistift auf eine ölgrundierte weiße Leinwand und schnitt es danach aus. Ergänzt wird das Ensemble von einem fast konisch geschnittenen Stück blau-grauer Leinwand, das vielleicht eine Karaffe mit Facettenschliff andeuten soll. | Hans Jürgen Papies