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Nu couché à la chemise

Ident. Nr.: NG MB 147/2000

ObjID: obj:962128

n/a

Details (expert)

Creator/Entity
Henri Matisse (1869 - 1954),
Künstler*in
Date(s)
1906 (Guss vermutlich 1930)
Additional titles
Collection title: Nu couché à la chemise
Liegende Frau im Hemd
Translation: Reclining Woman with Chemise
Provenance
im Besitz des Künstlers,
396144
Nachlass/Vermächtnis: Nachlass Henri Matisse,
396145
Nachlass/Vermächtnis: Pierre Matisse, New York,
396146
unbekannter Privatbesitz,
396147
Galerie Michael Haas, Berlin,
396148
Kauf: Heinz Berggruen, Berlin/Paris,
1999–2000
Material / Technique
Bronze
Dimensions
Höhe x Breite x Tiefe: 14,1 x 30,5 x 15,5 cm (ohne Steinplatte)
Acquisition
2000 Ankauf von Heinz Berggruen mit Unterstützung der Bundesregierung und des Landes Berlin

Object Description

Die liegende Gestalt dieser Statuette gleicht in ihrer Haltung im großen Ganzen dem Akt – rechts der Mitte – in Matisse’ berühmtem Gemälde „Die Lebensfreude“ (1905/1906; Barnes Foundation, Philadelphia). Aber anders als dort, wo die Figur durch den Kontur eine klare Silhouette erhält, die den schönen Körper auch zur Schau stellt, verunklären die changierenden Ansichten dieser Skulptur den Körper, lösen ihn teilweise in ein Spiel von Licht und Schatten auf, ein künstlerisches Verfahren, das traditionell als „malerisch“ gilt. Das Hemd lässt den Oberkörper wie eine bewegte Masse wirken, aus der sich der Kopf, der sich erhebende Arm und die Beine herausartikulieren – sie erscheinen relativ eigenständig und wie in einer Bewegung innehaltend. Aus der expliziten Betonung der einzelnen Körperteile, der Gelenke und Glieder mag der gelegentliche Vorwurf rühren, die matisseschen Frauen seien zu männlich. Auch diese kleine Figur wirkt ausgesprochen kompakt in ihrer skulpturalen Präsenz und nicht in erster Linie hingebungsvoll, wie wir es vielleicht von einer liegenden Venus oder Odaliske erwarten würden. Eine Erklärung dafür mag der zweite ikonografische Ursprung der Figur liefern, die liegenden Grabfiguren, wie wir sie aus der etruskischen und römischen Kunst oder von Michelangelos (1475–1564) Medici-Gräbern in Florenz kennen. | Angela Schneider

Last updated: 24.08.2026

Contact

Institution:

Museum Berggruen

Additional items from the collections

Tanzende Silene

Tanzende Silene

Nach ersten Anleihen bei antiker Ikonografie während seiner klassizistischen Phase nach dem Ersten Weltkrieg (vgl. etwa „Sitzender Akt, sich den Fuß trocknend“, NG MB 38/2000) kam Picasso spätestens durch die druckgrafischen Arbeiten, die er für den Pariser Verleger Ambroise Vollard anfertigte, zu einer intensiven Beschäftigung mit der Antike. Ende der 1920er-Jahre lieferte er Illustrationen zu Honoré de Balzacs Novelle „Das unbekannte Meisterwerk“ (1831; vgl. „Der Bildhauer und sein Werk“, NG MB 50/2000), in den 1930er-Jahren folgte die „Suite Vollard“. In beiden sind regelmäßig Personen durch ihre Gewänder und die Requisite in der Antike verortet. Die vorliegende Gouache wirkt wie ein antiker Fries, in dem eine Gruppe von Personen nebeneinander dargestellt ist. Bemerkenswerterweise sind die Männer viel stärker plastisch modelliert und verfügen über ein Inkarnat in Hautfarben, wohingegen die Frauen und der Knabe viel flacher und gipsfarben wirken. Sie werden in diesem Tross, der anscheinend von einem erfolgreichen Fischzug zurückkehrt, mitgeschleift. Richard Kendall bemerkt im Londoner Katalog der Sammlung Berggruen die angespannte persönliche Situation Picassos im Jahr 1933 zwischen seiner ihm entfremdeten Frau Olga und seiner Geliebten Marie-Thérèse Walter sowie seine Vorliebe für Motive mit Bezug zur Antike, zu Sexualität und zum Stierkampf: „Es besteht kaum Zweifel, dass der Künstler sich mit vielen der Charaktere und Dramen seiner eigenen Bildgebung identifizierte“ (Van Gogh to Picasso. The Berggruen Collection at the National Gallery, Ausst.-Kat., London, 1991, S. 150). | Gabriel Montua

Bildnis Nusch

Bildnis Nusch

Nach der Vollendung von „Guernica“ (Museo Reina Sofía, Madrid) im Juni 1937 fuhren Picasso und Dora Maar, die aus Argentinien stammende Fotografin und Malerin, nach Mougins an die Côte d’Azur, um den Sommer gemeinsam mit Paul Éluard und seiner Frau Nusch (1906–1946) zu verbringen. Nusch, mit bürgerlichem Namen Maria Benz, war nicht nur die Muse der Surrealisten, sondern hatte sich zuvor in Berlin als Schauspielerin im Varieté, als Akrobatin und dann auch in Paris am Théâtre du Grand Guignol einen Namen gemacht. Nusch, ein Kosename von Max Bill, ging auf Paul Hindemiths kurze Oper „Das Nusch-Nuschi“ (1921) zurück, eine pikante Klamotte, ein „Spiel für burmanische Marionetten“, das seinerzeit als skandalös galt. Die zarte und ätherisch wirkende, aparte Frau seines Dichterfreundes hat Picasso mehrmals in kühlen Farben wie Blau, Violett, Weiß und hellem Grün porträtiert. Das Bild des Museums Berggruen zeigt uns eine faszinierende, gleichwohl erschreckende Frau mit mörderischem Blick. Sie ist auf einem dunkelbraunen Grund gemalt, der als Schatten und „zweite Person“ neben ihr steht. Davor sieht man Nusch im Profil, in das eine En-face-Ansicht eingesetzt ist. Die Nasenlöcher nehmen, wie William Rubin schrieb, das Motiv der Tränen auf und verweisen so auf die „weinenden“ Frauen, die Picasso in der Folge von „Guernica“ geschaffen hat (Picasso and Portraiture, Ausst.-Kat. The Museum of Modern Art, New York, 1996, S. 83 ff.). Hinter dem Tingeltangel und der Maquillage der eleganten Pariserin, die Man Ray fotografiert hatte, verbergen sich die Schrecken des Krieges. | Angela Schneider

Frau für Venedig IV

Frau für Venedig IV

Anfang 1956 bereitete Giacometti simultan zwei Ausstellungsprojekte für den Frühsommer vor: seinen skulpturalen Beitrag für den französischen Pavillon der 38. Biennale von Venedig sowie eine Retrospektive in der Kunsthalle Bern. In einer Phase intensiver künstlerischer Produktivität entstanden zunächst auf der Armatur aus Ton geformte Versionen derselben weiblichen Figur. War eine Fassung überzeugend, fertigte Giacomettis Bruder Diego einen Gipsabguss davon an. Den künstlerischen Prozess, die unterschiedlichen Materialitäten von Ton, Gips und später Bronze wie auch das Verhältnis der Figuren zu Raum und Räumlichkeit reflektierte Jean Genet, der Giacometti in der Zeit ihrer Entstehung für Portraitgemälde saß: „Autour d’elles l’espace vibre. Rien n’est plus en repos. C’est peut-être que chaque angle (…) ou courbe, ou bosse, ou crête, ou pointe déchirée du métal ne sont eux-mêmes en repos. Chacun d’eux continue à émettre la sensibilité qui les créa. Aucune pointe, arête qui découpe, déchire l’espace, n’est morte.“ („Der Raum um sie herum vibriert. Nichts ruht mehr. Vielleicht liegt es daran, dass jeder Winkel […], jede Kurve, jeder Buckel, jeder Kamm und jede zerrissene Spitze des Metalls selbst nicht ruht. Jedes von ihnen strahlt weiterhin die Sensibilität aus, die ihn geschaffen hat. Keine Spitze, Kante, die den Raum zerschneidet, zerreißt, ist tot.“ Jean Genet, l’atelier d’alberto giacometti, Paris 1976, S. 64) Von den fünfzehn Gipsen präsentierte Giacometti schließlich zehn in Venedig und fünf in Bern. 1957 ließ er zehn der Gipse in Bronze gießen (acht der in Venedig, einen in Bern gezeigten) und benannte diese Gruppe „Femmes des Venise“. In ihren gelängten Proportionen, kontrastiert durch die dominante Plinthe, wie auch in der hieratischen Haltung der Figuren spiegelt sich Giacomettis Auseinandersetzung mit der etruskischen, griechischen wie auch ägyptischen Skulptur wider. | Veronika Rudorfer

Minotauromachie

Minotauromachie

In Picassos Arbeiten auf Papier aus der Mitte der 1930er-Jahre kommt der Minotaurus so häufig und so unterschiedlich handelnd vor, dass man geneigt ist, in diesem Zwitterwesen zwischen Mensch und Stier auch die eigenen Triebe, Wünsche und Ängste des Künstlers zu suchen. Sexuell kann Picassos Minotaurus brutal den Geschlechtsakt erzwingen, in anderen Darstellungen streichelt er Frauen zärtlich mit dem Maul, dann steht er wieder im Zentrum eines Bacchanals. Ein häufiges Thema ist auch der verwundete, sterbende oder erblindete Minotaurus, ein Koloss auf tönernen Füßen, der von einem kleinen Mädchen an der Hand geführt werden muss. Die vorliegende Darstellung, die Picasso so sehr am Herzen lag, dass er von den wahrscheinlich 50 oder 55 Abzügen keinen in den Handel gab und sie nur persönlich veräußerte, ist im Format die größte und eine der enigmatischsten. Ein Pferd mit einer leblosen Frau im Torerogewand auf dem Rücken läuft einem aggressiven Minotaurus voran, der von rechts mit gezücktem Degen das Bild betritt. In seinem Weg hält ein Mädchen mit Blumenstrauß und einem Licht am ausgestreckten Arm in aller Ruhe ihre Stellung, als könnte sie das Monster aufhalten. Hinter ihr flieht ein spärlich bekleideter Mann eine Leiter hinauf, während zwei Frauen, bei denen eine Taube sitzt, mit niedergeschlagenen Augen aus einem Fenster die Szene betrachten. Picassos Widmung unten links ist „für seinen Freund Bergrruen“, wie immer buchstabierte er den Namen seines Händlers für Grafiken falsch. | Gabriel Montua

Zwei Badende

Zwei Badende

Die Wahl, ausschließlich junge Männer als Akte darzustellen, ist eher ungewöhnlich für Picasso. Den vorangegangenen Sommer hatte er sich mit seiner Frau Olga erstmals in Juan-les-Pins an der Côte d’Azur aufgehalten, wo er, wie auf Urlaubsfotos aus den 1920er-Jahren zu erkennen ist, selbst viel Zeit in Badehose verbrachte und Gelegenheit hatte, andere kaum bekleidete Männer zu sehen, wenngleich das Sonnenbaden zu jener Zeit noch viel weniger verbreitet war als in späteren Jahrzehnten. Die Körper der beiden sitzenden Männer sind muskulös, trotzdem scheinen die Hände, ganz wie bei der weiblichen Variante aus demselben Jahr, „Sitzender Akt, sich den Fuß trocknend“ (NG MB 38/2000), etwas zu mächtig geraten zu sein. Insbesondere der nur bis zum Bauchnabel sichtbare, zwischen den Sitzenden und dem Meer stehende Mann gibt trotz seiner skizzenhaft gebliebenen Umrisse ungeheuer große Finger zu erkennen. Die Komposition dieser Zeichnung hat Picasso im Frühjahr 1921 mit genau der gleichen Anordnung der drei Männer, aber in kleineren Maßen, auch ins Ölbild umgesetzt (16 × 20 cm, WVZ Zervos 1951, 4, 264), wobei die Köpfe dort größer geraten sind und die Hände proportional an Volumen verloren haben. Das Motiv zweier muskulöser, am Strand liegender Männer findet sich ebenfalls in einem kleinen Ölbild von 1921 („Deux baigneurs“, 14 × 17 cm; Barnes Foundation Philadelphia). Alle diese Varianten deuten bereits auf die beiden männlichen Akte vor einem Meer in dem monumentalen Ölgemälde „La Flûte de Pan“ (1923, 205 × 174,5 cm; Musée Picasso, Paris) hin. | Gabriel Montua

Fatales Fagott Solo

Fatales Fagott Solo

Klee war nicht nur Maler, sondern auch Zeichner und Musiker. Nicht selten haben ihn während des Zeichnens auch der Klang und die bestimmte Tonlage eines Instrumentes beflügelt. Klänge entfalten sich so von innen her wie im „Fatalen Fagott Solo“ aus einem Holzblasinstrument, voll in der Tiefe, in der Höhe näselnd im Ton. Diese komischen Effekte des Instrumentes haben Klee immer schon fasziniert und nach bildnerischer Entsprechung suchen lassen. Über dem Gewölk freier Landschaft hockt in der Mitte sein Fagottist wie ein Magier, die lange Röhre steil nach oben gestellt, das s-förmige Metallröhrchen am Munde. Aus der „Luftröhre“ des Fagotts hat Klee alles an seltsamen Motiven herausgeholt, was herauszublasen war: die welkenden Blümchen vor spitz aufragendem Felsgestein, die winzig einhertanzenden Bäumchen als Noten und die skurrilen Vogelmenschen. Als diese Federzeichnung gegen Kriegsende im Jahre 1918 entstand, saß Klee in der Zahlmeisterstube der Fliegerschule im bayerischen Gersthofen, wo er im Kegel der Schreibtischlampe gedankenverloren „in sich hineinhörte“ und halluzinatorisch etwas von der Fatalität jener bedrückenden Kriegszeit in seiner unvergleichlichen Art der Groteske festhielt: „Alles versinkt um mich, und Werke entstehen wie von selber. […] Meine Hand [ist] ganz Werkzeug eines fremden Willens“ (Paul Klee, Eintrag vom Januar/Februar 1918, in: ders., Tagebücher, 1898–1918, Köln 1979, S. 395, Nr. 1104). Klee hat sich als der zeichnende Musiker präsentiert, der humorvoll-eigensinnig auf das Abgründige seiner fatalen Zeitläufte reagiert. | Roland März

Nekropolis

Nekropolis

Seine in die Kunstgeschichte als Tunis-Reise eingegangene Studienfahrt 1914 hatte Klees Interesse an Nordafrika befeuert, und so zog ihn auch eine zweite große Reise nach Nordafrika: in den Winterferien 1928/1929 – nun nicht mehr am Beginn seiner Karriere stehend, sondern als bereits etablierter Künstler und Lehrer am Bauhaus in Dessau. 18 Tage lang bereiste er Ägypten, um dort Architektur, Denkmäler, Landschaft, Farben und das gleißende Licht des Landes zu studieren. Unterwegs arbeitete er kaum künstlerisch, erst nach seiner Rückkehr fanden die Eindrücke im Dessauer Atelier Widerhall in seinen Werken. Das Ölgemälde „Nekropolis“ fußt auf Klees Besuch der drei Pyramiden von Gizeh. Der Künstler verdichtete die dreieckigen Formen, sodass sie einander überlappen, mal streben sie nach oben, einige zeigen aber auch mit der Spitze nach unten. Dabei nahm er ihnen jede Dreidimensionalität und übersetzte sie in ein abstrahiertes Muster, das sowohl die vom Menschen geschaffenen Pyramiden als auch die Landschaft in Streifen, Rechtecke und Dreiecke verwandelt hat. Mit dem grünen Streifen am unteren und einem hellblauen Streifen am oberen Bildrand scheinen sogar Erde und Himmel angedeutet zu sein. Geschickt verließ Klee das streng geradlinige Prinzip durch eine einzige halbrunde Form rechts oben im Bild, die an das Motiv des Mondes erinnert. So hat der Künstler in dem Werk die Landschaft Ägyptens sowie die Kulturgeschichte der jahrtausendealten Pyramiden mit den Gesetzen der Geometrie in Einklang gebracht. | Anna Wegenschimmel

Kopf eines jungen Mannes

Kopf eines jungen Mannes

Die Sommermonate des Jahres 1906 verbrachte Picasso gemeinsam mit Fernande Olivier, seiner Gefährtin dieser Jahre, in Gósol, einem archaischen Dorf in den spanischen Pyrenäen. Neben vielen Skizzen entstanden Skulpturen und Gemälde, die Picassos Auseinandersetzung mit der römischen Antike zeigen, die er in einer Ausstellung des Pariser Louvre gesehen hatte. In den Bildern der meist nackten jungen Frauen und elegischen Jünglinge verbindet sich der Reflex auf die Antike mit Beobachtungen, die Picasso in dem abgeschiedenen, zivilisationsfernen Dorf gemacht hatte. Der „Kopf eines jungen Mannes“ gehört in den Umkreis dieser Jünglingsbilder und mutet trotz der Unregelmäßigkeiten des Gesichts „antikisch“ an, nicht zuletzt aufgrund seiner matten Farbigkeit, die an römische Wandmalereien erinnert. Richard Kendall hat darauf hingewiesen, dass dieser Kopf über einen japanischen Holzschnitt gemalt ist, der einen Schauspieler im Kimono darstellt. Japanische Holzschnitte waren bei den Impressionisten bis hin zu Vincent van Gogh und Paul Gauguin beliebte Sammelobjekte, deren Exotik eine ganze Generation inspiriert hatte. Es mag also sein, dass die Verwendung dieses Blattes nicht rein zufällig war, sondern dass Picasso sich von dem Motiv des Schauspielers angezogen fühlte. Das kaum wahrnehmbare Liniengewirr suggeriert, obgleich unabhängig und selbstständig, eine innere Struktur, die dazu beiträgt, die Unterschiedlichkeit der beiden Gesichtshälften zu betonen. | Angela Schneider