Logo

Mutter und toter Sohn (Verworfene Fassung zu Blatt 6 aus "Bauernkrieg", 3. Zustand)

Ident. Nr.: 190-1911

ObjID: obj:1020740

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Käthe Kollwitz (1867 - 1945),
Radierer*in
Datierung
Herstellung: 1903
Geografische Bezüge
Berlin,
Stadt
Provenienz
Kommission (?): Kunstsalon Emil Richter,
bis 6.7.1911
Abmessungen
Plattenrand: über 22,8 x 33,6 cm (Plattenrand in der Höhe beschnitten)
Blattmaß: 22,3 x 33,5 cm
Erwerbung
1911 Ankauf vom Kunstsalon Emil Richter, Dresden

Objektbeschreibung

Der eigenhändigen Beschriftung eines Probedruckes aus der Sammlung Bonus-Jeep [...] ist zu entnehmen, daß die Radierung ursprünglich für die "Bauernkrieg"-Folge [...] entstanden war, dann aber verworfen und nicht darin aufgenommen wurde. [...] Aus den Angaben der Künstlerin geht nicht hervor, welchen Platz die Darstellung innerhalb der Folge einnehmen sollte.
In der endgültigen Anordnung ist das fünfte Blatt der zentrale "Losbruch" [#vgl. Ident. Nrn. 495- und 496-1909]. Hierauf kann sich die Blattnummer kaum beziehen. Die einzige Darstellung, zu der eine inhaltliche Verbindung besteht, stellt die Radierung "Schlachtfeld" von 1907 dar [...]. Möglicherweise ersetzte diese sehr viel zurückhaltender und allgemeiner formulierte Variante die Radierung von 1903.
Aus einer der Detailstudien zu "Mutter und toter Sohn" [...] geht hervor, daß die Künstlerin sich selbst als Modell für die verzweifelte Mutter nahm. Auf unserem Druck sind die Umrisse der Frau und der Kopf des Sohnes überzeichnet. Dessen Enface-Ansicht ist versuchsweise zur Profilstellung umgearbeitet. Durch das frontale Aufeinandertreffen der Lippen erhält die Umarmung der Mutter eine Leidenschaftlichkeit, in der zweifellos eine erotische Komponente zum Ausdruck kommt. Die Profilstellung des Jungenkopfes wurde vermutlich deshalb nicht in den letzten Zustand übernommen. Thematisch überschneidet sich die Radierung mit den im selben Jahr gestalteten Einzelblättern "Pietà" und "Frau mit totem Kind".

(Text: Sigrid Achenbach, Käthe Kollwitz (1867-1945). Zeichnungen und seltene Druckgraphik im Berliner Kupferstichkabinett, Ausst.-Kat. Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1995, S. 66-67, Kat.-Nr. 65)

Letzte Aktualisierung: 17.02.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Der Sommer: Flusslandschaft mit Badenden

Der Sommer: Flusslandschaft mit Badenden

Während die Gemälde Avercamps, die deutlich in der um 1600 neu auflebenden Nachfolge Pieter Bruegels stehen, stets Winterlandschaften zeigen, in denen sich eine große Menge von Figuren auf dem Eis der zugefrorenen Kanäle erfreut, sind unter seinen Zeichnungen auch Kompositionen, die das Leben anderer Jahreszeiten spiegeln. Mit Wasserfarben bildmäßig durchgeführte Zeichnungen kann man sich als einen erschwinglichen Ersatz für die kostspieligeren Ölgemälde denken. Unser Blatt ist ein besonders großes und schönes Exemplar dieser Gattung. Trotz der gleichen Höhe und fast derselben Breite sowie dem komplementären Thema, kann keineswegs als gesichert angesehen werden, daß es sich bei der Zeichnung des Winters (KdZ 2230) um ein Pendant zu diesem Blatt handelt, zumal jene aus anderer Provenienz, nämlich der 1874 erworbenen Sammlung Suermondt stammt, dieses dagegen erst später erworben wurde.Das Wappen Amsterdams am Wirtshaus rechts legt die Uferszenerie in die Nähe der großen Stadt. Dort mischt sich das Landleben, wie es der Heuwagen, der Bauer mit dem Kalb und die Frau mit den Melkeimern repräsentieren, mit bürgerlich gekleideten Spaziergängern in steifem Hut, Halskrause und weiten Röcken; junge Leute haben sich ihrer Kleider entledigt um zu schwimmen; auf dem Wasser eine Bootspartie. Ungewöhnlich für Avercamp ist die vergleichsweise geringe Anzahl von Figuren. Diese Konzentration sowie der relativ niedrige Horizont sprechen für eine eher späte Datierung in die zwanziger Jahre. Mittel- und Hintergrund, die rechts durch die Uferstraße, links durch den Wasserlauf erschlossen werden, sind in erster Linie durch die Segel einer unwahrscheinlichen Anzahl von Schiffen bevölkert. Kirchtürme, Windmühlen und ein Galgen verleihen noch dem Horizont eine von menschlicher Präsenz belebte Atmosphäre. Die von Leben erfüllten Darstellungen sind geeignet, die in Quellen mehrfach belegte Behinderung Avercamps vergessen zu machen, der als Stummer menschlich relativ isoliert gewesen sein muß.Text: Gero Seelig in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 206f., Kat. IV.53 (mit weiterer Literatur)