Logo

Studie zur Stuppacher Madonna (Madonna dell' Umiltà)

Ident. Nr.: KdZ 12039

ObjID: obj:1038274

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Matthias Grünewald (1465 - 1528),
Zeichner*in
Unbekannt,
Papierherstellung
Datierung
Herstellung: um 1516 - 1519
Abmessungen
Höhe x Breite: 31,5 x 27,9 cm

Objektbeschreibung

Grünewalds Entwurf bezieht sich unmittelbar auf die sogenannte Stuppacher Madonna, eines der Hauptwerke des Malers. Die gekrönte Muttergottes sitzt im Dreiviertelprofil nach links auf einer Steinbank neben und vor kargen Baumstämmen. Sie stützt das nackte Christuskind, das aufrecht und von einem Stoffschleier hinterfangen auf ihrem Schoß steht. Den Blickkontakt zur Mutter suchend, greift Christus mit ausgestreckten Armen einen kleinen Gegenstand, den Maria ihm mit zierlicher Geste präsentiert. Ihr massiges und in schwere Falten gelegtes Brokatgewand mit engen Ärmeln wirkt geradezu wie eine Bühne für die innige Szene zwischen Mutter und Kind im Zentrum. Am Boden umspielt der Stoff den Baumstamm als entwachse dieser dem Mariengewand wie der Lebensbaum dem Leib des Propheten in Darstellungen der Wurzel Jesse, an deren Ende die Darstellung der Gottesmutter erscheint. Ein spitzer Saumumschlag neben dem linken Knie suggeriert hier bereits eine Trennung von Gewand und Mantel, zu dem auch ein hinter dem linken Arm Mariens herabfallender Stoffschal gehören könnte. Die angedeutete Scheidung wird jedoch nicht konsequent vollzogen und zudem vom Muster überspielt.
Die außerordentlich sichere Studie zeigt kaum Pentimente. Lediglich der Kopfumriß Christi war ursprünglich ein wenig weiter rechts angegeben, und der hauchdünne Schleier fiel in seinem Rücken zunächst gerade herab. Außerdem zog Grünewald einen vorn weit vorstehenden Stoffumschlag des Brokatgewandes vor dem Baum weiter nach innen. So schließt sich nun der Gewandumriß am Boden in einer milden Zackenlinie, die durch die hellen Lichtstege der wohl Hermelinbesatz suggerierenden Säume nachdrücklich betont wird.
Mit grauer Aquarellfarbe weist Grünewald im Mariengewand große Ornamentfelder aus. Zurückhaltend aufgetragene bräunliche Deckfarbe und vereinzelte Weißhöhungen markieren darauf ein Granatapfelmuster, das den gesamten Stoff überzieht. Auffällig ist ferner ein schräg aufgetragener, gräulich transparenter Ton, der die ganze Zeichnung überzieht und links außerhalb der bezeichneten Fläche aussetzt.
Verglichen mit anderen Vorzeichnungen zu erhaltenen Gemälden sind die Veränderungen zwischen der Vorzeichnung und der ausgeführten Tafel in diesem Fall gravierend. Sie umfassen ikonographische Kernaussagen der Figur. So ist auf der Stuppacher Tafel die Krönung noch nicht vollzogen. Die von Gottvater entsandten Engel schweben eben erst aus lichter Ferne heran. Zudem bekam die Gottesmutter mit einem blauen, rot gefütterten Mantel ein klarer definiertes, hoch repräsentatives Kleidungsstück zugeordnet. Gleichzeitig veränderte der Maler das Standmotiv Christi. Dieser wendet sich jetzt fröhlich lächelnd und lebendigen Schrittes der Mutter zu und greift beherzt nach der nun dargebotenen Feige. Und aus dem eckigen, noch ganz stofflich-greifbaren Windeltuch hinter Christus wurde im Gemälde ein fast immateriell luftiger Gazeschleier, der das Kind weit vor dem Körper der Mutter umweht.
Neben diesen motivischen Abweichungen sind es vor allem die Proportionen, die beide Versionen voneinander unterscheiden. Alles wurde im Gemälde praller und schwerer, Köpfe, Hände und Füße merklich größer.
Angesichts solch massiver Änderungen bleibt erstaunlich, wie eng sich Grünewald an das Draperiemuster des einmal entworfenen Brokatgewands hielt. Zwar waren durch die Einbindung der Figur in die Stuppacher Steineinfassung links vorn kleine Abweichungen unabdingbar, dennoch offenbart an dieser Stelle etwa das Einschwingen des Hermelinsaums unter die Brokatfläche die ungebrochene Verbindlichkeit der Studie. Auch in der Binnen¬zeichnung des Gewandes finden sich in der Ausführung die gleichen Falten. Nur durch den nun deutlich abgesetzten Marienmantel und den leichten Versatz des Baumes nach außen wurden rechts kleine Anpassungen notwendig. Mit Recht erkannten deshalb Gasser und mit ihr Hubach in der Zeichnung eine weit fortgeschrittene Studie, deren Gewandgestaltung sich vom »porträthaften Naturstudium« bereits entfernt habe und kompositorisch im Dienst der angestrebten Bildaussage stehe.

Text: Michael Roth: Matthias Grünewald. Die Zeichnungen.
Im Auftrag des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft herausgegeben von
Rüdiger Becksmann. Berlin 2008, S.65f. Kat.23 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Der Sommer: Flusslandschaft mit Badenden

Der Sommer: Flusslandschaft mit Badenden

Während die Gemälde Avercamps, die deutlich in der um 1600 neu auflebenden Nachfolge Pieter Bruegels stehen, stets Winterlandschaften zeigen, in denen sich eine große Menge von Figuren auf dem Eis der zugefrorenen Kanäle erfreut, sind unter seinen Zeichnungen auch Kompositionen, die das Leben anderer Jahreszeiten spiegeln. Mit Wasserfarben bildmäßig durchgeführte Zeichnungen kann man sich als einen erschwinglichen Ersatz für die kostspieligeren Ölgemälde denken. Unser Blatt ist ein besonders großes und schönes Exemplar dieser Gattung. Trotz der gleichen Höhe und fast derselben Breite sowie dem komplementären Thema, kann keineswegs als gesichert angesehen werden, daß es sich bei der Zeichnung des Winters (KdZ 2230) um ein Pendant zu diesem Blatt handelt, zumal jene aus anderer Provenienz, nämlich der 1874 erworbenen Sammlung Suermondt stammt, dieses dagegen erst später erworben wurde.Das Wappen Amsterdams am Wirtshaus rechts legt die Uferszenerie in die Nähe der großen Stadt. Dort mischt sich das Landleben, wie es der Heuwagen, der Bauer mit dem Kalb und die Frau mit den Melkeimern repräsentieren, mit bürgerlich gekleideten Spaziergängern in steifem Hut, Halskrause und weiten Röcken; junge Leute haben sich ihrer Kleider entledigt um zu schwimmen; auf dem Wasser eine Bootspartie. Ungewöhnlich für Avercamp ist die vergleichsweise geringe Anzahl von Figuren. Diese Konzentration sowie der relativ niedrige Horizont sprechen für eine eher späte Datierung in die zwanziger Jahre. Mittel- und Hintergrund, die rechts durch die Uferstraße, links durch den Wasserlauf erschlossen werden, sind in erster Linie durch die Segel einer unwahrscheinlichen Anzahl von Schiffen bevölkert. Kirchtürme, Windmühlen und ein Galgen verleihen noch dem Horizont eine von menschlicher Präsenz belebte Atmosphäre. Die von Leben erfüllten Darstellungen sind geeignet, die in Quellen mehrfach belegte Behinderung Avercamps vergessen zu machen, der als Stummer menschlich relativ isoliert gewesen sein muß.Text: Gero Seelig in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 206f., Kat. IV.53 (mit weiterer Literatur)