Ein Schächer am Kreuz, nach rechts
Ident. Nr.: KdZ 4450
ObjID: obj:1045033
Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- Herstellung: um 1500-02Herstellung des Papiers: 1498 - 1501
- Systematik/Art
- Provenienz
- Adalbert von Lanna (1836-1922),
188837Kommerzienrat E. Arnhold,
1910 - Material / Technik
- Kohle, mit weißer Kreide gehöht, auf beidseitig trocken rot getöntem, handgeschöpftem Papier (vergé)
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 22,3 x 12 cmBlattmaß: 22,3 x 12,0 cmAndere: Kettlinienintervalle: [.]-37-39-38-[.] mmAndere: Rippliniendichte: 10/10 mmWasserzeichenmaß: 139 x 58 mm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/1045033
Objektbeschreibung
Die Kohlezeichnung eines Schächers nach rechts befand sich
ehemals gemeinsam mit ihrem Pendant eines Schächers nach links (Ident. Nr. KdZ 4451)
im Besitz des Landschaftsmalers Fritz Bamberger. Beide wurden zusammen mit Bambergers
Nachlass 1878 in München als Werke Hans Baldungs versteigert (vgl. Aukt.-Kat.
Montmorillon’sche Kunsthandlung 1878, Nr. 337). Danach in der Sammlung Adalbert
von Lannas, wurden sie zwischenzeitlich von Meder als oberdeutsche Schule in
den zwölfbändigen Katalog der Handzeichnungen aufgenommen (Meder 1896-1908, Bd.
10, Nr. 1097). 1910 gelangten sie als „in der Art des Mathias Grünewaldt“
erneut in den Kunsthandel (vgl. Aukt.-Kat. H. G. Gutekunst 1910, Nr. 36), wo
sie von Eduard Arnold für die Sammlung des Berliner Kupferstichkabinetts
erworben wurden. Die erste Zuschreibung an Cranach wurde bereits zuvor von Max
J. Friedländer, Direktor des Kupferstichkabinetts, als eher beiläufige
Randbemerkung einer Rezension zu Hermann Voss‘ „Der Ursprung des Donaustiles“
vorgeschlagen (vgl. Friedländer 1908, S. 394). Ein Jahr nach Eingang in die Sammlung des
Berliner Kupferstichkabinetts fanden die Schächer schließlich Erwähnung in
Ignaz Beths Aufsatz über das Frühwerk Lucas Cranach d. Ä. (Beth 1911, S. 25). Seither
akzeptiert, zweifelte zuletzt lediglich Michael Hofbauer die Urheberschaft Cranachs
an, der die Blätter wieder Baldung zuweist (vgl. Hofbauer 2010, S. 516-519).
Besonders nahe steht der Körper der Verurteilten und
Gefolterten jenen Werken Cranachs, die in den Jahren nach 1500 während seines
Aufenthalts in Wien entstanden sind, aber auch anderer Künstler, die in der
Zeit bis 1505 in Süddeutschland gearbeitet haben. Offenkundig ist, dass dem Zeichner mehr an einem expressiven
Ausdruck gelegen war und weniger an einer korrekten anatomischen Darstellung. Liniendopplungen
und Korrekturen, etwa am linken Ellbogen, rechten Arm und rechten Schienbein,
zeigen gleichwohl ein Ringen um die endgültige Form. Die Fesselung von Schächern
ans Kreuz mit schmerzvoll verdrehten Armen – in Abgrenzung zum ans Kreuz
genagelten, duldsam den Tod erwartenden Christus – findet sich, wie Dieter
Koepplin schreibt, ikonographisch gleichermaßen in der fränkischen
(Pleydenwurff, Wolgemut), wie in der bayerischen und österreichischen Malerei
des Spätmittelalters, wobei er auf die Kreuzigungstafel von Rueland Frueauf d.
J. von 1496 in Klosterneuburg bei Wien verweist und die Nähe zum Aggsbacher
Altar von Jörg Breu d. Ä. von 1501 im Germanischen Nationalmuseum hervorhebt (Ausst.-Kat.
Basel Berlin 1997, S. 247, 250). In jenem ist vor allem der «unreuige» Schächer
mit dem herabfallenden Haar und dem zwischen die Beine geklemmten Kreuzesstamm sehr
eng mit unserer Zeichnung verwandt. Auch Vergleiche mit Werken Hans Baldungs
zeigen Übereinstimmungen in den Körperauffassungen und insbesondere mancher
Details wie der Umklammerung der Stämme im Bereich der Arme und Beine (z.B.
Hochaltar im Freiburger Münster). Es sei zudem an Vorbilder in der
frühniederländischen Malerei erinnert (z.B. Frankfurt a. M., Städel Museum,
Inv. Nr. 886).
Cranach
fällt in der Wiener Zeit ab 1500 mit einer expressiven Malweise und ebensolchen
Motiven auf, wie auch die beiden frühen Holzschnitte mit Kalvarienbergen
zeigen. Gleichwohl zieht die Forschung stets den Vergleich zur sogenannten Schottenkreuzigung
von um 1500/01 im Kunsthistorischen Museum in Wien heran (Wien, KHM, Inv. Nr. Gemäldegalerie,
6905). Jedoch unterscheiden sich die Figurenauffassungen hinsichtlich der
Varianten von genagelten Körpern dort und den gebundenen hier.
Bemerkenswert
ist die Verwendung von Zeichenkohle als autonomem Zeichenmittel, die kaum
Wiederholung im zeichnerischen Werk Cranach d. Ä. findet (mit Ausnahme des Bildnisses
von Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach von 1511/12 in der Albertina, Inv. Nr. 3005) und generell
vor 1503, als Dürer sich intensiv diesem Zeichenmedium für Porträtzeichnungen
zuwandte, nur selten zu finden ist. Auf beidseitig mit Eisenoxid trocken rot
getöntem Papier, das somit einen fleischfarbenen Mittelton erzielt, skizziert
der Künstler hier mit Kohle und setzte abschließend mit weißer Kreide Lichtreflexe,
also anders als Grünewald, der präziser linear zeichnet und stets mit dem
Pinsel und Bleiweiß höht, wodurch die Körper Volumen erhalten (vgl. Dietz, Brückle,
Banik in Ausst.-Kat. Berlin 2008, S. 65).
Dass Cranach rötliche Grundierungen in der Malerei
einsetzte, konnte Gunnar Heydenreich für den „Büßenden Hl. Hieronymus“ (1502,
Wien, KHM, Inv. Nr. Gemäldegalerie 6739) und die „Ruhe auf der Flucht nach
Ägypten“ (1504, Berlin, Gemäldegalerie, Ident. Nr. 564A) darlegen. Bei der
„Klage unter dem Kreuz“ (sog. Schleißheimer Kreuzigung, 1503, München, Alte Pinakothek,
Inv. Nr. 1416) verwendete er eine rote Imprimitur über weißem Grund (vgl.
Heydenreich 2007, S. 97, 101f). Dieses Vorgehen könnte er zuvor in Nürnberg
kennengelernt haben. Die
trockene Rötelung von Papier zur Vorbereitung hat in Nürnberger Werkstätten als
Übernahme von niederländischen Vorbildern eine lange Tradition. Die
Zeichnungssammlung der Erlanger Universitätsbibliothek verwahrt sowohl ein
größeres Konvolut aus dem Umkreis des Meisters des Tucheraltars, des Meisters
von 1483 sowie aus der Werkstatt Michael Wolgemuts (vgl.
Buck/Messling 2009, S. XVIII-XIX).
Jene Zeichnungen sind jedoch mit der Feder ausgeführt. In technischer Hinsicht
besser vergleichen lässt sich daher Albrecht Dürers frühe Kohlezeichnung einer
«Dame mit Falken» im British Museum (Inv. Nr. SL,5218.90), die nach Auskunft
einer Sammlerbeschriftung vor seinem Eintritt in die Wolgemut-Werkstatt, also vor
dem 30. November 1486, entstand. Dieses Blatt weist jedoch keine Weißhöhungen
auf und wurde im Darstellungsbereich absichtsvoll fixiert (Dietz in Strieder
2012: S. 346). Unfixiert, wie hier, sind die Blätter sehr abriebgefährdet, wie
die durch einen sicher ungewollten Kontakt mit Flüssigkeit im unteren Drittel
besser erhaltene Zeichnung mit dem nach links gewandten Schächer (Ident. Nr. KdZ
4451) zeigt.
Das Papier ist von eher geringerer Qualität, d.h. kaum
geleimt, etwas grob und offenporig, und dürfte damit aber vorteilhaft für die
Verwendung von Kohle gewesen sein (vgl. Guido Messling in AK Winterthur/Wien
2022, S. 79). Als
Wasserzeichen findet sich in diesem Blatt, wie im Papier des Pendants (Ident.
Nr. KdZ 4451), je eine hohe Krone. Die Zeichen sind untereinander nicht vollkommen
identisch, dürften aber, wie Wasserzeichenrecherchen nahelegen, als
zusammengehöriges Siebpaar angesprochen werden, da sie nicht nur bei den beiden
Berliner Zeichnungen, sondern auch in gebundenen Schriften und Aktenkonvoluten
gemeinsam auftreten. Beim Papierschöpfen tauschen Papiermacher und Geselle
fortwährend zwei Schöpfformen, die üblicherweise gleiche, aber eben nicht
vollkommen identische Zeichen aufweisen. Auf diese Weise entstehen
hintereinander weg Papiere mit zwei (leicht) verschiedenen Wasserzeichen (vgl.
Wasserzeichen-Online (WZIS): DE5040-PO-52268 (A-Sieb) und DE5040-PO-52269
(B-Sieb), Wildberg 1515; DE5400-PO-52266 (A-Sieb)
und DE5400-PO-52267 (B-Sieb), Esslingen 1503; DE8085-PO-52261 (A-Sieb) und DE8085-PO-52262
(B-Sieb), Bebenhausen 1498 (beide auch Lustnau 1501); DE0960-Mlf293_1 und DE0960-Mlf293_3,
Leipzig (?) 1490/1500). Nicht immer sind beide Wasserzeichen gemeinsam
überliefert, so gibt es zudem Einzelfunde. Hinzu kommt, dass sich die Zeichen
durch Nutzung und Reinigung der Siebe fortwährend leicht verändern und
verformen können. Die Anzahl an sehr ähnlichen Wasserzeichenfunden ist im Fall
der Papiere der Berliner Schächer-Zeichnungen außergewöhnlich hoch, so dass
sich eine breite Datenbasis ergibt. Wie es scheint, sind unter den
Vergleichsfunden Papiere, die noch vor einer weiteren Verformung der Zeichen
geschöpft wurden, wie auch solche, bei denen die Wasserzeichen weitere
Beschädigungen aufzeigen:
Für das
Blatt mit dem Schächer nach rechts passt am besten ein Wasserzeichen-Beleg aus
einem 1498 in Bebenhausen geschriebenen Lagerbuch (DE8085-PO-52261). Das
Zeichen ist auf dem Sieb verschoben und das Innenkreuz verquetscht. Das Zeichen
findet sich gemäß einer Notiz Piccards identisch in einer 1501 in Lustnau
entstandenen Archivalie. Weitere Belege vor der Verformung des Innenkreuzes
finden sich in 1493 bis 1499 entstandenen Schriften (AT3800-PO-52253, Rottenburg
1493; AT3800-PO-52253, Rottenburg 1493; DE6300-PO-52252, Öttingen 1493;
DE8370-PO-52254, Ulm 1494; AT3800-PO-52259, Rattenberg 1498; DE0480-PO-52258, Rottweil
1499; DE0960-Mlf293_3, Leipzig (?) 1490/1500). Das vermutlich selbe Zeichen in
stärker beschädigtem Zustand, also mit derselben Form später geschöpft, findet
sich in Archivalien aus den Jahren 1503 und 1515 (DE5400-PO-52266, Esslingen
1503; DE5040-PO-52268, Wildberg 1515).
Die
Zeichnung und ihr Gegenstück (Ident. Nr. KdZ 4451), deren Papierdatierung auf
das Jahr 1499 und damit exakt in die hier gefundene Spanne zwischen 1498 und
1501 fällt, werden also um 1500 entstanden sein und wurden jeweils in der Mitte
einer ehemaligen Papierbogenhälfte gezeichnet. Vielleicht waren die beiden
Blätter Teil eines größerformatigen Skizzenbuchs.
Die Zuschreibung an Cranach folgt der Idee von der «Sturm und Drang»-Zeit Cranachs in Wien und hilft sich damit über die äußerst schemenhafte Vorstellung von Cranachs Anfängen hinweg. Jedoch negiert eine eindeutige Zuschreibung die Nähe zu fränkischen, oberdeutschen und österreichischen Beispielen. Allein sicher scheint, dass das Blatt von einem informierten Zeichner stammt, der einen Reiseweg über Franken und die Donaugegend zurückgelegt haben muss, wenn er nicht sogar selbst dort sesshaft geworden ist.
[Georg Josef Dietz, Mailena Mallach und Susanna Szikal im
Rahmen des Cranach-Forschungsprojekts, April 2026]
Letzte Aktualisierung: 09.10.2026
Kontakt
Einrichtung:
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kk@smb.spk-berlin.de