Logo

Heilige Dorothea

Ident. Nr.: KdZ 12035

ObjID: obj:1053664

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Matthias Grünewald (1465 - 1528),
Zeichner*in
Unbekannt,
Papierherstellung
Datierung
Herstellung: um 1509-1511 (?)
Abmessungen
Höhe x Breite: 35,9 x 25,9 cm

Objektbeschreibung

Neben dem erdrückenden Werk Dürers kann sich Grünewald erstaunlicherweise behaupten allein mit dem einen, überirdisch ekstatischen »Isenheimer Altar« (1515 Colmar). Dem zeichnerischen OEuvre Dürers, das ca. 1000 Blätter umfaßt, steht Grünewald bescheiden mit nur ca. 30 Zeichnungen gegenüber; aber auch sie sind in der Verbindung von technischer Meisterschaft und gesteigertem Ausdruck so einzigartig, daß sie höchste Bewunderung wecken. Die vorliegende hl. Dorothea, etwas gemindert durch die dunkel gewordene Weißhöhung, ist wohl die »schönste« aller Grünewald-Zeichnungen. Die Vielfalt der endlosen Falten, in schwarzer Kreide und grauer Tusche äußerst genau durchgezeichnet, zusammen mit dem schwärmerischen Liebreiz des Mädchens, der nicht der Natur abgesehen ist, sondern der Phantasie des Zeichners entstammt, dies schafft eine Wirkung, die kein anderer Künstler so erreicht hat.
Nach der Legende traf die hl. Dorothea, die ihr Martyrium im eisigen Februar erlitt, auf dem Weg zur Hinrichtung ein Kind, das ihr einen Korb mit Rosen und Äpfeln reichte: ihr Richter hatte sie verhöhnt, sie solle ihm Blumen und Früchte aus dem Paradies ihres himmlischen Bräutigams schicken. Unerklärt ist, warum der Jesusknabe sich von ihr abwendend an der Mauer emporreckt; ebenso unverständlich ist sein Gewand, das einem Bergmannskittel ähnelt. Der Stand auf der Sphära bedeutet sicherlich seine weltbeherrschende Macht.
Durch glückliche Sammeltätigkeit besitzt Berlin die Hälfte aller bekannten Grünewald-Zeichnungen.

Text: Hans Mielke in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 130, Kat. III.56 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Christus in der Vorhölle

Christus in der Vorhölle

Der Abstieg zur Hölle, wo Christus nach dem Kreuzestod und vor der Auferstehung die Gerechten - angefangen von Adam und Eva bis hin zu Johannes dem Täufer - aus der Gewalt Satans befreite, wird im apokryphen Nikodemus-Evangelium erwähnt. Das Thema war im 15. Jahrhundert weit verbreitet. Mantegna könnte Anregungen von einem kleinen Bild seines Schwiegervaters Jacopo Bellini (Padua, Museo Civico) und von einem Bronzerelief Donatellos erhalten haben (Florenz, San Lorenzo). Unter den Zeichnungen des Kabinetts befindet sich noch eine exakte Wiederholung der Christusfigur, die auf einer um 1490/92 entstanden Gemäldeversion Mantegnas erscheint (KdZ 622; Kat. [Andrea Mantegna, London / New York 1992], Nr. 71, Farbabb.).Die Auseinandersetzung mit der Mantegna-Graphik ist von ständig wechselnden Zu- und Abschreibungen geprägt und in vielen Punkten noch klärungsbedürftig. Erst kürzlich wurden aus Anlaß der Londoner Ausstellung wieder zwei völlig divergierende Meinungen vertreten. Während Suzanne Boorsch vermutet, das gesamte Œuvre sei nur unter der Aufsicht des Meisters entstanden (ebd., S. 56ff.), verzeichnet der von David Landau erstellte Katalog sieben eigenhändige Werke und vier Attributionen. Unter den letzten wird auch der »Abstieg in die Hölle« aufgeführt. Die Argumente für eine Zuschreibung des Stichs an Mantegna überwiegen. So weicht die Komposition nur in wenigen, aber doch wichtigen Details von der Vorzeichnung in der École des Beaux-Arts zu Paris ab, einem unbestrittenen Autograph (ebd., Nr. 66, Farbabb.). Veränderungen und Zusätze wären einem rein reproduzierenden Graveur nicht erlaubt gewesen. Gewichtiger als dies ist aber der unvollendete Zustand der Platte, die nur in den zentralen Partien und auch hier ohne feine Tonnuancen durchgearbeitet ist, welche ein Stecher zum Schluß hinzufügen würde. Ein solches Nonfinito war wohl kaum für den Markt gedacht. Es ist Resultat des künstlerischen Experiments. Dieser Neugier mag ebenfalls verdankt werden, daß das Berliner Blatt in brauner Farbe abgezogen ist, welche die koloristischen Effekte der Federzeichnung imitiert (ein gleichartiger Abzug in London; Hind [Catalogue of Early Italian Engraving, London] 1910,S. 347, Nr. 5a).Text: Hein-Th. Schulze Altcappenberg in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 252-253, Kat. V.10 (mit weiterer Literatur)