Logo

Stehender nackter Mann (Herkules?)

Ident. Nr.: KdZ 5014

ObjID: obj:1056624

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Lucas Cranach (der Ältere) (1472-1553),
Zeichner*in
Datierung
Herstellung: um 1525-30
Weitere Titel
Sammlungstitel: Stehender nackter Mann (Herkules?)
Wilder Mann mit Keule
Abmessungen
Blattmaß: 25,0 x 13,0 cm unregelmäßig, grob der Form folgend beschnitten
Andere: Kettlinienintervalle: nicht identifizierbar
Andere: Rippliniendichte: nicht identifizierbar
Erwerbung
1902 mit der Sammlung Adolf von Beckerath, Berlin, erworben

Objektbeschreibung

Cranachs Rückenakt eines ungeschlachten Wilden Mannes mit Keule schreitet in unakademischem Kontrapost mit vorgestelltem und ins Profil gedrehten linken Spielbein leicht bergan. So schiebt sich die Hüfte über dem Standbein hoch, aber das gewölbte Hohlkreuz die Muskelkontraktion weitgehend auf, so daß die zu erwartende Senkung der rechten Schulter beinahe vollständig unterbleibt. Trotz der Figurenspannung hängt der kräftig durchmuskelte rechte Arm schlaff herab und faßt die Keule ohne merkliche Kraftanstrengung. Die hochgestreckte andere Hand scheint einen nicht dargestellten Gegenstand zu umgreifen, möglicherweise einen Stützstab, den der ungeschlachte Lockengnom mit gespanntem Interesse fixiert.

Rasch und sicher umrissen, dann bisweilen leicht korrigierend mit etwas kräftigerem Federstrich konturiert, wird die Figur im wesentlichen von der zielgenau aufgetragenen braunen Lavierung bestimmt. Sie akzentuiert und modelliert die Binnenflächen der Zeichnung, und durch sie entsteht ein sehr genaues Bild des Zusammenspiels von Knochenbau, Sehnen, Muskeln und Haut. Einige Partien der Rückenfigur fanden offenbar das gesteigerte Interesse des Zeichners, die Achillessehne des rechten Beins, der linke Unterschenkel, die linke Wade und das im verlorenen Profil gegebene linke Knie. Den Oberschenkel fehlt dagegen die Spannung, die sich erst wieder im Gegeneinander der Gesäßhälften aufbaut, die ihrerseits dann in ein reiches Schattenrelief im Lendenwirbelbereich überleiten. Brustkorb und Schultern bleiben vergleichsweise indifferent, obgleich sie mit zahlreichen dünnen Federlinien in der Anlage modelliert sind, so daß erst wieder Kopf und Hände einen gespannten Zugriff des Zeichners erkennen, bzw. erahnen lassen. Beide Arme wirken merkwürdig flau und im Vergleich mit den genau beobachteten Partien etwas fahrig geschildert. Das ist wohl auch dem Zeichner aufgefallen, der den Eindruck durch eine Federmarkierung der Ellbögen zu mildern trachtete.

Der unregelmäßige Beschnitt des Blattes und der Schlagschatten einer anderen Figur vor dem linken Fuß des Keulenträgers verweisen darauf, daß die Figur ursprünglich in einem weiteren Kontext stand. Seine Benennung ist deshalb nicht vollständig geklärt. Er wurde als Apollo, Herkules, Adam oder Wilder Mann bezeichnet. Jedenfalls fügt sich die die Figur ungezwungen in die Reihe kämpfender männlicher Aktfiguren mit charakteristischen Kraushaarfrisuren und typisch ledriger Körperoberfläche auf der Weimarer Bildtafel des „Silbernen Zeitalters“ von 1527 ein, ohne einem dieser ausgeführten Wilden Männer genau zu entsprechen. Die Studie entspricht damit einem verbreiteten Werkstattphänomen des Cranachateliers. Statt echter Wiederholungen fertigte man in dem Atelier eher Varianten einmal gefundener Lösungen, die auf Zeichnungen festgehalten werden konnten. In jedem Fall stehen die Figuren auf dem Weimarer Bild der Skizze näher als der Keulenschwinger auf der Berliner Silberstiftzeichnung „Kampf der Satyrn und Nymphen“ oder das „Silberne Zeitalter“ (KdZ 385), als deren mögliche Vorzeichnung Lippmann das von Beckerathsche Blatt bereits 1895 publizierte. Seine Einschätzung hatte berechtigterweise keinen Bestand, und auch die Deutung der Figur als „Herkules aversus“ führt angesichts der engen Beziehungen zu den Wilden Männern der Weimarer Tafel zu weit.

Text: Michael Roth in: Kunstsinn der Gründerzeit. Meisterzeichnungen der Sammlung Adolf von Beckerath. Kupferstichkabinett Staatliche Museen zu Berlin 30.11.2002 - 23.3.2003. Berlin 2002, S. 106f., Kat. 38 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 14.04.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Rhenen von Westen

Rhenen von Westen

Jacob van Ruisdael gilt als der bedeutendste niederländische Landschaftsmaler, eine Gattung, die in kunsttheoretischen Schriften keinen hohen Rang einnahm.Nur eine weitere Ansicht Rhenens durch van Ruisdael ist erhalten (St. Petersburg); sie zeigt die Stadt aus entgegengesetzter Richtung. Beide müssen auf der Reise nach Bentheim entstanden sein, die der Künstler 1650/1653 unternahm. Das beliebte Motiv des Turmes der Cunera-Kirche als mächtigem, die Landschaft beherrschenden Kennzeichen, wird durch van Ruisdael auf die Spitze getrieben, indem er einen Blickwinkel wählt, der den Baublock der Kirche selbst hinter dem Turm verschwinden läßt, während von dem benachbarten großen Palast, den Friedrich V. von der Pfalz, der sogenannte Winterkönig, sich hier im Exil von Bartholomeus van Bässen hatte bauen lassen, nur die Dächer zu sehen sind. So kann der Kirchturm, in dessen Schatten sich der ganze Ort zu ducken scheint, bei van Ruisdael zum Angelpunkt einer asymmetrischen, aber wohlbalancierten Komposition werden. Dynamik entsteht durch die von links vorn nach rechts hinten schwingende Linie von Weg und Ufer, während die mit großer Leichtigkeit auf das Blatt gesetzten Wolken ein raffiniertes Gegengewicht zu dem aus der Mitte gerückten Turm bilden. (Um so schmerzlicher stört die übergroße Besitzermarke des Zaren.)Typisch für van Ruisdael ist die spürbare Distanziertheit vom Gegenstand, z.B. das Fehlen menschlicher Figuren, die der Darstellung einen Ernst, ja eine Strenge verleiht, die bei anderen holländischen Landschaftern selten zu finden sind.Text: Gero Seelig in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 222, Kat. IV.75 (mit weiterer Literatur)

Der Petersfriedhof in Salzburg

Der Petersfriedhof in Salzburg

Zwei mehrwöchige Salzburger Aufenthalte wurden für Ferdinand Olivier in den Jahren 1815 und 1817 zum künstlerischen Schlüsselerlebnis. Wie auch die anderen deutschen Maler seines Wiener Umkreises, die in diesen Jahren die Landschaft des Salzkammergutes entdeckten, fand er hier zu seiner gültigen Landschaftsauffassung. In zahlreichen, zum Teil erst nach seiner Rückkehr in Wien ausgeführten Blättern verbindet er die Motive der Stadt und der Bergwelt zu kunstvollen Kompositionen, Höhepunkte seiner Zeichenkunst.Schon beim ersten Aufenthalt faszinierte ihn der Petersfriedhof, häufiges Motiv bei der romantischen Entdeckung Salzburgs. Er stellte ihn mehrfach in ganz verschiedenen Jahr 1816 datiert eine Bleistiftzeichnung von seiner Hand (Kupferstichkabinett, Dresden; Ludwig Grote: Die Brüder Olivier und die deutsche Romantik, Berlin 1938, Abb. 136), die er mit geringen Unterschieden zweimal wiederholt: durch eine Bleistift- und Rötelzeichnung (Staatliche Galerie, Dessau) und die vorliegende Federzeichnung. Sie wird als unmittelbare Vorarbeit für die Lithographie des Sonnabend-Blattes der Folge »Sieben Gegenden aus Salzburg und Berchtesgaden, geordnet nach sieben Tagen der Woche« gedient haben (vgl. Grote 1938, Abb. 137). Die Resonanz, die seine Zeichnungen von Salzburg und Folge von Lithographien in Wien auszuführen. Sie erschien 1823. Die Ansicht zeigt den Petersfriedhof mit dem Blick auf die frühbarocke Arkaden-Reihe und die sich darüber erhebende Nagelfluh-Wand zwischen Mönchsberg und Festungsberg mit der Maximin- und Gertrauden-Kapelle sowie den frühchristlichen Katakomben. Rechts erhebt sich die spätgotische Margarethen-Kapelle. Der Friedhof mit seinen Gräbern und Kreuzen, die Kapellen, schließlich der Begräbniszug im Hintergrund entlang der Arkaden: das alles sind neben der Freude am Motiv auch Aufforderungen des romantischen Künstlers, der Vergänglichkeit des Menschen stets gegenwärtig zu sein.Text: Gottfried Riemann, in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 369, Nr. VII.15 (mit weiterer Literatur)