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Fluxus 1

Ident. Nr.: 1990,59/119

ObjID: obj:1062333

Details (Expert)

Beteiligte
George Maciunas (1931 - 1978),
Entwerfer*in
George Maciunas (1931 - 1978),
Verleger*in
Datierung
Publikation: 1964
Geografische Bezüge
Verlagsort: New York City,
Stadt
Material / Technik
Papier, Kunststoff / Assemblage
Abmessungen
Höhe x Breite x Tiefe: 23,5 x 22 x 6,5 cm
Erwerbung
1990 Rolf Dittmar (Kauf)

Objektbeschreibung

Seit 1962 plante der litauische Künstler George Maciunas als Erfinder und Organisator der "Einheitsfront Fluxus" sogenannte Yearboxes, Anthologien eines Jahres, mit denen die Fluxus-Kunst mit einer Auswahl von Objekten vorgestellt werden sollte. Erst 1964 konnte die erste Anthologie Fluxus 1 realisiert werden. Es sind 15 amerikanische Papierumschläge, die mit Event-Karten und flachen Objekten gefüllt sind, dazwischen sind Drucksachen verschiedener Größe, Farbe und Papierbeschaffenheit eingefügt. Diese Versandumschläge und Drucksachen sind mit drei Schrauben zusammengebunden und in einer Holzkiste versandt worden. Die Umschläge enthalten folgendes Material: 1. George Brecht, Direction (Event-Karte); 2. George Brecht, Five Places (5 Event-Karten); 3. Joe Jones, A Favorite Song (Tonbandstreifen); 4. Stanley Brown, ohne Titel (gefaltetes Papier); 5. Alison Knowles, Glove to be worn while examining (Plastikhandschuh); 6. Takehisa Kosugi, Theatre Music (Event-Karte und gefaltetes Papier); 7. Shigeko Kubota, Napkin for next Supper (gefaltete Serviette); 8. Jackson Mac Low, Letters for Iris Numbers for Silence (51 Event-Karten); 9. Ben Patterson, Puzzle (acht  Teile eines unregelmäßig zerschnittenen Drucks); 10. Chieko Shiomi, ohne Titel (acht ineinander gesteckte Umschläge); 11. Ben Vautier, Musique aussi absence de musique (Vinyl-Schallplatte) (Schallplatte fehlt); 12. Robert Watts, Hospital Events (2 Event-Karten); 13. Emmett Williams, An Opera Alphabet Poem (zwei gefaltete bedruckte Papierstreifen); 14. La Monte Young, ohne Titel (angebranntes Streichholz) (Umschlag und Objekt fehlen); 15. Giuseppe Chiari, La Strada (22 Event-Karten). Auf der Rückseite des Objekts ist ein Leporello mit den von Maciunas gestalteten Signet-Karten der Künstlerinnen und Künstler angeklebt.

Letzte Aktualisierung: 26.06.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kunstbibliothek

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Wozu hat Deutschland eigentlich Kolonien?

Wozu hat Deutschland eigentlich Kolonien?

Aus der oberen linken Ecke des Buchtitels ragt eine geballte Faust ins Bild. Sie trägt einen Ring, von dem ein Lichtstrahl ausgeht, mit dem eine offenkundig bösartige Schlange gebannt wird. Sie windet sich weiter unten um eine Palme, das Maul bedrohlich weit aufgerissen. Den Hintergrund der Szene bildet die schwarz-weiß-rote deutsche Fahne. Das Buch „Wozu hat Deutschland eigentlich Kolonien? Wie es einem Deutschen in einer deutschen Kolonie erging“, erschienen 1911 im Deutschen Kolonial-Verlag G. Meinecke, wurde von Carl Eduard Michaelis (Lebensdaten unbekannt) verfasst. Das „Deutsche“ ist somit fünffach im Titel zementiert: viermal in Worten und einmal in Farben. Das zugehörige Werbeplakat setzt das Buch effektvoll auf grünen Grund, umrahmt von großen Lettern, die kommentieren: „Unglaublich – aber wahr! Haben Sie es gelesen?“ Der Gestalter Fidus (Hugo Höppener) war ein Anhänger der Lichtlehre und der Reformbewegung um 1900, die sich von bürgerlichen Zwängen befreien wollte und, wie August Engelhard (1875–1919), von einem weitgehend unbekleideten Leben in der Südsee träumte. Fidus’ Illustration nimmt Gedanken aus der beworbenen Publikation auf, ohne jedoch dort erwähnten Personen im Bild darzustellen. Das Buch ist in eigentümlicher Sprache verfasst, die zwischen Alltagsjargon und dichterischem Duktus changiert. Der Titel klingt wie eine Anspielung auf die programmatische Schrift der deutschen Kolonialbewegung „Bedarf Deutschland der Colonien? Eine politisch-ökonomische Betrachtung“ von Friedrich Fabri (1824–1891) aus dem Jahr 1879. Darin erläutert Fabri, noch bevor das Deutsche Reich sich Mitte der 1880er-Jahre Territorien in Afrika und Asien als „Schutzgebiete“ oder Kolonien aneignete, dass das deutsche Volk als Träger einer Kulturmission und aufgrund von wirtschaftlichen wie politischen Erwägungen dringend eine Kolonialmacht werden sollte. Während jedoch Fabri salbungsvoll über die hohe Kultur der Deutschen und zugleich über die Gefahren der Sozialdemokratie dozierte, prangerte Michaelis voller Hass und Empörung das Leben in Samoa an. Dorthin war er Anfang 1910 gereist, um sich „biosophisch-rassenhygienischen Studien zu widmen und gleichzeitig die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse dieser Kolonie hinsichtlich ihrer Eignung für eine genossenschaftliche Ansiedelung deutscher Lebensreformer zu erkunden“ (S. 8). Doch er witterte „Rasseverderbnis“ unter seinen Landsleuten und forderte, auf der Stelle gute deutsche Frauen als Mütter und für die Arbeit im Haus herbeizuschaffen und so die weiße „Rasse“ zu erhalten: Weil „ihr wirtschaftlicher Wert als Mutter weißer Kinder für den jungen Pflanzer sowohl wie für die Kolonie gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann“ (S. 15). Die Vermischung des deutschen Volkes mit Juden und Jüdinnen aber setzte er einer „alteingessenen Krankheit“ gleich (S. 74). Nach einigen Spekulationen über die Tropentauglichkeit weißer Menschen überlegte er im zweiten Teil – von dem sich der Herausgeber im Übrigen explizit distanzierte – ob er in den USA leben solle und „nicht doch lieber einem Lande und Volke angehören möchte, das zwar englisch spricht, aber bei dem unsere Rasse-Ideale höher im Ansehen und besser in Schutz stehen. – In erster Linie bin ich doch ein Weißer, erst in zweiter ein Deutscher“ (S. 40). Er empfahl jungen Deutschen, sich einige Jahre in den Kolonien umzutun, die Menschen dort freilich „mögen uns nützliche subalterne Hilfskräfte oder auch interessante Landschaftsstaffage sein, aber sie sind nur zu dulden, sowie sie unserem eigenen Volke nicht im Wege sind.“ (S. 44).Die Gesellschaft im Deutschen Reich um 1900 war voller Widersprüche, die Bürgerschaft, Kunstschaffende, das konservative Lager, Sozialdemokrat*innen, Kirchenleute und Reformbegeisterte aller Couleur suchten nach einem Platz in der sich rasch verändernden Welt. Als gemeinsamen Nenner fanden viele die immer wieder behauptete Superiorität ihres Volkes. Menschenverachtung, Hass und wütende Versuche, die eigene Identität zu sichern, griffen - wie in Michaelis' Zeilen - in Deutschland um sich. Politisch spätestens seit 1884 als Kolonialismus und Imperialismus kanalisiert, führten sie zu unfassbarer Gewalt. Diese richtete sich gegen Kolonisierte und ihre Nachkommen, gegen Frauen, Jüdinnen und Juden und alle Menschen, die sich dem deutschen Überlegenheitswahn in den Weg stellten. Auf dem Plakat stellt Fidus das von Michaelis als „Rasseverderbnis“ bezeichnete Übel als eine Schlange im Tropenparadies dar, die sich nur mit gleißendem Licht bezwingen lässt. Analog ist zu folgern: Den Kolonisierten musste man mit einer höheren, das Gute repräsentierenden Gewalt begegnen. Reformbewegte Künstler wie Fidus unterstützten offenkundig den Irrsinn solcher Ideen und werteten diese durch ihre künstlerische Arbeit bereitwillig auf.Recherche und Text: Kristina LowisZitierte Literatur:_Carl Eduard Michaelis: Wozu hat Deutschland eigentlich Kolonien? Wie es einem Deutschen in einer deutschen Kolonie erging, Berlin 1911//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch._Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/