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New morality

Ident. Nr.: 14156027

ObjID: obj:1062745

Details (Expert)

Beteiligte
Herstellung: John Wright,
Verleger*in
Herstellung: James Gillray (1757 - 1815),
Inventor & Stecher
Ludwig XVI. (Frankreich, König) (1754 - 1793),
Dargestellt
Elizabeth Farren (um 1759 - 1829),
Erwähnte/Dargestellte Person
Datierung
1798.08.01
Systematik/Art
Geografische Bezüge
Verlagsort: London,
Stadt
Druckort: London,
Stadt
Material / Technik
kolorierte Radierung

Objektbeschreibung

NEW MORALITY; - or - The promis'd Installment of the High-Priest of the THE THEOPHILANTHROPES, with the Homage of Leviathan and his Suite.
Publishd. August 1.st 1798. by J. Wright N.o 169. Piccadilly. for the Anti-Jacobin Magazine & Review
Die Absicht des ganzen Kupfers berichtet die Unterschrift und das Gedicht. Nur einige Stellen/ bedürfen in letzterem einer Erläuterung. In der zweyten Colonne werden erwähnt/ der Courier, Star, Morn. Chron., und Morning Post: die ersten beyden Abend-, die letzteren Mor-/ genzeitungen der Opposition. In der dritten Colonne sind die Nahmen allso auszufüllen Col-/ ridge, Southey, Loyd, Lamb. In der vierten Priestley, Wakefield, Thelwal - dann Willi-/ ams, Godwin, Holcroft. In der fünften fülle so aus: mitt Derby, Byng &/ Norfolk in thy train, and Whitbread wallowing &c. - Nun die Figuren! Die Vögel/ oberhalb sind weiter nicht characteristisch, außer der Marquis of Lansdowne der eine Nacht-/ eule, wegen seines Jesuitischen Characters vorstellt; man nennt ihn auch deswe-/ gen Malagrida. Unterhalb hat Courtenay sein Steckenpferd in der Hand Späße/ über den öffentlichen cultus; Sir Fr. Burdett interessirte sich ungemein für den Irlän-/ der O'Connor, weswegen er sich auch am meisten über dessen Lossprechung freuen musste:/ Daher wird ihm hier glorious acqu. &c. beygelegt, das er der Lady Oxford dedicirt haben soll,/ indem Lord Oxford auch ein heftiger Oppositionist ist. Herzog von Norfolk verlor einige Eh-/ rentitel wegen seiner Gesundheit "die Souveränität des Volks" im Whigclub - Was die Ta-/ belle Coco's adress bedeutet weiß ich nicht, habe es auch nicht erfahren können. Der große/ Redner Whitbread, ein starker Oppositionsmann ist hier possierlich durch ein Bierfaß an-/ gedeutet. Lord Derby hat Hörner weil er eine schöne junge Schauspielerinn geheu-/ rathet hat (Miss Farren). Nicholls Speech ist blos in seiner Tasche um ihn desto gewis-/ ser auszuzeichnen: er redet oft im Parlamente und mag oft meditirt haben. Tierney's/ Adresse an seine Constituenten voriges Jahr machte Aufsehen. Die Schlange unten/ ist David Williams hat unter andern atheistischen Schriften die Letters to a young prince/ (of Wales) geschrieben - Godwin, der on political justice geschrieben hat, wird hier auf gut ministe-/ rialisch als Eselchen gezeigt - Vor ihm steht Holcroft, der immer Brille und abgeschnit-/ tene Haare trägt; der Kopf ist bey aller Caricatur sehr ähnlich, die Füsse stellen ein/ Kettenglied vor, welches sich auf Windhams (des Ministers) Ausdruck acquitted felons,/ losgesprochnen Missethäter, bezieht, wie er die Herren Tooke, Holcroft, Hardy &c. [?]/ die im J. 1794 des Hochverraths angeklagt und zum Ärgerniß der Regierung von den/ Juries losgesprochen worden. Holcroft schrieb dann einen stachelichten Brief/ an Windham: er hält ihn hier in der Hand. - Paine erscheint als Crocodill; er hat/ eine Schnürbrust an, weil er anfänglich ein "Leibchenmacher" war. - Oben ist/ Thelwall in der Attitüde eines Schreyers, welche er wirklich hatte wenn er sei-/ ne politische Vorlesungen hielt, die ihm so übel bekamen, dass er sich jetzt in einen/ Winkel in Wales zurückgezogen hat; die Löcher im Rocke zeugen von seiner/ Armuth. - Priestly und Wakefield sind leicht kenntlich; letzterer hat seine spitzige/ Schrift an den Bischof von Landath in den Händen - Blankverse by toad & frog/ sind von Lloyd und Lamb zu verstehen, deren ungereimte Gedichte sehr frey/ waren: Gillrey lässt sie koaxen, um ihrer Verächtlichkeit willen. Southey/ und Colridge zwey oppositionsgesinnte Dichter erscheinen als Esel, auch blos/ um sie lächerlich zu machen: denn beyde haben Verdienste, besonders aber Southey/ oben aus Darwins (auch eines antiministerialen) Zoonomie sprossen Jacobi-/ nermützen - Moira's Rede zu Gunsten der Irländ. Rebellen (die er in der Hand hat)/ machte ihm viele Feinde - die unten liegenden Schriften von denen ich nicht/ alle entziffern kann sind sämtlich von Leuten geschrieben, die mit der/ Regierung unzufrieden sind. Walsingham ist ein Roman der Mistress Robin-/ son, Monroe ist ein Amerikaner der wider Harper schrieb, Curwen/ ist ein Güterbesitzer im Nördl. England; er hielt eine Rede wider den/ Krieg im Parlamente - Wrongs of Women von der verstorbenen Mrs Woolstonecraft/ the young philosophor ist von Charlotte Smith. The enquirer von Godwin./ Knave or not von Holcroft (ein ausgepochtes aber gutes Stück); letter to the/ peers of Scotland von Earl Lauderdale - die Caballen auf dem übrigen/ sind erklärend.

Letzte Aktualisierung: 04.08.2026

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Einrichtung:

Kunstbibliothek

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Wozu hat Deutschland eigentlich Kolonien?

Wozu hat Deutschland eigentlich Kolonien?

Aus der oberen linken Ecke des Buchtitels ragt eine geballte Faust ins Bild. Sie trägt einen Ring, von dem ein Lichtstrahl ausgeht, mit dem eine offenkundig bösartige Schlange gebannt wird. Sie windet sich weiter unten um eine Palme, das Maul bedrohlich weit aufgerissen. Den Hintergrund der Szene bildet die schwarz-weiß-rote deutsche Fahne. Das Buch „Wozu hat Deutschland eigentlich Kolonien? Wie es einem Deutschen in einer deutschen Kolonie erging“, erschienen 1911 im Deutschen Kolonial-Verlag G. Meinecke, wurde von Carl Eduard Michaelis (Lebensdaten unbekannt) verfasst. Das „Deutsche“ ist somit fünffach im Titel zementiert: viermal in Worten und einmal in Farben. Das zugehörige Werbeplakat setzt das Buch effektvoll auf grünen Grund, umrahmt von großen Lettern, die kommentieren: „Unglaublich – aber wahr! Haben Sie es gelesen?“ Der Gestalter Fidus (Hugo Höppener) war ein Anhänger der Lichtlehre und der Reformbewegung um 1900, die sich von bürgerlichen Zwängen befreien wollte und, wie August Engelhard (1875–1919), von einem weitgehend unbekleideten Leben in der Südsee träumte. Fidus’ Illustration nimmt Gedanken aus der beworbenen Publikation auf, ohne jedoch dort erwähnten Personen im Bild darzustellen. Das Buch ist in eigentümlicher Sprache verfasst, die zwischen Alltagsjargon und dichterischem Duktus changiert. Der Titel klingt wie eine Anspielung auf die programmatische Schrift der deutschen Kolonialbewegung „Bedarf Deutschland der Colonien? Eine politisch-ökonomische Betrachtung“ von Friedrich Fabri (1824–1891) aus dem Jahr 1879. Darin erläutert Fabri, noch bevor das Deutsche Reich sich Mitte der 1880er-Jahre Territorien in Afrika und Asien als „Schutzgebiete“ oder Kolonien aneignete, dass das deutsche Volk als Träger einer Kulturmission und aufgrund von wirtschaftlichen wie politischen Erwägungen dringend eine Kolonialmacht werden sollte. Während jedoch Fabri salbungsvoll über die hohe Kultur der Deutschen und zugleich über die Gefahren der Sozialdemokratie dozierte, prangerte Michaelis voller Hass und Empörung das Leben in Samoa an. Dorthin war er Anfang 1910 gereist, um sich „biosophisch-rassenhygienischen Studien zu widmen und gleichzeitig die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse dieser Kolonie hinsichtlich ihrer Eignung für eine genossenschaftliche Ansiedelung deutscher Lebensreformer zu erkunden“ (S. 8). Doch er witterte „Rasseverderbnis“ unter seinen Landsleuten und forderte, auf der Stelle gute deutsche Frauen als Mütter und für die Arbeit im Haus herbeizuschaffen und so die weiße „Rasse“ zu erhalten: Weil „ihr wirtschaftlicher Wert als Mutter weißer Kinder für den jungen Pflanzer sowohl wie für die Kolonie gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann“ (S. 15). Die Vermischung des deutschen Volkes mit Juden und Jüdinnen aber setzte er einer „alteingessenen Krankheit“ gleich (S. 74). Nach einigen Spekulationen über die Tropentauglichkeit weißer Menschen überlegte er im zweiten Teil – von dem sich der Herausgeber im Übrigen explizit distanzierte – ob er in den USA leben solle und „nicht doch lieber einem Lande und Volke angehören möchte, das zwar englisch spricht, aber bei dem unsere Rasse-Ideale höher im Ansehen und besser in Schutz stehen. – In erster Linie bin ich doch ein Weißer, erst in zweiter ein Deutscher“ (S. 40). Er empfahl jungen Deutschen, sich einige Jahre in den Kolonien umzutun, die Menschen dort freilich „mögen uns nützliche subalterne Hilfskräfte oder auch interessante Landschaftsstaffage sein, aber sie sind nur zu dulden, sowie sie unserem eigenen Volke nicht im Wege sind.“ (S. 44).Die Gesellschaft im Deutschen Reich um 1900 war voller Widersprüche, die Bürgerschaft, Kunstschaffende, das konservative Lager, Sozialdemokrat*innen, Kirchenleute und Reformbegeisterte aller Couleur suchten nach einem Platz in der sich rasch verändernden Welt. Als gemeinsamen Nenner fanden viele die immer wieder behauptete Superiorität ihres Volkes. Menschenverachtung, Hass und wütende Versuche, die eigene Identität zu sichern, griffen - wie in Michaelis' Zeilen - in Deutschland um sich. Politisch spätestens seit 1884 als Kolonialismus und Imperialismus kanalisiert, führten sie zu unfassbarer Gewalt. Diese richtete sich gegen Kolonisierte und ihre Nachkommen, gegen Frauen, Jüdinnen und Juden und alle Menschen, die sich dem deutschen Überlegenheitswahn in den Weg stellten. Auf dem Plakat stellt Fidus das von Michaelis als „Rasseverderbnis“ bezeichnete Übel als eine Schlange im Tropenparadies dar, die sich nur mit gleißendem Licht bezwingen lässt. Analog ist zu folgern: Den Kolonisierten musste man mit einer höheren, das Gute repräsentierenden Gewalt begegnen. Reformbewegte Künstler wie Fidus unterstützten offenkundig den Irrsinn solcher Ideen und werteten diese durch ihre künstlerische Arbeit bereitwillig auf.Recherche und Text: Kristina LowisZitierte Literatur:_Carl Eduard Michaelis: Wozu hat Deutschland eigentlich Kolonien? Wie es einem Deutschen in einer deutschen Kolonie erging, Berlin 1911//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch._Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Hagenbeck's Indien. Tempelhofer Feld

Hagenbeck's Indien. Tempelhofer Feld

„Indien in Berlin! Wer hätte es für möglich gehalten, daß man die vielen exotischen Reize des fernen Wunderlands nach der Reichshauptstadt zaubern könnte! Wer heute vom Kreuzberg kommend das weite Tempelhofer Feld überblickt, der gewahrt […] eine große Oase mit Palmen und pittoresken Gebäuden – Hagenbecks Indien in Berlin. [Schöpfer ist] Gustav Hagenbeck, ein Mitglied der berühmten Hamburger Familie, der schon seit 14 Jahren mit einer großen indischen Schau reist. […] Eine Wanderung durch Hagenbecks Indien ist ebenso unterhaltend wie belehrend.“ – Mit diesen überbordenden Worten wurde die Berliner Indien-Schau von 1912 in der von Hagenbeck selbst verlegten „Ethnographischen Zeitschrift für Belehrung und Unterhaltung“ (Happrich, S. 1) angepriesen. Auf acht bebilderten Seiten beschreibt der Artikel das „Riesen-Programm“ des Spektakels, das sich auf 35.000 mit Kulissenarchitektur bestückten Quadratmetern auf dem Tempelhofer Feld ausdehnte. Neben Elefanten, Bären, Antilopen und anderen „exotischen Tieren“ traten hier „150 Indier“ mit „staunenerregenden Produktionen“ auf. Es gab Fakire, Schlangenbeschwörer, Schwertschlucker, Akrobatik, Dressur, Musik, Tänze, Rikschafahrten und mehr, zum schmalen Eintritt von einer halben Mark (Happrich, S. 8). Geöffnet war – wie das Werbeplakat verrät – von 11 bis 23 Uhr.Gustav Hagenbeck (1868–1949) hatte sein Handwerk als „Völkerschau“-Entrepreneur von seinem älteren Halbbruder Carl Hagenbeck (1844–1913) gelernt; nach Carls Tod übernahm er einen Teil seiner Geschäfte. Gustav, als designierter „Indien-Spezialist“ der Hagenbeck-Familie, reiste 1886 erstmals in britisch kolonialisierte Gebiete Indiens und nach Sri Lanka, um dort Tiere zu kaufen und Menschen für eine Schau in Deutschland anzuwerben. Selbige lief kurz darauf in Hamburg an und tourte aufgrund großer Beliebtheit viele Jahre durch deutsche und österreichische Städte. In Berlin gastierte sie 1898 am Kurfürstendamm. Gustav Hagenbeck baute seine Indien-Schau immer weiter aus, bis sie 1912 die „größte der Welt“ war – ein trauriger Rekord. Dass die meisten „Völkerschauen“ in Zoos präsentiert wurden, illustriert die Überlegenheitsgefühle der weißen Impresarios gegenüber den Menschen, die sie vorführten: Die Schausteller*innen, darunter auch Kinder, wurden mit Tieren gleichgestellt. Oft wurde ihre Kultur zugunsten verkaufsträchtiger Bezeichnungen ignoriert (z. B. Tamilen aus Sri Lanka als „Singhalesen“ vermarktet) und ihr Wert in menschenverachtender Manier auf die „Volks-Belustigung“ des deutschen Publikums reduziert – wie der Werbetext für „Hagenbecks Indien“ auf dem Tempelhofer Feld deutlich macht: Die Schau wirke „in ihrer Lebensfülle, Beweglichkeit und Farbenpracht eindringlicher und intensiver als wissenschaftliche Vorträge“, heißt es dort. Besonders großartig sei sie „durch die Fürsorge für Unterhaltung und leibliches Wohl und durch die Verwendung eines erstklassigen Menschenmaterials.“ (Happich S. 8)Text und Recherche: Christina Thomson Zitierte Literatur:_Victor Happrich: „Fremdenführer durch Indien-Berlin“, in: Ethnographische Zeitschrift für Belehrung und Unterhaltung, Berlin 1912, S. 1–8, Verlag und Expedition: Gustav Hagenbeck. Online unter https://humanzoos.net/?page_id=2307 (letzter Zugriff 29.10.2025)_____Das Plakat „Hagenbeck’s Indien“ repräsentiert die koloniale Sehnsucht und die exotisierende Faszination Europas für ferne Länder und deren Bevölkerung. Es spiegelt die koloniale Denkweise und ausbeuterische Haltung des bekannten Hamburger Zoodirektors Carl Hagenbeck wider, der im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert tätig war, erst als Dompteur und Tierhändler, dann als Entrepreneur. Hagenbeck sah sich selbst als Pionier, der nicht nur exotische Tiere, sondern auch Menschen aus kolonialisierten Ländern nach Europa brachte, um sie zur Schau zu stellen. Er beschäftigte sich mit Themen wie Zoologie, Anthropologie, Ethnologie und Soziologie und war in Deutschland wie auch international gut vernetzt. 1907 eröffnete er im Hamburger Stadtteil Stellingen den Tierpark Hagenbeck, den ersten gitterlosen Zoo. Bereits in den 1860er-Jahren hatte sein Schwager Johann Friedrich Gustav Umlauff ihn mit der Praxis der sogenannten „Völkerschauen“ vertraut gemacht. Carl Hagenbeck wurde zu einem bedeutenden Akteur der Zuschaustellung von Menschen: In zahlreichen Städten, darunter Hamburg, Berlin und Leipzig, organisierte er Ausstellungen mit und über Lappländer*innen, Äthiopier*innen, Somalier*innen und andere Menschengruppen. Das Tempelhofer Feld in Berlin nutzte er 1910 erstmals als Veranstaltungsort für eine große „Wild-West-Show“, bei 42 „Sioux-Indianer“ und zehn Cowboys gegeneinander antraten. Zwei Jahre später inszenierte sein Bruder Gustav dort das gigantische Spektakel „Hagenbecks Indien“. Die sogenannten „Völkerschauen“ sollten nicht nur die koloniale Rechtmäßigkeit bestätigen, sondern auch das Gefühl von „rassischer“ und kultureller Überlegenheit vermitteln. Im spezifischen Rahmen von Kolonialausstellungen wurden in eigens konstruierten „Dörfern“ vermeintlich typische Bauten lokaler Bevölkerungen aus den deutschen Kolonien errichtet – teilweise aus importierten Materialien. Das Spektrum reichte von afrikanischen Temben und Pfahlbauten aus Papua-Neuguinea bis hin zu inszenierten Kriegsspielen und Tänzen. Diese Präsentationen waren gleichermaßen eine Werbekampagne im Interesse der Reichsregierung und der Wirtschaft: Während die Politik koloniale Herrschaft legitimierte, sollten Unternehmen Konsument*innen für Kolonialwaren wie Kaffee, Schokolade oder Bananen gewinnen und Investoren anwerben.Mit Thesen, die aus pseudowissenschaftlichen Grundlagen der „Rassentheorie“ schöpften, und einer entwürdigenden Ausstellungspraxis trugen Carl Hagenbeck und andere Mitglieder seiner Familie maßgeblich zur Verfestigung des hierarchischen Narrativs von Gesellschaften und Kulturen bei. Die Präsentation von Menschen – gemeinsam mit Tieren und als gleichrangige Vertreter des „Fremden“ beziehungsweise „Nicht-Menschlichen“ inszeniert – war in seinen Schauen selbstverständlich. Ein prägnantes Beispiel ist das Werbemotiv von Paul Scheurich für Hagenbecks 1907 erschienenes Buch „Von Tieren und Menschen“: Ein Menschenkind und ein Affenkind sitzen nebeneinander, ihre Haut- beziehungsweise Fellfarbe ist identisch, ihre Köpfe sind auf gleicher Höhe (ID 925442). Diese Bildsprache dehumanisiert Schwarze Menschen und spiegelt das tief verankerte rassistische Weltbild wider.Hagenbecks Perspektive war von einem imperialen Selbstverständnis geprägt: Die Ausbeutung kolonialer Ressourcen – ob Menschen oder Tiere – galt ihm als legitim und notwendig für europäischen Fortschritt und Unterhaltung. Das Plakat „Hagenbeck’s Indien“ vermittelt daher nicht nur eine ästhetische Botschaft, sondern ist Teil eines Machtinstruments, das koloniale Herrschaft ästhetisch verschleiert und ideologisch rechtfertigt. Es zeigt, wie kulturelle Aneignung, pseudowissenschaftliche Theorien und wirtschaftliche Interessen zusammenwirkten, um die Vorstellung westlicher Überlegenheit zu festigen, die es rechtfertigte, Menschen und Kulturen als Ressource zur Unterhaltung und Profitmaximierung auszubeuten.Recherche und Text: Ibou Coulibaly DiopVerwandte Werktexte: _Von Tieren und Menschen (ID 925442)Ausgewählte Quellen:_Carl Hagenbeck: Von Tieren und Menschen. Erlebnisse und Erfahrungen, Berlin 1908_Lothar Dittrich, Annelore Rieke-Müller: Carl Hagenbeck (1844-1913). Tierhandel und Schaustellung im Deutschen Kaiserreich. Frankfurt am Main 1998_Eric Ames: Carl Hagenbeck’s Empire of Entertainments, Seattle 2009 _Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940, Frankfurt am Main 2005_Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei, Zürich 2023 _Britta Lange: „Unterhaltung und Vermarktung, 1892: Die Firma J.F.G. Umlauff präsentiert anthropoloisch-zoologische Prachtgruppen‘“, in: Walter Honold, Klaus R. Scherpe (Hg.): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit, Stuttgart 2004, S. 152–162//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1843-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch._Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/