Étude pour Ubu
Nach 1933 beschloss Hans Bellmer, jede dem faschistischen Staat auch nur indirekt nützliche Arbeit einzustellen. Dennoch ging er nicht gleich ins Exil wie viele seiner Kollegen und Freunde, sondern verblieb bis 1938 in Berlin. Von hier aus unterhielt er regen Kontakt zu den Surrealisten in Paris. Der Übersetzer und Herausgeber Henri Parisot machte ihn mit in Deutschland verbotenen Schriften von de Sade, Lautréamont, Baudelaire und anderen Autoren bekannt. Im Jahre 1934 las er so auch das Theater stück „Ubu Roi“ (König Ubu) des französischen Schriftstellers Alfred Jarry, das ihn zu dem vorliegenden Blatt inspirierte. Mit weißer Gouache auf schwarzem Grund, einer Technik, die das Prinzip von Licht und Dunkelheit verkehrt, wird das wilde Treiben des Königs inszeniert. Die Gestalt ist auf eine karierte Kugel und einen Kegel reduziert, ihr Gefolge sind deformierte Gliederpuppen, weibliche Beine in gestreiften Strümpfen, krabbenähnliche Wesen und andere Metamorphosen menschlicher und tierischer Einzelteile. Sie spielen zu einem infernalischen Panoptikum auf. Bellmers Faszination für Jarrys Antiheld lag sicherlich in der Puppenhaftigkeit der Figuren begründet, der blinden Zerstörungswut, die der König an den Tag legt, und im spielerischen Umgang mit der Sprache, welche sich in Mehrdeutigkeiten und Verwandlungen ergeht. Insbesondere die Körperlichkeit der Hauptfigur dürfte Bellmer fasziniert haben, denn König Ubus ausufernder Leib (sein monströser Wanst mit gewaltigem Bauchnabel, die enorme Nase und der Kegelhut) sowie sein ausgeprägtes Interesse für das Fäkale und Skatologische verdeutlichen das Bellmer’sche Prinzip der körperlichen Deformation und zeigen, dass Körper (wie der Ubus) durchlässig werden, indem sich das Innere beständig nach außen kehrt. Nicht nur die Grenzen zwischen innen und außen werden auf diese Weise relativiert, sondern es entsteht so auch eine anarchistische Gegenwelt, in der Ordnungssysteme subvertiert und Hierarchien verkehrt werden können. Insgesamt tauchen viele Stilmittel anti-illusionistischer Theaterstücke auf, wie die Aufhebung eines geordneten Raum-Zeit-Kontinuums. Zudem sind die Figuren durch Gesichtsmasken und einen monotonen Sprachstil gekennzeichnet, sie werden zu Marionetten ohne Individualität. Das Stück, welches 1896 uraufgeführt wurde, sorgte für einen handfesten Skandal. Die Dadaisten und Surrealisten waren hingegen fasziniert von König Ubu. Neben Bellmer bezogen sich u. a. Max Ernst, Joan Miró und Man Ray auf das birnenförmige Wesen. | Melanie Franke/Nadine Ott