Logo

Décalcomania

Ident. Nr.: SSG 55

ObjID: obj:1065869

n/a

Details (Expert)

Beteiligte
Oscar Dominguez (1906 - 1957),
Künstler*in
Datierung
1935
Geografische Bezüge
Abmessungen
Höhe x Breite: 35 x 24,5 cm

Objektbeschreibung

Fantastische Welten eröffnet Décalcomania: Submarine oder kosmische Landschaften entstehen, organische und tote Formen, Gesteine und Korallen scheinen sich abzuwechseln. Der Vorstellung des Betrachters sind keine Grenzen gesetzt, durch das Hineinsehen entstehen immer neue Bilder. Schon Leonardo da Vinci empfahl seinen Malschülern, eine ruinöse Mauer zu betrachten und Landschaften und Figuren in den Rissen und Unebenheiten zu suchen, um so die Suggestionskraft zu trainieren; und in den 1850er Jahren hatte Victor Hugo durch die Überarbeitung von Tintenklecksen bizarre Bilder erzeugt (SSG 114–115). Die Surrrealisten begaben sich gezielt auf die Suche nach Methoden, Bilder aus dem Unbewussten zu erschaffen. 1934 entdeckte Oscar Domínguez alte Abklatschtechniken neu, deren Möglichkeiten er ab 1939 systematisch untersuchte. Mit einem breiten Pinsel verteilte er schwarze, unterschiedlich verdünnte Gouache auf einem Blatt (oder einem anderen Träger), legte ein zweites Blatt darauf und erhielt durch Reiben und mehrmaliges Abziehen Bilder, die zahlreiche Interpretationen zuließen. André Breton schrieb 1936 in der surrealistischen Zeitschrift „Minotaure“ (Nr. 8) über die sogenannte „Décalcomanie sans objet“ (Abziehbild ohne vorgegebenen Gegenstand): „Es handelt sich auch hier wieder um ein Rezept, das jedem zur Verfügung steht, der in die ‘Geheimnisse der surrealistischen Zauberkunst’ eingeweiht werden möchte. […] Das, was Sie da vor sich haben, ist vielleicht nichts weiter als die alte paranoische Wand von da Vinci, aber es ist diese Wand in ihrer Vollendung.“ Ausschlaggebend war dennoch die Bildvorstellung der surrealistischen Künstler, die das neue Verfahren auf vielfältige Art einsetzten und weiterentwickelten, zum Beispiel in Collagen wie denen von Georges Hugnet (SSG 111–113). Max Ernst schließlich führte die Décalcomanie mit Schwammauftrag und in Kombination mit anderen Techniken in die Malerei ein. | Silke Krohn

Letzte Aktualisierung: 23.06.2026

Kontakt

Einrichtung:

Sammlung Scharf-Gerstenberg

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Huldigung an Redon

Huldigung an Redon

Köpfe gehören neben Landschaften und szenischen Darstellungen zu den Hauptmotiven im Œuvre von Altenbourg. Niemals hatte dieser dabei konkrete Personen mit konkreten Physiognomien im Blick; immer sind seine zumeist frontal gesetzten Gesichter ein Spiegel der eigenen Psyche. Während die frühen Köpfe (bis etwa 1961) mit ihren schärferen Konturen und oft wilden Binnenzeichnungen etwas Aggressives, teilweise auch Groteskes besitzen – sie sind Reflexionen des erschütternden Kriegserlebnisses als 17-jähriger Soldat –, lösen sich in den folgenden Jahren mehr und mehr die Konturen und auch die zeichnerisch fixierten Sinnesorgane auf zugunsten von gespinsthaften, verwobenen Strichlagen, die das Gegenständliche entrücken, ungreifbar machen. Zunehmend sah der Künstler sein Schaffen als Weg, aus der Zeit und der fatalen Wirklichkeit ‘auszusteigen’ und seine Geschöpfe in der Zeitlosigkeit zu beheimaten. Das ohnehin in seiner Persönlichkeit angelegte Empfinden als Außenseiter, sein erklärtes ‘Nichtzugehörigkeitsgefühl’, wurde durch die Repressalien, die ihm von Seiten der Kultur-Offiziellen in der DDR widerfuhren, nur zu oft bestätigt. Und so wählte sich der Künstler in einer jahrhundertealten Tradition des geistigen und künstlerischen Schaffens seine eigenen Zeitgenossen. Auf einige dieser Geistesverwandten hat er in Bildtiteln hingewiesen, so etwa auf Caspar David Friedrich, auf Fjodor Dostojewski und eben auch auf Odilon Redon, den französischen Symbolisten, der nicht von ungefähr einen der Schwerpunkte in der Sammlung Scharf-Gerstenberg bildet. Die drei genannten Hommagen entstanden alle im selben Jahr, 1966. Die so Geehrten verbindet ihre Affinität zum Überreellen, zum Hintergründigen der Erscheinungswelt, ihr Hang zur Entäußerung von Innenbildern, ihre Thematisierung des Unsichtbaren und Unbewussten. Für Altenbourg stand das Arbeiten aus dem Unbewussten am Anfang jeder Zeichnung; erst in einer weiteren Phase trat zu dem bis dahin geschaffenen schöpferischen Chaos die zielgerichtete Gestaltung – und danach erst der Bildtitel – hinzu. Die Nähe zur Écriture automatique der Surrealisten erscheint offensichtlich. | Anita Beloubek-Hammer

Figures-meubles

Figures-meubles

Das Blatt zeigt einen nicht ausgeführten Entwurf für die im Verlag Skira erschienen Illustrationen der „Gesänge des Maldoror“ (1869) des Comte de Lautréamont, dessen Werk die Surrealisten nachhaltig beeinflusste. Die Verkehrung von Begierde in Aggression, Zerstörung und Tod, zentrales Thema bei Salvador Dalí und Lautréamont, ist eine Grundidee surrealistischen Denkens. Das große Thema der Gesänge ist die Anklage gegen die Schöpfung und deren Verneinung. Insbesondere der sadomasochistische Protagonist Maldoror, die Verkörperung des absolut Bösen, durch den der Menschheit ihre eigene Verdorbenheit vor Augen gehalten werden soll, inspirierte die Surrealisten zu zahlreichen Werken. Dalí übernahm nicht die von Lautréamont lebhaft beschriebenen Bilder, wie zum Beispiel die Paarung Maldorors mit einem Haifischweibchen, sondern entwickelte eigene visuelle Interpretationen: Mit einem für Bürgerlichkeit stehenden Sessel kombinierte er in „Figures-meubles“ (Möbel-Figuration) einige seiner obsessiv wiederkehrenden Motive wie das Sujet der greifenden Arme, die hier Ausdruck der Begierde sind. Die zwei Leinensäckchen könnten auf einige Passagen in Dalís Gedicht „L’amour et la mémoire“ (Liebe und Gedächtnis) hinweisen. Die auf dem Boden verstreuten Knochen waren in den 1930er Jahren besonders präsent in den Arbeiten Dalís. Er war fasziniert von Picassos künstlerischem Umgang mit Knochen. Doch während dieser durch das Zusammensetzen von Knochen neue, glatte Figurationen schuf, weisen die naturalistisch dargestellten Gebeine in Dalís Arbeiten zumeist auf Verwesung hin. | Silke Krohn

Insectes singuliers

Insectes singuliers

Die Köpfe der beiden bildbeherrschenden Tiere zeigen Porträtähnlichkeit: Wir erkennen James Ensor selbst und Mariette, die Frau seines Freundes und Förderers Ernest Rousseau. Ensor fand in Mariette, einer Biologin, eine Frau, die ihn ermutigte und unterstützte, und die er wiederum bewunderte, wohl auch liebte. Vermutlich hat der Beruf der jungen Frau dieses Traumbild einer Metamorphose mit veranlasst; wir wissen, dass Ensor und Mariette Rousseau Insekten und Larven unter dem Mikroskop betrachteten. Der schwere Käfer und das leichte, libellenartige Wesen aber charakterisieren zugleich Habitus und Psyche. Wir sehen rechts das Haus des wohlhabenden Ehepaares Rousseau in Brüssel, für Ensor ein wichtiger Ort der Begegnung mit der städtischen Welt und Kultur. Aus dem Fenster schaut ihrem vertrauten Beieinander ein anderer Käfer zu, ein kleiner Käfer liegt neben den beiden auf dem Rücken, der Gedanke an den Ehemann und den Sohn drängt sich auf. Das Blatt zeigt eine fantastische, aber nicht erschreckende Szene. Freilich, der schützende Panzer des Käfers behindert wie ein zu großer Schild. Die körperlose Mariette ist nicht eigentlich greifbar, am robustesten erscheint ihr langer Zopf. Aber die Gesichter sind unversehrt, nicht maskenhaft wie so oft bei Ensor. Dennnoch können sie sich nicht wirklich begegnen, jedoch sie sind individuell erfasst, allein in dem weitläufigen Garten unter einem hohen Himmel, sie scheinen in leicht melancholischer Einsamkeit aufeinander bezogen. | Angelika Wesenberg

L'archange

L'archange

„L’archange“ (Der Erzengel) ist einer der Entwürfe, die Laurens für das Grabmal des 1944 in einem Lager umgekommenen französischen Dichters Max Jacob (geb. 1876) gestaltete (die Zeichnung „Les fusillés“ [Die Erschossenen, SSG 169] ist ebenfalls in diesem thematischen Umkreis entstanden). Wie Laurens selbst gehörte auch der vielseitig begabte Jacob in der Zeit um den Ersten Weltkrieg zum Avantgardekreis der Kubisten und der Literaten um Guillaume Apollinaire in Paris. In seinen Prosagedichten nahm Jacob surrealistische Tendenzen vorweg. Seit 1921 lebte und arbeitete der zum Katholizismus konvertierte jüdische Dichter, der auch malte und zeichnete, zurückgezogen in der Abtei von Saint-Benoît-sur-Loire. Hier wurde er im Februar 1944 von der Gestapo verhaftet und in das Lager Drancy, einen Sammelplatz zum Abtransport nach Auschwitz, deportiert, wo er kurz darauf verstarb. Nach einer provisorischen Bestattung in Ivry überführte man 1949 seinen Leichnam auf den Klosterfriedhof von Saint-Benoît-sur-Loire. Der Werktitel „Erzengel“ leitet sich von einem Prosagedicht Jacobs ab. Der mit Jacob befreundete Jean Cocteau prägte nach dessen Tod den Ausdruck „l’archange foudroyé“ („Der vom Blitz getroffene Erzengel“) für den Dichter. Zum großen Kummer von Laurens wurde keiner seiner Entwürfe – und auch keiner eines anderen Künstlers – als Grabmal für Jacob realisiert. Laurens blieb der künstlerische Erfolg generell lange Zeit versagt; eine erste Retrospektive seines Werkes wurde erst drei Jahre vor seinem Tod, 1951, in Paris gezeigt. | Anita Beloubek-Hammer

Menu du banquet des amis du roman philosophique

Menu du banquet des amis du roman philosophique

An den pornografischen Schriften des Marquis de Sade, die in den 1920er Jahren wiederentdeckt worden waren und viele der Surrealisten zu künstlerischen Motiven anregten, interessierten Salvador Dalí insbesondere jene Passagen, in denen de Sades Protagonisten zur Steigerung des Vergnügens Samen, Blut und Exkremente essen und trinken. Der Titel des Werkes, „Menu du banquet des amis du roman philosophique“ (Speisekarte für das Bankett der Freunde des philosophischen Romans), ist eine direkte Anspielung auf de Sades Roman „La philosophie dans le boudoir“ (Die Philosophie im Boudoir). Dalí rückt die Ausscheidungen in den Mittelpunkt des Geschehens. Die betonte Hässlichkeit der Dargestellten ist auch ein direkter Bezug zu de Sades Behauptung, viele Menschen zögen eine alte, hässliche und sogar stinkende Frau einem frischen, jungen Mädchen vor. In seinem „Le jeux lugubre“ (Das finstere Spiel ) aus dem Jahre 1929 hatte Dalí erstmals eine sexuelle Vereinigung mit Gewalt und Exkrementen in Verbindung gebracht und war damit nicht nur auf das Unverständnis von Ausstellungsbesuchern gestoßen – auch die Surrealisten, insbesondere André Breton, zeigten sich schockiert. Dalí reagierte enttäuscht, aber auch stolz auf die Empörung. Über die ihm auferlegten Tabus notierte er im Nachhinein: „Ich stieß hier wieder auf die gleichen Verbote wie bei meiner Familie. Das Blut war mir gestattet. Ein bisschen Kacke allein, das gab’s nicht. Die Darstellung des Geschlechts wurde mir bewilligt, aber keine analen Fantasmen …“ | Silke Krohn