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Ciao America

Ident. Nr.: LB 45-1989

ObjID: obj:1066820

Erworben im Rahmen der Künstler*innenförderung aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin von der Kulturverwaltung des Berliner Senats

Details (Expert)

Beteiligte
Georg Baselitz (1938 - 2026),
Holzschneider*in
Datierung
Herstellung: 1988
Material / Technik
Holzschnitt
Abmessungen
Blattmaß: 173,5 x 137,5 cm (gerahmt)

Objektbeschreibung

Georg Baselitz übersiedelt 1956 von Berlin (Ost) nach Berlin (West), wo ihn bald nach seinen eigenen Worten »instinktiver Widerstand« gegen die im westlichen Nachkriegseuropa dominante Strömung der »art informel« erfaßt, die den Gegenstand aus dem Bild verbannte (vgl. Ident. Nr. KdZ 26836, Inv. Nr. 62-59 und 3-1973). Er bleibt dem Gegenstand als Ausgangspunkt seiner Malerei und seines früh einsetzenden, umfangreichen druckgraphischen Schaffens treu, ist zugleich aber »immer auf der Suche nach dem ›neuen‹ Bild«.
Sie führt ihn z.B. zu den »Fraktur-Bildern, in denen das Motiv fragmentiert oder verschoben wurde, um schließlich frei auf der Leinwand herumzuwandern.« (zitiert nach: Baselitz im Gespräch 1989, S. 46 und S. 30) Seit 1969 kehrt er den Gegenstand vom Beginn der Arbeit an, nicht erst nach ihrem Abschluß, in seinen Gemälden, Zeichnungen und graphischen Blättern um. Die am Motiv haftenden Inhalte sollen marginal werden, aber der Gegenstand bleibt auch in seiner Umkehrung der Garant für »die größte Variationsbreite der Form« (zitiert nach Baselitz/Haase 1981,S.18)
Mit ganz anderen Ergebnissen als Frank Stella wendet sich auch Baselitz gegen die herkömmliche Weise des »Komponierens«: »Wenn ich einen roten Punkt links mache, dann mach ich den roten Punkt rechts nicht, sondern einen grünen. Und wenn ich oben links ein Dreieck male, mache ich garantiert unten keins. Ich ordne eigentlich alles, was ich tue, nach dem Prinzip der Disharmonie, nach dem der Unausgewogenheit, nach dem der Zerstörung. Und das Unglück, wirklich das große Unglück: Die Harmonie stellt sich ein, immer wieder so.« (Baselitz im Gespräch 1989, S. 16)
In »Ciao America« hat das Prinzip der Disharmonie deutliche Spuren hinterlassen. Hier sollte, so Baselitz (in Hommage an Springer 1989, ohne Paginierung), »in der Mitte der Platte nichts stattfinden«, die drei weißen Vögel befinden sich an exzentrischen Orten, sind »ausgesondert« und »so etwas wie die Kurbel an der Pfeffermühle oder das Beiboot, was hinten neben dem Trawler hängt und auf den Wellen tanzt.« Der erste von vierzig Vögeln – das Blatt ist eine Hommage an Rudolf Springer zum vierzigjährigen Bestehen seiner Galerie in Berlin – »sollte grob zufällig... irgendwo, nur nicht dort wo er müßte in Holz geschnitten werden, damit sich die restlichen neununddreißig wie absichtslos daneben versammeln können. Etwas wie ein Seemannslied mit einem leicht betrunkenen Sänger ist dabei herausgekommen. Das erklärt den Titel.«
Der Titel verweist aber wohl auch auf Baselitz' Reflexion über die zeitgenössische Kunst Nordamerikas, und Ciao America offenbart auch Distanz zu ihr. Baselitz wünscht sich die Disharmonie, aber selbst im Offenhalten der Mitte zeigt sich das europäische Streben nach dem Equilibrium.

Text: Alexander Dückers in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 504, Kat. VIII.71 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 20.05.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

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