Logo

Diogenes

Ident. Nr.: 401-38

ObjID: obj:1352339

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Ugo da Carpi (um 1450?),
Stecher*in
Parmigianino (Francesco Mazzola) (1503 - 1540),
Inventor*in
Diogenes von Sinope (um 391/99 - 323 v. Chr.),
Erwähnte/Dargestellte Person
Datierung
Herstellung: um 1527/1530
Material / Technik
Clairobscur-Holzschnitt
Abmessungen
Blattmaß: 48,0 x 35,1 cm

Objektbeschreibung

Die mächtige Gestalt des Philosophen sitzt - raumgreifend in sich gedreht und vom wehenden Mantelbausch hinterfangen - zwischen einem Bücherstapel und seiner Tonne. Rechts ist ein stehendes, gerupftes Huhn zu sehen, eine Anspielung auf die spöttische Antwort des Kynikers an Platon, der den Menschen als federlosen Zweifüßer definiert hatte. Die Figur des Diogenes geht, nach der Beischrift, auf eine verlorene Zeichnung Parmigianinos zurück, die wie der Nachstich Caraglios (Bartsch, Nr. 61) vor dem Sacco di Roma 1527 entstanden sein muß [...]. Die Plünderung Roms durch spanische Truppen zwang Parmigianino und da Carpi, nach Bologna zu fliehen, wo Vasari zufolge der Holzschnitt entstand. Unklar bleibt, ob da Carpi direkt nach einer Vorlage Parmigianinos oder der vor allem im Hintergrund abweichenden Reproduktion Caraglios arbeitete. Mehrere Studien zu dem »Diogenes« haben sich von Parmigianinos wie möglicherweise auch von da Carpis Hand erhalten [...].
Beim Clairobscur dient die schwarz druckende Platte in der Regel dazu, Umrisse und wichtige Binnenmerkmale zu charakterisieren. Man nennt sie, dieser Funktion entsprechend, auch Strich- oder Strukturplatte. Häufig zu findende Einzelabzüge solcher Druckstöcke ähneln dem einfachen Holzschnitt. In unserem Fall jedoch wären nur fleckenhaft isolierte, sinnlose Formen zu sehen. Ugo da Carpi, der um 1516 beim venezianischen Senat um das Privileg für die Erfindung des Clairobscur-Schnitts nachsuchte, das ihm 1518 in Rom vom Papst bestätigt wurde, ist der erste und wohl auch bedeutendste Künstler, der dem Wortsinn des »Chiaroscuro« gerecht wird und das Schwarz als reinen Schattenwert in die malerische Gesamtwirkung einbezieht. Der »Diogenes« gibt das beste Beispiel für dieses Verfahren ab und gilt zudem als da Carpis Meisterwerk. Das Kabinett besitzt zwei weitere Abzüge, die in den Farben variieren. Inv. Nr. 978-301 ist in Schwarz und drei Grüntönen gedruckt, Inv. Nr. 402-38 etwas verschwommen in Schwarz, einem leimfarbenen Gelbton, Ocker und Lindgrün; auf dem letzten Blatt ist mit roter Kreide von älterer Hand der Titel »ECCE HOMINEM PLATONICUM« notiert.

Text: Hein-Th. Schulze Altcappenberg in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 260-262, Kat. V.20 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Christus in der Vorhölle

Christus in der Vorhölle

Der Abstieg zur Hölle, wo Christus nach dem Kreuzestod und vor der Auferstehung die Gerechten - angefangen von Adam und Eva bis hin zu Johannes dem Täufer - aus der Gewalt Satans befreite, wird im apokryphen Nikodemus-Evangelium erwähnt. Das Thema war im 15. Jahrhundert weit verbreitet. Mantegna könnte Anregungen von einem kleinen Bild seines Schwiegervaters Jacopo Bellini (Padua, Museo Civico) und von einem Bronzerelief Donatellos erhalten haben (Florenz, San Lorenzo). Unter den Zeichnungen des Kabinetts befindet sich noch eine exakte Wiederholung der Christusfigur, die auf einer um 1490/92 entstanden Gemäldeversion Mantegnas erscheint (KdZ 622; Kat. [Andrea Mantegna, London / New York 1992], Nr. 71, Farbabb.).Die Auseinandersetzung mit der Mantegna-Graphik ist von ständig wechselnden Zu- und Abschreibungen geprägt und in vielen Punkten noch klärungsbedürftig. Erst kürzlich wurden aus Anlaß der Londoner Ausstellung wieder zwei völlig divergierende Meinungen vertreten. Während Suzanne Boorsch vermutet, das gesamte Œuvre sei nur unter der Aufsicht des Meisters entstanden (ebd., S. 56ff.), verzeichnet der von David Landau erstellte Katalog sieben eigenhändige Werke und vier Attributionen. Unter den letzten wird auch der »Abstieg in die Hölle« aufgeführt. Die Argumente für eine Zuschreibung des Stichs an Mantegna überwiegen. So weicht die Komposition nur in wenigen, aber doch wichtigen Details von der Vorzeichnung in der École des Beaux-Arts zu Paris ab, einem unbestrittenen Autograph (ebd., Nr. 66, Farbabb.). Veränderungen und Zusätze wären einem rein reproduzierenden Graveur nicht erlaubt gewesen. Gewichtiger als dies ist aber der unvollendete Zustand der Platte, die nur in den zentralen Partien und auch hier ohne feine Tonnuancen durchgearbeitet ist, welche ein Stecher zum Schluß hinzufügen würde. Ein solches Nonfinito war wohl kaum für den Markt gedacht. Es ist Resultat des künstlerischen Experiments. Dieser Neugier mag ebenfalls verdankt werden, daß das Berliner Blatt in brauner Farbe abgezogen ist, welche die koloristischen Effekte der Federzeichnung imitiert (ein gleichartiger Abzug in London; Hind [Catalogue of Early Italian Engraving, London] 1910,S. 347, Nr. 5a).Text: Hein-Th. Schulze Altcappenberg in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 252-253, Kat. V.10 (mit weiterer Literatur)