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Central-Afrika-Expedition

Ident. Nr.: 1420072

ObjID: obj:1420072

Details (Expert)

Beteiligte
Hans Rudi Erdt (1883 - 1925),
Entwerfer*in
Hollerbaum & Schmidt (1889/1897 - um 1938),
Drucker*in
Ausstellungshallen am Zoo (1906–1945),
Veranstalter*in
Datierung
1909
Geografische Bezüge
Material / Technik
Lithografie
Abmessungen
Höhe x Breite: 70,4 x 94,5 cm

Objektbeschreibung

Das Ausstellungsplakat zur „Central-Afrika-Expedition“ der Jahre 1907 bis 1908 zeigt einen düsteren Kopf vor grünlichem Queroval. Die Haut ist grau, die Augenringe schwarz, das Gesicht teils verdeckt vom weiß-blau geflochtenen Kopfschmuck. Hans Rudi Erdts Grafik enthebt die Darstellung jedem Kontext und steigert so die geheimnisvolle, vielleicht sogar furchteinflößende Wirkung des Gesichts. Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn, der proklamierte Sinn und Zweck der mit diesem Plakat angekündigten Schau, ist nach heutiger Lesart nicht die erste Assoziation, die sich beim Betrachten einstellt.

Der Initiator der Ausstellung, Adolf-Friedrich zu Mecklenburg (1873–1969), war als Expeditionsreisender und späterer Gouverneur von Togo (1912–1914) ein Protagonist der deutschen Kolonialgeschichte. Seine „Central-Afrika-Expedition“, eine ambitionierte Reise „Ins innerste Afrika“ (so der Titel der nachfolgenden Publikation von 1910), führte von Berlin in eine deutsche Kolonie: Deutsch-Ostafrika, das Territorium der heutigen Länder Tansania, Ruanda und Burundi, doppelt so groß wie das Deutsche Reich, war seit 1885 ein sogenanntes deutsches Schutzgebiet. Das Land hatte Carl Peters (1856–1918), militantes Mitglied und Mitbegründer der „Gesellschaft für Deutsche Kolonisation“ und für seine Brutalität bekannter „Reichskommissar für das Kilimandscharogebiet“ (ab 1891), kurz zuvor von lokalen Potentaten erhalten. Seither herrschten die deutschen Machthaber hier mittels Unterdrückung, Versklavung und Zwangsarbeit. Aufstände der Menschen vor Ort schlugen sie grausam nieder. Allein am Ende des Maji-Maji-Kriegs (1905–1908) zählte man Hunderttausende Tote auf afrikanischer gegen 150 auf deutscher Seite.

Das Reichskolonialamt förderte Mecklenburgs Expedition, „[…] welche die naturwissenschaftliche, geographische, ethnographische und medizinische Erforschung der dem Kiwu-Edward und Albert-Nyansa See benachbarten Gebiete zum Ziele“ hatte. Weitere Auftraggeber waren der Botanische Garten, das Zoologische Museum, das sogenannte Museum für Völkerkunde und das Institut für Infektionskrankheiten in Berlin. Die deutschen Expeditionsteilnehmer sollten 500 Mark, lokale Träger 10 Mark pro Monat erhalten (Projektantrag vom 9. Februar 1907, Bundesarchiv 1001/268). Stolz berichtete Mecklenburg von der Überraschung in den „kolonial und wissenschaftlich interessierten Kreisen der Reichshauptstadt“ über die Fülle des Materials, das beweise, „[…] dass jeder einzelne der Expeditionsteilnehmer seinen Platz im Rahmen des Ganzen nach bestem Können ausgefüllt hatte, kurzum: dass da draußen gearbeitet worden war!“ (Mecklenburg 1910, S. 470). Diese Arbeit war Teil des deutschen Kolonialprojekts: Kolonien stellten nicht nur eine Erweiterung der Macht und des physischen Herrschaftsraums dar, sondern waren auch Gegenstand einer hegemonialen Wissensproduktion. 

Gestützt auf die militärische und wirtschaftliche Infrastruktur waren „Völkerkunde“-Forscher insbesondere an der Differenz zwischen den vorgeblichen menschlichen „Rassen“ interessiert, um die Vormachtstellung weißer Menschen zu legitimieren. Hierzu wurden Menschen aus verschiedenen Regionen der Welt beobachtet und auch vermessen – tot oder lebendig: Lebendig vor Ort oder bei einer der zahlreichen Völkerschauen in europäischen Städten, was oft nicht freiwillig und in entwürdigenden Situationen stattfand; oder aber anhand menschlicher Überreste, die nach Europa gebracht wurden. Im Berliner „Völkerkundemuseum“ begründete der Arzt und Anthropologe Felix von Luschan (1854–1924) eine Schädelsammlung, für die Objekte aus aller Welt unter bisweilen unethischen Umständen zusammengetragen wurden. Im Buch zur Ausstellung, „Ins innerste Afrika“, schildert Mecklenburg, der ein Foto seiner selbst in triumphaler Pose mit den ihn überragenden Stoßzähnen eines erlegten Elefanten mitpublizierte, die „anthropologisch-ethnographischen Ergebnisse [...] wie folgt: es wurden im ganzen 1107 Schädel und zirka 4000 Ethnographica gesammelt, 4500 Leute gemessen, 700 photographische Aufnahmen gemacht, von 36 Leuten Gipsmasken genommen (darunter von 8 Batwa und 5 Wambutti), sowie endlich 87 Phonogramme und 37 Sprachen aufgenommen.“ (Mecklenburg 1910, S. 475). Die Aufzeichnungen des Anthropologen Jan Czekanowski von dieser Expedition legen nahe, dass die Schädel teilweise bei Grabschändungen gesammelt wurden. Die von der gesellschaftlichen Oberschicht des Deutschen Reichs betriebene Wissenschaft war kolonialistisch und von einem Gefühl vermeintlicher Überlegenheit geprägt. Man erachtete es als selbstverständlich, sich ohne Rücksicht auf Verluste in Afrika an Ressourcen aller Art bedienen zu können. Dieses Unrecht ist das Erbe eines auf Entmenschlichung basierenden Systems und bleibt eine Herausforderung insbesondere für Kulturinstitutionen, die sich heute nach ihrem Umgang mit der Vergangenheit beurteilen lassen müssen. Zivilgesellschaftliche Organisationen setzen sich vehement, mit allmählichem Erfolg, für die Aufarbeitung und Rückführung dieses Erbes ein. 

Der Kopf auf dem Plakat konnte identifiziert werden: Es handelt sich um Jubi Msinga, Sultan von Ruanda, auf einem Feld posierend, mit einem freundlich-interessiert schauenden Hund im Hintergrund (S. 84). Das Foto wird begleitet von einer Textpassage, in der er ohne Umschweife als manipulierbares Objekt der deutschen Kolonialmacht beschrieben wird: „So soll allmählich, ihm selbst und der Bevölkerung fast unmerklich, der Sultan nur ausführendes Organ des Residenten werden.“ (Mecklenburg 1910, S. 86).

Recherche und Text: Kristina Lowis

Verwandte Werktexte:
_Ins innerste Afrika (ID 2638396)

Zitierte Literatur: 
_Adolf-Friedrich zu Mecklenburg: Ins innerste Afrika, Leipzig 1910

Ausgewählte Quellen:
_Bernhard S. Heeb, Charles Kabwete-Mulinda, Staatliche Museen zu Berlin (Hg.): Human Remains from the Former German Colony of East Africa. Recontextualization and Approaches for Restitution, Köln 2022  


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/

Letzte Aktualisierung: 04.05.2026

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Kunstbibliothek

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