Details (Expert)
- Beteiligte
- Datierung
- 1911
- Geografische Bezüge
- Material / Technik
- Lithografie
- Abmessungen
- Höhe x Breite: 70,5 x 92,7 cm
- Permalink
- https://id.smb.museum/object/1420080
Objektbeschreibung
Das querformatige Plakat zeigt einen kleinwüchsigen Schwarzen Diener in roten Pantoffeln und roter orientalisch anmutender Mütze, der einer ihn von oben betrachtenden Frauenfigur eine überdimensionierte Cognacflasche auf einem Tablett serviert. Die Flasche scheint den kleinen Schwarzen Mann in Größe und Gewicht schier zu erdrücken. Die blonde Frau hingegen, gekleidet in eine schulterfreie Korsage mit langem Ballonrock, hält lächelnd einen winzigen, gelben Sonnenschirm in ihrer rechten Hand. Ihre Silhouette und das Stoffmuster ähneln einem umgedrehten Baum aus europäischen Regionen. Der kleine Schwarze Mann dient hingegen als Sinnbild für alles Fremde und Exotische - vielleicht auch in Anspielung auf die Internationalität der Exportmarke Prunier, die seit 1769 in Frankreich produziert und bis heute in alle Welt geliefert wird. Der Mann ist als homogene Gestalt der den Genuss symbolisierenden weiblichen Figur gegenübergestellt.
In kolonial-rassistischen Diskursen ist das Abbilden Schwarzer Menschen und Frauen in Hilfsrollen in kräftigen kontrastierenden Farben eine gängige Praxis. Dazu gehören als Gegenbild der vermeintlich kultivierte weiße Mann oder die weiße Frau, die sich von Schwarzen Menschen bedienen lassen. Das Plakat zeigt eine weiße Frau in ihrer Position und Größe im Bild weiter oben, sodass sie automatisch auf den Schwarzen Menschen herabsieht, ein Sinnbild der Hierarchisierung. Derartige Motive sind geprägt von der Herrschaftsgeschichte eines weißen Europas. Sie entsprachen einer Norm, die von europäischen Wissenschaftlern etabliert wurde, um die ausbeuterische Praxis und Verdinglichung des Schwarzen Körpers zu rechtfertigen. So betonte der französische Schriftsteller Frantz Fanon auf dem Ersten Kongress der Schwarzen Intellektuellen und Künstler*innen in Paris 1956: „Es ist nicht möglich Menschen zu kolonisieren, ohne sie logisch Stück für Stück für minderwertig zu erklären. Und der Rassismus ist nur die emotionale, affektive, manchmal intellektuelle Erklärung dieser vorausgehenden Abwertung.“ (Fanon 2022, S. 74). Diese „Minderwertigkeitstheorie“, die sich in Texten und Theorien verfestigt hatte, wurde anhand von Plakatmotiven in das Bewusstsein Schwarzer und weißer Menschen weltweit eingegraben. Schwarze in Nebenrollen oder als Sexobjekte prägten die Erzählungen in Europa mindestens seit dem 16. Jahrhundert. Diese fremdartige Bestimmung Schwarzer Identität in Text und Bild formte die Wahrnehmung des Schwarzen Körpers in der Welt. So kann dieses Bildplakat als eine Art Fragment dieser Erzählung und ihrer Geschichte gelesen werden.
Recherche und Text: Ibou Diop
Zitierte Literatur:
_Frantz Fanon: Für eine afrikanische Revolution. Politische Schriften, herausgegeben von Barbara Kalender, Berlin 2022
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Letzte Aktualisierung: 04.05.2026
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Einrichtung:
Kunstbibliothek
E-Mail:
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