Logo

Aussicht vom Gipfel des Ätna bei Sonnenaufgang mit einer Gruppe Reisender

Ident. Nr.: SM 6b.30

ObjID: obj:1503018

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Karl Friedrich Schinkel (1781 - 1841),
Zeichner*in
Datierung
Herstellung: 1804
Abmessungen
Blattmaß: 48,9 x 32,2 cm

Objektbeschreibung

Auf seiner ersten italienischen Reise 1803 bis 1805 bestieg Schinkel in der Nacht und am frühen Morgen des 17. Mai 1804 in einer von Bergführern begleiteten Gruppe den Ätna: »Die Sonne stieg empor als wir die wenigen Trümmer des so genannten »Thurms des Empedocles« erreichten, der Ort an dem man gewöhnlich dies Schauspiel erwartet. – Ich trachte nicht die Empfindungen darzustellen die das Gemüth an diesem Platz ergreifen indem ich unnütz sprechen würde, nur dies Wort: ich glaubte die ganze Erde unter mir mit einem Blick zu fassen, die Entfernungen erschienen so gering, die Breite des Meers bis zu den Küsten Afrikas, die Ausdehnung des südlichen Calabriens, die Insel selbst, alles lag so überschaulich unter mir, daß ich mich selbst fast ausser dem Verhältniß größer glaubte.« (zit. nach Koch 2006, S. 116)
Aus diesen mitreißenden Zeilen spricht der in Proportions-, Perspektiv- und Raumlehre geschulte Architekt und Zeichner genauso wie der 23-jährige Mensch und Künstler, der vor den Geschichtslandschaften Italiens sein Potential entdeckt. Unter den Zeichnungen, die Schinkel während und in Erinnerung an den Aufstieg anfertigte, fällt eine Gruppe von fünf Blättern besonders auf (Koch 2006, Nr. 265-269; SM 6b.30 - SM 6.b34). Darin entwickelte er aus einer ersten Skizze sukzessive ein Bild, das die konkrete Erfahrung symbolisch überhöht und in ein autobiographisches Zeugnis außergewöhnlicher Kraft verwandelt. Die finale Komposition zeigt in einer langen Kette acht Teilnehmer der Expedition samt Hunden und Maultieren vom Rande des vereisten »Turms des Empedokles« bzw. »Torre del filosofo« genannten Plateaus bis zu den drei physiognomisch differenzierten Hauptgestalten im Vordergrund. Das sind der livländische Dichter und Landschaftszeichner Karl Gotthard Graß, der im Schutz eines Felsen sitzend zeichnet und damit das Geschehen auch förmlich authentifiziert, dann der Architektenfreund und Reisegefährte Johann Gottfried Steinmeyer und schließlich Schinkel selbst in dem Moment, in dem er den Gipfel erklimmt und sich dabei der Sonne zuwendet, die gerade hinter einem Wolkenband aufsteigt. Das Bild ist formal und typologisch vollständig konstruiert mit seinem Schöpfer in der senkrechten, der Quelle des Lichts in der waagerechten Mittelachse. Klassische Pathosformeln wie die expressiv bewegte Gestalt Steinmeyers, der hochfliegende Reisemantel Schinkels sowie die Weltlandschaft, ausgebreitet unter einem kosmischen Strahlenfächer, unterstreichen die Botschaft: Das Künstler-Ich ist angekommen, der Tanz auf dem Vulkan des Lebens kann beginnen, die Aussichten sind grandios.

Text: Heinrich Schulze Altcappenberg (nach dem Eintrag im Katalog Schinkel 2012)

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Christus in der Vorhölle

Christus in der Vorhölle

Der Abstieg zur Hölle, wo Christus nach dem Kreuzestod und vor der Auferstehung die Gerechten - angefangen von Adam und Eva bis hin zu Johannes dem Täufer - aus der Gewalt Satans befreite, wird im apokryphen Nikodemus-Evangelium erwähnt. Das Thema war im 15. Jahrhundert weit verbreitet. Mantegna könnte Anregungen von einem kleinen Bild seines Schwiegervaters Jacopo Bellini (Padua, Museo Civico) und von einem Bronzerelief Donatellos erhalten haben (Florenz, San Lorenzo). Unter den Zeichnungen des Kabinetts befindet sich noch eine exakte Wiederholung der Christusfigur, die auf einer um 1490/92 entstanden Gemäldeversion Mantegnas erscheint (KdZ 622; Kat. [Andrea Mantegna, London / New York 1992], Nr. 71, Farbabb.).Die Auseinandersetzung mit der Mantegna-Graphik ist von ständig wechselnden Zu- und Abschreibungen geprägt und in vielen Punkten noch klärungsbedürftig. Erst kürzlich wurden aus Anlaß der Londoner Ausstellung wieder zwei völlig divergierende Meinungen vertreten. Während Suzanne Boorsch vermutet, das gesamte Œuvre sei nur unter der Aufsicht des Meisters entstanden (ebd., S. 56ff.), verzeichnet der von David Landau erstellte Katalog sieben eigenhändige Werke und vier Attributionen. Unter den letzten wird auch der »Abstieg in die Hölle« aufgeführt. Die Argumente für eine Zuschreibung des Stichs an Mantegna überwiegen. So weicht die Komposition nur in wenigen, aber doch wichtigen Details von der Vorzeichnung in der École des Beaux-Arts zu Paris ab, einem unbestrittenen Autograph (ebd., Nr. 66, Farbabb.). Veränderungen und Zusätze wären einem rein reproduzierenden Graveur nicht erlaubt gewesen. Gewichtiger als dies ist aber der unvollendete Zustand der Platte, die nur in den zentralen Partien und auch hier ohne feine Tonnuancen durchgearbeitet ist, welche ein Stecher zum Schluß hinzufügen würde. Ein solches Nonfinito war wohl kaum für den Markt gedacht. Es ist Resultat des künstlerischen Experiments. Dieser Neugier mag ebenfalls verdankt werden, daß das Berliner Blatt in brauner Farbe abgezogen ist, welche die koloristischen Effekte der Federzeichnung imitiert (ein gleichartiger Abzug in London; Hind [Catalogue of Early Italian Engraving, London] 1910,S. 347, Nr. 5a).Text: Hein-Th. Schulze Altcappenberg in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 252-253, Kat. V.10 (mit weiterer Literatur)