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Tunikafragment mit Josefszyklus

Ident. Nr.: 9110

ObjID: obj:1586088

Details (Expert)

Datierung
verbale Datierung: radiocarbon datiert
Geografische Bezüge
Ägypten,
Land/Region
Abmessungen
Höhe: 142 cm
Breite: 97 cm

Objektbeschreibung

In der ägyptischen Textilkunst ist die Josefsgeschichte bis auf wenige Ausnahmen auf Besätzen abgebildet, mit denen Tuniken verziert wurden. Diese Besätze sind aus farbiger Wolle auf einer Leinenkette gewirkt und als Sets mit aufeinander abgestimmten Bildmotiven hergestellt worden. Inzwischen sind an die hundert solcher runden (orbiculi) und rechteckigen (tabulae oder manicae) Applikationen oder Längsstreifen (clavi) bekannt geworden. Das zugehörige Grundgewebe des Kleidungsstückes, auf dem sie einst aufgenäht waren, ist meist nicht erhalten. Umso bedeutsamer sind größere Fragmente wie das Vorder- bzw. Rückenteil dieser Tunika in Berlin, die anschaulich vermitteln, wie der Dekor ursprünglich angeordnet war.
Die Clavi und Orbiculi zeigen Szenen aus der Josefsgeschichte. Bei den beiden Orbiculi sind die wollenen Schussfäden größtenteils ausgefallen. Trotzdem ist zu erkennen, dass der große Traumzyklus dargestellt war. Jeweils neun Episoden aus der Geschichte werden beim linken Orbiculus gegen den Uhrzeigersinn, auf dem Pendant auf der rechten Seite spiegelbildlich im Uhrzeigersinn erzählt. Die beiden Lesefolgen werden durch umkehrbare Musterschablonen ermöglicht. Im Zentrum beider Besätze ist – eingefasst von einem hellen Band mit Blüten und Knospen – der schlafende Josef wiedergegeben, der von Sonne, Mond und Sternen (Gen 37, 9-11) und den Korngarben (Gen 37, 5-8) träumt.
In der umlaufenden breiten Bildzone ist über den zentralen Medaillons der thronende Jakob zu sehen, der Josef zu seinen Brüdern schickt (Gen 37, 13-14). Es folgen der Fremde, der Josef den Weg nach Dothan weist (Gen 37, 15-17), der Brunnenwurf (Gen 37, 23-24), die Schlachtung des Ziegenbocks (Gen 37, 31) – hier nur angedeutet durch die bloße Wiedergabe des Tieres –, Josef und einer seiner Brüder mit dem blutgetränkten Gewand zwischen sich, der Verkauf Josefs an den Ismaeliter (Gen 37, 28), der trauernde Ruben (Gen 37, 29-30), die Reise nach Ägypten (Gen 37, 28) und der Weiterverkauf Josefs an Potiphar, den Beamten des ägyptischen Pharao (Gen 37, 36 und 39, 1). Die beiden Orbiculi sind außen von einer dreistreifigen Randborte eingefasst mit verzahnten Winkelmotiven in den schmalen äußeren Bahnen und einer Ranke aus Flügelpalmetten in der mittleren Bahn.
Die Clavi sind etwas besser erhalten, die meisten Darstellungen daher gut zu erkennen. Die Randborte entspricht der der Orbiculi. Die Szenenabfolge ist auf beiden Clavi gleich. Gezeigt wird eine Auswahl der Szenen aus dem großen Zyklus. Die Geschichte beginnt mit dem träumenden Josef in den runden Anhängseln der Clavi (sigilla). Er ist dort um 90° verdreht wiedergegeben, so dass er sich dem Betrachter in aufrechter Haltung darbietet. Der Zyklus wird von unten aufsteigend in den Clavi fortgesetzt: unten ist zunächst der thronende Jakob aus der Aussendungsszene zu sehen. Unklar ist, wen die kleine schwebende Gestalt vor ihm darstellt. Es könnte sich um eine verkümmerte Darstellung des Fremden handeln, dem Josef auf dem Feld begegnet, oder aber um Benjamin, Josefs kleinen Bruder, der jedoch im großen Zyklus auf den Orbiculi nicht vorkommt. Die Reihenfolge der Erzählung ist bei den folgenden Szenen etwas durcheinander gebracht: die stark beschädigte nächste Szene stellt Josef und seinen Bruder mit dem blutgetränkten Gewand dar, darüber folgt der Brunnenwurf. Nun schließt sich die Reise nach Ägypten an, und danach erst erfolgt der Verkauf an den Ismaeliter. Mit dieser Szene ist die Schulterhöhe der Tunika erreicht. Ab hier verlaufen die Darstellungen in entgegengesetzter Richtung weiter, so dass sie auf Vorder- und Rückseite der Tunika richtig ausgerichtet zu sehen waren. Auf dem rechten Clavus ist noch die Szene mit dem Verkauf Josefs an Potiphar in Resten erhalten.

Letzte Aktualisierung: 29.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

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Über einem knappen Schulterausschnitt erhebt sich der leicht nacht rechts gewendete Kopf des ca. 55-jährigen Barons Otto Hermann von Vietinghoff-Scheel. Er trägt unter dem Rock eine Weste mit einem darüber diagonal verlaufenden Ordensband, weiter ein über die Brust reichendes Halstuch, das so genannte Jabot, mit dem der vordere Ausschnitt der Weste verdeckt wird. Sein Haar ist nach der im 18. Jahrhundert in Mode gekommenen Zopftracht mit Seitenlocken frisiert, die dem wohlgenährten Gesicht eine natürliche Würde verleiht.Der 1722 in Riga geborene Baron von Vietinghoff gehörte dem deutschbaltischen Uradel an und zählte zu den bedeutendsten Persönlichkeiten Livlands. Neben seinen Aufgaben als livländischer Gouvernementsregierungsrat in Riga, später Geheimrat und Senator, sowie am Hof von St. Petersburg, wo er im Dienste Katharina der Großen stand, machte er sich vor allem durch sein kulturelles, der Aufklärung verpflichtetes Engagement einen Namen. Sein immenser Reichtum erlaubte es ihm, die Kirche in Marienburg errichten zu lassen und ein großes Haus zu führen, im dem er die "Gesellschaft der Muße" gründete und ein Liebhaber-Theater einrichtete, deren Direktor er lange Zeit war. Darüber hinaus unterhielt er ein Orchester mit hervorragenden Musikern. Seine breitgefächerte Bildung und Kunstkenntnisse wie auch seinen ausgeprägten, in verschiedenen zeitgenössischen Quellen gerühmten Geschmack erwarb er durch zahlreiche ausgedehnte Reisen durch Frankreich und Italien. Unter seinem Einfluß erlebte seine Heimatstadt Riga einen kulturellen Aufschwung.Auf einer seiner zahlreichen Reisen in die französische Hauptstadt suchte der Baron - vermutlich 1777 - auch die Werkstatt von Jean-Antoine Houdon auf, um sich von dem erst 36-Jährigen, aber schon im Zenit seines Ruhmes stehenden Billdhauer porträtieren zu lassen. Houdon, der sculpteur der französischen Aufklärung, hatte sich vor allem durch seine Büsten der philosophes, der Pariser Intellektuellen wie u. A. Denis Diderot (1771) hervorgetan.Die zunächst in Gips ausgeführte Büste des Baron von Vietinghoff wurde im Pariser Salon von 1777 - wohl nur kurze Zeit nach ihrer Entstehung - mit 25 weiteren Werken Houdons ausgestellt, wie das livret unter der Nr. 238 vermerkt: "Portrait de M. le Baron de Vietinghoff (buste platre)". Diese frühe Fassung, von der noch weitere, nicht datierte Gipsrepliken existieren, dürfte als Modell für das hier gezeigte Marmorporträt von 1791 gedient haben, den es zeigt zweifellos den Mittfünfziger und nicht den 69-Jährigen, am Ende seines Lebens stehenden Baron. Houdon erfaßte in diesem Porträt nicht nur den selbstbewußten Staatsmann, dessen energisches Durchsetzungsvermögen uns in der Profilansicht besonders hervortritt, sondern auch den aufmerksamen lebensbejahenden Menschen, charkterisiert durch die leicht geöffneten Lippen und vor allem seinen offenen Blick, der einen Eindruck von jener Aktivität vermitttelt, mit der er durch sein wohltätiges Handeln einen kulturellen Wandel in seiner Heimatstadt herbeiführte. Houdon hat mit dieser Büste den Ruhm und die Verdienste des Barons auf eindrucksvolle Weise der Nachwelt überliefert.Hans-Ulrich Kessler