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Schlafender Knabe (Das tote Kind)

Ident. Nr.: SZ Kollwitz 1

ObjID: obj:1586487

Details (Expert)

Datierung
Herstellung: 1903
Systematik/Art
Geografische Bezüge
Entstehungsort: Berlin,
Stadt
Provenienz
Käthe Kollwitz (1867-1945),
bis 1904
Nationalgalerie, Sammlung der Zeichnungen,
bis 1992
Abmessungen
Blattmaß: 37,8 x 53,6 cm
Erwerbung
1904 Ankauf von der Künstlerin für die Nationalgalerie (Sammlung der Zeichnungen), 1992 überwiesen an das Kupferstichkabinett

Objektbeschreibung

"Schlafender Knabe" gehört zu den ersten Kollwitz-Erwerbungen Hugo von Tschudis für die Handzeichnungssammlung der Nationalgalerie. Als Modell benutzte die Künstlerin Ihren 1896 geborenen jüngsten Sohn, Peter, der im Ersten Weltkrieg fiel. Diese wunderbar plastisch durchgeformte Arbeit hängt mit der nur in Zeichnungen überlieferten Komposition "Begräbnis" zusammen. Sie war für den "Bauernkrieg"-Zyklus geplant, wurde aber wie die Radierung "Mutter und toter Sohn" [#vgl. Ident. Nr. 190-1911] nicht darin aufgenommen.
Die Zeichnung bezieht sich auf die durchgearbeitete Fassung von 1905 (vielleicht auch
schon 1903) und ist hierzu eine Detailstudie. Auf beiden Blättern schaufelt eine Frau ihrem wie schlafend am Rande liegenden toten Sohn das Grab. Im Zyklus wurde die Darstellung durch "Schlachtfeld" [# vgl. Ident. Nrn. 544-1910, 499-1909] ersetzt. Trotz der Zweckgebundenheit erfährt das Motiv des schlafenden Knaben auf unserem Blatt eine bildhafte, monumentale Durchgestaltung, die bei den zwei anderen bekannten Studien [...] weniger stark ausgeprägt ist. 

(Text: Sigrid Achenbach, Käthe Kollwitz (1867-1945). Zeichnungen und seltene Druckgraphik im Berliner Kupferstichkabinett, Ausst.-Kat. Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1995, S. 68, Kat.-Nr. 66)


Noch dem Frühwerk nahe stehend, macht die Zeichnung auch in ihrer farbigen Fassung deutlich, daß die Künstlerin sich zunächst der Malerei widmen wollte, bevor die ganz aus dem Schwarz-Weiß entwickelte Graphik und das plastische Werk die Oberhand gewannen. Die Zeichnung des schlafenden Jungen leitet den Beginn ihrer Arbeit am zweiten graphischen Zyklus, der Radierfolge "Bauernkrieg" ein, an dem sie bis 1908 arbeitete. Nach der Folge "Ein Weberaufstand" 1895-98 suchte sie sich wieder in der Darstellung der Nöte des "niederen Volkes... ein Ventil zu öffnen, oder eine Möglichkeit, das Leben zu ertragen", wie sie 1941 rückblickend sagte (Käthe Kollwitz, Ein Leben in Selbstzeugnissen. Hrsg. Hans Kollwitz, Hannover 1968, S. 274). Das Modell zu dem schlafenden Jungen war der geborene zweite Sohn Peter, der achtzehnjährig im Oktober 1914 gefallen ist. Im Ringen um die Gestaltung des Bauernkriegstoffes erwuchsen hier bereits aus tiefer Einfühlung in historische Geschehnisse, die sie bildlich dann an allgemein menschlichen Leidenssituationen festmacht, Visionen eigener künftiger Leiden. Mit zwei Bildfindungen ist die Darstellung des Schlafenden verbunden. Einmal in der Gestalt des toten Kindes mit der Komposition "Begräbnis" (Kohle, dat. 1905, [...] ev. bereits 1903 begonnen). Dieses Blatt, auf dem die Mutter sich anschickt, ihr totes Kind zu begraben, wurde nicht in den Zyklus aufgenommen, sondern durch das Blatt "Schlachtfeld" (1907), auf dem die Mutter das Kind unter den Gefallenen nachts mit einer Lampe sucht, ersetzt. Zwei vorbereitende Studien zu unserer Zeichnung, die eine ebenfalls farbig angelegt, stehen in der steileren Kopfhaltung des Kindes einer Entwurfsskizze zur erwähnten Ko]mposition »Begräbnis« näher [...]. Zum anderen aber erscheint unsere Zeichnung des schlafenden Jungen wie der Funke zu einer Serie von über zwanzig Zeichnungen und drei Graphiken desselben Jahres, die das Thema Mutter mit totem Kind vielfach variiert [...]. Vom Wiegen des Kindes im Arm, seiner Umklammerung, bis zur Verschmelzung des angepreßten toten Leibes mit dem nackten Mutterleib in fast animalischer Gebärde, wird das Motiv zu einer monumentalen Ausformung getrieben, in der die späteren plastischen Arbeiten der "Zwillingsmutter" (1924–37, Köln, Käthe-Kollwitz-Museum) und der "Trauernden Mutter mit totem Sohn", jener Pieta, die aus dem Schmerz um den "Opfertod" des Sohnes Peter erwuchs, bereits vorempfunden zu sein scheinen. (1937, Köln, Käthe-Kollwitz-Museum).

(Text: Marie Ursula Riemann-Reyher, in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 411 f., Kat.-Nr. VII.62 (mit weiterer Literatur)


2025 digitalisiert aus Mitteln des Förderprogramms zur Digitalisierung von Objekten des kulturellen Erbes des Landes Berlin.

Letzte Aktualisierung: 04.08.2026

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