Logo

Nocturne. Erste Venedig-Folge Blatt 4 (von 12)

Ident. Nr.: 461-1882

ObjID: obj:1616632

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: James Abbott McNeill Whistler (1834 - 1903),
Stecher*in
Datierung
Herstellung: 1879/1880
Material / Technik
Radierung und Kaltnadel
Abmessungen
Blattmaß: 22,5 x 31,5 cm
Plattenrand: 20,2 x 29,4 cm
Erwerbung
Nr. 179 bis 480 angekauft von A. W. Thibaudeau in London für den Gesamtpreis von 685.7.3 britische Pfund

Objektbeschreibung

Von September 1879 bis November 1880 hielt sich der Künstler in Venedig auf, um dort für die Londoner Fine Art Society eine umfangreiche Radierserie über die Lagunenstadt auszuführen. Die Idee hierzu geht auf Whistler zurück, der schon mehrere Jahre vor dem Auftrag einen entsprechenden Zyklus plante, durch wachsende wirtschaftliche Schwierigkeiten jedoch an dessen Realisierung gehindert worden war. Während seines Aufenthaltes in Venedig sind neben Gemälden und Pastellen 50 Radierplatten entstanden. In diesen entwickelte Whistler einen neuen, hieroglyphenartig verkürzten impressionistischen Radierstil, der später im deutschen wie auch im angloamerikanischen Sprachraum einen enormen Einfluß ausgeübt hat. Der größte Teil der Platten wurde 1880 und 1886 in zwei Mappen publiziert und als sog. »Erste« und »Zweite Venedig-Folge« bekannt.
»Nocturne«, mit einem Blick über das Marcus-Becken auf die im diffusen Dämmerlicht verschwimmenden Kirchen S. Giorgio Maggiore (rechts) und Sta. Maria della Salute (links) von A. Palladio bzw. B. Longhena, stammt aus der ersten Mappe. Herausgegeben von der Fine Art Society, erschien sie unter dem Titel »Venice. Whistler, Twelve Etchings«. Whistler radierte seine Motive ohne Vorzeichnung direkt in die Platte. Deshalb gibt der Druck die Ansicht seitenverkehrt wieder. Wahr-scheinlich gehört unser Exemplar zu den wenigen noch in Venedig vom Künstler selbst abgezogenen Probedrucken. Die Serie umfaßt einige Nachtstücke, die er in Anlehnung an die Musik, um entsprechende Klangassoziationen im Betrachter hervorzurufen, »Nocturnes« nannte. Da der Künstler, angeregt vom Beispiel Rembrandts und von der besonderen Atmosphäre der Stadt, mit dieser Gattung am meisten experimentierte, gehören sie zu den interessantesten Arbeiten der Folge. Durch geschicktes Manipulieren der Platten während des Druckvorgangs erzeugte Whistler hier höchst malerische, von Abzug zu Abzug wechselnde Lichteffekte. Mit der Steigerung des Hell-Dunkels bei fortschreitender Arbeit erreichte er zugleich eine Entmaterialisierung und poetische Verzauberung des Gegenständlichen.

Text: Sigrid Achenbach in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 404, Kat. VII.55 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 15.12.2025

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Christus in der Vorhölle

Christus in der Vorhölle

Der Abstieg zur Hölle, wo Christus nach dem Kreuzestod und vor der Auferstehung die Gerechten - angefangen von Adam und Eva bis hin zu Johannes dem Täufer - aus der Gewalt Satans befreite, wird im apokryphen Nikodemus-Evangelium erwähnt. Das Thema war im 15. Jahrhundert weit verbreitet. Mantegna könnte Anregungen von einem kleinen Bild seines Schwiegervaters Jacopo Bellini (Padua, Museo Civico) und von einem Bronzerelief Donatellos erhalten haben (Florenz, San Lorenzo). Unter den Zeichnungen des Kabinetts befindet sich noch eine exakte Wiederholung der Christusfigur, die auf einer um 1490/92 entstanden Gemäldeversion Mantegnas erscheint (KdZ 622; Kat. [Andrea Mantegna, London / New York 1992], Nr. 71, Farbabb.).Die Auseinandersetzung mit der Mantegna-Graphik ist von ständig wechselnden Zu- und Abschreibungen geprägt und in vielen Punkten noch klärungsbedürftig. Erst kürzlich wurden aus Anlaß der Londoner Ausstellung wieder zwei völlig divergierende Meinungen vertreten. Während Suzanne Boorsch vermutet, das gesamte Œuvre sei nur unter der Aufsicht des Meisters entstanden (ebd., S. 56ff.), verzeichnet der von David Landau erstellte Katalog sieben eigenhändige Werke und vier Attributionen. Unter den letzten wird auch der »Abstieg in die Hölle« aufgeführt. Die Argumente für eine Zuschreibung des Stichs an Mantegna überwiegen. So weicht die Komposition nur in wenigen, aber doch wichtigen Details von der Vorzeichnung in der École des Beaux-Arts zu Paris ab, einem unbestrittenen Autograph (ebd., Nr. 66, Farbabb.). Veränderungen und Zusätze wären einem rein reproduzierenden Graveur nicht erlaubt gewesen. Gewichtiger als dies ist aber der unvollendete Zustand der Platte, die nur in den zentralen Partien und auch hier ohne feine Tonnuancen durchgearbeitet ist, welche ein Stecher zum Schluß hinzufügen würde. Ein solches Nonfinito war wohl kaum für den Markt gedacht. Es ist Resultat des künstlerischen Experiments. Dieser Neugier mag ebenfalls verdankt werden, daß das Berliner Blatt in brauner Farbe abgezogen ist, welche die koloristischen Effekte der Federzeichnung imitiert (ein gleichartiger Abzug in London; Hind [Catalogue of Early Italian Engraving, London] 1910,S. 347, Nr. 5a).Text: Hein-Th. Schulze Altcappenberg in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 252-253, Kat. V.10 (mit weiterer Literatur)