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Bogenschütze

Ident. Nr.: 137-1960

ObjID: obj:1620091

Details (Expert)

Beteiligte
Ausführung: Wassily Kandinsky (1866 - 1944),
Holzschneider*in
Datierung
Herstellung: 1908/09
Material / Technik
Farbholzschnitt, 2. Zustand (?)
Abmessungen
Plattenrand: 16,5 x 15,4 cm
Blattmaß: 23,4 x 20,0 cm
Erwerbung
1960 Ankauf vom Kunsthaus Math. Lempertz, Köln

Objektbeschreibung

Wassily Kandinsky, der 1896 von Rußland nach München übersiedelt, ist einer der Mitbegründer der Künstlergruppe »Blauer Reiter«, der Franz Marc, August Macke und Alexeij von Jawlensky angehören, die neben der expressionistischen »Brücke« in Dresden die wichtigsten Positionen innerhalb der deutschen Moderne vertreten. Die von allen Mitgliedern mehr oder weniger erarbeiteten synästhetisch-abstrakten Formvorstellungen, werden besonders von Marc und Kandinsky auch theoretisch vorangetrieben. Kandinskys Arbeiten der Jahre 1909 und 1910 weisen bereits eine verstärkte Suche nach ungegenständlichen Formzusammenhängen auf. Ende 1911 erscheint seine grundlegende Schrift »Über das Geistige in der Kunst«. Kandinsky sieht sich später als »...der erste Maler, der die Malerei auf den Boden der rein-malerischen Ausdrucksmittel stellte und das Gegenständliche aus dem Bilde strich.«
Der Farbholzschnitt »Bogenschütze«, der das in dem Gemälde »Bild mit Schützen« von 1909-15 (Sammlung Mrs. Luise Schmidt, New York) verwendete Motiv aufgreift, zählt zu den ersten Werken, die sich fast völlig vom Gegenstand lösen. Die aus dem Münchner Jugendstil kommende, zunächst illustrativ-folkloristische Gestaltungsweise wandelt sich unter dem Eindruck der Begegnung mit der französischen Moderne und dem »Primitivismus« bayrischer und russischer Volkskunst zu einem expressiven Formwillen. Der Farbholzschnitt »Bogenschütze« ist im Werk Kandinskys von eminent programmatischer Bedeutung, was durch die sechzig 1912 der Museums- und Luxusausgabe des gemeinsam mit Marc geplanten Almanachs »Der Blaue Reiter« beigefügten Exemplare unterstrichen wird. (1938 veröffentlicht Kandinsky den Holzschnitt erneut in seinem Aufsatz: »Mes gravures surbois«, in: XXe Siede l, No. 3, Paris 1938, S.31). Die Bleistiftvorzeichnung und das Aquarell (beide in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München) für den Holzschnitt und mehrere Tuschpinselzeichnungen, die einzelne Motive erkunden, führen auf den Weg zur vereinfachten, flächigen Form. Die tiefschwarz umrandeten, farbig ausgelegten Flächen des mit Fettfarben in Schwarz, Rot, Blau, Gelb gedruckten Holzschnitts des hier gezeigten zweiten Zustandes sind durch die Konsistenz der Druckfarbe geschlossener als der noch mit lichten Aquarellfarben gedruckte erste Zustand. Der Farbeindruck folgt in manchen Drucken nicht genau den durch die schwarzen Linien umrandeten Flächen, sondern überdruckt an verschiedenen Stellen die Grundform. Dadurch wird beispielsweise die formal bereits zurückgenommene Rolle des Reiters noch weiter reduziert. Diese nahezu vollständige Aufgabe der verbliebenen ge¬
genständlichen Motive, der reitende Bogenschütze rechts unten und die russische Doppelturmkirche links, verändert auch die Wahrnehmung der gesamten Bildbühne von einem gedachten Landschaftsraum mit stilisierten Bäumen, Bergen, Wolken und Wiesen zu einem ungegenständlichen Formenspiel. Den endgültigen Übergang vom Figurativen zum Abstrakten hat Kandinsky für den Holzschnitt 1913 in seinem Buch »Klänge« (ebenfalls
im Kabinett) vollzogen.

Text: Eugen Blume in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 454, Kat. VIII.18 (mit weiterer Literatur)

Letzte Aktualisierung: 30.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Kupferstichkabinett

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