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Christusfigur von einem Kruzifix

Ident. Nr.: 2/57

ObjID: obj:1620285

Details (Expert)

Datierung
Datierung: Anfang 14. Jahrhundert
Datierung engl.: early 14th century
Abweichende Datierung: Anfang 14. Jh.
Weitere Titel
Sammlungstitel: Christusfigur von einem Kruzifix
Übersetzung: Crucifix
Kruzifix
Material / Technik
Pappel- und Rotbuchenholz
Abmessungen
Höhe x Breite x Tiefe: 59,5 x 53 x 10 cm
Erwerbung
1957 George Salmann, Paris (Kauf)

Objektbeschreibung

Christus hängt mit leicht nach links gesenktem Haupt an einem nicht mehr vorhandenen Kreuz. Der schlanke Corpus mit einem nur knapp ausgearbeiteten Brustkorb wirkt stark überlängt; die Arme sind leicht angewinkelt, Hände und Finger kaum eingeknickt. Feiner geschnitzt ist der Kopf. Langes, gewelltes Haar, bei dem auf eine differenzierte Binnenzeichnung verzichtet wurde, und ein modischer halblanger Bart rahmen ein Gesicht voll schmerzhafter Trauer. Zusammengezogene Brauen, zwei Stirnrunzeln und nur halb geöffnete Augen genügen, um die seelische Verfassung knapp anzudeuten. Die Dornenkrone hat die Form eines gedrehten Taus und besaß ursprünglich angesetzte Dornen. Die nach vorn angewinkelten Beine scheinen verkürzt, ihre Schienbeine sind scharfgratig. Die Füße liegen übereinander, vertikal in der Achse der Beine und waren mit einem verlorenen Nagel am Kreuz befestigt.
Nur wenige hölzerne Bildwerke dieser Größe sind so eindeutig auf Untersicht gearbeitet. Dabei ist mit der unnatürlichen Überlängung des Bereichs zwischen Brustkorb und Hüfte, mit der verkürzten Darstellung der Beine, der Größe des Lendentuchs und dem gesenkten Haupt ein Betrachter einberechnet, der sich deutlich – vielleicht 1–2 m – unterhalb der Füße befindet und dem Gekreuzigten ins schön geschnittene Gesicht sehen kann. Von hier aus gleichen sich die Verzerrungen aus. Die flache Rückseite und besonders der nicht ausgearbeitete Nacken bestätigen dies. Es dürfte sich folglich kaum um ein Altar- oder ein Prozessionskreuz gehandelt haben, die aus großer Nähe und ohne Rückwand zu sehen gewesen wären.
Es gibt einige Beispiele aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts für eine solch extreme Unteransicht von szenischer Passionsdarstellungen, die es dem Betrachter ermöglichen sollte, direkt in das Antlitz Christi zu schauen (so Inv. 3140).
In den letzten Jahrzehnten ist die Echtheit des bislang wenig beachteten Werks in Zweifel gezogen worden. Stilistische Ungereimtheiten und die reduzierte Gestaltung der Oberfläche mögen diese Skepsis veranlasst haben. Die Fassungsbefunde zeigen aber, dass es sich durchaus um ein gekonntes mittelalterliches Werk handelt, aufschlussreich für die Arbeitsweise eines Bildschnitzers im 14. Jahrhundert.
Die Kleinteiligkeit der Falten und die Expressivität des Antlitzes des Kruzifix zeigen, dass das Berliner Werk wohl kaum im Limousin entstanden sein wird. Vielmehr lässt dessen Eleganz und Sparsamkeit der Binnenstruktur – wie auch die Größe – eher an Werke der Elfenbeinkunst denken. Die Gestaltung der Dornenkrone als gedrehtes Tau, die Länge, Knotung und das tiefe Herabhängen des Lendentuchs und die nur leichte Einknickung der Arme sind geläufige Motive Pariser Elfenbeinreliefs der Zeit um 1300.

(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

Letzte Aktualisierung: 30.07.2026

Kontakt

Einrichtung:

Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

Weitere Objekte aus den Sammlungen

Heiliger König

Heiliger König

Bei der lebensgroßen Standfigur handelt sich um den zweiten König der Anbetung nach dem sogenannten französischen Schauspieltyp. Bei diesem kniet der ältere, hier nicht erhaltene König vor Maria, hat den Hut bzw. die Krone neben sich abgelegt und bietet dem Kind sein Geschenk dar, während sich der zweite im mittleren Alter zu dem außen stehenden jungen zurückwendet und erläuternd auf den Stern weist, der den Ort der Geburt Christi bezeichnet. Dabei befinden sich alle drei Könige auf einer Seite, in der Regel links von Maria. Diese szenische Darstellungsweise hatte sich spätestens im 13. Jahrhunderts möglicherweise als Reflex auf den dramaturgischen Ablauf des Dreikönigsspiels entwickelt, wie er sich in Frankreich seit dem 11. Jahrhundert nachweisen lässt. Für die monumentalen Gruppen des 14. Jahrhunderts scheint sie kanonisch gewesen zu sein.In dem von kräftig gelocktem, fast wildem Bart- und Haupthaar gerahmten Gesicht zeigt sich eine innere Aufgewühltheit, die Brauen treten deutlich hervor, die Lippen sind zur Rede geöffnet, die er an den dritten König wendet. Er spricht die Worte „Hoc signum magni regis“ („Dies ist das Zeichen des großen Königs“), wie es für die mittelalterlichen Spiele überliefert ist. Sind die bisher beschriebenen Gesten und die Mimik auf das Erkennen des Sterns von Bethlehem ausgerichtet, darf die Art, wie die rechte Hand nicht direkt, sondern ehrerbietig unter dem Mantel das Gefäß hält, als Vorbereitung auf die Darbietung des Weihrauchs angesehen werden. Im nächsten Moment wird sich der zweite König vom Stern weg zum Kind im Schoß der Muttergottes wenden, um niederzuknien und ihm das Geschenk zu überreichen.Wahrscheinlich stand die Figur als Teil einer mehrfigurigen Anbetung der Könige an bzw. über den Pfeilern im Langhaus oder im Chor bzw. in einer Kapelle, wo im Abstand von jeweils einem Joch bzw. einer Fensterachse Skulpturen vor die Gewölbedienste gestellt werden konnten. Beide Varianten können für die Oberzeller Klosterkirche nicht ausgeschlossen werden. Dort ist ein Dreikönigszyklus mit Marienfigur im Chor durchaus vorstellbar, der Hochaltar war Maria und Michael geweiht, die Muttergottes Schutzpatronin des Prämonstratenserordens. Historische Gründe lassen die vage Vermutung zu, dass um die Mitte des 14. Jahrhunderts, also in der Zeit, als die Dreikönigsgruppe entstand, der Chor erweitert wurde. Zieht man nun die mit großer Wahrscheinlichkeit zugehörige Maria im Mainfränkischen Museum Würzburg hinzu, so verdichten sich die Argumente für eine Aufstellung im Chor. Die Figur stimmt in den Maßen (H. 177,5 cm), Bewegungen und stilistisch sehr genau mit den Königen überein. Sie wurde 1904 bei der Wiedererrichtung der gefunden. Ihre majestätische Würde markiert ein kultisches Zentrum der Gruppe, auf das sich die emotionalisierte Reaktion der Könige als narratives Element bezieht und es ist gut vorstellbar, dass die Marienfigur in Nähe des Hochaltars an der östlichen Chorwand gestanden hat, die Könige an der Nordwand.(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

Heiliger Martin

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Die stark beschädigte Szene der Mantelspende des heiligen Martin befindet sich auf einem tellerförmigen, liegenden Vierpass mit Spitzen eines Quadrats. Dessen Rand ist mit kräftigem, außen und innen gekehlten Rahmen versehen, über den die Akteure mehrfach hinausragen bzw. -greifen. Durch diese Überschneidungen werden die bemerkenswerte Dynamik und der Eindruck des Momenthaften der Darstellung verstärkt, die eine nicht ganz gewöhnliche Ikonografie aufweist.Der jugendliche, bartlose Heilige reitet – so viel ist noch zu erkennen – schwungvoll nach links vorn, wobei bei der Wiedergabe des aus dem Reliefgrund hervorkommenden Pferdes auf Dreidimensionalität bzw. Perspektive geachtet wurde. Das Tier mit reich verziertem Brustblattgeschirr wendet den Kopf gegen die Laufrichtung und verweist damit auf die zentrale Handlung. Es scheint gemeinsam mit dem Reiter in der Vorwärtsbewegung jäh innezuhalten oder bereits im Aufbruch zu sein. Martin lehnt sein Haupt weit zurück und gibt somit Raum für die Übergabe seines halben Mantels an einen nach zeitgenössischer Konvention als fußamputierter Krüppel mit Trippen wiedergegebenen Bettler. Das Besondere an dieser Szene ist, dass die ansonsten meist dargestellte oder zumindest synchron zur Überreichung gezeigte Teilung des Mantels bereits erfolgt ist. Das lange und wie eine diagonale Zäsur ins Bild gesetzte Schwert steckt bereits wieder in der Scheide. Auch deshalb wirkt die Übergabe flüchtig und wie im Vorüberreiten vollzogen, das sich in dem deutlichen Hinausragen des Pferdes über den Rahmen bereits ankündigt.Martin trägt wahrscheinlich keine Rüstung, sondern einen knappen Rock über eng anliegenden Beinlingen; da aber die Einzelheiten zu stark zerstört sind, muss dies offenbleiben. Das gilt auch für seine Physiognomie, die nicht mehr erkennbar ist; sichtbar sind noch sein prächtiges langes Lockenhaar, das glatte Kinn und der freie Hals. Sein Wams ist langärmlig, wie am ausgestreckten linken Arm gut zu sehen ist. Der Bettler ergreift die ihm hingehaltene Mantelhälfte mit beiden Händen. Er trägt einen kurzen Rock, der nur die Oberarme bedeckt. Sein leicht verdrehtes Haupt scheint überwiegend kahl oder rasiert zu sein. Die Darstellung des Hässlichen und Deformierten in der Gestalt des Bettlers fungiert durchaus als Kontrastfolie zu dem ehemals sicher überaus schön und in strahlender, überirdischer Jugendlichkeit auftretenden Heiligen. Auch der Bettler wirkt durch Drehungen und perspektivische Verkürzungen sehr plastisch.(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen und im Alpenraum 1380 bis 1440. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2019)

Wandkonsole mit reichem Blattbesatz (Laubwerkkonsole)

Wandkonsole mit reichem Blattbesatz (Laubwerkkonsole)

Die Konsole hat eine kelchförmige Gestalt mit Blattornamenten und rechteckiger Deckplatte. Die Deckplatte zeigt ein halbiertes Sechseck und ist wohl dadurch zu erklären, dass sie im schrägen Gewände des Portals gestanden haben wird. Der vegetabile Schmuck besteht aus einer Reihe von Blättern, die dem Kelch aufgelegt sind und zur eckigen Form der Deckplatte vermitteln. Dadurch wird die tektonische Strenge überspielt, ohne gegen die Konventionen des Aufbaus einer gotischen Konsole zu verstoßen.Die Kirche des in den 1030er-Jahren am linken Aaufer gegründeten Damenstifts Liebfrauen war von Beginn an zugleich Pfarrkirche der Bürger der Münsteraner Vorstadt Überwasser. Diese Doppelfunktion, die sich auch in der Finanzierung und Nutzung des 1340 begonnenen Neubaus spiegelt, dürfte für die Konzeption des Westportals von Bedeutung gewesen sein. Mit der Errichtung des Turms wurde, wie man aus einem Bauvertrag weiß, 1363/64 begonnen. 1374 ließ Fürstbischof Florenz von Wevelinghoven (amt. 1364–78) mehrere Reliquien in der rechten Schulter des Marienbildes am Portal einschließen und man hat zu Recht angenommen, dass zu diesem Zeitpunkt das Portal mit seinem Figurenschmuck vollendet war, vielleicht auch schon bereits seit mehreren Jahren. Die Funktion der Konsolen ist die Vermittlung zwischen der streng geometrischen Architektursprache des kunstvollen Portalgebildes und der menschlichen Figur. Daher wurden auch die einzelnen Glieder (Halsring und Kelch) in fantasievolle pflanzliche Gebilde aufgelöst, deren wohl kalkulierter Verismus nicht auf effektvolle Überraschung abzielt, sondern der Wirkungs- und Bedeutungseinheit von Architektur und Skulptur dient.Die Konsolen des Westportals der Liebfrauenkirche passen gut in die Genese gotischer Laubwerkgestaltung, bei der um 1350 eine Tendenz zur stärkeren Bewegung und einem Verwischen der Grenzen zwischen Wand und Ornament festzustellen ist. Die Werkstatt hat, wie die geringere Qualität der späteren Konsolen in Münster zeigt, die Stadt wieder verlassen, möglicherweise, um in Utrecht zu arbeiten, wo sich am Dom um 1380 vergleichbare figürliche Darstellungen finden. Der Steinmetz hat sich eindeutig an der Bauornamentik des Kölner Doms orientiert, wie eine Durchsicht der dortigen Kapitelle im Chor und Langhaus zeigt. (Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen. 1050 bis 1380. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2014)

Maria aus Kreuzigung Christi

Maria aus Kreuzigung Christi

Die von allen Seiten gut ausgearbeitete, gedrungen wirkende trauernde Muttergottes besitzt eine ausgesprochen geschlossene Kontur. Haltung, Gestik und Mimik sind klar artikuliert und auch aus größerer Entfernung gut zu erkennen. Maria steht auf schlichter polygonaler Plinthe und wendet sich aus fast frontalem Stand allmählich nach rechts, ihrem ehemals dort platzierten gekreuzigten Sohn zu. Die Drehung ist erst in Hüfthöhe spürbar, wird dann aber durch die schräge Haltung des Oberkörpers, die zurückgenommene linke Schulter und das im Halbprofil nach rechts gewendete Gesicht sehr deutlich. Die angewinkelten Arme liegen eng am Oberkörper, die mit geringem Abstand vor der Brust gehaltenen Hände sind verschränkt – eine gleichfalls klar konturierte Trauergeste, die weder durch abgespreizte oder verkrampfte Finger noch durch knochige Gelenke zusätzlich dramatisiert wird.Das Gesicht mit leicht gesenktem Blick wird umrahmt von einem weißen Schleier mit plissierter Borte; der zuvor ebenfalls über dem Haupt liegende, doch scheinbar soeben zurückgeschlagene Mantel ist noch im Nacken erkennbar. Dem Bildschnitzer war dieses flüchtige Motiv sehr wichtig, er verschob den Mantel unnatürlich weit nach oben, sodass er auch von einem sehr tiefen Betrachterstandpunkt aus noch wahrgenommen werden konnte. Es scheint, als hätte Maria eben noch das Haupt zu ihrem Sohn erhoben, nun aber gesenkt, um über die Bedeutung des Blutopfers nachzudenken.Die Figur ist durch Faltenführung und leichte Rücklehnung auf starke Untersicht angelegt und rückseitig vollständig ausgearbeitet. Eine Aufstellung auf einem Triumphbalken, als Teil einer Triumphkreuzgruppe, die auch vom Chor aus gesehen werden konnte, ist daher wahrscheinlicher als die in einem weniger hoch stehenden Kreuzaltar.(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen und im Alpenraum 1380 bis 1440. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2019)