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Kreuztragung Christi

Ident. Nr.: 8637

ObjID: obj:1623106

Details (Expert)

Beteiligte
Umkreis: Meister des Rimini-Retabels,
Bildhauer*in
Datierung
um 1440
Datierung engl.: ca. 1440
Abweichende Datierung: um 1440
Weitere Titel
Sammlungstitel: Kreuztragung Christi
Übersetzung: Christ Carrying the Cross
Kreuztragung Christi
Material / Technik
Alabaster
Abmessungen
Höhe x Breite x Tiefe: 17,2 x 26,9 x 2,7 cm
Gewicht: 1,5 kg

Objektbeschreibung

Seit 1943 besitzt die Skulpturensammlung ein Alabasterrelief der Kreuztragung, das zu den wichtigsten Passionsdarstellungen des Spätmittelalters zählt. Neuere Recherchen haben gezeigt, dass dieses Werk verfolgungsbedingt in den Besitz der Staatlichen Museen zu Berlin gekommen ist. Dementsprechend hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz das Relief den rechtmäßigen Eigentümern restituiert. Dank des großzügigen finanziellen Engagements der Ernst von Siemens Kunststiftung bleibt die Kreuztragung jedoch dem Bode-Museum erhalten. Warum sich dieser Einsatz gelohnt hat, soll im Folgenden gezeigt werden.

Das Relief, das nur 17,0 x 26,8 cm misst, war sicherlich für die private Andacht als Hilfsmittel bei Gebeten und Meditationen konzipiert. Im schmalen Bildfeld wird der Weg nach Golgatha dargestellt. Gebeugt unter der schweren Last des Kreuzes, bewegt sich Christus auf einem felsigen Boden nach rechts. Hinter ihm stehen Johannes, Maria und eine weitere Heilige. Simon von Kyrene wird von einem Soldaten an der Kapuze gegriffen und zur Hilfeleistung gezwungen, Christus von Soldaten und Schergen verspottet und gequält. Mehrere der Schergen sind ausdrücklich als Juden stereotypisiert, die höhnisch (Kind mit Judenhut in der rechten oberen Ecke, das eine Grimasse zieht) oder obszön (Mann mit Glatze, Hakennase und nacktem Hintern) agieren. Die spätmittelalterliche Gesellschaft war oft judenfeindlich, und dieses Gefühl kam in Erzählungen und Darstellungen der Passion zum Ausdruck. Der weitere Verlauf des Leidens Christi wird auf dem Berliner Relief in der Figur des Soldaten ganz rechts anschaulich gemacht, der in seiner rechten Hand den Hammer hält, mit dem Jesus anschließend an das Kreuz genagelt werden soll.

Spätmittelalterliche Andachtsliteratur wie die Meditationes Vitae Christi (ca. 1350) des Pseudo-Bonaventura forderten eine immer persönlichere Beziehung der Gläubigen zu Christus und Maria, und die Kreuztragung wurde als eine Mahnung verstanden, das eigene Leben in Einklang mit dem Opfer Christi zu führen. Die Inschrift auf dem Rahmen des Berliner Reliefs ist auch in diesem Zusammenhang zu verstehen: „o.mensch.sich.dise.figur.an.und.wasz got.durch.dich.hat.gedan.desz.solt im.dancken.sicherleich.so.geit er dir.sein.himmelreich“ („O Mensch, betrachte dieses Bild und sieh, was Gott für dich getan hat. Dafür sollst du ihm sicherlich dankbar sein, damit er dir sein Himmelreich schenkt“). Nur wenige Kunstwerke verbinden solche mahnenden Texte mit Bildern. Auch ist das Relief ein rührendes Zeugnis für den persönlichem Umgang mit Andachtsbildern im Mittelalter: Maria wurde in der Volksfrömmigkeit besonders dafür bewundert, dass sie das Leiden ihres Sohnes akzeptierte. Ihre Figur auf dem Berliner Relief, die kaum noch von Johannes aufrecht gehalten wird, ist von den vielen Küssen und streichelnden Berührungen der Gläubigen größtenteils abgerieben worden.

Das Berliner Relief dokumentiert eine wichtige Etappe in der Entwicklung der Kreuztragungsdarstellung. Die horizontale Komposition basiert offensichtlich auf der berühmten Kreuztragung aus Lorch am Rhein, ein Hauptwerk der Berliner Skulpturensammlung, um 1425 geschaffen, in der sich Christus zum Betrachter dreht, als würde er ihn direkt ansprechen. In beiden Fällen entfaltet sich die Handlung auf einer untiefen Bühne von links nach rechts, Christus steht im Vordergrund, und links wird Maria von einer anderen Figur unterstützt. Obwohl beide Kompositionen mittels Gehäuse oder Schriftband streng umrahmt sind, entsteht der Eindruck, als würden wir einen Moment aus einem größeren Zusammenhang wahrnehmen. Die bekannteste Formulierung einer Kreuztragung, in der Christus sich dem Betrachter zuwendet, ist freilich der große Stich von Martin Schongauer von ca. 1475, in dem einige Details unserem Relief nahe stehen.

Stilistisch gehört das Alabasterrelief in den Umkreis des Rimini-Meisters, eines Künstlers, der nach der großen Kreuzigungsgruppe aus Sta. Maria delle Grazie in Rimini (heute im Frankfurter Liebieghaus) benannt wurde. Ob er um 1430-1440 in den Niederlanden oder am Mittelrhein tätig war, ist umstritten. Der Dialekt der Inschrift auf dem Berliner Relief scheint allerdings eine Lokalisierung im Mittelrheingebiet zu unterstützen. Die Komposition wird in zwei Varianten wiederholt, mit nahezu gleichlautender Inschrift und identischen Dimensionen, die wohl aus derselben Werkstatt stammen. Eine befindet sich in der Heiliggeistkirche in Passau, die andere in The Cloisters in New York.

Die Bedeutung des Reliefs ist seit langem von Kunsthistorikern erkannt worden. Georg Swarzenski nahm in seiner Bahn brechenden Untersuchung zur deutschen Alabasterplastik von 1921 darauf Bezug. Theodor Demmler, damaliger Direktor der Skulpturensammlung, schrieb 1942 an dem damaligen Generaldirektor „Die unter Mitwirkung Swarzenskis zustande gekommene Sammlung [Fuld] enthält deutsche Alabasterplastiken von ausgezeichneter Qualität und einer kunstgeschichtlichen Bedeutung, die noch nicht voll erschlossen ist. Ein besonders schönes Relief ist für unsere Sammlung wegen der Zusammenhänge mit der Lorcher Kreuztragungsgruppe wissenschaftlich und künstlerisch gleich begehrenswert.“ 1954 schrieb Kurt Martin, Direktor der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe: „Es besteht kein Zweifel, dass es sich um ein Stück von besonderer Qualität und außerordentlicher Seltenheit, wenn nicht sogar um etwas in seiner Art Einmaliges handelt.“ Das Relief war 2000 ein wichtiges Exponat in der von Frank-Matthias Kammel kuratierten Nürnberger Ausstellung Spiegel der Seligkeit.

Das Kunstwerk lässt sich bis in die Sammlung Richard von Kaufmann, Berlin, verfolgen, auf deren Auktion es 1917 von Harry Fuld Sr. erworben wurde. Harry Fuld war ein jüdischer Frankfurter Unternehmer, der sich auf die Herstellung und Vermietung von Telefonen spezialisierte. Als Sohn eines Kunsthändlers sammelte er sowohl mittelalterliche als auch zeitgenössische Kunst. Das Hauptwerk in seinem Besitz war zweifellos die Hieronymus-Statuette aus Alabaster von Tilman Riemenschneider, die sich heute im Cleveland Museum of Art befindet. Nach dem Tod von Harry Fuld Sr. 1932 kam die Kreuztragung in den Besitz seines Sohnes, Harry Fuld Jr., der 1936 nach London auswanderte. Das Umzugsgut von Harry Fuld Jr., zu dem auch die Kreuztragung gehörte, wurde 1942 bei der Spedition Gustav Knauer in Berlin auf Veranlassung der Oberfinanzdirektion beschlagnahmt. Das Relief mit der Kreuztragung wurde im Januar 1943 auf einer Auktion bei Hans W. Lange, Berlin, für die Skulpturensammlung erworben. Harry Fuld Jr., der 1963 starb, hatte seinen Besitz Gisela Martin vererbt, die selbst 1992 starb. Ihr Besitz wurde von der Magen David Adom UK geerbt, die englische Förderorganisation der israelischen Hilfsgesellschaft Roter Davidstern. Die Provenienz des Werkes und seine Erwerbungsgeschichte ist erst vor wenigen Monaten in Kooperation mit den anwaltlichen Vertretern der Erben und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz geklärt worden. Es ist besonders erfreulich, dass eine faire Lösung gefunden werden konnte und die Kreuztragung nach wie vor im Bode-Museum bleibt.

JC

Letzte Aktualisierung: 30.04.2026

Kontakt

Einrichtung:

Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst

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